Der Landkreis Grafschaft Bentheim liegt im Südwesten von Niedersachsen an der Staatsgrenze zu den Niederlanden und der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen. Kreisstadt und größte Stadt des Landkreises ist Nordhorn mit Einwohnern.

Geografie Lage mini|Grenzstein zwischen Hesingen (Halle) und Hezingen (Tubbergen)

Die Grafschaft Bentheim liegt direkt an der deutsch-niederländischen Grenze; die Niedergrafschaft ragt großenteils in das Nachbarland hinein. Der Wielener Ortsteil Vennebrügge ist der westlichste Ort auf dem niedersächsischen Festland.ndr.de: , abgerufen am 22. Juni 2017.

Naturräumlich gehört die Grafschaft Bentheim zur Ems-Weser-Geest im Zentralen Norddeutschen Tiefland. Nach dem Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands ist die Grafschaft Teil der Dümmer-Geestniederung mit der Kennzahl 58, im System des BfN ist die Grafschaft Teil der Dümmer-Geestniederung und Ems-Hunte-Geest mit der Kennung D30.

Nachbarkreise Der Landkreis Grafschaft Bentheim grenzt im Uhrzeigersinn im Norden und Osten an den Landkreis Emsland (in Niedersachsen) und im Süden an die Kreise Steinfurt und Borken (beide in Nordrhein-Westfalen). Im Westen liegen die niederländischen Provinzen Overijssel (südwestlich) und Drenthe (nordwestlich).

Klima Der Landkreis liegt in der warmgemäßigten Klimazone Mitteleuropas. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt rund 9 Grad Celsius und die mittlere jährliche Niederschlagsmenge um 800 Millimeter.Thomas Krallmann: Die weiteren Aussichten: wechselhaft, in: Burkert (Hrsg.): Die Grafschaft Bentheim, S. 33.

Landschaft Die Grafschaft ist überwiegend landwirtschaftlich geprägt, im Norden (in der Niedergrafschaft) befinden sich große Moor- und Heidegebiete, im Süden (in der Obergrafschaft) erstreckt sich mit dem Bentheimer Berg ein Ausläufer des Teutoburger Waldes (). Die nächsthöheren Erhebungen in der Grafschaft Bentheim sind der Poascheberg in Hesingen/Halle () und der Isterberg (). Der Münsterländer Kiessandzug beginnt südwestlich von Schüttorf in der Anhöhe Samerott, die mit das sich südwestlich anschließende Tal der Vechte um 20 Meter überragt.

Den größten Anteil der Gesamtfläche des Landkreises Grafschaft Bentheim nehmen landwirtschaftliche Flächen mit 67,9 % ein. Daneben sind 15,4 % der Fläche mit Wald bewachsen; 6,8 % der Fläche ist mit Gebäuden, 5,1 % mit Verkehrswegen bedeckt.Zahlenspiegel 2011, S. 16 mit weiteren detaillierten Angaben.

Auf dem Gebiet des Landkreises befinden sich 17 Naturschutz- (insgesamt rund 4.000 ha)Landkreis Grafschaft Bentheim: , abgerufen am 17. September 2012. und acht Landschaftsschutzgebiete (rund 6500 ha).Landkreis Grafschaft Bentheim: , abgerufen am 17. September 2012.

Siehe auch: Liste der Naturschutzgebiete im Landkreis Grafschaft Bentheim Liste der Landschaftsschutzgebiete im Landkreis Grafschaft Bentheim Liste der Naturdenkmale im Landkreis Grafschaft Bentheim Liste der geschützten Landschaftsbestandteile im Landkreis Grafschaft Bentheim

Gewässer mini|Die Vechte in Emlichheim mini|Das linksemsische Kanalnetz um 1900

Der Landkreis wird der Länge nach von Südost nach Nordwest von der Vechte durchzogen, welche jenseits der Grenze in das Zwarte Water mündet. Der Siedlungsraum wird seit jeher von der Vechte geprägt; der Fluss diente bis in die Neuzeit als wichtigster Verkehrsweg. Landschaftlich gesehen entspricht der Landkreis dem mittleren Vechtetal. Die Wasserscheide zwischen der Vechte als Zufluss des IJsselmeeres und der in den Dollart mündenden Ems markiert auch in etwa die Grenze zwischen den Regionen Emsland und Bentheim. Wichtigste Zuflüsse der Vechte sind die Dinkel und die Lee. Daneben prägen viele kleinere Bäche und Seen den vielfältigen Landschaftsraum der Grafschaft Bentheim.

Ebenso wie die natürlichen Gewässer prägen auch die im Zuge der Industrialisierung geschaffenen Kanäle das Landschaftsbild. Geschaffen wurden die Kanäle im Zuge des Baus des linksemsischen Kanalnetzes seit Ende des 19. Jahrhunderts. In der Grafschaft Bentheim liegen folgende Kanalstrecken:Zahlenspiegel 2011, S. 20. Ems-Vechte-Kanal (1) (17,6 km, Gesamtlänge: 22,95 km) Coevorden-Piccardie-Kanal (2) (23,5 km, Gesamtlänge: 26,5 km) Süd-Nord-Kanal (6) (10,4 km; Gesamtlänge: 45,6 km) Nordhorn-Almelo-Kanal (4) (4,2 km; Gesamtlänge: 37,6 km).

Durch den Nordhorner Verbindungskanal werden der Ems-Vechte-Kanal, die Vechte und der Nordhorn-Almelo-Kanal miteinander verbunden. Am Nordhorn-Almelo-Kanal liegt der noch heute erhaltene Klukkert-Hafen, der bis in die 1960er Jahre noch industriell genutzt wurde, sowie die Schleuse Frensdorfer Haar. Am Ems-Vechte-Kanal befindet sich ferner die restaurierte Nordhorner Koppelschleuse.

Geschichte mini|Historisches Rathaus von Schüttorf mini|Lage der Emslandlager in Deutschland mini|Eine britische Hawker Typhoon beim Angriff auf Gleisanlagen in Nordhorn (1945)

Der Landkreis wurde mit Inkrafttreten der Kreisordnung der preußischen Provinz Hannover am 1. April 1885 gegründet. Er entstand aus den damaligen Ämtern Bentheim und Neuenhaus.

Urgeschichtlich zeugen zahlreiche Hügelgrabanlagen auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Grafschaft Bentheim von der früheren Besiedlung der Gebiete, so z. B. die Hügelgräberheide Halle-Hesingen oder das Gräberfeld am Spöllberg. Bei jüngeren Funden in der Obergrafschaft wurden Werkzeuge entdeckt, die rund 40.000 Jahre alt sind und von Neandertalern stammen sollen.Grafschafter Nachrichten vom 30. Oktober 2013: Niederländer machen „sensationellen Fund“. Hobby-Archäologen stoßen in Bad Bentheim auf Spuren von Neandertalern.

1050 wurden Ortsnamen des Bentheimer Landes erstmals urkundlich erwähnt.Zahlenspiegel 2011, S. 7.

Schüttorf ist die älteste Stadt des heutigen Landkreises. Graf Egbert verlieh der Stadt 1295 die Stadtrechte., abgerufen am 21. September 2012. Im 14. Jahrhundert folgten weitere Stadterhebungen: 1369 Neuenhaus und 1379 Nordhorn (heute Kreisstadt). Neben der heute noch erhaltenen Burg Bentheim waren die Burg Altena in Schüttorf und die Burg zu Lage als militärische Verteidigungsanlagen von Bedeutung.

Im 13. und 14. Jahrhundert wurde die Grafschaft Bentheim mehr und mehr zum Bindeglied des Hansehandels zwischen westfälischen Städten wie Münster und den niederländischen Städten, die auf dem Gebiet der heutigen Provinz Overijssel liegen. Wichtige Handelswege führten sowohl per Pferd und Wagen über Grafschafter Straßen (z. B. Flämische Straße) als auch per Schiff über die Vechte.Hans-Werner Niemann: Kontinuitätssicherung durch Transformation. Die Entwicklung des Bramscher Familienunternehmens Sanders vom protoindustriellen Leinenhandel zur industriellen Weberei, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 2006, S. 9. Die Bauart der Boote, sogenannte Zompen, war an den in den Sommermonaten niedrigen Wasserstand angepasst. Über die Vechte wurde hauptsächlich Bentheimer Sandstein nach Zwolle transportiert.

Die Niedergrafschaft blieb durch die schwer zugänglichen Moorgebiete lange Zeit unterentwickelt. Im 17. Jahrhundert entstanden die ersten Kolonistensiedlungen. Bis in das 19. Jahrhundert hinein waren daher auch in der Grafschaft die Hollandgänger verbreitet, zahlreiche Wanderrouten führten durch Grafschafter Gemeinden wie u. a. durch Uelsen. Weitere Versuche, die Moorgebiete infrastrukturell zu erschließen, organisierten die Nationalsozialisten in Form des Reichsarbeitsdienstes, der 1938 Strafgefangenenlager im Moor errichtete. Bekannte Namen sind Bathorn (Hoogstede), Alexisdorf (Neugnadenfeld) und Wietmarschen (Füchtenfeld), die zur Gruppe der Emslandlager gehörten.

Seit dem 19. Jahrhundert trat Nordhorn als eine der größten Städte der Textilindustrie in Deutschland in Erscheinung. 1839 gilt als Gründungsjahr der Nordhorner Textilindustrie. An der Handelsstraße entstand die erste mechanische Schnellweberei durch Willem Stroink aus Enschede. Hier wurde Baumwolle verarbeitet, Kattun und Watertwist gewebt. Weitere Betriebe gründeten 1864 Jan van Delden und 1851 Josef Povel und Hermann Kistemaker. Die Textilherstellung wurde zum Schrittmacher für die darniederliegende Wirtschaft, der Fortschritt hielt mit zunehmender Industrialisierung Einzug. Zu den größten Unternehmen zählten Rawe, Povel und NINO; in der Wirtschaftswunder-Zeit arbeiteten rund 14000 Menschen in den Textilfabriken. Auch in anderen Orten der Grafschaft, insbesondere in Schüttorf, erfuhr die Textilindustrie ein starkes Wachstum. Mit Beginn der Ölkrise 1973 und der hieran anschließenden gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen begann der schleichende Niedergang der Grafschafter Textilindustrie: In dem auch durch die Globalisierung ausgelösten Strukturwandel konnte die heimische Textilindustrie nur schwer bestehen. Eine Vielzahl der damaligen Unternehmen existiert nicht mehr, die verbliebenen haben die Produktion oftmals ins Ausland verlagert. Dennoch beschäftigen die Textilunternehmen in der Grafschaft Bentheim heute (2012) noch rund 1000 Menschen, vor allem in den Bereichen Produktentwicklung, Textilien- und Stoffhandel, Textillogistik und Servicedienstleistungen, in Nischenbereichen wie Schutzkleidung wird sogar noch vor Ort produziert.Grafschafter Nachrichten vom 23. Mai 2012: Als Textilregion bis heute eine gute Adresse. Die Branche beschäftigt in der Grafschaft mehr als 1000 Menschen – Weltweite Vernetzung nötig.

Die weit überwiegend protestantische Grafschaft Bentheim war im Kaiserreich ein Bollwerk nationalistischer regierungstreuer Parteien. Da die Grafschaft Bentheim jedoch mit den katholischen Emslandkreisen einen Wahlkreis bildete, gehörte dieser zu den uneinnehmbaren Hochburgen des Zentrums. Erster Reichstagsabgeordneter war der Zentrumsleiter und prominentester parlamentarischer Bismarck-Gegner Ludwig Windthorst, so dass die Wahlen in diesem Wahlkreis reichsweite Beachtung erfuhren. Während der Weimarer Republik wanderte die Bevölkerung bei Wahlen immer weiter nach rechts. Die Nationalsozialisten waren hier bereits seit 1923 aktiv. Das Bentheimer Land entwickelte sich anschließend zu einer regionalen Hochburg der NSDAP.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs forderten die Niederlande im Rahmen der Niederländischen Annexionspläne die Grafschaft Bentheim als Kriegsreparation ein. Der damalige Landrat Rudolf Beckmann wies die Gebietsansprüche zurück und rief als politische Interessenvertretung den so genannten Bentheimer Grenzlandausschuß ins Leben. Wurde nach dem Bakker-Schut-Plan zunächst noch die gesamte Grafschaft eingefordert, reduzierten sich die niederländischen Ansprüche später auf das Gebiet der Niedergrafschaft mit dem Emlichheimer Ölfeld, insgesamt rund 28.000 ha. Auf der Londoner Sechsmächtekonferenz wurde 1948 schließlich vereinbart, dass grundsätzlich Korrekturen an den westlichen Grenzen Deutschlands vorgenommen werden sollen („gewisse geringfügige vorläufige Berichtigungen der Westgrenzen Deutschlands“).verfassungen.de: Das Londoner Deutschland-Kommuniqué vom 7. Juni 1948; Nr. IV., abgerufen am 3. Mai 2012. Am 26. März 1949 wurden vom „Ausschuß für die Westgrenzen Deutschlands“ auf Grundlage des „Pariser Protokolls vom 22. März 1949“vgl. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland: 1952. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2000, ISBN 978-3-486-56480-8, S. 195, Fn. 2. tatsächlich Grenzneuziehungen beschlossen, die aber weit unter den ursprünglichen Forderungen lagen. Die Grafschaft Bentheim verlor so nur rund 160 ha Land an die Niederlande. Umgesetzt wurde der Beschluss mit Wirkung zum 23. April 1949 durch die Verordnung Nr. 184 der Britischen Militärregierung.Amtsblatt der Militärregierung Deutschland (Britisches Kontrollgebiet) Nr. 28, S. 1083–1087. 1963 wurde die nach dem deutsch-niederländischen Ausgleichsvertrag (Algemeen Verdrag) von 1960 vereinbarte Rückgabe der annektierten Gebiete durchgeführt.