mini|hochkant=1.5|Nomadencamp auf dem tibetischen Hochplateau. mini|Für alle Hirtennomaden spielen die Reit- und Zugtiere (Pferde, Kamele, Rentiere) eine besondere Rolle. Nomadismus ist (im deutschen Sprachraum) ein Überbegriff für die traditionelle Wirtschafts- und Gesellschaftsform der Hirtenvölker trockener und kalter Wüsten, Steppen und Tundren, in denen dauerhafter Bodenbau keinen Nutzen hat. Hirtenvölker betreiben Fernweidewirtschaft auf natürlichem Weideland (mobiler Pastoralismus) und verlegen je nach Zustand der Weiden ihren Wohnort. Nomadische bzw. halbnomadische Reitervölker spielten vor allem in der eurasischen Steppe eine wichtige Rolle.

Wichtige gemeinsame Kulturelemente von Hirtenvölkern sind transportable oder leicht zu errichtende Behausungen (zumeist Zelte), ähnliche materielle Kultur und allgemein geringer Besitz.Fred Scholz: Nomadismus ist tot. Siehe Literatur.Zoritza Kiresiewa: Derzeitiger Stellenwert von nationalen und internationalen Projekten im Bereich Nomadismus/Mobile Tierhaltung im Altweltlichen Trockengürtel. Siehe Literatur.Dawn Chatty (Hrsg.): Nomadic Societies in the Middle East and North Africa: Facing the 21st Century. Koninklijke Brill NV, Leiden (NL) 2006.Philip Carl Salzman: Pastoralists. Equality, Hierarchy, and the State. Westview Press, Boulder, Colorado (USA), 2004. Überdies haben Tierarten, die als Reit- oder Zugtiere genutzt werden, einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert: Sie werden umsorgt und verehrt.→ Lit.: Kleines abc des Nomadismus. S. 146.

Als Nomaden werden jedoch nicht nur die Angehörigen der hier behandelten Hirtenvölker bezeichnet, sondern alle Menschen, die häufiger ihren Wohnplatz wechseln (→ Nomade). In dieser weiter gefassten Bedeutung wird Nomadismus – im Sinne von „Nomadentum“ – in vielen europäischen Sprachen verwendet. Zur deutlicheren Unterscheidung werden im Deutschen bisweilen die Begriffe Hirtennomadismus oder Pastoralnomadismus verwendet.

Die ganzjährige nicht-motorisierte Wanderung einer vollständigen, sich weitgehend selbst versorgenden, Hirten-Gemeinschaft mit ihrem Vieh ist heute äußerst selten. Die Verwendung des Begriffes für heutige Hirtennomaden ist deshalb umstritten.

Gleichwohl ist die ökologisch nachhaltigste, am besten angepasste und nach wie vor häufigste Bewirtschaftungsform der kargen Trockenräume die Fernweidewirtschaft.A. Rosati, A. Tewolde, C. Mosconi, World Association for Animal Production (Hrsg.): Animal Production and Animal Science Worldwide. Wageningen Academic Pub, 2005. Daher wird in der Fachliteratur eine Trennung der Bezeichnungen in eine kulturwissenschaftliche/historische und eine wirtschaftliche Begrifflichkeit gefordert. Insofern werden die modernisierten, heute mehr oder weniger marktorientierten Formen der postnomadischen Extensivhaltung von Weidevieh häufig unter dem Begriff Mobile Tierhaltung zusammengefasst.

Versuche einer Neudefinition mini|Junge Ziegenhirten in Afghanistan Heute existiert bei den mobilen Tierhaltern eine Vielzahl verschiedener Lebensweisen: Von bezahlten, angestellten Hirten bis hin zu allen denkbaren Formen eines räumlichen, zeitlichen oder sozialen „Teilzeitnomadismus“. Daher plädieren einige Wissenschaftler für eine Definition des Begriffs, die sich auf die heutige Fernweidewirtschaft bezieht. Zwei konträre Beispiele: Vorschlag zur Einengung des Begriffes auf die Mobile Tierhaltung:

Vorschlag zur Erweiterung des Begriffes auf alle nomadischen Lebensmodelle:

Klassischer Hirtennomadismus mini|Kamelmarkt im Sudan mini|Chanten-Mädchen sammeln Beeren; früher nur zum eigenen Verzehr, heute auch zum direkten Verkauf. mini|Milch, Wolle, Felle und andere Produkte stehen bei den meisten Hirtenvölkern weit vor dem Fleisch der Herdentiere Die Basis des Lebensunterhaltes (Subsistenz) aller Wanderhirten bilden Viehherden, die fast immer mehrere Tierarten umfassen. Die Tiere dienen in erster Linie als Lieferanten für Milch und Kleidung zur Selbstversorgung und zum Tausch gegen pflanzliche Produkte und nur final als Fleischlieferanten.Nils Wiemann: Infoblatt Nomadismus. Definition, Formen, Verbreitung und aktuelle Probleme. Geographie Infothek, Klett, Leipzig 2012. Bereits proto-nomadische Völker domestizierten im Laufe der Geschichte eine Vielzahl von Tierrassen wie Rinder, Ziegen und Schafe, Yaks, Pferde, Kamele und in der neuen Welt verschiedene Lama-Arten. In den subpolaren- und borealen Gebieten der Alten Welt basiert der Nomadismus auf der Haltung von (halbwilden) Rentierherden.

Saisonale Schwankungen bzw. die geringen Mengen des Futterangebotes aufgrund der extremen klimatischen Bedingungen in den trockenen und kalten Offenlandschaften sind die wesentlichen Ursachen für die mobile Lebensweise. Dabei sind die Größe der Herde, ihre Zusammensetzung (Anzahl der Jungtiere u. Ä.), die produzierte Menge tierischer Produkte, die Nähe zu Wasserstellen und festen Siedlungen (bezüglich Handel, Absatzmärkten, Gesundheitsvorsorge) und nicht zuletzt das erforderliche Arbeitspensum von Bedeutung. Darüber hinaus spielten von jeher auch Beziehungen zu anderen, auch sesshaften Völkern eine wesentliche Rolle. Dies erfordert flexible wirtschaftliche Strategien, die ggf. Jahr für Jahr aufs Neue den veränderten Umweltbedingungen angepasst werden mussten. Abgesehen von den Rentiernomaden, die sich weitgehend an die Wanderungen der Tiere angepasst haben, planen nomadische Familien ihre Wanderungen daher sorgsam.

Mitunter kann die Viehzucht vorübergehend nachrangig werden. Daher gehört zeitweiliger Feldbau, Jagen und Sammeln, Handel und der Austausch mit benachbarten ackerbautreibenden Gruppen oder urbanen Zentren ebenfalls zum Nomadismus. So schlagen beispielsweise die traditionellen Tuareg-Hirten in Nordnigeria ihr Lager regelmäßig bei sesshaften Bauern auf, um den als Brennmaterial begehrten Kameldung gegen Hirse, Holz und Wasser zu tauschen. Die Kontakte sind je nach Lage, Zeit und Umständen friedlich oder konfliktreich.Kleines abc des Nomadismus. S. 24, 242–243. Im Mittelalter waren viele Reiternomaden zudem intensiv als Menschenhändler tätig, die die damaligen Reiche Afrikas, Asiens und Osteuropas mit Sklaven versorgten.Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei: Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2013, ISBN 978-3-11-027880-4. S. 5, 126, insbes. 272, 277, 314–315, 539.Dieter Haller (Text), Bernd Rodekohr (Illustrationen): Dtv-Atlas Ethnologie. 2. Auflage. dtv, München 2010. S. 165–167.

Im Unterschied zur klassischen Transhumanz (saisonale Fernweidewirtschaft durch bezahlte Wanderhirten) und den modernen Formen mobiler Tierhaltung begleiten (klassische) Hirtennomaden – als Eigentümer der Herden – das Vieh im geschlossenen Familienverband mitsamt dem Hausrat auf ihren Wanderungen zu frischen Weiden.Hermann Kreutzmann: Hunza: ländliche Entwicklung im Karakorum. In: Abhandlungen Anthropogeographie, Bd. 44. Berlin. S. 127Anne Hegge: Agropastoralismus – Phänomen und Beschreibung afrikanischer Beispiele. Hausarbeit zur Vorlesung Agrargeographie mit besonderer Berücksichtigung Nordafrikas, Lehrstuhl für Stadtgeographie und Geographie des ländlichen Raumes, Universität Bayreuth, 2003. S. 1–22.

Gesellschaftsstrukturen

Die Basis der Sozialstruktur ist die Verwandtschaft. Hirtennomaden haben vielfältige Gesellschaftsformen hervorgebracht: Zum Schutz der Herden und zur Koordination der komplexen Weidezyklen kooperieren mehrere Familien, die ein Nomadenlager bilden. Diese kleinsten Sozialgruppen sind zumeist akephal (herrscherlos) und egalitär (soziale Gleichheit).Johannes Moser: Einführung in die Wirtschaftsanthropologie. Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie, Ludwig-Maximilians-Universität München 2008. S. 56.Thomas Schweizer, Margarete Schweizer, Waltraud Kokott, Ulla Johansen (Hrsg.): Handbuch der Ethnologie. D. Reimer, Berlin 1993, ISBN 3-496-00446-0. S. 545–546. Die meisten Ethnien sind darüber hinaus in segmentären GesellschaftenWalter Hirschberg (Hrsg.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 175. oder auch in Stämmen organisiert, die sich in Krisenzeiten zum Teil zu Stammesverbänden zusammenschließen. Dies hat häufig zur Herausbildung von Führungspersönlichkeiten geführt. Einige Hirtenvölker West- und Zentralafrikas (z. B. Fulbe, Tutsi, Hima) lebten in vorkolonialen Staaten.

Wohlstand, Macht, Prestige und sozialer Status einer Gemeinschaft beruhen auf der Größe der Herden. In den meisten hirtennomadischen Kulturen bestehen demnach deutliche soziale Unterschiede. Das Verhältnis der Geschlechter und der verschiedenen Altersgruppen ist zumeist durch klare Aufgabentrennung und Regeln gekennzeichnet. Nomadische Hirtenkulturen sind fast ausnahmslos patriarchalisch organisiert (Beispiele: Mongolen, Massai, Nenzen).

Das Eigentum an Land war früher unbekannt, man übte lediglich Zugangs- und Nutzungsrechte aus, die allerdings nicht selten auch mit Gewalt verteidigt wurden.

Glaubensvorstellungen mini|Buddhistische Gebetsfahnen in der mongolischen Steppe

Viele Nomaden haben zum Teil heute noch mündlich überlieferte, animistische Weltbilder, d. h., die Natur wurde als beseelt und bedeutungsvoll erachtet und verehrt. Darüber hinaus kam es zu Kontakten mit anderen Religionen, die mitunter in die eigenen Glaubensvorstellungen integriert wurden. Einige Gruppen praktizieren einen Ahnenkult, der ansonsten eher bei Bauern zu finden ist und insbesondere in AfrikaManfred Kemme: Das Afrikabild in deutschen Religionsbüchern: eine Untersuchung katholischer Religionsbücher für die Sekundarstufe I. LIT Verlag Münster, 2004. S. 111 f. und auf der Arabischen Halbinsel kam später der Glaube an einen monotheistischen Hochgott vor. Neben dem nach wie vor existierenden Schamanismus in Sibirien und Innerasien oder Amerika spielen heute in den hirtennomadisch geprägten Gesellschaften Afrikas und Eurasiens der Islam sowie vorwiegend im östlichen Bereich der Buddhismus, zumeist in Form des Lamaismus eine wesentliche Rolle.→ Lit.: Kleines abc des Nomadismus. S. 180–181.

Verbreitung mini|Mit den Spaniern kamen im 16. Jahrhundert auch Schafe nach Amerika, so dass sich u. a. bei den Navajo-Indianern ein Hirtennomadismus entwickelte, der bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Bestand hatte. Hauptverbreitungsgebiet des Nomadismus ist der altweltliche Trockengürtel: die Halbwüsten, Steppen und Trockensavannen Nordafrikas, Osteuropas, Vorder- und Zentralasiens, sowie die Tundren Nordeurasiens, sowie die Bergregionen vieler Kontinente.

In bescheidenerem Umfang hatte sich auch in Südamerika ein Pastoralnomadismus mit Lamas entwickelt, der besonders bei der Wari-Kultur zum Ausdruck kam. Diese Kulturform erlosch jedoch bereits vor der Ankunft der Europäer mit der Unterwerfung durch die Inkas.Christiane Bethke: Pastoral-Nomadismus in den Anden. Universität zu Köln (Institut für Völkerkunde), 1999 – ISBN 978-3-638-11667-1. Überdies entstanden bei einigen Indianerstämmen der subtropischen Trockengebiete Nord- und Mittelamerikas mit der Einführung von Schafen aus Europa lokale Formen einer hirtennomadischen Lebensweise.

Geschichte und kulturhistorischer Beitrag mini|Künstlerische Darstellung berittener nomadischer Krieger Innerasiens mini|Nomaden, die noch unmotorisiert und ungebunden durch die Steppe ziehen (wie diese Tibeter 2007), sind heute extrem selten.