mini|Oskar Schindler in Argentinien nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Oskar Schindler (* 28. April 1908 in Zwittau, Mähren, Österreich-Ungarn; † 9. Oktober 1974 in Hildesheim, Westdeutschland) war ein deutschmährischer Unternehmer, der während des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit seiner Frau Emilie etwa 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in den Vernichtungslagern des NS-Staates bewahrte.

Thomas Keneallys halbdokumentarischer Roman Schindlers Liste (1982) und die darauf basierende gleichnamige Verfilmung (1993) durch Steven Spielberg machten seine Person und sein Wirken zur Rettung der Juden einem größeren Publikum bekannt. Die staatliche israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erkannte Schindler 1967 für die Rettung der Zwangsarbeiter als Gerechten unter den Völkern an. Am 24. Juli 1993 bestätigte Yad Vashem diese ursprüngliche Entscheidung und erweiterte die Anerkennung auch auf Schindlers Frau, Emilie Schindler.

Leben Kindheit und Jugend Oskar Schindler wurde im April 1908 als Sohn des Landmaschinenfabrikanten Johann „Hans“ Schindler und dessen Frau Franziska „Fanny“ (geb. Luser) in Zwittau im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Seine Eltern heirateten 1907 und hatten neben ihm noch eine acht Jahre jüngere Tochter namens Elfriede (* 1915). Da Hans Schindler eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen hatte, lebte die Familie bis zur Weltwirtschaftskrise in relativem Wohlstand. Allerdings war das Familienleben durch den Alkoholismus und die Untreue des Vaters nicht harmonisch. Die Kinder der jüdischen Nachbarsfamilien gehörten zu ihren Spielgefährten. Schindler besuchte 1915 die Volksschule, danach die Realschule und anschließend das höhere Realgymnasium. Mit 16 Jahren wurde er jedoch von der Schule verwiesen, weil er sein Zeugnis gefälscht hatte. Im väterlichen Betrieb absolvierte er eine Lehrausbildung. Er wurde römisch-katholisch erzogen, wandte sich aber als Erwachsener für längere Zeit von der Glaubenspraxis ab. Die fromme Mutter grämte sich, weil Oskar Schindler als Erwachsener – wie sein Vater – dem Gottesdienst immer öfter fernblieb. In den Jahren 1926 bis 1929 war er ein begeisterter Motorradfahrer. Im Alter von 19 Jahren (1928) heiratete er Emilie Pelzl, die Tochter eines wohlhabenden Landwirts aus Alt Moletein. Auch sie war katholisch erzogen und wurde von ihren Eltern für ein Jahr in ein Kloster geschickt. Ihr Vater, ein Gutsbesitzer, missbilligte die frühe Heirat seiner Tochter mit einem „unfertigen Mann“.Johannes-Michael Noack: „Schindlers Liste“. Authentizität und Fiktion in Spielbergs Film. Eine Analyse. Leipziger Universitätsverlag, 1998, ISBN 3-933240-05-0, S. 17 f. Kurz nach der Heirat wurde Schindler zum Militärdienst des Heeres der Ersten Tschechoslowakischen Republik eingezogen.

Spionage für das Deutsche Reich Nach der Schließung der väterlichen Landmaschinenfabrik durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise wirkte Schindler von 1935 bis 1939 als Agent für das deutsche Amt Ausland/Abwehr in Mährisch-Ostrau und Breslau. Sein Vorgesetzter zu dieser Zeit war Admiral Wilhelm Canaris.

Zur Tarnung war Schindler als kaufmännischer Leiter der Mährischen Elektrotechnischen AG in Brünn angestellt. 1935 trat er in die pronationalsozialistische Partei Konrad Henleins ein, die Sudetendeutsche Heimatfront, später Sudetendeutsche Partei (SdP).

Nachdem seine Spionagetätigkeit aufgedeckt worden war, wurde er für den Verrat tschechoslowakischer Eisenbahngeheimnisse an Deutschland wegen Hochverrats zum Tod verurteilt. Nur Hitlers Überfall auf die „Resttschechei“ 1939 verhinderte die Vollstreckung des Todesurteils.

Am 10. Februar 1939 beantragte Schindler die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. November 1938 aufgenommen (Mitgliedsnummer 6.421.477).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/37491663 Er schied 1939 aus seiner Tätigkeit bei dem Generalkommando VIII in Breslau/Amt Canaris aus. In der Hoffnung, geschäftlich vom Krieg profitieren zu können, ging Schindler nach dem deutschen Überfall auf Polen nach Krakau.

Wirtschaftlicher Aufstieg mini|Schindlers Fabrik in Krakau (2009) mini|Halbprodukte der Fabrik

Im Oktober 1939 übernahm Schindler eine stillstehende Fabrik in Zabłocie bei Krakau, die er zunächst pachtete und später erwarb. Durch Schwarzhandel, bei dem er von seinem polnisch-jüdischen Buchhalter Abraham Bankier beraten wurde, erarbeitete er sich ein Vermögen. Blech war zu Kriegszeiten knappe Ware. Seine kleine Fabrik, die unzerbrechliches Küchengeschirr für die Wehrmacht und den Schwarzmarkt herstellte, wuchs sprunghaft. Bereits nach drei Monaten hatte sie 250 polnische Arbeiter, sieben von ihnen waren Juden. Das Ghetto Krakau wurde erst im März 1941 errichtet.

Schindler, ein Hedonist und Spieler, nahm den Lebensstil eines Lebemanns an und genoss das Leben in vollen Zügen. Er wurde von Zeitgenossen als gut aussehender, hochgewachsener Mann beschrieben, der sich gewandt auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegte, ausschweifend zu feiern wusste und Erfolg bei Frauen hatte. Schindler war ein Unterstützer des Fußballsports. Er sponserte die Deutsche Turn- und Sportgemeinschaft (DTSG) Krakau, die in der Gauliga Generalgouvernement spielte, in der nur Vereine der deutschen Besatzer zugelassen waren.Thomas Urban: Schwarze Adler, Weiße Adler. Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2011, ISBN 978-3-89533-775-8, S. 80.

Rettung jüdischer Zwangsarbeiter Deutsche Emaillewarenfabrik (DEF) In der Zeit von 1939 bis Ende 1942 war sein Betrieb zu einer Emaille- und Munitionsfabrik gewachsen, die 45.000 Quadratmeter groß war und fast 800 Arbeitskräfte beschäftigte. Unter diesen waren 370 Juden aus dem im März 1941 errichteten Krakauer Ghetto. Die Deutsche Emaillewarenfabrik (DEF) wurde von Juden häufig Emalia genannt.

Den zuvor opportunistischen Fabrikanten widerte die Behandlung der hilflosen jüdischen Bevölkerung an. Allmählich traten seine finanziellen Interessen gegenüber dem Verlangen zurück, so viele Juden wie möglich vor den Nationalsozialisten zu retten. Schließlich waren Schindler und seine Ehefrau nicht nur bereit, ihr gesamtes Vermögen (nach heutigem Wert eine Million Euro) für dieses Ziel auszugeben, sie setzten sogar ihr Leben aufs Spiel.

Die angestrebte Basis der Rettungsbemühungen war die Einstufung seiner Fabrik als kriegswichtige Produktionsstätte. Dies gelang ihm, denn die Militärverwaltung des besetzten Polen erkannte 1943 sein Emaillierwerk als Rüstungsbetrieb (Produktion von Granatenhülsen) an. Das ermöglichte ihm, sowohl wirtschaftlich lukrative Verträge abzuschließen als auch jüdische Arbeiter anzufordern, die unter der Kontrolle der SS standen.

Um dies zu erreichen, stellte er die Häftlinge als unabkömmlich für seine Produktion dar, deren Deportation das Erfüllen kriegswichtiger Aufträge verlangsamen würde. Auf diese Weise konnte er Ausnahmen erwirken, sobald Juden der Abtransport in Vernichtungslager drohte. Seinen Sekretär, Buchhalter und Finanzier Abraham Bankier beispielsweise bewahrte er am 3. Juni 1942 vor der Deportation nach Belzec. Auf riskante Weise nutzte er die zufällige Namensgleichheit mit Max Schindler, um mit einem beabsichtigten Missverständnis auf SS-Personal Einfluss zu bekommen. Schindler scheute sich bei seinem Vorgehen nicht, zu lügen oder Dokumente zu fälschen, indem er Akademiker und Kinder als qualifizierte Metallarbeiter ausgab. Ebenso konnte er im Schriftverkehr mit der SS mittels Ausstellung von „Blauscheinen“ sowie auch mit Hilfe von Geschenken und Bestechungsgeldern die Einstufung als kriegswichtiger Produktionsbetrieb erreichen.

Zwangsarbeitslager Plaszów und Schindlers Nebenlager Am 13. März 1943 räumte die SS das Krakauer Ghetto. Die als arbeitstauglich eingestuften Juden wurden in das Zwangsarbeitslager Plaszów verlegt. Von ihnen überlebten letztendlich nur einige hundert. Die anderen Bewohner des Ghettos – etwa 2300 alte und geschwächte Erwachsene und Kinder – wurden am Tag darauf ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Schindler konnte sich mit dem brutalen Lagerkommandanten Amon Göth in Plaszów anfreunden, der ihm erlaubte, seine jüdischen Fabrikarbeiter in einem eigenen Lager in der Krakauer Lipowastraße unterzubringen. Um das neu entstandene Lager wurden Wachtürme errichtet, die SS betrat es jedoch selten. Die Arbeiter wurden durch einen Signalton vorgewarnt, sobald die SS eine Lagerinspektion plante. Das Betreten seines Fabrikgeländes war der SS verboten. Durch das Arrangement eines Nebenlagers war es ihm möglich, seinen Arbeitern vergleichsweise gute Bedingungen zu bieten und ihre mangelhaften Ernährungsrationen mit Lebensmitteln zu ergänzen, die er auf dem Schwarzmarkt kaufte.

Verhöre und Reise nach Ungarn Schindler wurde mehrmals von der Gestapo vernommen, die ihn wegen Unregelmäßigkeiten, Bestechung der SS und der Begünstigung von Juden verdächtigte. Dies schreckte Schindler aber nicht davon ab, weiter zu handeln. Die Gestapo verhaftete und verhörte ihn 1941 wegen Schwarzmarktaktivitäten. Aufgrund einer Denunziation als „Judenküsser“ kam es am 29. April 1942 zu einer weiteren Verhaftung. Seine alten Kontakte zum Amt Ausland/Abwehr begünstigten unter anderem seine schnellen Haftentlassungen.

Von Historikern noch wenig erforscht ist die Nähe des Kontaktes zu seinem ehemaligen Vorgesetzten Admiral Canaris, für den Schindler vier Jahre beim Amt Ausland/Abwehr gearbeitet hatte. Canaris war von Hitler mehrfach kritisiert und für kurze Zeit vom Dienst suspendiert worden, nachdem er einen „Volljuden“ in der Abwehr eingesetzt hatte. Zudem hatte Canaris – der im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde – „Halbjuden“ als V-Männer ins Ausland geschickt und hatte die Einsatzgruppen in Polen kritisiert. Canaris’ allgemeine Haltung gegenüber dem Holocaust ist allerdings umstritten.

Im Jahr 1943 reiste Schindler auf Bitte der US-amerikanischen Hilfsorganisation Joint heimlich nach Budapest, wo er sich im Hotel Pannonia mit ungarischen Juden traf. Er schilderte diesen die verzweifelte Lage der polnischen Juden und diskutierte Hilfsmöglichkeiten (siehe auch: Zeitgenössische Kenntnis vom Holocaust).

Ab 1944: Umwandlung von Plaszów in ein KZ mini|Arbeitslager Płaszów bei Krakau (1942) Im Januar 1944 wurde das 1940 errichtete Zwangsarbeitslager Plaszów in ein KZ umgewandelt, das heißt in das reichsweite KZ-System und dessen Organisationsstruktur eingegliedert. Schindlers Lager, in dem seine Arbeiter wohnten, wurde nun KZ-Außenkommando genannt. Der Unterschied zwischen Außenlager und Außenkommando war schon im KZ Dachau eingeführt worden: Die Arbeiter eines Außenkommandos waren tagsüber zum Arbeitseinsatz am jeweiligen Rüstungsbetrieb und schliefen nachts im KZ, wo sie auch täglich zweimal auf dem Appellplatz antreten mussten. Die Arbeiter eines Außenlagers kehrten hingegen abends nicht zurück, sie wohnten und schliefen meistens in einem Lager beim Rüstungsbetrieb, das von KZ-Wachen kontrolliert wurde. Schindler hatte in diesem Fall dafür gesorgt, dass seine Arbeiter nur wochenends statt täglich ins KZ Plaszów zurückkehren mussten und dadurch der Willkür Göths entgehen konnten.

Faktisch bestand die gravierende Neuerung darin, dass das neu entstandene KZ und sein vermeintliches Außenkommando sich nun unter strengster Kontrolle der Inspektion der Konzentrationslager befanden, der Amtsgruppe D innerhalb des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamts in Berlin. Amon Göth, den Schindler freundschaftlich mit seinem Spitznamen Mony ansprechen durfte, hatte neue Vorgesetzte bekommen. Für Schindler verkomplizierte sich die Sachlage enorm. Er musste nun versuchen, mit mehreren und noch unbekannten Personen zu verhandeln, um sie wohlgesinnt zu stimmen. Er reiste nach Berlin, um Sicherheit für seine Arbeiter und sein Lager auszuhandeln. Die Produktion von Blechgeschirr ließ er beenden, die Fabrik produzierte nun ausschließlich Munition.