Leukämie (von altgriechisch leukós „weiß“ sowie haima „Blut“) ist eine maligne Erkrankung des blutbildenden oder des lymphatischen Systems und gehört im weiteren Sinne zu den Krebserkrankungen. Ein anderer früher verwendeter Ausdruck dafür ist Leukose.
Leukämien sind durch eine gesteigerte Bildung von weißen Blutzellen oder deren Vorläuferzellen charakterisiert. Diese werden auch Leukämiezellen genannt. Sie breiten sich im Knochenmark aus, verdrängen dort die Zellen der regulären Blutbildung und treten in der Regel auch stark vermehrt im peripheren Blut auf. Sie können Leber, Milz, Lymphknoten und weitere Organe infiltrieren und dadurch deren Funktion beeinträchtigen. Die Störung der Blutbildung vermindert die normalen Blutbestandteile. Es entsteht eine Anämie durch Mangel an roten Blutkörperchen, eine Thrombozytopenie durch Mangel an Blutplättchen, und eine funktionelle Leukopenie, ein Mangel an reifen funktionstüchtigen weißen Blutzellen.
Je nach Verlauf unterscheidet man akute und chronische Leukämien (vgl. Krankheitsverlauf). Akute Leukämien sind lebensbedrohliche Erkrankungen, die unbehandelt in wenigen Wochen bis Monaten zum Tod führen. Chronische Leukämien verlaufen meist über mehrere Jahre und sind im Anfangsstadium häufig symptomarm.
Symptome
Chronische Leukämie
Chronische Leukämien werden oft als Zufallsbefund im Rahmen einer Routineuntersuchung festgestellt und beginnen meist schleichend. Als erste Anzeichen können allgemeine Krankheitssymptome wie Unwohlsein und Ermüdung, Leistungsminderung, aber auch Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust auftreten. Außerdem kann es auch zu Milz- und Lymphknotenschwellungen sowie Juckreiz, Ausschlägen und vermehrten Infektionen kommen.
Akute Leukämie
Akute Leukämien äußern sich wegen der gestörten Knochenmarksfunktion als plötzliches, innerhalb von Tagen oder Wochen schnell voranschreitendes Krankheitsbild mit unspezifischen Symptomen wie Krankheitsgefühl, Blässe, Schwäche, Blutungsneigung einschließlich spontaner blauer Flecken oder nach Bagatelltraumen sowie Petechien. Anfälligkeit für Infektionen mit Fieber sowie geschwollene Lymphknoten, Milz- und Lebervergrößerung und manchmal Knochenschmerzen sind ebenfalls charakteristisch. Viele Patienten klagen auch über gehäuftes Nasenbluten und Gingivitis. Weitere Symptome sind Gewichts- und Appetitverlust, Müdigkeit und Nachtschweiß. Im einfachen Blutbild finden sich zu viele weiße Blutzellen, dagegen ein Mangel an roten Blutkörperchen und Blutplättchen. Im Blutausstrich sind ≥20% Blasten kennzeichnend. Da die akuten Leukämien schnell lebensbedrohlich fortschreiten, sollte jeder Verdachtsfall unverzüglich (am gleichen oder nächsten Tag) in eine Onkologie eingewiesen werden.
Klassifikation und Diagnostik Die Klassifikation und Diagnostik der Leukämien basiert auf morphologischen und immunologischen Eigenschaften der Leukämiezellen. In den letzten Jahren gewinnen auch zunehmend zytogenetische und molekularbiologische Merkmale an Bedeutung.
Je nach beteiligtem Zelltyp unterscheidet man zunächst myeloische von lymphatischen Leukämien. Myeloische Leukämien gehen von den Vorläuferzellen der Granulozyten, im weiteren Sinne auch der Erythrozyten und Thrombozyten aus, lymphatische Leukämien betreffen die Lymphozyten und ihre Vorläuferzellen.
Des Weiteren unterscheidet man anhand des Grades der Unreife der im Knochenmark und im Blut vorkommenden Leukämiezellen zwischen akuten und chronischen Leukämien. Bei den akuten Leukämien (früher auch unreifzellige Leukosen genannt) finden sich vor allem Zellen in einem sehr frühen, unreifen Stadium, die nahezu funktionslos sind. Bei den chronischen Leukämien kann man vermehrt Leukämiezellen beobachten, die deutlich weiter entwickelt sind und bereits den reifen Blutzellen ähneln, jedoch noch nicht vollständig funktionstüchtig sind.
mini|Chronische lymphatische Leukämiezellen
Die Verdachtsdiagnose ist häufig bereits anhand des Blut- und Differentialblutbilds zu stellen, zur weiteren Klassifikation ist aber immer eine Knochenmarkpunktion erforderlich. Nach Lymphknoten- und Organbefall wird zu Beginn und im Verlauf mit bildgebenden Verfahren gesucht, heute meist mit der Computertomographie. Bei vermutetem Befall des Zentralnervensystems eignet sich die Kernspintomographie besser.
Leukämieformen
Die wichtigsten Leukämieformen sind:
akute myeloische Leukämie (AML) chronische myeloische Leukämie (CML), wird zu den chronischen myeloproliferativen Erkrankungen gezählt akute lymphatische Leukämie (ALL) chronische lymphatische Leukämie (CLL), gehört zu den niedrigmalignen Non-Hodgkin-Lymphomen
Falls die Leukämie von den Prolymphozyten (eine bestimmte Form von Lymphozyten-Vorstufen) ausgeht, spricht man wegen des deutlich aggressiveren Krankheitsverlaufes im Vergleich zur CLL von einer Prolymphozytenleukämie (PLL).
Ebenfalls mit der CLL verwandt ist die Haarzellleukämie (HCL), bei der die Leukämie von sehr weit fortgeschrittenen Lymphozyten-Vorstufen ausgeht. Namengebend sind die haarförmigen Zytoplasma-Fortsätze der Leukämiezellen.
Epidemiologie
mini|Altersspezifische Inzidenz der häufigsten Leukämiearten, Daten nach
Die einzelnen Leukämietypen weisen eine typische Altersverteilung auf. Die ALL ist die häufigste Leukämie bei Kindern und kommt bei Erwachsenen seltener vor. Die AML steht bei Kindern an zweiter Stelle und ist bei Erwachsenen die häufigste akute Leukämie mit einem Altersgipfel über 60 Jahren. Die CLL tritt bei Kindern praktisch niemals auf und ist eine typische Leukämieform des älteren Menschen. Die CML ist bei Erwachsenen wesentlich häufiger als bei Kindern.
Ursachen
Leukämien entstehen durch genetische Veränderungen von unreifen blutbildenden Vorläuferzellen, sodass diese sich einerseits nicht mehr vollständig zu funktionstüchtigen Blutzellen weiterentwickeln können und andererseits unkontrolliert vermehren (siehe auch Krebsentstehung). Es genügt bereits die Veränderung einer einzigen Vorläuferzelle, die durch das anschließende unkontrollierte Wachstum die gesunden Bestandteile des blutbildenden Systems zurückdrängen kann.
Die Auslöser dieser genetischen Veränderungen sind noch nicht geklärt. Gerade bei akuten Formen sind die Ursachen meist unklar und können nicht in einen kausalen Zusammenhang mit pathogenen Faktoren gebracht werden. Bekannt oder vermutet sind die nachfolgenden Risikofaktoren:
Chemikalien, zum Beispiel Benzol. Es gibt Hinweise, dass Umweltfaktoren (ionisierende sowie nichtionisierende Strahlung sowie Pestizide) potenzielle Risikofaktoren sein können und ein „gut trainiertes kindliches Immunsystem“ einen schützenden Effekt hat. Bei einer Untersuchung von Kindern der Stadt Basra im Südirak wurde ein Anstieg der Leukämierate um rund das Doppelte von 1993 bis 2007 festgestellt. Als mögliche Auslöser kommen unter anderem Benzol, das durch brennende Ölfelder und improvisierte Tankstellen (Kanisterbetankung) in die Umwelt gelangte, oder auch Geschosse aus abgereichertem Uran in Frage.A. Hagopian, R. Lafta u. a.: Trends in childhood leukemia in Basrah, Iraq, 1993–2007. In: American Journal of Public Health. Band 100, Nummer 6, Juni 2010, S. 1081–1087, . doi:10.2105/AJPH.2009.164236, PMID 20167894, . Vorangegangene Behandlung mit Zytostatika (insbesondere Alkylanzien). Ionisierende Strahlung ist der am sichersten nachgewiesene Faktor, bekannt durch Studien an den Überlebenden der Atombombenabwürfe und des Nuklearunglücks von Tschernobyl, zuletzt auch an Arbeitern in der Nuklearindustrie. Die vermutete Ursache von künstlicher Radioaktivität für den Leukämiecluster Elbmarsch bei Hamburg ist dagegen nie bewiesen worden. Ungeklärt ist auch der Einfluss radioaktiver Emissionen auf die temporäre Leukämiehäufung um Jülich. diverse Viren Lebensstilfaktoren wie Rauchen und Übergewicht (unsicher) genetische Vorbelastung (z. B. Trisomie 21, s. u.)
Psychische Ursachen oder bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wurden gelegentlich vorgeschlagen.Gerald Mackenthun: 16. Krebs und Psyche – die sogenannte Krebspersönlichkeit. September 1999.O. V. Bukhtoyarov, D. M. Samarin: (PDF) In: Medical Hypotheses. Band 73, Nummer 4, Oktober 2009, , S. 531–536, doi:10.1016/j.mehy.2009.06.004, PMID 19570616.Gouva, Mary & Damigos, Dimitrios & Kaltsouda, Anna & P., Bouranta & Tsabouri, Sophia & Mavreas, Venetsanos & Bourantas, Konstantinos. (2009). Psychological Risk Factors in Acute Leukemia. Interscientific health care. 1. 16-20. Dafür gibt es jedoch trotz intensiver Forschung keine Nachweise.
Ein kausaler Zusammenhang mit Impfungen konnte bei einer populationsbasierten Fall-Kontroll-Studie nicht gezeigt werden. Es gibt im Gegenteil eher Hinweise darauf, dass eine frühe Impfung innerhalb des ersten Lebensjahres das Erkrankungsrisiko bei Kindern senkt.
Therapie Grundlage der Behandlung von Leukämien ist die Therapie mit Zytostatika. Weitere Behandlungsprinzipien sind die Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation. Für die allogene Knochenmark- bzw. Stammzelltransplantation wird ähnlich wie bei einer Bluttransfusion ein passender Knochenmarkspender benötigt. Heute nur noch untergeordnete Bedeutung hat die prophylaktische oder therapeutische Strahlentherapie. Bereits um 1903 wurden von Nicholas Senn (1844–1908) zur Therapie von Erkrankungen des leukopoetischen Systems Röntgenstrahlen verwendet.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 57. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich neue Therapiemöglichkeiten durch die Anwendung von monoklonalen Antikörpern und neue spezifisch in die Krankheitsprozesse eingreifende Medikamente wie Imatinib und Dasatinib (zwei Tyrosinkinase-Inhibitoren) bei der CML und der Philadelphia-Chromosom-positiven ALL oder ATRA bei der Promyelozyten-Leukämie eröffnet. In der Therapie der Leukämien bestehen zwischen den einzelnen Formen erhebliche Unterschiede, die Einzelheiten der Therapie sind in den entsprechenden Artikeln dargestellt. Eine spezifische Gefährdung durch eine während der Therapie auftretende Neutropenie sind fieberhafte Infektionen,H. W. Auner et al.: Infektiöse Komplikationen nach Hochdosistherapie und autologer Stammzelltransplantation. Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft Infektionen in der Hämatologie und Onkologie (AGIHO) der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). 2008. die entsprechend mit AntibiotikaMarianne Abele-Horn: Antimikrobielle Therapie. Entscheidungshilfen zur Behandlung und Prophylaxe von Infektionskrankheiten. Unter Mitarbeit von Werner Heinz, Hartwig Klinker, Johann Schurz und August Stich, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Peter Wiehl, Marburg 2009, ISBN 978-3-927219-14-4, S. 45–48 (Fieber nach Hochdosistherapie und autologer Stammzelltransplantation). behandelt werden müssen.
In den letzten Jahren gab es auch immer weitere Fortschritte der Gentherapie, die nun auf langfristige Therapieerfolge hoffen lassen. Einige Forschungsgruppen arbeiten zum Beispiel daran, T-Zellen von Leukämiepatienten durch Einschleusen bestimmter Gene so zu manipulieren, dass sie auch noch Jahre später Krebszellen eliminieren. Einige Patienten mit ALL oder CLL blieben durch diese Therapie langzeitig in Remission.
Geschichte mini|Erstbeschreibung einer Leukämie durch Rudolf Virchow 1845