mini|start=29:55|thumbtime=29:55|Video: Gespräch zwischen Herstellern von Mausefallen und einem Händler in Neroth auf Jenisch, 1980 Jenisch ist eine Varietät der deutschen Sprache, linguistisch gesehen eine Sondersprache der Jenischen, das heißt von „fahrenden“ Bevölkerungsgruppen oder von deren ortsfesten Nachfahren.
Sprachbezeichnung Linguisten leiten übereinstimmend, wenngleich nicht ganz ohne Vorbehalt, die Gruppenbezeichnung jenisch und den Sprachnamen Jenisch aus dem Romanes von džan (laut Siegmund A. Wolf) bzw. džin (laut Yaron Matras) für „wissen“ ab.Siegmund A. Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen: Deutsche Gaunersprache. 2. Auflage. Bibliographisches Institut, Hamburg 1985, S. 144 f.; Yaron Matras: The Romani element in German secret languages: Jenisch and Rotwelsch. In: ders. (Hrsg.): The Romani element in non-standard speech. Wiesbaden 1998, S. 193–230, hier: S. 196. Im Bedeutungsgehalt korrespondiert Jenisch mit dem benachbarten, aus dem Jiddischen entlehnten kochem („weise“), das ohne klare Abgrenzung ebenfalls als Sprachname und Bezeichnung für die Sprechergruppen (Kochemer) verwendet wird. Im Gegensatz zu Rotwelsch sind Jenisch und Kochem Selbstbezeichnungen.
In der Zeitschrift „Scharotl“ der Radgenossenschaft der Landstrasse (Februar 2019) wird dieser Theorie ausführlich widersprochen. Der Historiker Willi Wottreng hält die Herleitung „Jenische“ von einem Roma-Wort für unwahrscheinlich. Die erstmalige Gleichsetzung von „Jenisch“ mit einem Wort für „Wissen“ durch den Hauptmann Josef K. von Train, der in den 1830er Jahren „Gaunersprachen“ erforschte, sei spekulativ. Der Sprachforscher Sigmund A. Wolf habe diese zweifelhafte Theorie zwar 1956 in seinem „Wörterbuch des Rotwelschen“ aufgenommen, aber: „Dass sich das Wort tatsächlich aus dem Romanes entwickelt hat, dafür gibt es keine Beweise“, schreibt „Scharotl“. Dagegen verweist der Autor auf ein Wort „Jenne“ im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm, das erstmals in einer Freidank-Ausgabe von 1538 in einem Gedicht auftauche und das dem Zusammenhang nach eine Person bezeichne, „die den Tag und das Leben geniesst“. Dieses Wort sei von der Forschung bisher nicht beachtet worden. Der Autor vermutet, dass das Wort „Jenne“ eher als die Romanes-Herleitung eine Verbindung zur Bezeichnung „Jenische“ aufweise. Und er kommentiert: „Vielleicht liegt beim frühen Wort ‚Jenne‘ sogar ein Schlüssel zu Einsichten über die Existenz der Jenischen vor dem Dreissigjährigen Krieg, ist es doch älter als dieser Krieg.“
In jenischen Publikationen wird auch behauptet, dass das Wort für die Sprechergruppe der Jenischen schon im 12. Jahrhundert dokumentiert sei, also Jahrhunderte vor der Ankunft von Roma in Europa; so heißt es etwa: „Im Archiv der Stadt Freiburg in Breisgau existieren Dokumente, die belegen, dass die Jenischen schon im 12. und 13. Jahrhundert erwähnt wurden und nicht wie so oft fälschlicherweise angenommen erst im 18. Jahrhundert. Jenisch als Selbstbezeichnung taucht erstmals im 13. Jh auf, wo von Yeannische Freyleut die Rede ist.“ Doch fehlen hier wiederum Quellenbelege: Ein Beitrag im anerkannten Geneal-Forum für Ahnenforschung schreibt: „Im Stadtarchiv Freiburg im Breisgau konnten auf Anfrage keine Dokumente betreffend ‚Yeannische Freyleute‘ gefunden werden.“
Sprachwissenschaftliche Charakteristik Der besondere Charakter des „Jenischen“ ergibt sich aus einem semantisch abweichenden, eng begrenzten Teilwortbestand des Deutschen unter Einschluss zahlreicher Entlehnungen aus anderen Sprachen. Der Hauptwortbestand, die Grammatik, die Syntax und die Lautung sind im Übrigen die der umgebenden Mehrheitssprache (z. B. Deutsch, Französisch). Das abweichende Lexikon folgt bei der Bildung neuer Komposita, Affigierung, Permutation und der Bildung von Metonymen der deutschen Systematik der Wortbildung. Charakteristisch fürs Jenische sind Umdeutungen gemeinsprachlich bekannter Wörter durch Bedeutungsübertragung und Bedeutungsverschiebung. Da der eigenständige Wortbestand begrenzt ist, sind auch die Gestaltungsmöglichkeiten eingeschränkt.
Das historische Jenisch ist durch eine Reihe von Glossaren belegt, deren Inhalt vor allem aus einem ordnungs- und sicherheitspolizeilichen, justiziellen und verfolgungsorientierten Interesse gesammelt und unter repressiven Bedingungen abgefragt wurde. Soweit jüngere Listen nicht immer noch diesen Blick vertreten, sind sie zumindest doch ebenfalls meist eng ausschnitthaft.
Jenisch ist eine gesprochene Sprachvarietät. Inwieweit es heute neben der mehrheitsgesellschaftlichen Standardsprache außer in einigen Nischen über Relikte mit nur situativem Gebrauch hinaus noch gesprochen wird, ist unbekannt, so dass sich eine Aussage zur Zahl der Sprecher nicht treffen lässt.
Kontaktsprachen und verwandte Sondersprachen Regionale Dialekte des Jenischen in Österreich, der Schweiz, Deutschland, den Benelux-Staaten und Frankreich lassen auf unterschiedlich enge Kontakte zwischen Jenischen, Juden und Roma schließen, da sie in jeweils unterschiedlichem Umfang Entlehnungen und Adaptionen aus dem Jiddischen und dem Romanes enthalten. Romanismen aus dem Französischen und dem Italienischen belegen Kontakte mit Sprechern auch dieser Sprachen. Viele jenische Wörter und Wendungen sind in die deutsche Alltagssprache eingegangen.
In der deutschen Linguistik wird Jenisch als Variante oder Teil des Rotwelschen klassifiziert.Siehe z. B. die zahlreichen Publikationen von Klaus Siewert und dessen Münsteraner Schule der „Sondersprachenforschung“. Deshalb und wegen Gemeinsamkeiten in Wortschatz und Sprachgebrauch gibt es unterschiedliche Deutungen darüber, welche anderen lokalen oder regionalen Sprachen, die z. T. unter anderen Sprachnamen wie „Kochum“ (z. B. Hundeshagen im Eichsfeld), „Masematte“ (Münster in Westfalen), „Manisch“ (z. B. Gießen), „Lakerschmus“ (Weimerskirch in Luxemburg) oder „Pleisle“ (Killertal) bekannt sind, dem Jenischen und/oder dem Rotwelsch zuzurechnen sind. Wortbestände und Sprechergruppen der lokalen und regionalen Jenischvarianten werden von der Sprachwissenschaft in ihrer Genese wie nach der sozialen Zuordnung als nicht kongruent taxiert. Schwer fällt Linguisten die Abgrenzung vom Rotwelsch. Gesichert lässt sich sagen, dass die Sprachbezeichnung Rotwelsch älter ist, ein Fremdetikett darstellt und nicht als Gruppenbezeichnung verwendet wird. Klar gezogen ist die Trennlinie gegenüber dem Romanes als einer in jeder Hinsicht eigenständigen Sprache der Roma.
Sprachgeschichte Erste Belege Erste Belege für die Jenische Sprache finden sich in den Basler Betrügnissen der Gyler von ca. 1440, wo eine Wortliste des allgemein bezeichneten Rothwelsch die Sprache wiedergibt, die sich mit dem noch heute gesprochenen Jenisch deckt. Eine andere frühere Quelle ist der Liber Vagatorum von 1510, wo neben typisch jenischen Worten auch eine ganze Reihe von Gewerben der Fahrenden, die traditionellen jenischen Gewerbe der Kessler, Spengler, Scherenschleifer, Schausteller etc., aufgelistet wird. Ein späterer Beleg von acht Wörtern der, wie es heißt, „jenischen Sprach“ existiert als Abschrift zweier Abschriften aus der Mitte des 19. Jahrhunderts für das Jahr 1714 (Kluge). Demnach seien es betrügerische Wiener „Kellner“ gewesen, die sich auf „eine gewisse Redens-Arth“ verlegt hätten, „welche sie die jenische Sprach nennen.“ Der Auszug enthält keine Hinweise darauf, dass es „Fahrende“ seien, die (ebenfalls) so sprächen. Er beschreibt die Sprache als Medium des Rechtsbruchs und die Sprecher als delinquent.Friedrich Kluge: Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der verwandten Geheimsprachen. Straßburg 1901 (ND 1987), S. 175 f. Eine zweite Nennung findet sich in einer „Diebsliste“ von 1716.Ausfuhrliche Beschreibung aller derjenigen Rauber, Dieb, … . Dillingen 1716 („Dillinger Liste“). Kluge, ebenda, S. 181 f., datiert fälschlich auf 1721. Sie bezieht sich räumlich auf Schwaben, die Aufgelisteten werden als „Rauber, Dieb, Beitel-Schneider und andere Jauners-Bursch“ kategorisiert. Es wird ihnen eine größere Zahl von rotwelschen Wörtern zugeordnet. Bei einem Wort ist angegeben, es sei der „jenischen Sprach“ entnommen.
Erst 1791 findet sich dann ein dritter Beleg im Titel einer Wortliste, nämlich zur „Jauner- und Jenischen-Sprache“. Fragwürdig sind die Entstehungsbedingungen des Glossars. Verfasser war der sogenannte Konstanzer Hans, Schustersohn und Anführer einer „Räuberbande“. Er machte seine Angaben als Ausweis seiner „wahren Reue“ in der Haft und vor seiner Hinrichtung, die er abzuwenden hoffte. Als Sprecher der „jenischen Sprache“ nennt er „Jauner“, die er als Kriminelle beschreibt.Ausfuhrliche Beschreibung aller derjenigen Rauber, Dieb, … . Dillingen 1716 („Dillinger Liste“).Friedrich Kluge: Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der verwandten Geheimsprachen. Straßburg 1901 (ND 1987), S. 252 f.
Mit dem 1793 erschienenen „Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben“ des Pfarrers und Waisenhausdirektors Johann Ulrich Schöll liegt dann eine erste Schrift vor, in der der Terminus „Jenisch“ durchgängig als Sprachname verwendet wird. Schöll grenzt ebenfalls räumlich auf Schwaben ein. Er verwendet das Wort zum ersten Mal zitierend zugleich als Eigenbezeichnung der Sprecher. Schöll kategorisiert soziokulturell und kriminologisch. Er unterscheidet zwei Gruppen: Bettler und Jauner, die „neben der Landessprache“ das Jenische sprächenAnonym erschienen (Johann Ulrich Schöll): Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben nach Akten und andern sichern Quellen von dem Verfasser des Konstanzer Hans, Erhard und Löflung, 1793, Kap. XV, S. 285–299 („Sprache der Jauner“), hier S. 285. Die Sprecher nennten sich „in ihrer Gesellschaftssprache Jenische, d. i. Leute, die nirgends keine Niederlassung haben; so wie sie in der Canzley- und Volkssprache den Namen von Vaganten oder Vagabunden und Strolchen führen“. Ein ethnisch-kulturelles Moment wird erkennbar in der Charakterisierung der Sprecher als durch Gemeinsamkeiten in ihrer „Lebensart, in ihren Sitten und anderen Verhältnissen“ miteinander verbunden.Vgl. Schöll 1793, Einleitung S. XVI–XVII
Zur Wahrnehmungsgeschichte Insgesamt lässt sich sagen, dass der Terminus sehr viel jünger als das konkurrierende „Rotwelsch“ ist. Seit seinem ersten Auftreten zu Beginn des 18. Jahrhunderts bleibt es für mindestens ein Jahrhundert eine Rarität. Es wird zumindest in diesem Zeitraum vor allem sozial und kriminologisch, nicht ethnisch definiert. Noch der 1877 erscheinende zehnte Band des Grimmschen Wörterbuchs vertritt diesen Beschreibungsmodus, wenn das Lemma „jenisch“ das Wort der „Gaunersprache“ bzw. einer in Schwaben gesprochenen „Spitzbubensprache“ zuordnet.
Die Wahrnehmungsgeschichte des Jenischen ist ein wesentlicher Teil seiner Geschichte. Es geht dabei um die Wahrnehmung einer nichtschriftlichen Minderheit durch eine schriftliche Mehrheitsgesellschaft, die über einflussreiche Medien verfügt, deren schreibende Betrachter „gebildet“ und meist Funktionsträger in der Justiz und anderen Organen einer „guten Policey“ sind.
Am Beginn der Rezeption des Rotwelschen und dann des Jenischen stand deren Stigmatisierung als Gauner- und als Geheimsprachen. Dieses Sprachverständnis korrespondierte mit der Kriminalisierung der Sprecher. Es blieb beherrschend bis in die jüngste Zeit. Der von ordnungspolitischen und justiziellen Interessen geleitete Blick von vor allem Verfolgungsinstanzen machte diese eine Funktion, die jede Sprache haben kann, nämlich die Kommunikation gegenüber Nichtsprechern zu verhüllen, zum hauptsächlichen Merkmal. Er vernachlässigte so vollständig die besonders bei sozial ausgegrenzten Gruppen gemischter sozialer, regionaler und sprachlicher Herkunft wichtige identitätsbildende und integrative, den Zusammenhalt fördernde Bedeutung.