mini|Wilhelm Ostwald rahmenlos|zentriert|165px Wilhelm Friedrich Ostwald (; * in Riga, Gouvernement Livland; † 4. April 1932 in Leipzig) war ein deutschbaltischer Chemiker, Philosoph, Soziologe, Wissenschaftsorganisator, ‑theoretiker und ‑historiker. Er gilt als einer der Begründer der Physikalischen Chemie und lehrte an der Universität Leipzig. Sein Laboratorium und das von ihm 1898 begründete Wilhelm-Ostwald-Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität machte er zu einem Zentrum der neuen Wissenschaftsdisziplin.
Mit zahlreichen Artikeln, Vorträgen und Publikationen, der Herausgabe von populären Lehrbüchern, der Gründung von Zeitschriften, Buchreihen und Organisationen erreichte er eine herausragend hohe Wirksamkeit als Wissenschaftsorganisator.
Um 1895 machte Ostwald den Versuch, den (naturwissenschaftlichen) Materialismus durch eine sogenannte energetische Weltanschauung zu überwinden.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 46.
Ostwald erhielt 1909 den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeiten über die Katalyse sowie seine Untersuchungen über Gleichgewichtsverhältnisse und Reaktionsgeschwindigkeiten. Später wurde die von ihm untersuchte Ostwald-Reifung, ein kolloidchemischer Prozess, nach ihm benannt.
Leben mini|Gesamtaufnahme des Steinbruchs im Park seines Landsitzes „Energie“ in Großbothen mit der Grabstätte (links) mini|Grabplatte für Wilhelm Ostwald und seine Familie
Am 2. September 1853 wurde Wilhelm Friedrich Ostwald als zweiter von drei Söhnen des Böttchermeisters Wilhelm Gottfried Ostwald (1824–1903) und dessen Ehefrau Elisabeth, geborene Leuckel (1832–1920), im damals zum Russischen Kaiserreich gehörenden Riga geboren (heute Lettland). Ein Bruder war der Forstwissenschaftler Eugen Ostwald. Die Vorfahren stammten aus Hessen und Berlin.Wilhelm Ostwald: Lebenslinien – eine Selbstbiographie. Erster Teil. Riga-Dorpat-Riga 1853–1887. Klasing & Co., Berlin 1926, S. 1–9.
Von 1864 bis 1871 besuchte Ostwald das Realgymnasium in Riga und schloss es mit dem Abitur ab. 1872 begann er ein Chemiestudium an der Kaiserlichen Universität Dorpat. Während dieser Zeit war Ostwald in der Studentenverbindung Fraternitas Rigensis aktiv. 1875 beendete er sein Studium mit der Kandidatenarbeit und wurde Assistent am physikalischen Institut bei Arthur von Oettingen, später am chemischen Institut bei Carl Schmidt. 1877 legte Ostwald seine Magisterarbeit zum Thema „Volumchemische Studien über Affinität“ vor.Wilhelm Ostwald: Volumchemische Studien über Affinität. Abhandlung zur Erlangung der Würde eines Magisters der Chemie, Laakmanns Buchdruckerei, Dorpat 1877. Im folgenden Jahr beendete er seine Dissertation „Volumchemische und optisch-chemische Studien.“Wilhelm Ostwald: Volumchemische und optisch-chemische Studien. Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doctors der Chemie. Laakmanns Buchdruckerei, Dorpat 1878. Im Jahr 1880 wurde Ostwald zum Privatdozenten für physikalische Chemie an der Universität Dorpat ernannt. Er arbeitete ab 1880 auch als Lehrer für Physik, Mathematik und Chemie an einer Mittelschule.Wilhelm Ostwald: Lebenslinien – eine Selbstbiographie. Erster Teil. Riga-Dorpat-Riga 1853–1887. Klasing & Co., Berlin 1926, S. 73–98. Im Jahr 1881 war am Polytechnikum von Riga eine Professorenstelle neu zu besetzen. Ostwalds Bewerbung war erfolgreich. In seiner Empfehlung schrieb Carl Schmidt unter anderem: „Ostwald ist mein mehrjähriger Assistent, vorher der des physikalischen Instituts; er wird ein Stern erster Größe, auf dem Grenzgebiete zwischen Chemie und Physik, dessen Bearbeitung beiderseitige gleichgründliche Durchbildung zur unerläßlichen Bedingung tüchtiger Erfolge macht. Ostwald ist außerdem ein sehr geschickter und gewandter Experimentator, Mechaniker und Glasbläser etc., der sich seine Apparate in ingeniösester Weise, trotz dem besten Mechanikus zusammenbläst und arrangiert, eine unermüdliche Arbeitskraft, besitzt eine treffliche mündliche wie schriftliche Darstellungsgabe, klar, concis, streng logisch, auch für weitere Kreise geeignet … C. S.“S. Roß, K. Hansel (Hrsg.): Carl Schmidt und Wilhelm Ostwald in ihren Briefen. Großbothen 2000, S. 35 f. (Mitteilungen der Wilhelm-Ostwald-Gesellschaft, Sonderheft 9). mini|Gedenkplatte in Tartu Im Jahre 1880 heiratete Wilhelm Ostwald in Riga Helene (Nelly) Mathilde von Reyher (1854–1946); sie hatten fünf Kinder: Grete Ostwald ist 1882 in Riga geboren († 1960), sie verwaltete den Nachlass ihres Vaters und schrieb ein Buch über ihn. Wolfgang Ostwald ist 1883 in Riga geboren († 1943), er war als Chemiker ebenfalls bekannt. Elisabeth Brauer, geborene Ostwald, ist 1884 in Riga geboren († 1968). Ihr Ehemann, Eberhard Brauer, war Assistent bei Wilhelm Ostwald. Ihr Sohn Georg Brauer hatte den Lehrstuhl für Anorganische Chemie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg inne. Ihr Sohn Peter war dort Physik-Professor. Walter Ostwald ist 1886 in Riga geboren († 1958). Er war Chemiker (Kraftstoffe Aral, Verbrennungstechnik). Carl Otto Ostwald ist 1890 in Leipzig geboren († 1958).Jan-Peter Domschke, Peter Lewandrowski: Wilhelm Ostwald – Leben, Wirken und Gesellschaftsauffassungen. Dissertation. Karl-Marx-Universität Leipzig, 1977, S. 366–368.
Ab 1882 wirkte Ostwald als Professor für Chemie und Ordinarius am Polytechnikum Riga.Jānis Stradiņš: Wilhelm Ostwalds Rigaer Jahre und die Entstehung der klassischen physikalischen Chemie. In: Acta medico-historica Rigensia. Neue Folge, Band 3 (Band 22 der Gesamtreihe) (1997), S. 55–70. 1883 und 1887 unternahm er Studienreisen durch das deutschsprachige Mitteleuropa. Im Jahre 1884 begegneten sich Svante Arrhenius und Wilhelm Ostwald in Stockholm zum ersten Mal und begründeten ihre lebenslange Freundschaft. Noch während der zweiten Reise berief der sächsische Kultusminister 1887 Ostwald auf den Lehrstuhl für physikalische Chemie an der Universität Leipzig. 1898 konnte er sein neues Physikalisch-chemisches Institut einweihen. 1901 erwarb er ein Grundstück mit einem Sommerhaus in Großbothen. Im gleichen Jahr kündigte Ostwald eine Vorlesung zur Naturphilosophie an. Die Veranstaltung musste wegen des großen Zuspruchs in das Auditorium Maximum der Leipziger Universität verlegt werden. 1902 erhielt Ostwald die Ehrenmitgliedschaft des Pharmazeutisch-Naturwissenschaftlichen Vereins, dem er auch nach der Umwandlung zum Corps Vandalia die Treue hielt.Helmut Otto: Geschichte des Corps Vandalia zu Leipzig, als Manuskript gedruckt, 1976. 1904 folgte er einer Einladung zum Kongress für Wissenschaft und Kunst nach St. Louis (USA) in die Sektion Philosophie. Im Jahre 1905 spitzten sich zwischen Ostwald und der philosophischen Fakultät einige bereits länger andauernde Konflikte zu. Wie er in seiner Autobiographie schildert, war er mit der lutheranisch geprägten Universitätsleitung und prominenten Vertretern der geisteswissenschaftlichen Fakultäten aneinandergeraten, als er die Weigerung der Universität kritisierte, die Trauerfeier für den Chemiker (und ehemaligen Universitätsrektor) Johannes Wislicenus, der einer Freikirche angehörte, in der Universitätskirche stattfinden zu lassen. Als er dann 1905 beantragte, von Vorlesungen entbunden zu werden, um sich mehr der Forschung zu widmen, erhielt er starke Kritik aus den Fakultäten. Ostwald reichte daraufhin sein Entlassungsgesuch ein. Vom Herbst 1905 bis zum Sommer 1906 hielt er an der Harvard University, am MIT und an der Columbia-University in New York Vorlesungen zur physikalischen Chemie und zur Naturphilosophie.Jan-Peter Domschke, Hansgeorg Hofmann: Der Physikochemiker und Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853–1932) – Ein Lebensbild. Sonderheft 23 der Schriftenreihe Mitteilungen der Wilhelm-Ostwald-Gesellschaft zu Großbothen e. V. 2012, , S. 19–45. mini|Die Farbschule, Verlag Unesma GmbH Leipzig 1924 Nach seiner Rückkehr wurde Ostwald 1906 emeritiert und verlegte seinen Wohnsitz in das Haus „Energie“ nach Großbothen, um nun als „freier Forscher“ zu arbeiten. Ab 1912 nutzte der Sohn Wolfgang Ostwald das „Waldhaus“ im Großbothener Grundstück als Sommerwohnung. Im Jahre 1913 gründete Ostwald seinen eigenen Verlag UNESMA. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs waren die internationalen Verbindungen unterbrochen und seine Aktivitäten kamen weitgehend zum Erliegen. Vor allem deshalb wandte er sich Farbstudien zu. Im Jahre 1914 wurde das Haus „Glückauf“ für die Familie des Sohnes Walter Ostwald errichtet. 1916 entstand ein Laborgebäude, das man später als „Werk“ bezeichnete. Erst 1927 erfolgte der Anschluss aller Gebäude an die örtliche Elektroenergieversorgung. Die Selbstbiographie Lebenslinien von Ostwald erschien 1926 und 1927. Wilhelm Ostwald starb 1932 in einem Leipziger Krankenhaus. Seine Urne ist im Steinbruch des Landsitzes „Energie“, seit 2009 Wilhelm-Ostwald-Park in Großbothen beigesetzt.J.-P. Domschke, H. Hofmann: Der Physikochemiker und Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853–1932) – Ein Lebensbild. Sonderheft 23 der Schriftenreihe Mitteilungen der Wilhelm-Ostwald-Gesellschaft zu Großbothen e. V. 2012, , S. 46–54.
Wirken in der Chemie