mini|Auf dem Buchumschlag von Küngs „Projekt Weltethos“ wurde als Symbol für sein Projekt die Blue Marble gewählt

Das Weltethos ist die Formulierung eines Grundbestandes an ethischen Normen und Werten, der sich aus religiösen, kulturellen und zum Teil auch aus philosophischen Traditionen der Menschheitsgeschichte herleiten lässt. Der Theologe Hans Küng prägte den Begriff 1990 mit seinem Buch Projekt Weltethos.

Das Projekt Weltethos ist ein Versuch, die kulturellen und normativen Gemeinsamkeiten der Weltreligionen zu beschreiben und ein gemeinsames Ethos, ein knappes Regelwerk aus den Grundforderungen aufzustellen, welche von allen akzeptiert werden können. Damit ist ein weltumspannender universeller Geltungsanspruch verbunden.Johannes J. Frühbauer: Das Projekt Weltethos, in: I.-J. Werkner und K. Ebeling (Hrsg.): Handbuch Friedensethik, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2017, S. 915–924, hier: S. 917

Ebenso wie die internationale Erd-Charta-Initiative versucht das Projekt seit 1993, die ethischen Grundlagen für eine humanere und demokratischere Weltordnung zu formulieren, um unter anderem drohende ökologische Katastrophen abzuwenden.

Grundüberzeugungen Die Grundüberzeugungen des Projektes Weltethos sind kein Zusammenleben auf unserem Globus ohne ein globales Ethos kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen kein Dialog zwischen den Religionen und Kulturen ohne Grundlagenforschung kein globales Ethos ohne Bewusstseinswandel von Religiösen und Nicht-Religiösen

Goldene Regel Ein wichtiges Beispiel für die Gemeinsamkeiten in den Religionen, aber auch nicht religiösen Ansichten ist das Prinzip der Goldenen Regel.Hans Küng: Goldene Regel der Gegenseitigkeit. Was Asien zum weltweiten interkulturellen System beitragen kann, in: Internationale Politik, 2007, Nr. 11, S. 68–71. Alle Religionen und Kulturen kennen dieses Prinzip der Gegenseitigkeit. In Form eines deutschen Sprichworts aus dem JudentumZum Sprichwort gewordene deutsche Übersetzung Martin Luthers von Tobias 4,16 (apokryph), dort mit „dass“ statt „das“. lautet es: Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu. Das Projekt Weltethos führt folgende Beispiele zu den einzelnen Weltreligionen an: Hinduismus: Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral. – Buddhismus: Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten? – Samyutta-Nikaya (Reden Buddhas) V, 353.35–354.2 Jainismus: Gleichgültig gegenüber weltlichen Dingen sollte der Mensch wandeln und alle Geschöpfe in der Welt behandeln, wie er selbst behandelt sein möchte. – Sutrakritanga I.11.33 Judentum: Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu! (Buch Tobit 4,15Einheitsübersetzung von 1980); später: Tue nicht anderen, was du nicht willst, das sie dir tun. – Rabbi Hillel, Sabbat 3a Christentum: Alles was Ihr wollt, dass Euch die Menschen tun, das tut auch Ihr Ihnen ebenso. – Neues Testament, ; bzw. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst (Nächstenliebe). Altes Testament, ; , , , , . Islam: Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht. – An-Nawawī, Kitab Al-Arba'in Vierzig Hadithe; 13. 256. Koranvers Kein Zwang in der Religion: „In der Religion gibt es keinen Zwang.“

Erklärung zum Weltethos Vom 28. August bis zum 4. September 1993 trafen sich in Chicago Vertreter vieler verschiedener Religionen zum Weltparlament der Religionen, um eine Konsenserklärung zu verabschieden, welche die Menschenrechtserklärung von 1948 ethisch begründen sollte. Es beteiligten sich 6.500 Menschen aus 125 Religionen und religiösen Traditionen. Sie einigten sich in der Erklärung zum Weltethos auf die beiden allgemein-ethischen Prinzipien „Menschlichkeit“ und „Gegenseitigkeit“ (Goldene Regel), sowie auf die vier Weisungen (Du sollst nicht töten, stehlen, lügen und Unzucht treiben), die in den Leitsätzen formuliert wurden:

Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem LebenAlbert Schweitzer: Die Ehrfurcht vor dem Leben, Beck, München 1966, Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung, Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit, Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau.

Der Entwurf der „Erklärung zum Weltethos“ war unter Federführung von Hans Küng im Institut für ökumenische Forschung der Universität Tübingen entstanden. Mit dieser Erklärung verständigten sich erstmals Vertreter aller Religionen über Prinzipien eines Weltethos. Vier Jahre später folgte der Entwurf für eine „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ des InterAction Council, ein Gremium früherer Staats- und Regierungschefs unter dem Vorsitz des früheren deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt.

Im Juli 2018 wurde zum 25-jährigen Gedenken an die Weltethos-Erklärung von 1993 beim 7. Parlament der Weltreligionen in Toronto eine fünfte Weisung zur Ökologischen Verantwortung hinzugefügt. Vorausgegangen waren ein breiter monatelanger Beratungsprozess und die Zustimmung des Kuratoriums des Parlaments der Weltreligionen., auf parliamentofreligions.org Verpflichtung auf eine Kultur der Nachhaltigkeit und der Sorge für die Erde.

Im Judentum etwa werden die ethischen Prinzipien und Weisungen der Weltethos-Erklärung aus den 10 Geboten und aus dem Talmud hergeleitet; im Christentum aus dem Neuen Testament und ebenfalls aus den 10 Geboten, wobei Jesu Auslegung dieser Gebote in der Bergpredigt für Christen maßgebend ist.

Stiftung mini|hochkant|Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der 12. Weltethos-Rede zum Thema „Zusammenhalt in Zeiten des Umbruchs“ in Tübingen im Februar 2017 links|mini|Stiftung Weltethos in der Hinteren Grabenstraße 26 Tübingen Die Weiterentwicklung und Umsetzung des Projekts Weltethos wird von der Stiftung Weltethos mit Hauptsitz in Tübingen betrieben.Stiftung Weltethos Tübingen Gegründet wurde die Stiftung von Hans Küng mit Unterstützung des Baden-Badener Unternehmers Karl Konrad von der Groeben, der 1995 durch das Buch Projekt Weltethos auf das Thema aufmerksam wurde. Er stellte 5 Mio. DM zur Verfügung. Aus den Zinserträgen sollte die weitere Arbeit langfristig finanziert werden. Erster Präsident der Stiftung war Hans Küng. Im März 2013 (zu Küngs 85. Geburtstag) übernahm der Präsident des Staatsgerichtshofs des Landes Baden-Württemberg, Eberhard Stilz, diese Position; der zunächst vorgesehene Altbundespräsident Horst Köhler hatte aus persönlichen Gründen abgesagt.SWR-TV Bericht zu Hans Küng, abgerufen am 8. April 2021. 2022 wurde die Präsidentschaft von Bernd Engler übernommen, dem langjährigen Rektor der Universität Tübingen.

Aufgaben: Durchführung und Förderung interkultureller und interreligiöser Forschung Anregung und Durchführung interkultureller und interreligiöser Bildungsarbeit Ermöglichung und Unterstützung der zur Forschungs- und Bildungsarbeit notwendigen interkulturellen und interreligiösen Begegnung

Ziele der Stiftung sind die Vermittlung ethischer und interkultureller Kompetenz sowie Dialog, Zusammenarbeit und Frieden zwischen Religionen und Kulturen. Um diese Ziele zu erreichen, verwirklicht die Stiftung Weltethos national wie international Projekte in den Bereichen Bildung und Schule, Religion, Politik, Wirtschaft und Kultur. 2012 errichtete die Stiftung ein Weltethos-Institut an der Universität Tübingen, finanziert von der Karl Schlecht Stiftung und mit den Arbeitsschwerpunkten Wirtschaftsethik, Unternehmensethik und Globalisierungsethik. Erster Direktor war Claus Dierksmeier. Ihm folgte 2018 Ulrich Hemel. Nationale und internationale Aufmerksamkeit erhielt die Stiftung durch die 2000 gemeinsam mit der Universität Tübingen initiierten Weltethos-Reden von internationalen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und öffentlichem Leben.Weltethos-Reden als Text und als Video

Seit 1996 gibt es auch in der Schweiz eine Stiftung Weltethos, finanziert durch Martita Jöhr-Rohr (1912–2008), die Witwe des Schweizer Nationalökonomen Walter Adolf Jöhr. Auch in Österreich, Tschechien, Kolumbien, Mexiko und Brasilien entstanden Weltethos-Stiftungen oder ähnliche Strukturen.Hans Küng: Handbuch Weltethos. Eine Vision und ihre Umsetzung. Seite 138. Piper Verlag, München 2012, ISBN 978-3-492-30059-9.Stiftung Weltethos Tübingen, abgerufen am 29. Januar 2013.

Kritik und Rezeption Am Projekt Weltethos wird bemängelt, dass die Grundlagen für dieses gemeinsame Ethos zu sehr westlichen Denkweisen entsprängen und somit die Inhalte anderer Religionen nicht genug berücksichtigten. Ein anderer Kritikpunkt ist, dass die Religionen gegenüber dem Weltethos an Bedeutung verlieren und somit jahrhundertealtes Wissen und Traditionen in Vergessenheit geraten könnten.Heinzpeter Hempelmann: (PDF; 163 kB), abgerufen am 26. Januar 2015. Schließlich wendet sich das Projekt Weltethos an die (großen) Religionen der Welt und berücksichtigt Menschen, die Religion fernstehen oder nicht religiös sind, lediglich am Rande. Dagegen wenden sich verschiedene Projekte, etwa das Projekt Ethify Yourself.ethify.org; Roland Alton: Ethify Yourself. Mit neun Werten leben und wirtschaften. Online Buch, Kapitel Ausblick, letzter Abruf am 20. März 2011.