mini|Deutsche Emigranten gehen an Bord eines in die USA fahrenden Dampfers (um 1850) mini|Japanisches Regierungsplakat zur Förderung der Auswanderung nach Brasilien mini|Auswanderer aus Österreich-Ungarn auf einem Schiff der Austro-Americana in Triest Anfang des 20. Jahrhunderts mini|Auswandererlager der Hamburger BallinStadt (1907)
Auswanderung oder Emigration (von , ‚hinaus‘ und ‚wandern‘) ist das Verlassen eines Heimatlandes auf Dauer. Emigranten oder Auswanderer verlassen ihre Heimat aus wirtschaftlichen, religiösen, politischen, beruflichen oder persönlichen Gründen. Auf die Auswanderung aus einem Land folgt die Einwanderung (Immigration) in ein anderes. Der Wohnsitzwechsel innerhalb eines festgelegten Gebietes wird hingegen als Binnenmigration bezeichnet. Meist wandern Einzelpersonen oder einzelne Familien aus; in der Geschichte gab es aber auch Auswanderungen von großen Bevölkerungsgruppen.
Laut Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat jeder Mensch das Recht, sowie .Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 13, vom 10. Dezember 1948, auf Wikisource.
In der Wissenschaft ist heute der nicht auf Auswanderung beschränkte Begriff Migration gebräuchlicher. Neben der Migrationssoziologie beteiligen sich zahlreiche Sozialwissenschaften an der Migrationsforschung.
Eine Person hat laut statistischem Bundesamt in Deutschland einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.Natalie Amiri: Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran. Aufbau, Berlin 2021, ISBN 978-3-351-03880-9; Taschenbuchausgabe ebenda 2022, ISBN 978-3-7466-4030-3, S. 211–212.
Geschichte der Auswanderung Wanderungsbewegungen hat es immer gegeben, zum Beispiel motiviert durch existenzielle Bedrohung (Hungersnöte, Kriege, Naturkatastrophen etc.) und/oder durch die Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Bedingungen anderswo. In der Forschung spricht man von Push- und Pull-Faktoren: Push-Faktoren im Herkunftsland bewirken einen (Aus)wanderungsdruck, angebliche oder wirkliche Vorteile am Zielort (Aufnahmeland) einen (Ein)wanderungs„sog“.
Insofern hat jede Auswanderung mindestens zwei Aspekte, nämlich die Lage im abgebenden Land: Bevölkerungs- und Begabungsverlust, aber auch Entlastung bei knappen Ressourcen, sowie des akuten Verlustes von Einwohnern, die Lage im aufnehmenden Land: Probleme der Akkulturation (vor allem Erlernen der Sprache)Vgl. bereits Erich Stern: Die Emigration als psychologisches Problem. Selbstverlag, Boulogne-sur Seine 1937; neu abgedruckt in: Uwe Wolfradt, Elfriede Billmann-Mahecha, Armin Stock (Hrsg.): Deutschsprachige Psychologinnen und Psychologen 1933–1945. Ein Personenlexikon, ergänzt um einen Text von Erich Stern. Wiesbaden 2015, S. 503–551. und Integration, aber auch Zuwanderung von Arbeitskräften, Fachwissen und kultureller Vielfalt.
Europa In der Frühen Neuzeit war die erzwungene Emigration ganzer Bevölkerungsgruppen verbreiteter als die freiwillige Auswanderung. Beispiele dafür sind die Vertreibung der Juden aus Spanien sowie der Mauren nach 1492, die Exulantenströme protestantischer Glaubensflüchtlinge seit dem 15. Jahrhundert, die zwangsweise Umsiedlung von Indianerstämmen in Reservate und später die Anlage von Verbrecherkolonien.
Während Reformation und Gegenreformation (1550–1750) mussten viele Protestanten ihre Heimat aus Glaubensgründen verlassen, denn seit Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Prinzip cuius regio eius religio von den Fürsten immer strenger durchgesetzt. Wer nicht zur Konfession seines Landesherren übertreten wollte, war gezwungen, das ius emigrandi (Recht auszuwandern) zu nutzen und auszuwandern. Zum Beispiel wanderten die Protestanten in Böhmen von 1620 bis etwa 1680 in mehreren Wellen aus.
Im späten 17. Jahrhundert kam es zu mehreren Emigrationswellen von Hugenotten aus Frankreich. Als König Ludwig XIV. 1685 mit dem Edikt von Fontainebleau das Toleranzedikt von Nantes aufhob und damit den Protestantismus verbot, der vor allem in Südfrankreich weit verbreitet war, verließen Tausende von Angehörigen der protestantischen Oberschicht ihre Heimat und siedelten sich überwiegend in England, den Niederlanden, Preußen und anderen protestantischen Territorien des Heiligen Römischen Reichs an. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg reagierte auf die Vertreibung der Hugenotten mit dem Edikt von Potsdam.
Deutscher Sprachraum Mittelalter Während des Mittelalters wanderten in verschiedenen Wellen Menschen aus dem Heiligen Römischen Reich in die slawisch und baltisch besiedelten Gebiete östlich davon aus (Ostsiedlung). Das führte teils zu einer Vermischung, teils blieben die deutschen Siedler eine Minderheit, teils assimilierten sich die Zuwanderer – zum großen Teil bewirkten sie allerdings insgesamt eine Germanisierung der jeweiligen Gebiete.
Das ist der Grund für die heutige östliche Ausdehnung des deutschen Sprachraums bzw. dessen noch größere östliche Ausdehnung bis zum Zweiten Weltkrieg. Weite Bereiche des heutigen Ostdeutschlands sowie die östlichen Teile Preußens gehörten um 1000 noch nicht zum Gebiet des Heiligen Römischen Reiches und wurden erst durch die Auswanderungswellen aus dem Reichsgebiet deutschsprachig (manche auch nie, z. B. Teile der ehemaligen Provinz Posen), später zum großen Teil auch Bestandteil des Heiligen Römischen Reichs.
Die Siedlungsbewegung in Richtung Osten setzte sich auch in der Neuzeit fort. Allerdings unter veränderten Rahmenbedingungen (siehe unten), und die Zielgebiete lagen oft immer weiter im Osten. Sie waren nicht immer mit dem deutschen Sprachraum verbunden und wurden zu Inseln der deutschen Sprache (zum Beispiel Wolgadeutsche, siehe unten).
Dreißigjähriger Krieg und dessen Nachkriegszeit Zu starken Emigrationsbewegungen aus wirtschaftlichen Gründen kam es nach dem Dreißigjährigen Krieg, als Arbeitsemigranten aus der übervölkerten Schweiz (vor allem aus den Kantonen Bern, Zürich, Thurgau und aus Gebieten des heutigen Kantons St. Gallen) sowie aus Vorarlberg in den zerstörten, teilweise menschenleeren Gegenden Südwestdeutschlands ansässig wurden und halfen, das verwüstete Land wieder zu besiedeln.Eberhard Fritz: Kriegsbedingte Migration als Forschungsproblem. Zur Einwanderung aus Österreich und der Schweiz nach Südwestdeutschland im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. In: Matthias Asche/Michael Herr-mann/Ulrike Ludwig/Anton Schindling (Hrsg.): Krieg, Militär und Migration in der Frühen Neuzeit (Herrschaft und soziale Systeme, Band 9). Münster 2008. S. 241–249.
18. Jahrhundert Seit dem 15. Jahrhundert förderten einige Landesherren wie die Grafen zu Wied oder die Könige von Preußen die Ansiedlung von Glaubensflüchtlingen im Rahmen ihrer Peuplierungspolitik durch Vergünstigungen, weil sie auf Impulse für ihre Wirtschaft hofften. So fanden 1733 auch die Salzburger Exulanten aus dem Erzstift Salzburg Aufnahme in Preußen.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts emigrierten viele Menschen aus den deutschen Staaten nach Osten: nach Ungarn, Rumänien und Russland, auch hier ermutigt durch Landesherren. In manchen Ansiedlungsgebieten blieben die Sprache und Kultur des Heimatlandes jahrhundertelang erhalten, da die Siedlungen nach außen weitgehend isoliert waren und insbesondere Heiratsverbindungen mit Einwohnern des aufnehmenden Landes fast ausgeschlossen waren. Indessen entwickelten die Auswanderer eine bedeutende Wirtschaftskraft.
Personen, die aus religiösen Gründen auswanderten, zogen darüber hinaus schon im 18. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten von Amerika, um bei der dort gewährten Religionsfreiheit ohne Repressalien leben zu können. Das war insbesondere für kleine religiöse Gruppierungen von Interesse. Vor allem der Staat Pennsylvania zog Menschen aller religiösen Richtungen an. Man nahmZeugnisse Rheinischer Geschichte 1982 (hopman44). an, dass allein im 18. Jahrhundert ca. 200.000 Menschen aus Deutschland nach Amerika auswanderten.
19. Jahrhundert Im 19. Jahrhundert erreichte die um 1820 einsetzendeMax Döllner: Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt an der Aisch bis 1933. Ph. C. W. Schmidt, Neustadt a.d. Aisch 1950, S. 466 f. Neuauflage 1978 anlässlich des Jubiläums 150 Jahre Verlag Ph. C. W. Schmidt Neustadt an der Aisch 1828–1978. (zur Auswanderung aus Aischtaldörfern nach Amerika). Auswanderung im deutschsprachigen Raum einen Höhepunkt. Es kam verschiedentlich zu Massenauswanderungen; sie hingen unter anderem mit der konjunkturellen Entwicklung, mit Missernten und/oder mit der Demografie Deutschlands zusammen. Man kann drei Phasen der Massenauswanderung unterscheiden:
1816/1817 Der Vulkan Tambora auf der Insel Sumbawa (Indonesien) schleuderte im April 1815 so viel Asche in die Atmosphäre, dass es 1815 und 1816 auf der nördlichen Halbkugel extrem nasse und kalte Sommer gab („Jahr ohne Sommer“) und die Ernte zweier Jahre ausfiel. Deshalb kam es zu einer großen Emigrationsbewegung. In Südwestdeutschland schifften sich viele Menschen auf der Donau ein und siedelten in Südrussland (Bessarabien, in der Gegend um Odessa und um Tiflis im Kaukasus). Ein kleinerer Teil der Emigranten wanderte in die Vereinigten Staaten aus.Karl Stumpp: Die Auswanderung aus Deutschland nach Rußland in den Jahren 1763 bis 1862. 5. Auflage. Stuttgart 1991.
1845–1865 mini|Die Auswanderer (Abschied der Auswanderer von ihrer Heimat), Carl Wilhelm Hübner, 1846 mini|Im Auswanderungsbüro, Felix Schlesinger, 1859 Wiederum lösten Pauperismus und eine anhaltende Wirtschaftskrise eine Massenemigration – die größte des 19. Jahrhunderts – aus; nun zogen die Auswandererströme fast ausnahmslos in die Vereinigten Staaten. Dort wurden weite Landstriche erschlossen und besiedelt; man bekämpfte und vertrieb die ansässigen indigenen Völker. Ein weiteres Motiv zur Auswanderung waren Goldfunde in Kalifornien seit 1848, die den kalifornischen Goldrausch auslösten.
Die Lage und Motive der Auswanderer dieser Zeit aus dem Hunsrück nach Brasilien thematisierte Edgar Reitz in seinem 2013 erschienenen Spielfilm Die andere Heimat.
Die Paulskirchenverfassung von 1849 sah Grundrechte der Freizügigkeit im Bundesgebiet (§ 133 Abs. 1) und der Auswanderungsfreiheit (§ 136 Abs. 1) vor. Zuvor hatten bereits einzelne deutsche Staaten, angefangen mit Baden im Jahr 1803, eine Ausreisefreiheit festgeschrieben, und die Bundesakte vom 8. Juni 1815 hatte die Binnenwanderung ohne Abzugsgeld innerhalb des Gebiets des Deutschen Bundes ermöglicht, wobei die Auswanderung nach Übersee dem Ermessen der Einzelstaaten überlassen geblieben war. Die Paulskirchenverfassung scheiterte zwar, gilt aber als wegweisend für die deutschen Verfassungen des 20. Jahrhunderts.
Nach der gescheiterten Märzrevolution wanderten viele Deutsche aus politischen Gründen aus; sie werden auch „Achtundvierziger“ oder Forty-Eighters genannt.
Nach 1855 wanderten weniger Menschen aus, während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) fast keine. Friedrich Naumann bezifferte 1916 die Zahl der zwischen 1821 und 1912 in die USA Ausgewanderten auf 5,45 Millionen.Friedrich Naumann: Die amerikanische Neutralität. In: Friedrich Naumann (Hrsg.): Die Hilfe. Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst, 1916, 22. Jg., Berlin-Schöneberg, S. 125 f.
Von 1816 bis 1861 war der bayerische Matrikelparagraf einer der Hauptgründe für das Überwiegen bayerischer Juden in der ersten jüdischen Einwanderungswelle in die USA.Ursula Gehring-Münzel: Die Würzburger Juden von 1803 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. Band III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, S. 499–528 und 1306–1308, hier: S. 500–504.
Als Teil der gleichen Auswanderungswelle wanderten auch tausende Deutsche in die australischen Kolonien aus. Ihre Zahl wird auf etwa 70.000 bis 80.000 – bis zum Ersten Weltkrieg – geschätzt.Deutsche in Australien. rastlos.com Die Deutschen prägten die Geschichte des Kontinentes nachhaltig.
1880er Jahre