mini|hochkant|Anatomisches Präparat des Rückenmarks im Wirbelkanal eines erwachsenen Menschen Das Rückenmark ( Medulla spinalisFederative Committee on Anatomical Terminology: Terminologia Anatomica. Medienpaket, Thieme, Stuttgart 1998, ISBN 3-13-115251-6. oder Medulla dorsalis,F. J. Siebenhaar: Terminologisches Wörterbuch der medicinischen Wissenschaften. 2. Auflage, Arnoldische Buchhandlung, Leipzig 1850. H. G. Liddell, R. Scott: A Greek-English Lexicon. revised and augmented throughout by Sir Henry Stuart Jones. with the assistance of. Roderick McKenzie. Clarendon Press, Oxford 1940. oder ) ist eine lange röhrenförmige Struktur aus Nervengewebe. Es bildet zusammen mit dem Gehirn das zentrale Nervensystem (ZNS) der Wirbeltiere. Es liegt innerhalb der Wirbelsäule im Wirbelkanal (Canalis vertebralis) und wird von der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) und den Rückenmarkshäuten (Meningen) umgeben. Zum Schädel hin geht das Rückenmark in den Hirnstamm über. Dessen dem Rückenmark anliegende Struktur heißt verlängertes Mark (Medulla oblongata).
Das segmental gegliederte Rückenmark führt auf- und absteigende Nervenbahnen. Es dient insbesondere der Weiterleitung von Nervenimpulsen des Motorcortex an die Muskulatur und von Impulsen der sensorischen Nervenzellen zum somatosensorischen Cortex. Auch die viszeralen Innervation von Eingeweiden von Brust-, Bauch- und Beckenhöhle erfolgt teilweise über das Rückenmark.
Das Rückenmark spielt auch eine entscheidende Rolle bei der Koordination von Reflexen und enthält Reflexbögen, die unabhängig vom Gehirn funktionieren.
Schädigungen des Rückenmarks (Myelopathien) treten aus vielfältigen Gründen auf und können mit Funktionsstörungen wie etwa Lähmungen einhergehen.
Lagebeziehungen mini|hochkant|Lage des kopffernen Endes des Rückenmarks im Durasack (gelb) innerhalb des Wirbelkanals – Schnittbild der Seitenansicht von links
Das Rückenmark entwickelt sich aus dem hinteren Neuralrohr und liegt als zylindrischer Strang von bindegewebigen Häuten (Meningen) umhüllt, von Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) umspült und von der Wirbelsäule umschlossen im Rückenbereich der Wirbeltiere. Beim Menschen geht es kranial etwa auf Höhe des großen Hinterhauptlochs ohne scharfe Grenze in das verlängerte Mark des Hirnstamms über; am kaudalen Ende verjüngt es sich kegelförmig zum Conus medullaris (Markkegel), dessen Spitze fadenförmig ausläuft mit dem Filum terminale (Endfaden).
Während das Rückenmark vor dem 3. menschlichen Embryonalmonat den Wirbelkanal noch in ganzer Länge ausfüllt, verschiebt sich wegen des relativ stärkeren Längenwachstums der Wirbelsäule schon pränatal in der fetalen Entwicklung regelmäßig das Conusende nach kranial,auch laut kernspintomographischen Untersuchungen toter Feten, siehe O. J. Arthurs, S. Thayyil, A. Wade, W. K. Chong, N. J. Sebire, A. M. Taylor: Normal ascent of the conus medullaris: a post-mortem foetal MRI study. In: The journal of maternal-fetal & neonatal medicine : the official journal of the European Association of Perinatal Medicine, the Federation of Asia and Oceania Perinatal Societies, the International Society of Perinatal Obstetricians. Band 26, Nummer 7, Mai 2013, S. 697–702, , doi:10.3109/14767058.2012.746307, PMID 23211127. was auch als Aufstieg oder Aszensus bezeichnet wird. Beim Neugeborenen liegt die Conusspitze normalerweise etwa in Höhe des dritten Lendenwirbelkörpers (L3),Marjorie A. England: Color Atlas of Life Before Birth. Normal Fetal Development. Wolfe Medical Publications, London 1983, ISBN 0-8151-3119-4. beim ausgewachsenen Menschen endet das Rückenmark in 95 % der Fälle auf Höhe von L2 oder höher.A. F. Reimann, B. J. Anson: Vertebral level of termination of the spinal cord with report of a case of sacral cord. In: Anatomical Record-advances in Integrative Anatomy and Evolutionary Biology. Band 88, S. 27–138, 1944.
Infolgedessen legen die aus dem Rückenmark beidseits austretenden Wurzeln der Spinalnerven einen nach unten hin zunehmend längeren Weg innerhalb des Wirbelkanals zurück, bevor sie ihn durch ihr Zwischenwirbelloch verlassen. Unterhalb der Conusspitze verlaufen so neben dem Filum terminale nur noch Wurzelfasern der paarigen Spinalnerven als Cauda equina (Pferdeschweif). Beim Erwachsenen kann daher bei einer Lumbalpunktion, normalerweise nach Einstich zwischen den Dornfortsätzen des 3. und 4. Lendenwirbels, Liquor entnommen oder ein Medikament injiziert werden, ohne Gefahr, das Rückenmark unmittelbar zu verletzen.
Ein Aszensus tritt auch bei anderen Säugetieren auf – und endet hier schon auf Höhe der hinteren Lendenwirbel –, nicht aber bei sonstigen Wirbeltieren. Beim Menschen können Störungen des Aszensus nicht nur zu einem Konustiefstand führen, sondern bei abnorm vermehrtem Zug an Rückenmark und Nervenfasern auch zu dem klinischen Bild eines Tethered cord.D. A. Hertzler, J. J. DePowell, C. B. Stevenson, F. T. Mangano: Tethered cord syndrome: a review of the literature from embryology to adult presentation. In: Neurosurgical Focus. Band 29, Nummer 1, Juli 2010, S. E1, , doi:10.3171/2010.3.FOCUS1079, PMID 20593997 (Review).
Rückenmarkshäute Die Rückenmarkshäute (Meninges medullae spinalis) gehen in die Hirnhäute über und sind wie diese unterschieden in die äußere harte Hirnhaut, Dura mater, und die beiden weichen Hirnhäute, die mittlere Arachnoidea (Spinnengewebshaut) und die direkt dem Rückenmark anliegende Pia mater. Verglichen mit der häutigen Umhüllung im Bereich des Gehirns fallen einige bauliche Besonderheiten auf. So ist die Dura mater nicht mit dem Periost der knöchernen Elemente des Wirbelkanals verwachsen. Daher ist zwischen Knochen und Dura mater ein Epiduralraum bzw. Periduralraum ausgebildet. Er enthält neben einem dichten Venenplexus auch Binde- und Fettgewebe. In den Epiduralraum lassen sich beispielsweise Lokalanästhetika einbringen, um die Erregungsleitung von Nervenfasern aufzuheben (Periduralanästhesie).
Des Weiteren bestehen zwischen den Rückenmarkshäuten segmental ausgebildete Brücken, die das sogenannte Ligamentum denticulatum als „gezahntes Band“ bilden. Diese in Aufsicht dreieckigen Strukturen dienen der stabilisierenden Aufhängung des Rückenmarks in dem mit Liquor cerebrospinalis gefüllten Subarachnoidalraum zwischen Arachnoidea und Pia mater.
Äußere Gestalt Das Rückenmark ist ein weißlicher, runder Strangzylinder, der in der Intumescentia cervicalis bzw. der Intumescentia lumbosacralis verdickt ist, da diese Bereiche neben dem Rumpf auch die oberen bzw. unteren Extremitäten innervieren. Nach kaudal hin wird das Rückenmark ansonsten wegen der geringeren auf- und absteigenden Verbindungen mit Hirnregionen etwas schmaler und läuft am unteren Ende als Conus medullaris (Markkegel) spitz aus. Dessen Spitze setzt das etwa 1 mm dicke Filum terminale (Endfaden) fort, das neben dem Bindegewebe der Pia mater auch Gliazellen und Fett enthält. Es verbindet die Conusspitze mit dem unteren Ende des Duralsacks bzw. darüber beim Menschen mit der Hinterfläche des Steißbeins.
mini|Vordere und hintere Wurzel jeder Seite eines Segmentes des Rückenmarks bilden je einen Spinalnerven mini|Querschnittsfläche von Segmenten des Rückenmarks
Auf der Vorderseite des Rückenmarks verläuft von oben nach unten eine feine Furche, die bauchseitig (ventral) als Fissura mediana ventralis linke von rechter Seite scheidet. Rückseitig entspricht dem hinten ein tieferer Graben zwischen beiden Seiten, der Sulcus medianus posterior. Im seitlichen Umfang lassen sich jederseits drei Stränge (lat. funiculi) voneinander abgrenzen: paramedian der Fissura mediana der Vorderstrang (Funiculus anterior, in der Tieranatomie Funiculus ventralis), hinten der Hinterstrang (Funiculus posterior, in der Tieranatomie Funiculus dorsalis) und zwischen den beiden der Seitenstrang (Funiculus lateralis).
In der Einfurchung einer Seite zwischen Hinter- und Seitenstrang, dem Sulcus lateralis posterior (in der Tieranatomie Sulcus lateralis dorsalis), treten jeweils die Hinterwurzeln der Spinalnerven ein, und zwischen dem Seiten- und dem Vorderstrang, im Sulcus lateralis anterior, treten jeweils deren Vorderwurzeln aus dem Rückenmark. Als Fila radicularia bilden diese Nervenwurzeln zwei kontinuierliche Reihen auf jeder Seite. Sie vereinen sich erst in Höhe der Zwischenwirbellöcher (Foramina intervertebralia), beim Durchtritt durch die Wirbelsäule (Columna vertebralis), zu den einzelnen Spinalnerven jeder Seite.
Vögel sind die einzigen rezenten Wirbeltiere, bei denen im Bereich der Intumescentia lumbosacralis zwischen die Hinterstränge beider Seiten der sogenannte Glykogenkörper eingelagert ist (auch Corpus gelatinosum genannt). Es handelt sich hierbei um eine gallertige, eiförmige Bildung mit glykogenreichen Gliazellen, deren funktionelle Bedeutung bislang nicht geklärt ist. Beim Haushuhn ist sie etwa 1 cm lang und 4 mm breit.
Gliederung Das Rückenmark lässt sich äußerlich je nach den gemeinsamen Wurzeln eines Spinalnervenpaares in segmentale Abschnitte gliedern, die fünf aufeinander folgenden Bereichen zugeordnet sind:
Hals- oder Zervikalmark (Pars cervicalis), bei Säugetieren mit 8 Segmenten (C1–C8) Brust- oder Thorakalmark (Pars thoracica), beim Menschen mit 12 Segmenten (Th1–Th12) Lenden- oder Lumbalmark (Pars lumbalis), beim Menschen mit 5 Segmenten (L1–L5) Kreuz- oder Sakralmark (Pars sacralis), beim Menschen mit 5 Segmenten (S1–S5) Schwanz- oder Kokzygealmark (Pars coccygis), beim Menschen meist 1 Segment (Co1)
Eines der beim Menschen meist 31 Segmente entspricht dabei jeweils einem Rückenmarksabschnitt, dem die Wurzelfasern für je einen linken und einen rechten Spinalnerven zugehören. Das zugehörige Spinalnervenpaar verlässt den Wirbelkanal oberhalb bzw. unterhalb eines Wirbels und tritt beidseits durch Zwischenwirbellöcher aus, die meist nicht mehr genau auf Höhe seines Rückenmarksegments liegen. Nach diesen Austrittstellen wird es einem Wirbelsäulenbereich zugeordnet und benannt.
Im Thorakalbereich sowie weiter kaudal heißt ein Spinalnerv samt seinem Segment nach dem darüber liegenden Wirbel und die Anzahl der Rückenmarksegmente stimmt mit der Anzahl der Wirbel überein. Dem Zervikalbereich sind dagegen bei sieben Halswirbeln acht Segmente des Halsmarks zugeordnet, da der erste Spinalnerv (C1) nicht unter, sondern über dem ersten Halswirbel, Atlas, austritt; das unterhalb des siebten Halswirbels austretende Spinalnervenpaar (C8) ist noch dem Halsbereich zugeordnet. Was oberflächlich einem Zaunpfahlproblem gleicht, findet seinen tieferen Grund darin, dass Teile des Hinterhauptbeines (Os occipitale) entwicklungsgeschichtlich als verschmolzene Wirbelanlagen betrachtet werden können.
Feinbau mini|Schematischer Querschnitt des Rückenmarks
Das Rückenmark besteht aus Grauer Substanz (Substantia grisea) und Weißer Substanz (Substantia alba). Die Graue Substanz besteht überwiegend aus Nervenzellkörpern (Perikaryen). Sie liegt im Rückenmark innen, umgibt den Zentralkanal und bildet Kerngebiete in Kernsäulen (Columnae griseae). Beiderseits liegen in der Vordersäule (Columna ventralis) Perikaryen von somatomotorischen Nervenzellen, in der Seitensäule (Columna lateralis bzw. intermedia) von viszeromotorischen, während die Hintersäule (Columna dorsalis) somatosensible und viszerosensible Nervenzellkörper enthält. Die Weiße Substanz besteht dagegen vornehmlich aus Nervenfasern. Sie umschließt die Graue Substanz des Rückenmarks vollständig, ist ihr in Form von Strängen (Funiculi) außen angelagert und enthält in der Commissura alba von einer zur anderen Seite wechselnde Nervenfasern.
Graue Substanz