mini|Illustration von Industrial Workers of the World (IWW): „Die Pyramide des kapitalistischen Systems“

Der Begriff Klassenkampf bezeichnet ökonomische, politische und ideologische Kämpfe zwischen gesellschaftlichen Klassen. Durch die marxistische Theorie wurde der Begriff populär. Demnach sind die Triebkräfte der bisherigen menschlichen Geschichte und speziell der Revolutionen Klassenkämpfe zwischen ausbeutenden und ausgebeuteten Klassen, deren Interessen als antagonistische interpretiert werden. Im Kampf der gesellschaftlichen Klassen manifestiert sich nach Karl Marx der Widerspruch zwischen den gesellschaftlichen Produktivkräften (dem Entwicklungsstand der Arbeitskraft, der Produktionsmittel und Produktionstechniken) und den Produktionsverhältnissen (bzw. den Eigentumsverhältnissen an den Produktionsmitteln) als Klassengegensatz. Dieser Widerspruch führe schließlich durch den Umsturz der bestehenden Klassenherrschaft eine revolutionäre Umwälzung der Produktionsverhältnisse herbei. Im Kapitalismus stehen sich die Arbeiterklasse und die Kapitalistenklasse als zentrale Klassen gegenüber. Die Revolution der Arbeiterklasse, die Marx aufgrund der krisenhaften Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise erwartete, würde die Klassenherrschaft durch Aufhebung aller Klassengegensätze beenden.

Klassenkampf nach Marx und Engels Mit dem Satz „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ eröffneten Karl Marx und Friedrich Engels – nach der kurzen Einleitung – das erste Kapitel des Manifests der Kommunistischen Partei.Marx-Engels-Werke, Band 4. Dietz Verlag, Berlin 1959, S. 462. Ihnen zufolge ist die bisherige Geschichte der Menschheit eine Abfolge von Kämpfen unterschiedlicher Klassen gegeneinander um die Herrschaft, genauer: um die Verfügung über die Produktionsmittel in der jeweiligen Gesellschaft.

Lediglich in den (mehr deduzierten als empirisch nachgewiesenen) ursprünglichen Gemeinwesen („Urkommunismus“) mit „Stammeigentum“, gemeinsamer Produktion und Aneignung habe es noch eine klassenlose Gesellschaft gegeben. Diese habe darauf beruht, dass mittels Arbeit kein nennenswertes Mehrprodukt erzeugt wurde. Alle Mitglieder der Gesellschaft mussten sich an der Produktion für das Lebensnotwendige beteiligen, so dass sich keine Klasse bilden konnte, die sich die Mehrarbeit der anderen hätte aneignen können. Alle seien in einen unmittelbaren Überlebenskampf mit der Natur verwickelt gewesen. Große Hierarchie-Unterschiede waren demnach in der frühen Gesellschaft weitgehend unbekannt.

Das Aufkommen des Klassenkampfes wird als eine Folge der sich herausbildenden Klassengesellschaft gesehen. Indem es der Gesellschaft gelang, die Produktivkräfte weiterzuentwickeln und ein den unmittelbaren Konsum (Subsistenz) übersteigendes Mehrprodukt zu schaffen, konnte dieses von einer Minderheit angeeignet und für andere Zwecke als die der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung genutzt werden. Daraus habe sich eine besondere Machtstellung entwickelt, die sich mehr und mehr verselbständigte. So sei die herrschende Klasse gegenüber den unmittelbar Arbeitenden entstanden. Alle Produktionsweisen, die auf den „Urkommunismus“ folgten, seien Produktionsweisen von Klassengesellschaften gewesen. Für den okzidentalen Raum haben Marx und Engels in der Deutschen IdeologieMarx-Engels-Werke, Band 3. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 22 ff. eine Periodisierung von antiker, feudaler und kapitalistischer Produktionsweise entwickelt. Später hat Marx (in den GrundrissenVgl. den Abschnitt „Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehn“, in: Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. EVA, Frankfurt am Main o. J., S. 375 ff.) sie durch die asiatische Produktionsweise ergänzt.

Nach der Vorstellung von Marx und Engels nimmt die herrschende Klasse zunächst eine produktive Funktion in der Entwicklung der Produktivkräfte ein, wird aber im weiteren Verlauf zu ihrer Fessel, so dass die historische Notwendigkeit der herrschenden Klasse in Frage gestellt wird. Die unteren Klassen empfinden die herrschende Klasse mehr und mehr als überflüssig, während diese ihre Vorrechte zu verteidigen sucht. Laut historischem Materialismus wächst die Wahrscheinlichkeit von Revolution, wenn die Entfaltung der Produktivkräfte durch die von der jeweils herrschenden Klasse bestimmten Produktionsverhältnisse behindert wird. Die Weiterentwicklung der Produktivkräfte ist der Motor, der zur Umwälzung der Produktionsverhältnisse und damit zum Sturz der herrschenden Klasse führt. Eine neue Klasse ergreift die Macht und etabliert neue Produktionsverhältnisse. Nach diesem Verständnis ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte aufeinanderfolgender Klassengesellschaften, deren Abfolge von den Handelnden keineswegs voll bewusst herbeigeführt wird. So schuf die Bourgeoisie die bürgerliche Gesellschaft, nachdem sie sich bereits im Schoße des Feudalismus und Absolutismus als selbständiger Handels-, Handwerker- und Advokatenstand herausgebildet hatte, indem sie die Privilegien von Adel und Klerus beseitigte. Als letzte Klassengesellschaft gilt Marx und Engels der Kapitalismus, im Verlauf dessen die Produktivkräfte soweit entwickelt werden, dass die materiellen Voraussetzungen einer klassenlosen Gesellschaft entstehen, die indessen bewusst auf revolutionärem Weg durchgesetzt werden muss.

Begriffsgeschichte Vor Marx Bereits Niccolò Machiavelli vertrat in seinen Discorsi die Auffassung, dass ein zwischen Adel und Bürgertum bestehendes Konfliktpotenzial die politische Aktivität wachhalte. Dass Henri de Saint-Simon in Briefe eines Einwohners von Genf (1802, Lettres d’un habitant de Genève) die Französische Revolution als einen Klassenkampf zwischen Adel, Bürgertum und Besitzlosen auffasste, nennt Engels „eine höchst geniale Entdeckung“.Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. In Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 8258 (vgl. MEW, Bd. 19, S. 195.) Den französischen Historiker Augustin ThierryAugustin Thierry, Recueil des monuments inédits de l’histoire du Tiers état hatte Karl Marx als den Vater des Klassenkampfes in der französischen Geschichtsschreibung bezeichnet.Karl Marx: Brief an Friedrich Engels. 27. Juli 1854. In: Karl Marx: Friedrich Engels. Werke (MEW), Berlin 1953 ff., Band 28, S. 380–385. Zitat S. 381. Auch die bürgerlichen französischen Historiker François Guizot, François-Auguste Mignet und Adolphe Thiers sahen den Klassenkampf schon als Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung an.Meyers kleines Lexikon. Leipzig 1968.

Marx Marx nimmt für sich selbst lediglich in Anspruch, die Verwurzelung der sozialen Klassen in den Produktionsverhältnissen einer bestimmten Gesellschaftsformation nachgewiesen zu haben: „Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen, und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.“Brief an Joseph Weidemeyer, 5. März 1852 in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke (MEW), Berlin 1953 ff., Band 28, S. 503–509, Zitat S. 507–508.

20. Jahrhundert Der Begriff „Klassenkampf“ ging auch in den weiteren politischen und philosophischen Sprachgebrauch über. Max Weber verwendete ihn gelegentlich und nur teilweise in Anführungszeichen,Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Neu Isenburg 2005, S. 680 ff.Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Neu Isenburg 2005, S. 1012. daneben nutzte er die Begriffe „Ständekämpfe“Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Neu Isenburg 2005, S. 682 bezüglich der Antike oder sprach von „Klassenrevolution“Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Neu Isenburg 2005, S. 224. und „Klassenhandeln […] gegen den unmittelbaren Interessengegner (Arbeiter gegen Unternehmer)“.Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Neu Isenburg 2005, S. 226.

Ferdinand Tönnies führte 1935 in seinem Buch Geist der Neuzeit Folgendes aus:

Der Historiker Hans Mommsen nennt in seinem 1989 erschienenen Werk Die verspielte Freiheit. Aufstieg und Untergang der Weimarer Republik. den Preußenschlag von 1932 einen „Klassenkampf von oben“, vorangetragen „mit verwaltungspolitischen Mitteln“ und beruhend auf einem „Zusammenspiel zwischen hochkonservativer Kamarilla und Reichswehr auf der einen und NSDAP, SA und SS auf der anderen Seite“,Hans Mommsen: Die verspielte Freiheit. Aufstieg und Untergang der Weimarer Republik. Propyläenverlag Berlin, 2019. S. 611. worüber Goebbels am 21. Juli 1932 urteilte: „Die Roten haben ihre große Stunde verpasst. Die kommt nie wieder.“Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. K. G. Saur, München, Teil I: Aufzeichnungen 1923–1941. 1997–2005. Band 2, S. 208. Zitiert nach Hans Mommsen: Die verspielte Freiheit. Aufstieg und Untergang der Weimarer Republik. Propyläenverlag Berlin, 2019. S. 609.

Der französische Soziologe Michel Clouscard verwendet den Begriff Klassenkampf vor allem in seinem Buch Les Métamorphoses de la lutte des classes (1996).

21. Jahrhundert Die Umverteilung der Steuerlast von oben nach unten in den letzten JahrzehntenBetreffend das Verhältnis von Einkommensteuer zu Mehrwertsteuer von 1991–2011 siehe:Kai Daniel Schmid, Ulrike Stein: Explaining Rising Income – Inequality in Germany, 1991–2010.Frankfurter Rundschau: Konjunktur Einkommen – Armut und Reichtum – Ungleichheit Einkommen immer ungleicher Ebendies und die Einstellung des Vermögensteuervollzugs seit 1995 sowie die radikale Senkung der Erbschaftsteuer sowie das Missverhältnis der Steuersätze für Kapitaleinkünfte (25 %) und Arbeitseinkommen (bis 45 %): Hans-Ulrich Wehler: Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland. München 2013, S. 79 f. förderte, verbunden mit dem Regelwerk der Transferleistungen, zusätzlich die Konzentration der Nettoeinkommen.Hans-Ulrich Wehler: Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland. München 2013, S. 70 f. Eine OECD-Studie stellte 2011 fest, dass durch Ausweitung des Niedriglohnsektors in Deutschland die Lohnquote deutlich gesunken ist,Hans-Ulrich Wehler: Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland. München 2013, S. 71 was ebenfalls zur Erhöhung des Gini-Koeffizienten in Deutschland beitrug.Von 0,62 im Jahr 1993 bis 2012. Jens Berger: Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen. Westend, Frankfurt/Main 2014, S. 27. Diese staatlich geförderte Umverteilung von unten nach oben bezeichnet Hans-Ulrich Wehler als einen historisch typischen Klassenkampf ohne Kollektivakteure mit einem ausgebildeten Klassenbewusstsein.Hans-Ulrich Wehler: Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland. München 2013, S. 33 f. Dem stehe eine auffällige Konfliktferne gegenüber, weil Probleme von Macht und Herrschaft offensichtlich kein Gegenstand der alles dominierenden neoliberalen Wirtschaftswissenschaft seien.Hans-Ulrich Wehler: Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland. München 2013, S. 61 f.