Eine Offenbarung ist die Eröffnung von etwas bisher Verborgenem. Der Begriff wird im sinnlichen, im religiösen und im juristischen Sinne gebraucht. Etwa im Patentrecht.

Im religiösen Kontext bezeichnet „Offenbarung“ allgemein die Erschließung oder Mitteilung einer göttlichen bzw. transzendenten Wahrheit, die dem Menschen nicht allein durch rationale Erkenntnis oder empirische Beobachtung zugänglich ist. Sie kann als ein „Durchbrechen einer transzendenten Wirklichkeit“ in die menschliche Erfahrungswelt verstanden werden.Joachim Weinhardt, Sabine Pemsel-Maier: Offenbarung. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Februar 2025, auf die-bibel.de Abschnitt. „1. Offenbarung als Reflexionsbegriff“

In vielen religiösen und spirituellen Traditionen oder Systemen fungiert die Berufung auf Offenbarung als ein zentraler Legitimationsanspruch. Sie kann dazu dienen, religiöse Autorität sowie soziale und politische Ordnungen zu begründen oder zu stabilisieren, indem bestimmte Personen, Gruppen oder Institutionen als Träger eines göttlichen Auftrags verstanden werden. In diesem Zusammenhang wird in der Religionswissenschaft diskutiert, inwiefern Offenbarungsansprüche mit der Ausbildung und Rechtfertigung von Macht- und Herrschaftsstrukturen verbunden sein können.

Bedeutungen im religiösen Kontext Im heutigen Deutschen fächern sich die Bedeutungen auf, so auch im Sinne von „sich jemandem anvertrauen“.

Die hauptsächliche Verwendung des Wortes „Offenbarung“ liegt im religiösen Bereich. Hier bezeichnet es die Enthüllung göttlicher Wahrheiten oder eines göttlichen Willens. Dies ist prinzipiell in verbaler oder in nonverbaler Form möglich, vor Einzelnen oder Vielen. Während das gesamte Volk Israel Zeuge einer Massenoffenbarung Gottes am Berg Sinai wurde, ist beispielsweise die Paulinische Theologie Ergebnis einer behaupteten Einzeloffenbarung, wie auch diejenigen Buddhas, Joseph Smiths (Prophet des Mormonentums), Mohammeds (Prophet des Islam), Bahāʾullāh (Stifter des Bahaitums) und aller anderen Religionsstifter.„Wenn man fragt: Wie war es, als das Volk am Sinai stand und die Stimme Gottes hörte? – dann muß die Antwort lauten: Wie kein anderes Geschehen in der Geschichte der Menschen. Es gibt zahllose Legenden, Mythen, Berichte – aber nirgendwo sonst wird davon Kunde gegeben, daß ein ganzes Volk Zeuge eines Ereignisses wie das vom Sinai wurde.“ Aus: Abraham Joshua Heschel: Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums. In: Zehuda Aschkenasy, Ernst Ludwig Ehrlich, Heinz Kremers (Hrsg.): Information Judentum, Band 2. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1992, S. 146. Das letzte Buch des Neuen Testaments der Bibel, die Offenbarung des Johannes, wird auch kurz „Offenbarung“ genannt und entsprechend abgekürzt. (z. B. ) Der Begriff wird oft auch im Sinne einer mehr oder weniger tiefgehenden sinnlichen Erfahrung des Göttlichen in der Musik, Kunst oder bei kulinarischen Speisen gebraucht. Dies ist dabei nicht notwendigerweise immer als Hyperbel gemeint. Nach der Theologie von Paul Tillich ist nichts prinzipiell von der Offenbarung ausgeschlossen.Paul Tillich: Systematische Theologie, 1. Bd., Stuttgart 1956, S. 142 f.

Begriffsverwendung in der Bibel Martin Luther verwendete das deutsche Verb „offenbaren“ zur Wiedergabe des griechischen Wortes apokálypsis (ἀποκάλυψις, „Enthüllung, Offenbarung“), von dem sich auch die Fremdwörter Apokalypse und Apokalyptik herleiten. Die Wortbestandteile des dazugehörigen Verbs ἀποκαλύπτειν apokalýptein („enthüllen, entblößen, offenbaren, kundtun“), ἀπό apó („weg“) und καλύπτειν kalýptein („verhüllen“), bedeuten so viel wie „eine Verhüllung fortnehmen“. Dieses Verb wiederum übersetzt in der Septuaginta die hebräische Wurzel glh (גלה) aus dem Tanach (dem Alten Testament).

Tanach mini|hochkant=.85|Giorgio Vasari: Jakobs Traum, 1557–1558Der Tanach ist voller Beschreibungen von der Wahrnehmung des Wirkens Gottes. Erstaunlicherweise taucht das an sich häufige hebräische Verb galah (Offenbarung) in diesem Bezug nur sehr selten auf; dieses Wort hat in der überwiegenden Zahl seines Vorkommens gar keine theologische Bedeutung.C. Westermann, R. Albertz: Art. גלה glh aufdecken, in: THAT 1, 5. Auflage. Gütersloh 1994, Sp. 418–421. Das Spektrum seiner Verwendung reicht von „aufdecken, entblößen“ (und zwar von etwas Verbotenem, z. B. der Scham ) über „fortgehen“ bis „in die Verbannung führen“ (d. h. Galut bzw. Diaspora, beispielsweise das Babylonische Exil).

Die mit der Wurzel glh verbundenen Vorgänge waren also für die Menschen erst einmal profaner Natur und außerdem eher unangenehm. Gott ist in der Regel nicht Subjekt dieses Verbs.

Die geringe Zahl an Stellen, in denen ausnahmsweise Gott etwas in Bezug auf einen Menschen „entblößt“, bilden also die Ausnahme. Sie beziehen sich zum einen auf das Ohr, das für Gottes Reden geöffnet wird – z. B. das Ohr Samuels oder Jesajas (, d. i. die einzige vorexilische Belegstelle in einem Prophetenbuch). Wie jedoch der Empfang des göttlichen Wortes vonstattengeht , wird nicht näher bestimmt. In noch späteren Traditionsschichten wird Gott um das Aufdecken der Augen gebeten, um die Wunder der Thora entdecken zu können (z. B. ); im Propheten Daniel geschieht das durch nächtliche Visionen .Horst-Dietrich Preuß: Art. „Offenbarung II: Altes Testament“, in: TRE 25, Berlin 1995, S. 117–128, hier S. 119f.

Drittens kann – stets aus dem Abstand der Rückschau heraus – gesagt werden, dass Gott sich selbst offenbart habe (z. B. mit Rückverweis auf die Theophanie ). גלה wird jedoch nie in Zusammenhang mit dem Ereignis selbst genannt. Es handelt sich dabei um eine metaphorische Übertragung: „So wie sich ein Mensch einem anderen zeigt, so kann Gott sich jemandem zeigen (offenbaren)“, was erfahren werden kann. Dies kann durchaus durch allgemeinmenschliche Ereignisse auf dem Lebensweg geschehen .C. Westermann, R. Albertz: Art. גלה glh aufdecken, in: THAT 1, 5. Auflage. Gütersloh 1994, Sp. 421–426, das Zitat Sp. 423.

Bei den Essenern in Qumran erhält das Verb galah erstmals eine deutlicher theologische und gleichzeitig „apokalyptische“ Bedeutung: Sie ist hier die „in der Thora und den Propheten enthaltene Offenbarung der Endzeit“, die durch das Studium der Schrift und ihre Auslegung bekanntgemacht werden muss.C. Westermann, R. Albertz: Art. גלה glh aufdecken, in: THAT 1, 5. Auflage. Gütersloh 1994, Sp. 426; Horst Balz: Art. Offenbarung IV: Neues Testament, in: TRE 25, Berlin 1995, S. 137f. Die vielen Situationen im Tanach, in denen Gott sich in der Geschichte wahrnehmbar macht, werden mit anderen Verben beschrieben, so z. B. „erscheinen“ , „sehen“ und „hören“ , „schauen“ , „antworten“ und anderem. Dem Wort Gottes, das von seinen Propheten ausgerichtet wird, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.Otto Kaiser: Art. Offenbarung III: Altes Testament, in: RGG4, Band 6: N–Q, Tübingen 2003, Sp. 467f. Dies alles unter dem Oberbegriff „Offenbarung Gottes“ zusammenzufassen, lag jedoch im Rahmen alttestamentlicher Denkgewohnheiten keineswegs nahe, sondern vollzieht sich erst in einem viel späteren Stadium der Begriffsgeschichte.

Neues Testament Auch die neutestamentlichen Schriften kennen noch keinen theologischen Begriff von „Offenbarung“, nicht einmal eine einheitliche Terminologie. Neben apokalyptein treten Synonyme wie griech. φανεροῦν (phanerûn) oder φαίνεσθαι (phaínesthai), die von Luther ebenfalls mit „offenbaren“ wiedergegeben wurden.Horst Balz: Art. Offenbarung IV: Neues Testament, in: TRE 25, Berlin 1995, S. 134 f. In den ältesten Schriften, den Briefen des früheren Pharisäers Paulus, bezieht sich der Begriff auf Jesus Christus, und zwar auf drei verschiedenen Ebenen:Vgl. dazu Horst Balz: Art. Offenbarung IV: Neues Testament. In: TRE 25. Berlin 1995, S. 133–141.

mini|links|Hans Speckart: Die Bekehrung des Saulus auf dem Weg nach Damaskus, zwischen 1570 und 15771. Paulus beschreibt aus der Rückschau sein früheres Widerfahrnis der Selbstoffenbarung des auferstandenen Jesus Christus in einem persönlichen, überwältigenden Enthüllungserlebnis . Dieses stand für ihn in einem Zusammenhang mit der Erscheinung des auferstandenen Jesus vor den Jüngern (, stets mit der Formulierung: Er ist „gesehen worden“, griech. ὤφθη) und machte ihn von einem Verfolger der Anhängerschar Jesu zum Apostel. erzählt mit Worten der frühen Gemeinde, dass Paulus im Zuge der Verfolgung von Christusgläubigen auf dem Weg nach Damaskus eine Christuserscheinung in hellem Licht und mit einer Wortbotschaft widerfuhr.vgl. zu dieser Stelle Peter Stuhlmacher: Biblische Theologie des Neuen Testaments Band 1: Grundlegung. Von Jesus zu Paulus, Göttingen 1992, S. 244. Nach seinen Worten ergänzen diese Berichte die Angaben von Paulus selbst in seinen Briefen, unterscheiden sich aber auch von ihnen. Sie geben einen Eindruck wieder, wie man sich in der frühen Gemeinde von der Berufung des Paulus erzählt hat. In reflektiert er die für ihn grundstürzende Erkenntnis, dass die Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Jesu Christi ruht, den er vorher verworfen hatte.Peter Stuhlmacher: Biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1: Grundlegung: Von Jesus zu Paulus. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 3-525-53595-3, S. 247. Dieses Berufungserlebnis war für ihn unableitbar und unabhängig von menschlichem Handeln, unhinterfragbar und eine Erfahrung, die seine gesamte Existenz nachhaltig und durchgreifend veränderte: Paulus konnte sich dem Christus, der sich ihm offenbart hatte, nicht entziehen, sondern verkündigte ihn nun unter Einsatz seines ganzen Lebens.

mini|hochkant|Pietro de Cortana: Ananias heilt die Augen des Hl. Paulus, 16312. Paulus’ Offenbarungserlebnis hatte ihm jedoch inhaltlich nichts entscheidend Neues gebracht, sondern ihn mit der Christusverkündigung der Urchristenheit rekonfrontiert. Hatte er diese vorher bekämpft, so erwies sie sich ihm jetzt auf Grund seines Erlebnisses als Teil des Heilswerkes Gottes. Sein Offenbarungerlebnis führt ihn also nicht aus der Gemeinschaft heraus; im Gegenteil stiftet die von anderen und jetzt auch von ihm im Evangelium verkündigte Offenbarung Gottes in Jesus Christus Gemeinschaft. „Im Evangelium wird Gott als der zu Rettung allein Mächtige und Willige den Menschen präsent, die sich glaubend auf die Christusbotschaft einlassen“ (Balz),Horst Balz: Art. Offenbarung IV: Neues Testament, in: TRE 25, Berlin 1995, S. 139, kursiv im Original und offenbart ihnen die göttliche Gnade (, ). Der Glaube erscheint darum bei Paulus als Gegenstück zur Offenbarung – umso mehr, als das „Wort vom Kreuz“ ein „Anstoß“ und „Ärgernis“ (griech. σκάνδαλον skándalon) sein kann ( u.ö.). Gottes Macht in solcher Verborgenheit widerspricht der Weisheit des Menschen und kann diesem darum nur durch Gott selbst offenbart werden durch den Geist Gottes .

mini|hochkant|links|Das zweite Kommen Christi. Kirchenfenster in der St. Matthew’s German Evangelical Lutheran Church in Charleston, USA3. Apokalypsis ist für Paulus sodann das „Offenbarwerden Jesu Christi“ in der Zukunft, wenn er im Gegensatz zu seiner früheren Verborgenheit in der Parusie in messianischer Herrlichkeit enthüllt werden wird (; vgl. damit die „Menschensohn“-Worte wie ). Diese Offenbarung wird als Handeln Gottes vor der Welt, als ein öffentliches Ereignis verstanden. Sie umfasst auch das Offenbarwerden der Gläubigen, die so, wie sie jetzt an der Verborgenheit teilhaben, dann an dieser Herrlichkeit teilhaben werden (, ), aber auch die Offenbarung des Zorns (vgl. ) bzw. des Gerichtes Gottes (, ).Albrecht Oepke: Art. καλύπτω etc., in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT), Bd. 3, Stuttgart 1938, S. 558–597; hier 582f., 586ff.Horst Balz: Art. Offenbarung IV: Neues Testament, in: TRE 25, Berlin 1995, S. 140. Ähnlich ist das alte Logion zu verstehen.Horst Balz: Art. Offenbarung IV: Neues Testament, in: TRE 25, Berlin 1995, S. 142.