Jericho (, ) ist eine Stadt in den Palästinensischen Autonomiegebieten am Westufer des Jordans. Durch ihre Lage im Jordangraben ist sie die tiefstgelegene Stadt der Welt; die Stadtmitte liegt rund 250 Meter unter dem Meeresspiegel, etwa sieben Kilometer westlich der Grenze zu Jordanien und etwa zehn Kilometer nördlich des Toten Meers. Die Stadt trägt den Übernamen die Palmenstadt, die Einwohnerzahl betrug 2014 etwa 22.000.

Der Ort, dessen Name sich vom Mondgott Jarich ableitet, liegt an einer alten Handels- bzw. Karawanenstraße. Die Stadtverwaltung bezeichnet Jericho häufig als „älteste Stadt der Welt“, allerdings herrscht in der Wissenschaft Uneinigkeit darüber ab wann eine Siedlung als Stadt angesehen werden kann. Eine erste Besiedlung ist ab dem 10. Jahrtausend v. Chr. belegt, Stadtmauern etwa 2000 Jahre später.

Geschichte Neolithikum Erste Siedlungsspuren in der Nähe der heutigen Stadt gehen in das 10. Jahrtausend v. Chr. zurück. Während des Präkeramischen Neolithikums B (PPNB) sind auf dem Tell es-Sultan Ackerbau und Viehzucht nachweisbar. Eine Stadtmauer (bisher ungeklärten Zwecks) ist laut der Archäologin Kathleen Kenyon spätestens ab etwa 8300 v. Chr. belegt, zusätzlich der Turm von Jericho und vermutlich Verteidigungsanlagen. Nach Ansicht anderer Archäologen handelte es sich um einen Schutzwall gegen die winterlichen Regenfluten aus den Bergen.Jürgen Bischoff: Das älteste Dorf der Welt. In: GEO Heft 1/2008 S. 164. Zu diesem Zeitpunkt werden für die Siedlung etwa 3000 Bewohner geschätzt. Töpferei und Metallverarbeitung waren jedoch noch unbekannt. Nach einer Zeit ohne Besiedlung finden sich Ende des 7. Jahrtausends v. Chr. neuartige Besiedlungsbefunde, so in der Konstruktion der nun rechteckigen Häuser und eines neuen Totenkultes. Um etwa 5500 v. Chr. verließen die Bewohner erneut aus unbekannten Gründen die Siedlung am Tell es-Sultan. Ein Zerstörungshorizont ist nicht erkennbar.

In den nächsten 1000 Jahren wurde Jericho mehrmals aufgegeben und wieder besiedelt. Etwa im 5. Jahrtausend brachten neue Siedler das Töpferhandwerk in die Stadt. Die neuen Häuser hatten jetzt eine quadratische Form. In der Folgezeit kam es zu neuen Besiedlungen, die durch die veränderte Bauart der Häuser mit Ziegelsteinen und Steinfundamenten bezeugt sind. Um 4000 v. Chr. endete diese Besiedlungsphase. Jericho verfiel und blieb abermals mehrere Jahrhunderte eine verlassene Ruine.

Frühbronzezeit (3300–2000 v. Chr.) Nach einer längeren Siedlungspause ist aus Funden der Grabanlagen in den benachbarten Hügeln ein erneuter Aufbau in der Frühbronzezeit I (3300–3000 v. Chr.) erkennbar. Zwei verschiedene Arten von Keramikware lassen auf zwei unterschiedliche Siedlungsgruppen schließen. Zugewanderte Hirten und zuvor ansässige Bewohner legten den Grundstein der bronzezeitlichen Stadtkultur. Jericho erhielt während der Frühbronzezeit II-III (3000–2200 v. Chr.) zwei Ringmauern. Die zahlreichen Bauphasen lassen zunehmende kriegerische Auseinandersetzungen vermuten. Später kam ergänzend noch ein Graben hinzu. In dieser Epoche bestanden die Wohnunterkünfte aus runden sowie rechteckigen Häusern.

Die vorgefundenen Gegenstände verweisen auf zahlreiche Handelsbeziehungen, insbesondere mit Regionen in Syrien, Anatolien und Ägypten. Ende der Frühbronzezeit III B ist eine Zerstörung Jerichos durch eine Brandkatastrophe festzustellen, möglicherweise durch ein Erdbeben verursacht. Auf Tell es-Sultan konnte mit Beginn der Frühbronzezeit IV / Mittelbronzezeit I (2200–2000 v. Chr.) eine erneute Besiedlung in kleinerem Umfang nachgewiesen werden. Die dortigen Bewohner waren wohl Viehzüchter und Halbnomaden, ihre Herkunft ist jedoch nicht geklärt. In dieser Epoche, bis etwa 1950 v. Chr., wurden neue Grabanlagen eingeführt, deren Zugang über senkrechte Schächte erfolgte. Bemerkenswert ist der weitere Befund, dass die Gräber, die nur während dieser Besiedlungsdauer Einzelpersonen dienten, nach Rang oder Vermögensstatus des jeweiligen Verstorbenen mehr oder weniger üppig ausgestattet waren.

Mittelbronzezeit (2000–1550 v. Chr.) Kanaanäische Siedler erbauten auf den Stadtruinen Jerichos erst 400 Jahre nach der Zerstörung den neuen Ort auf, den die Hyksos auf eine Fläche von mehr als vier Hektar erweiterten und mit einem Stadtwall umgaben. Etwa 1550 v. Chr. endet mit Feldzügen des altägyptischen König Ahmose I. die Mittelbronze in der Levante. Erste Feldzüge zur Vertreibung der Hyksos unternahm er direkt nach seiner Thronbesteigung. Aber erst 22 Jahre später (wohl 1538) stieß er vermutlich bis zum Euphrat vor.

Für etwa dieselbe Zeit ist eine Zerstörung Jerichos (Tell es-Sultan) durch eine Feuersbrunst nachgewiesen. In der Bibel wird ebenfalls die Zerstörung Jerichos erwähnt. Im 6. Kapitel des Buchs Josua steht geschrieben, dass die Mauern von den Posaunen der Priester und dem Feldgeschrei Jerusalems zerstört wurden, nachdem die Israeliten mit der Bundeslade sieben Tage lang um die Stadt herum marschierten (). Nach der Eroberung Jerichos ließ Josua die Stadt verbrennen. Die biblische Beschreibung passt zu den Zerstörungen, die in Jericho nachgewiesen werden konnten. Allerdings deuten Zeitangaben in der Bibel auf ein etwas späteres Datum hin.Garstang ging vom frühen 14. Jahrhundert v. Chr. für dieses Ereignis aus, Millard S. 51.

Ergänzend weist eine ebenfalls für diese Zeit festgestellte östliche Bodenabwärtsverschiebung des südöstlichen Stadtviertels auf ein mögliches Erdbeben hin, welches auch als mitursächlich für den Brand angenommen werden kann. Die frühere Forschung vermutete hier einen Zusammenhang mit der Hyksos-Vertreibung. Getreide aus der Schutt-Schicht dieses Ereignisses wurde mit der 14C-Methode auf 1601–1566 oder 1561–1524 datiert. Andererseits lassen Keramiken aus dieser Schicht auf eine wesentlich spätere Zeit schließen.

Erst für die Zeit vor Ende der Mittelbronze gilt eine Mauer zu Schutzzwecken auch als nachgewiesen.

Spätbronzezeit (1550–1150 v. Chr.) Keramikware, teilweise aus Zypern importiert, sowie mehrere in umliegenden Gräbern geborgene Skarabäen von Hatschepsut, Thutmosis III. und Amenophis III. belegen, dass Jericho bis in die Spätbronzezeit II A (1400–1300 v. Chr.) bewohnt war. Als weitere Belege sind eine Keilschrifttafel sowie einige Häuserreste aus dem südöstlichen Ortsbereich zu nennen.

Im Gegensatz zur früheren Ortsfläche lag nach der Zerstörung jedoch eine geringere Bebauung mit Dorfcharakter vor. Die letzten Grabungen bestätigen, dass die zerstörten früheren Stadtmauern nicht wieder aufgebaut wurden und der Ort (Tell es-Sultan) in dieser Epoche keine Stadtmauer besaß. Wenn die Zerstörung tatsächlich bereits im 16. Jahrhundert geschah, ist demnach ein Zusammenhang mit der biblisch beschriebenen Landnahme der Israeliten unter Josua 1400 v. Chr. nicht nachvollziehbar.

Auch in den umliegenden Gebieten sind seit der Regierungszeit von Thutmosis III. kaum noch Befestigungsanlagen nachweisbar. Die Ursachen für diesen Befund dürften wohl mit dem politischen Herrschaftsbereich Ägyptens zusammenhängen.Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. S. 90. Spätestens seit Beginn des 13. Jahrhunderts v. Chr. war Jericho nur noch ein unbewohnter Ruinenhügel. Die Gründe für die Aufgabe sind nicht bekannt. Ein Zerstörungshorizont ist nicht erkennbar.

Im 11. oder 10. Jahrhundert v. Chr. sind neue Besiedlungsversuche festzustellen.

Eisenzeit, Antike, Mittelalter

Forschungsgeschichte mini|Die Ausgrabungsstätte von Tell es-Sultan

Die ersten archäologischen Ausgrabungen unternahm Charles Warren 1868. Ernst Sellin und Carl Watzinger gruben zwischen 1907 und 1909 Tell es-Sultan und 1911 Tulul Abu al-ʿAlaiq aus. John Garstang leitete Ausgrabungen zwischen 1930 und 1936. Größere Forschungen mit moderner Technik wurden zwischen 1952 und 1958 von Kathleen Kenyon unternommen. Nach ihrem Tod erfuhren sowohl die von ihr gesicherten Keramiken als auch organische Proben in den 1990er Jahren eine Neubewertung. Seit 1997 führt ein gemeinsames Team der Universität La Sapienza (Rom) unter Leitung von Lorenzo Nigro und des Ministeriums für Tourismus und Altertümer Palästinas Untersuchungen und Restaurierungsmaßnahmen an den Ruinen durch.

Tell es-Sultan

Die früheste Siedlung lag beim heutigen Tell es-Sultan (oder Tell Sultan), zwei Kilometer nordwestlich des heutigen Stadtzentrums (). Besonders die bis zu 13.000 Jahre zurückreichenden archäologischen Befunde des Neolithikums sind von weltweiter Bedeutung. Dazu zählen die ältesten Steinbauten der Menschheit, ebenso wie die älteste Treppe. Seit 1868 gilt Jericho als die älteste Stadtgründung der Welt, mit der Einschränkung, dass Jericho anfangs nur eine große Siedlung mit dörflichem Charakter war. Als älteste bekannte Stadt wird dagegen Tell Brak in Syrien bezeichnet, wo eine für eine Stadt typische Gliederung in Funktionsbereiche ab dem frühen 4. Jahrtausend v. Chr. existierte.Dirk Husemann: In: Bild der Wissenschaft, Heft 10/2012, S. 74.

Herodianische Winterpaläste

mini|Mauern in Opus-reticulatum-Technik im Winterpalast Herodes des Großen mini|Die spätantike Oasenstadt Jericho (unten Mitte) in ihrem Umland (Mosaikkarte von Madaba). Das angenehme Winterklima bei Jericho veranlasste am Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. die hasmonäischen Könige zum Bau von Winterpalästen () am Ausgang des Wadi Qelt. Die Oase bot fruchtbaren Boden und reichlich Quellwasser zum Anlegen von Gärten, Feldern und für den Dattelanbau. Zudem lag sie nur eine Tagesreise von Jerusalem entfernt.

Auch Herodes der Große baute hier – viel größer und prächtiger als seine Vorgänger. Sein erster Palast entstand ab 36 v. Chr. auf der Südseite des Wadi Qelt in römischer Architektur mit einem großen Peristylhof, der an drei Seiten von Räumen umgeben war. An der vierten Seite schloss sich eine große Gästehalle mit Säulenumgang an. Als Neuerung für die Region ließ er auch ein Badehaus im römischen Stil einrichten.

Als sein Palast bei einem Erdbeben 31 v. Chr. zerstört wurde, baute Herodes auf der Nordseite des Wadi Qelt neben dem alten Palast seiner Vorgänger einen neuen. Er erhielt ein großes (32 × 18 m) Schwimmbecken und war von Gärten umgeben. Schließlich ließ Herodes noch einen dritten Palast auf beiden Seiten des Wadi erbauen, der sich über fast drei Hektar erstreckte. Eine Brücke führte über das Wadi und verband beide Bereiche. Da einige Mauern mit römischem Zement und opus reticulatum gebaut waren, wird angenommen, dass römische Handwerker am Bau beteiligt waren.

Auch die heute Tulul Abu al-Alaiq genannten künstlichen Hügel gehören zu der Anlage. Bis zum jüdischen Aufstand gegen Rom (66–70) wurde der Platz weiter von Mitgliedern der königlichen Familie genutzt.Jericho – The Winter Palace of King Herod

Khirbat al-Mafdschar

Fünf Kilometer nördlich von Jericho liegt die ehemalige umayyadische Palastanlage Khirbat al-Mafdschar (), auch bekannt unter dem Namen „Palast des Hischam“. Die Anlage zählt zu den ältesten und archäologisch wie historisch bedeutsamsten Profanbauten in Palästina. Erstmals archäologisch untersucht wurde die Stätte in den 1930er Jahren, seit 1990 finden dort erneut umfangreiche Restaurierungs- und Grabungsarbeiten statt.Mosaiken im „Palast des Hischam“ (englisch), abgerufen am 29. November 2016.

Jericho in Mittelalter und Neuzeit Osmanisches Reich