Die Chasaren (auch Chazaren, Chozaren, Khazaren; griechisch Χάζαροι Cházaroi; lateinisch Gazari oder Cosri; ; hebräisch כּוּזָרִים Kuzarim; türkisch Hazarlar; tatarisch Xäzärlär; russisch Хазары, Chasáry) waren ein ursprünglich nomadisches Turkvolk, das später teilweise im westlichen Zentralasien, dem nördlichen Kaukasus und Teilen des östlichen Europas sesshaft wurde.René Grousset: Die Chazaren. In: Die Steppenvölker. München 1970, S. 255; Harald Haarmann: Artikel Chasaren. In: Lexikon der untergegangenen Völker. München 2005, S. 79; Artikel Chasaren. In: Bertelsmann Lexikon. Band 2, Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh 1984, S. 208.

Im 7. Jahrhundert nach Christus gründeten die Chasaren ein unabhängiges Khaghanat im nördlichen Kaukasus an der Küste des Kaspischen Meeres. Ab dem 8. bis frühen 9. Jahrhundert wurde die jüdische Religion zur wichtigsten Religion im Reich. Ob nur eine dünne Oberschicht oder auch die übrige Bevölkerung die neue Religion annahm und praktizierte, ist umstritten. Überliefert ist, dass es auch Christen und Muslime unter den Chasaren gab. Die Chasaren waren wichtige Bundesgenossen des Byzantinischen Reichs gegen das Kalifat. Vor allem durch Fernhandel wurden sie eine bedeutende Regionalmacht und kontrollierten in der Blüte ihrer Machtentfaltung weite Teile des heutigen Südrusslands, den Westen des späteren Kasachstans, die heutige Ostukraine, Teile des Kaukasus sowie die Halbinsel Krim. Ihre Macht wurde Ende des 10. Jahrhunderts von der Kiewer Rus mit der Zerstörung der Hauptstadt Atil gebrochen, und die Chasaren verschwanden weitgehend aus der Geschichte. Die These, ein großer Teil der Chasaren sei im osteuropäischen Judentum aufgegangen, wird von den Fachwissenschaften mehrheitlich zurückgewiesen.

mini|hochkant=2.0|Das Reich der Chasaren im 9. Jahrhundert

Ausdehnung Im 9. Jahrhundert erstreckte sich das Chasarische Khaghanat über die gesamte südrussische Steppe zwischen Wolga und Dnepr bis an den Kaukasus. Der Einflussbereich reichte bis in die heutigen Gebiete von Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Die nördliche Grenze befand sich nordöstlich des späteren Moskau am Oberlauf der Wolga. Damit war das Chasarenreich auf dem Höhepunkt seiner Macht mindestens dreimal so groß wie das Frankenreich Mitteleuropas.

Sein Gebiet wurde jedoch weniger straff beherrscht und war nicht zentral organisiert. Zum Reich gehörten auch turksprachige, unterworfene Verbände, wie möglicherweise Restverbände der Protobulgaren, Sabiren oder Onoguren, in den lose beherrschten, tributpflichtigen Randzonen auch Petschenegen, nach Norden ausgewichene Wolgabulgaren und ostslawische Verbände der entstehenden Kiewer Rus. An der Nordostgrenze lebten auch sogenannte Wolga-Magyaren, die im Land Magna Hungaria noch bis Ende des 13. Jahrhunderts in Quellen nachweisbar sind. Die historisch bekanntere Magyaren-Gruppe nomadisierte an der Westgrenze, teilweise innerhalb des tributpflichtigen Gebietes im Land Etelköz der ungarischen Überlieferung, und wanderte später nach einem Aufstand gegen die Chasaren nach Pannonien aus (siehe unten). Nach Interpretation vieler Quellenhinweise und lautgesetzlich veränderter Ethnonyme existierte nach Meinung vieler Forscher am Unterlauf des Terek in Nordkaukasien mit den Sevordi (armenisch Sewordik̕, arabisch S(iy)ā(r)wardiyya(r), andere Forscher verbinden sie mit den turksprachigen Sabiren) eine dritte magyarische Nomadengruppe, von denen Ende des 8. Jahrhunderts ein Teil über den Kaukasus ins armenisch-georgisch-aserbaidschanische Grenzgebiet nordwestlich von Gjandscha auswanderten, wo sie noch bis ins 10. Jahrhundert erwähnt werden.Clifford Edmund Bosworth: al-ḳabḳ (arabisch für „Kaukasus“), in: EI² (englisch), Bd. 4, hier auf S. 342, rechte Kolumne, zweiter Absatz.Nikolaos Trunte: Volchomʲ vo našedšemʲ na Slověnǐ na Dunaĭskĭja. Spuren eines vergessenen Volkes im Donaubecken. in: Bernhard Szymanzik (Hrsg.): Studia philologica slavica. Festschrift für Gerhard Birkfellner zum 65. Geburtstag. Berlin 2008, Teilband II, S. 765–778, besonders S. 776f. Die Zurückgebliebenen existierten als Kuma-Magyaren ebenfalls möglicherweise noch bis ins 14. Jahrhundert.László Bendefy: A magyarság kaukázusi őshazája. (PDF, ungarisch) Budapest 1999 (Digitalisierung von 1942)

Über mehrere Jahrhunderte vor der Jahrtausendwende kontrollierten die Chasaren den Handel mit Gewürzen, Textilien und Sklaven auf den Teilen der Seidenstraße, die an den Hafenstädten der nördlichen Schwarzmeerküste, u. a. in Tanais und seinen Nachfolgesiedlungen (Asow), begannen, und auf den Handelswegen zwischen Konstantinopel und dem Baltikum. Weitreichende Handelsbeziehungen unterhielten sie zudem nach Westen bis ins Kalifat von Córdoba.

Ursprünge und Vorgeschichte Der Name Chasaren könnte von einem türkischen Wort für „Umherziehen“ (gezer in modernem Türkisch) abgeleitet sein. Ihr Ursprung ist ungeklärt. Im „Chasarischen Königsbrief“ (siehe unten) führt König Joseph einen Sohn Togarmas namens „Kosar“ als Stammvater seines Volkes an. Togarma wird in der Tora als Enkel Jafets genannt. , der Name „Kosar“ ist jedoch im biblischen Text nicht enthalten. In jedem Fall dürfte eine solche Herleitung Legendencharakter haben.

Die moderne Wissenschaft nimmt allgemein an, dass die Chasaren aus Zentralasien eingewanderte Türken waren. Wissenschaftler in der UdSSR hielten die Chasaren für ein indigenes Volk des Nordkaukasus. Einige Wissenschaftler, wie D. M. Dunlop, sahen eine Verbindung zwischen den Chasaren und einem uigurischen Stamm namens K’o-sa, der in chinesischen Quellen genannt wird. Die chasarische Sprache scheint jedoch eine oghurische Sprache ähnlich der der frühen Bulgaren gewesen zu sein. Daher wurde auch eine Herkunft von den Hunnen behauptet, in deren Stammeskonföderation sich wahrscheinlich auch Turkvölker befanden. Da die Turkvölker niemals ethnisch homogen gewesen sind, müssen sich diese Ideen nicht gegenseitig ausschließen. Es ist wahrscheinlich, dass die chasarische Nation aus ethnisch unterschiedlichen Stämmen zusammengesetzt war, da Steppenvölker üblicherweise die von ihnen unterworfenen Gemeinschaften absorbierten.

Bereits armenische Chroniken des 2. Jahrhunderts enthalten Stellen, die als Hinweise auf die Chasaren gedeutet werden könnten. Diese werden zumeist als Anachronismen eingeschätzt, die meisten Wissenschaftler nehmen an, dass sie sich tatsächlich auf die Sarmaten oder Skythen beziehen. Der spätantike Geschichtsschreiber Priskos berichtet, dass ein Stamm der Hunnen „Akatziroi“ genannt werde (Akatziren). Ihr König hieß Karadach oder Karadachus. Unter Verweis auf die Ähnlichkeit zwischen „Akatziroi“ und Ak-Chasar (siehe unten) wurde spekuliert, dass die Akatziren möglicherweise frühe Proto-Chasaren waren, doch bleibt dies zweifelhaft. Dmitri Wasiljew von der staatlichen Universität von Astrachan stellte die Hypothese auf, dass die Chasaren erst am Ende des 6. Jahrhunderts in die pontische Steppenregion eingewandert und ursprünglich in Transoxanien beheimatet gewesen seien. Nach Wasiljew blieben chasarische Bevölkerungsgruppen in Transoxanien zurück, wo sie unter der Oberherrschaft der Petschenegen oder Oghusen gestanden hätten, wobei sie dennoch den Kontakt mit der ausgewanderten Mehrheit der Bevölkerung hielten.

Stämme Die chasarische Stammesstruktur ist unklar. Wie viele turkstämmige Nationen waren sie offenbar in Ak-Chasaren („Weiße Chasaren“) und Kara-Chasaren („Schwarze Chasaren“) unterteilt. Gelehrte wie Heinrich Graetz nahmen fälschlicherweise an, dass es sich dabei um rassische Einteilungen gehandelt habe. Tatsächlich hatten solchen Unterscheidungen jedoch keinen Bezug zur physischen Erscheinung. Die Weiß-Schwarz-Einteilung ist eine allgemein verbreitete soziale Einteilung bei eurasischen nomadischen Stämmen, wobei die „weiße“ Gruppe den Adel, die Kriegerelite und die herrschende Klasse umfasst, während die „schwarze“ Gruppe aus dem gemeinen Volk, den Händlern etc. besteht.

Peter Golden spekulierte darüber, dass das chasarische Ethnos eine Mischung aus Oghusen und anderen türkischen Ethnien einschließlich der Sabiren und der nordkaukasischen Hunnen sowie Elementen der Göktürken dargestellt habe.

Aufstieg Entstehung des chasarischen Staates mini|hochkant=1.2|Karte des westlichen (purpur) und des östlichen (türkis) Khaganats der Göktürken auf dem Höhepunkt ihrer Macht um 600 n. Chr. Hellere Regionen zeigen direkte Herrschaft an, dunklere stehen für Einfluss-Sphären. mini|hochkant=1.2|Die Pontische Steppe, um 650

Die frühe chasarische Geschichte ist eng verbunden mit dem Reich der Göktürken, das im Jahr 552 durch die Niederschlagung der Rouran begründet wurde. Mit dem Zusammenbruch des Reichs der Göktürken aufgrund innerer Konflikte im 7. Jahrhundert spaltete sich die westliche Hälfte des Reichs in zwei Konföderationen, die Bulgaren unter Führung der Dulo-Dynastie und die Chasaren unter Führung der Aschina-Sippe, der traditionellen Herrscher des Reichs der Göktürken. Kurz vor 645 erreichten die Chasaren Samandar (nahe dem heutigen Kisljar) im Ostkaukasus, das sie später zu ihrer Hauptstadt machten. Um 670 hatten die Chasaren die Bulgarenkonföderation zerschlagen, wobei drei Restgebiete an der Wolga, dem Schwarzen Meer und der Donau verblieben.

In der älteren Forschung wurde oft angenommen, dass die Chasaren dem byzantinischen Kaiser Herakleios Unterstützung gegen die Sassaniden geleistet haben. Dies beruht jedoch auf einer Fehlinterpretation einer armenischen Quelle, die den Begriff Chasaren anachronistisch verwendet hat. Bei Theophanes wurde der Begriff ebenfalls anachronistisch und doppeldeutig benutzt. In Wahrheit leisteten die Göktürken dem Kaiser Militärhilfe, indem sie Persien an seiner Nordgrenze attackierten, wie andere Quellen belegen.Vgl. dazu Walter E. Kaegi: Heraclius – Emperor of Byzantium. Cambridge 2003, S. 142f.; Peter Benjamin Golden (Hrsg.): The World of the Khazars. New Perspectives. Leiden und Boston 2007, S. 403ff.

Während des 7. und des 8. Jahrhunderts führten die Chasaren eine Reihe von Kriegen gegen das Kalifat der Umayyaden, welches danach trachtete, seinen Einfluss auf Transoxanien und den Kaukasus auszudehnen (siehe auch Islamische Expansion). Der erste Krieg wurde in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts ausgefochten und endete mit einer Niederlage der arabischen Streitkräfte unter Führung von Adb ar-Rahman ibn Rabiah vor der chasarischen Stadt Balanjar, nach einer Schlacht, in welcher beide Seiten Belagerungsmaschinen gegen die gegnerischen Truppen eingesetzt hatten.

Mehrere russische Quellen nennen den Namen des chasarischen Kagans dieser Periode als „Irbis“ und bezeichnen ihn als Abkömmling des göktürkischen Herrscherhauses, der Aschina. Ob Irbis jemals existiert hat, ist ebenso offen, wie die Frage, ob er mit den vielen göktürkischen Herrschern dieses Namens in Beziehung steht.

Verschiedene weitere Konflikte brachen in den folgenden Jahrzehnten aus, einschließlich arabischer Angriffe und chasarischer Kriegszüge nach Kurdistan und in den Iran. Aus den Berichten al-Tabaris gibt es Hinweise darauf, dass die Chasaren eine vereinigte Front mit den Überresten der Göktürken Transoxaniens bildeten.

Die Chasaren und Byzanz