mini|hochkant=1.5|Visby – Hafen und Altstadt

Visby (; schwedische Aussprache ; deutsch auch Wisby) ist eine Stadt an der Westküste der schwedischen Ostseeinsel Gotland. Visby ist die Hauptstadt der Provinz Gotlands län in der historischen Provinz Gotland und Hauptort der Gemeinde Region Gotland sowie Bischofssitz des gleichnamigen Bistums. Das Stadtwappen zeigt das Lamm Gottes.Siehe: Wappen mit Agnus Dei

Klima Visby befindet sich im Bereich feucht-kontinentalen Klimas (nach Wladimir Köppen: Dfb). (direkt: Final Revised Paper; PDF; 1,7 MB).

Geschichte mini|Historische Stadtmauer Visby mini|Park Almedalen mini |Stadtansicht von Almedalen Ursprung des Ortes Der Name Visby (nord. vi = „Opferplatz“) deutet darauf hin, dass der Ort vorchristliche Bedeutung hatte. An der Westküste Gotlands, wo die Küstenlinie nach Nordosten abknickt, liegt der Ort des späteren Visbys günstig: Das Ufer bildet eine damals durch Sandbänke geschützte Bucht, an der das steile Ufer terrassenförmig abfällt. Er war ein idealer Anlandeplatz für tiefgehende frühzeitliche Schiffe. Zudem gab es reichliche Frischwasserquellen.Robert Bohn: Wisby – die Keimzelle des hansischen Ostseehandels. In: Jörgen Bracker (Hrsg.): Die Hanse – Lebenswirklichkeit und Mythos. Textband zur Hamburger Hanse-Ausstellung von 1989. Lübeck 1999, S. 269. Die Anfänge Visbys liegen wohl in einer Zeit, in der traditionelle Handelswege durch die arabische Expansion nicht mehr nutzbar warenSiehe hierzu auch Pirenne-These und der Handel zwischen Byzantinischem und Fränkischem Reich zunehmend über die Flüsse Osteuropas und die Ostsee abgewickelt werden musste. Dabei waren die hauptsächlichen Schifffahrtswege aus dem Süden in den Norden und den Osten der Ostsee zwischen schwedischer Ost- und gotländischer Westküste gelegen, um die direkte Überfahrt über das Meer zu vermeiden.

Die Spuren der älteren Besiedlung sind spärlich; aber seit dem Beginn der Wikingerzeit (ab 800 n. Chr.) wurde der Platz kontinuierlich genutzt.G. Dahlbäck: Art. Visby. In: Lexikon des Mittelalters, Band 9. Darmstadt 2009. Überreste von Holzhäusern, die in der Altstadt gefunden wurden, konnten auf diese Zeit datiert werden. Jedoch ist davon auszugehen, dass der Ort vorerst nur saisonal von ansässigen Handelsbauern bewohnt wurde. Während der nordgermanischen Expansion in der Wikingerzeit, an der die Bevölkerung Gotlands aktiv teilnahm, wurde die Insel zum wichtigen Ausgangspunkt heimwärts und auswärts gerichteter Fahrten. Die Gotländer übernahmen aus dieser Zeit die wikingische Handelstradition, und Visby wurde zu einem Handelszentrum zwischen dem Westen und dem Baltikum.Robert Bohn: Wisby – die Keimzelle des hansischen Ostseehandels. In: Jörgen Bracker (Hrsg.): Die Hanse – Lebenswirklichkeit und Mythos. Textband zur Hamburger Hanse-Ausstellung von 1989. Lübeck 1999, S. 270. Im 11. Jahrhundert wuchs der nun ganzjährig besiedelte Ort, und die erste Kirche wurde im Hafenbereich errichtet.

Führender Handelshafen im 12. Jahrhundert Visby entwickelte sich in der Mitte des 12. Jahrhunderts zum führenden Handelshafen des Ostseeraumes.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 10. Schon im vorherigen Jahrhundert ist ein den Handel betreffendes Abkommen zwischen Visby und Nowgorod anzunehmen.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 11. Gotlandfahrer, also nach Visby reisende Kaufleute, sind zuerst unter den Russen und Dänen belegt: Für die Russen sprechen mindestens eine russische Kaufmannskirche in Visby (St. Olav) und eine Erwähnung in der Nowgoroder Chronik; die Anwesenheit der Dänen belegt ein Privilegienbrief des dänischen Königs Waldemar des Großen (siehe Knudsgilde). Deutsche Kaufleute sind erst später – nach 1161 (Artlenburger Privileg) – in größerer Zahl anzunehmen. Wurde Visby zuerst angefahren, weil der direkte Weg über die Ostsee nicht gewagt wurde, entwickelte es sich bald zum Handelsort, wo westeuropäische Produkte (u. a. Tuche, Wein und Gewürze) gegen schwedische (EisenPhilippe Dollinger: Die Hanse. Kröners Taschenausgabe, 371, 6. Auflage. Alfred Kröner, Stuttgart 2012. S. 310 ff., besonders S. 312.), russische und ostbaltische Produkte (Pelze und WachsPhilippe Dollinger: Die Hanse. Kröners Taschenausgabe, 371, 6. Auflage. Alfred Kröner, Stuttgart 2012, S. 301ff., besonders S. 301, 312.) umgeschlagen wurden. Visby profitierte von der in Westeuropa wachsenden Nachfrage nach Produkten aus dem östlichen Ostseeraum.

Anfänge der Geschichte der deutschen Gotlandfahrer Die Gotländer erhielten von Kaiser Lothar bereits 1134 weitreichende Handelsrechte.Robert Bohn: Wisby – die Keimzelle des hansischen Ostseehandels. In: Jörgen Bracker (Hrsg.): Die Hanse – Lebenswirklichkeit und Mythos. Textband zur Hamburger Hanse-Ausstellung von 1989. Lübeck 1999, S. 270–271. Die deutschen Kaufleute, die in der Ostsee Handel trieben, besaßen solche Privilegien auf Gotland jedoch nicht, was Streitigkeiten zwischen den beiden Parteien hervorrief.Robert Bohn: Wisby – die Keimzelle des hansischen Ostseehandels. In: Jörgen Bracker (Hrsg.): Die Hanse – Lebenswirklichkeit und Mythos. Textband zur Hamburger Hanse-Ausstellung von 1989. Lübeck 1999, S. 271. Für die Zeit zwischen 1143 und 1161 sind Kämpfe zwischen Deutschen und Gotländern überliefert.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 11–12. Schlichtend wirkte das Artlenburg-Privileg Heinrichs des Löwen, welches den Gotländern dieselben Rechte in Sachsen verlieh, welche die deutschen Kaufleute dort besaßen. Im Gegenzug erreichte er, dass auch die deutschen Kaufleute auf Gotland frei handeln durften. Doch auch nach diesem Privileg waren deutsche Kaufleute in Visby nicht gern gesehen; teilweise kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, weshalb sie sich eine eigene Kirche errichteten (St. Per), während die Gotländer die St.-Hans-Kirche und die St.-Clemens-Kirche für sich behielten. Dies war der Ausgangspunkt einer späteren Gemeindeteilung zwischen Deutschen und Gotländern.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 12.

So etablierte sich in Visby eine erste kleine deutsche Gemeinde. Diese war von der gotländischen Gemeinde getrennt; erst 1318/1320 vereinigten sich die Gemeinden aufgrund des guten Verhältnisses, indem sie ihre Räte zusammenlegten.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 28. Bis 1215/1220 waren die Deutschen auf Gotland homines des sächsischen Herzogs; erst dann wurden sie Bürger auf Gotland. Deshalb bestätigte Heinrich der Löwe 1161 Odalrich als Vogt oder Aldermann der Deutschen, die sich zukünftig in Visby ansiedeln wollten.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 15.

Die ältere Forschung nahm an, dass die deutschen Kaufleute den Gotländern vor allem deshalb überlegen waren, weil sie mit der Kogge über einen besseren Schiffstyp verfügt hätten. Diese Annahme konnte von der modernen Schiffsarchäologie aber mit Sicherheit falsifiziert werden.Zur Entwicklung des Schiffbaus im westlichen Ostseeraum in vorhansischer Zeit siehe Ole Crumlin-Pedersen: Schiffahrt im frühen Mittelalter und die Herausbildung früher Städte im westlichen Ostseeraum. In: Klaus Brand, Michael Müller-Wille, Christina Radke (Hrsg.): Haithabu und die frühe Stadtentwicklung im nördlichen Europa. Schriften des Archäologischen Landesmuseums, Bd. 8, Neumünster 2002, S. 67–81. Zum Vergleich der skandinavischen Schiffe mit den hansischen vgl. Uwe Schnall: Die Kogge. In: Jörgen Bracker, Volker Henn, Rainer Postel (Hrsg.): Die Hanse. Lebenswirklichkeit und Mythos. 2. Auflage. Lübeck 1998, S. 762–765, S. 764f. Ferner Sverre Bagge: Norwegen, Königreich im westlichen Skandinavien, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. In: LexMA VI, München 1993, Sp. 1266–1270, besonders Sp. 1268. Heute geht man davon aus, dass die niederdeutschen Kaufleute kapitalstärker und im Handel und in dessen Organisation besser ausgebildet waren.Raoul Zühlke: Der Verkehr und seine Wege im nordwestlichen Ostseeraum. In: Hansische Geschichtsblätter, 125 (2007), S. 169–185, besonders S. 177. Vgl. auch Sverre Bagge: Norwegen, Königreich im westlichen Skandinavien, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. In: LexMA VI, München 1993, Sp. 1266–1270, besonders Sp. 1268. In jedem Fall waren sie aber zunächst noch auf die Gotländer angewiesen, was den Handel mit dem östlichen Ostseeraum betraf; denn diese verfügten über gute Kontakte in die Rus und waren auch im Umgang mit den russischen Partnern handelspolitisch versierter. Zudem besaßen die Gotländer im Gegensatz zu den deutschen Kaufleuten einen Handelshof in Nowgorod, den sogenannten Gotenhof. Nachdem einige deutsche Kaufleute ihre Töchter mit gotländischen Kaufmännern verheirateten, wurden sie von den Gotländern in den Ostseehandel eingebunden.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 12–14.

Allerdings schloss diese Handelspolitik die meisten deutschen Kaufleute aus; es kam zu einer Trennung der deutschen Kaufleute in die nun auf Gotland ansässigen in Gotlandia manentes und die Gotland nur besuchenden Gotlandiam frequentantes. Den ausgeschlossenen deutschen Kaufleuten war der Weg nach Nowgorod verwehrt. Aus diesem Grund konfiszierten sie russische Güter im Jahre 1188 in Visby, um offene Schulden der russischen Kaufleute zu ahnden.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 14. Dies führte zum Abbruch allen Handels mit dem Westen durch den Possadnik von Nowgorod, setzte also auch Gotländer unter Druck und isolierte die Gotlandiam frequentantes, für welche daraufhin wohl die Kirchen Gotlands versperrt wurden und die nun mit dem Bau der St.-Marien-Kirche begannen.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 14–15. Drei Jahre währte dieser Stopp, dann erklärten sich die Gotländer und die in Gotlandia manentes bereit, im Namen aller Deutschen mit Nowgorod zu verhandeln. Dies übernahm der Gotländer Arbud.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 15–16. Die Gotlandiam frequentantes hoben die Konfiskation auf, als die Gotländer sich bereit erklärten, ihnen das Recht auszuhandeln, in Nowgorod Handel zu treiben.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 16–17. Dadurch wurde Visby zu einem noch attraktiveren Ziel für deutsche Kaufleute. Die städtischen Behörden aber trafen Maßnahmen, dass eine Situation wie 1188 nicht wieder eintrat, indem sie die älteste Seemauer Visbys bauen ließen, die nicht zur Verteidigung taugte, sondern dazu diente, im Zweifelsfall den Markt und den Hafen zu kontrollieren.Dick Wase: Die früheste deutsche Ansiedlung auf dem „gotischen Ufer“ in Visby. In: Hansischer Geschichtsverein (Hrsg.): Hansische Geschichtsblätter, 118. Trier [u. a.] 2000, S. 17.