Ehen in Philippsburg ist der erste Roman Martin Walsers. Die Handlung spielt in den 1950er Jahren in einer fiktiven Großstadt und porträtiert satirisch die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft zur Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders. Noch im Erscheinungsjahr 1957 erhielt der Autor dafür den Hermann-Hesse-Preis.
Überblick Der Gesellschaftsroman spielt Mitte der 1950er Jahre in der fiktiven Stadt PhilippsburgDie Stadt Philippsburg in Baden-Württemberg ist für die Handlung zu klein, hat weder ein Staatstheater noch eine Rundfunkanstalt und verschiedenen Zeitungen. Vgl. Walser, Martin: Ehen in Philippsburg. Sechstes bis achtes Tausend. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1958. S. 249; S. 312; S. 325.Im ZEITmagazin LEBEN, 10. April 2008 Nr. 16, verweist Walser auf die Stadt Stuttgart als Handlungsort: Zitat: „Aber ich konnte den Roman doch auch nicht 'Stuttgart' nennen“.. In dem in vier Teilen präsentierten Gesellschaftsbild stehen jeweils einzelne Personen im Mittelpunkt, während die anderen nur in der personalen Vernetzung auftreten. Im ersten und im vierten Teil wird v. a. die Geschichte Hans Beumanns erzählt, der durch seine Freundschaft mit der Fabrikantentochter Anne Volkmann Zugang zur Philippsburger Oberschicht erhält. Hans lernt die anderen Protagonisten auf einer Party in der Villa Volkmann oder als Wohnungsnachbar kennen: den Gynäkologen Dr. Alf Benrath, seine Frau Birga und die Inhaberin eines Kunstgewerbegeschäfts Cécile (II), den Rechtsanwalt Dr. Alwin (III) und den Schriftsteller Berthold Klaff (IV). Benrath und Alwin sind Vertreter des wohlhabenden Bürgertums. Sie demonstrieren ihre karriere- und machtorientierten gesellschaftlichen Vorstellungen und demaskieren durch ihre mühsamen Rechtfertigungsversuche für ihre Affären ihre Doppelmoral. → Kapitelübersicht I. Bekanntschaften
1 Beumanns erster Tag in Philippsburg: Bewerbung bei der Zeitung Büsgens – Zimmersuche in der Oststadt – Besuch der ehemaligen Kommilitonin Anne Volkmann in der Villa ihrer Eltern
2 Abend mit Büsgens Sekretärinnen Marga und Gaby – Hans‘ Nachbarn in der Traubergstraße – Einstellung als Redakteur in Volkmanns Pressedienst
3 Party bei Volkmann. Die Philippsburger wohlhabende Gesellschaft – Beginn des Verhältnisses mit Anne
4 Schwangerschaft Annes und Abtreibung
II. Ein Tod muss Folgen haben
1 Letzter Besuch Dr. Benraths bei seiner Geliebten Cécile
2 Selbstmord Birga Benraths
3 Beauftragung des Rechtsanwalts Dr. Alwins mit der Organisation der Beisetzung
4 Ende der Beziehung zu Cécile und Fahrt nach Paris
III. Verlobung bei Regen
1 Alwins innerer Monolog über seine Ehe mit Ilse und seinen Geliebten
2 Alwins Familiengeschichte, seine Karrierepläne und seine Kontaktsuche auf der Verlobungsparty
3 Alwins Verkehrsunfall mit einem Motorradfahrer
IV. Eine Spielzeit auf Probe
1 Klaffs literarischer Nachlass „Eine Spielzeit auf Probe“, eine Schilderung seiner letzten Zeit vor dem Selbstmord
2 Hans‘ zeremonielle Aufnahme in den exklusiven Nachtclub „Sebastian“
3 Planung seiner Zukunft mit Anne als Ehefrau und Marga als Geliebte
Handlung I. Bekanntschaften Die Hauptfigur des Romans Hans Beumann steht im Schnittpunkt verschiedener Milieus: Sozialisation als uneheliches Kind einer Kellnerin, Alltagssituation der Nachbarn in der Oststadt, Berührung mit sozialistischen Idealen während der Studienzeit, die Industriellenfamilie Volkmann und die „Gesellschaft“ Philippsburgs, Volkmanns Pressedienst „programm-press“ und die Verbindung zu den Medien, Club der „Sebastianer“. Zu Beginn seiner Berufstätigkeit muss Beumann zwei Lebensentscheidungen treffen, d. h. sich mit der Realität abfinden: beruflich und, damit verbunden, in der Beziehung zu Anne.
Zu Romanbeginn betritt Hans den neuen Lebenskreis schüchtern und mit Minderwertigkeitskomplexen behaftet. Das hängt mit seiner Vorgeschichte zusammen. Er wuchs als uneheliches Kind in dem Dorf Kümmertshausen auf. Sein Vater, ein Vermessungsingenieur, wohnte vier Wochen lang in dem Wirtshaus, in dem Lissi Beumann als Kellnerin arbeitete, begann mit ihr eine Beziehung und verschwand dann nach Australien. Als Lissi ihre Schwangerschaft bemerkte, wollte sie zuerst von einem ehemaligen Sanitäter eine Abtreibung vornehmen lassen, unterließ dies jedoch, weil von ihr als Bezahlung eine sexuelle Gegenleistung gefordert wurde. Andererseits lehnten ausgebildete Ärzte einen Eingriff ab und so brachte sie den Sohn Hans zur Welt, zog ihn allein auf und finanzierte ihm ein Studium am „Zeitungswissenschaftlichen Institut der Landesuniversität“.
Nach seinem Abschluss reiste Hans nach Philippsburg und, damit setzt der Roman ein, bewirbt sich mit einem Empfehlungsschreiben seines Professors Beauvais um eine Journalistenstelle beim Chefredakteur der „Weltschau“ Harry Büsgen. Doch er hat bei seinem Versuch vorzusprechen keinen Erfolg. Er solle seine Anschrift hinterlassen, man werde ihn benachrichtigen. Da Hans noch keine Wohnung in der Stadt hat, gibt er die Adresse seiner ehemaligen Studienkollegin Anne Volkmann an.
Einem ihm von seiner Kindheit her bekannten Milieu begegnet er bei der Wohnungssuche. Aus finanzieller Not mietet er ein kleines Zimmer in der Oststadt bei Familie Färber. Herr Färber arbeitet in einer Metallfabrik, seine Frau als Putzhilfe, um ihr Häuschen in der Traubergstraße abzuzahlen und die sechsköpfige Familie zu ernähren. Es ist einer von vielen gleichförmigen, dicht nebeneinanderstehenden Backsteinbauten in einem „Kleine-Leute“-Viertel mit enger einander beobachtender Nachbarschaft („Die ganze Straße ist ein einziges Haus“): u. a. Arbeiterwohnungen, z. T. untervermietet an einen erfolglosen Dichter oder eine Prostituierte, dazwischen Alteisen- und Baumaterialienhandlungen. Hans flieht aus dieser Enge, wenn immer es möglich ist, in die Stadt.
Die „bessere Gesellschaft“ auf dem Villenhügel lernt Hans durch Anne Volkmann kennen. Er wird, für ihn überraschend, sogleich von ihrer lebhaften, die Gespräche dominierenden, jugendlich modisch gekleideten Mutter in die Familie aufgenommen, erhält durch ihren Vater seine erste Anstellung und wird von Anne den Partygästen als ihr „Freund“ vorgestellt. Das zurückhaltende, sich etwas langsam bewegende und in der Freizeit strickende „alte Mädchen“ erweist sich als durchaus zielorientiert und ist ihrem pragmatischen Techniker-Vater ähnlicher als ihrer spontanen, künstlerisch angehauchten Mutter. Anne liebt offenbar Hans mehr als er sie. Sie ergreift von Anfang an die Initiative, spinnt die Fäden, verschafft ihm die Redakteursstelle, wird seine Mitarbeiterin und führt ihn in die Gesellschaft ein.
Für Hans stellt sich die Entscheidungsfrage, ob er die Anstellung annehmen soll, nur theoretisch. Er weiß zwar, dass er nicht Redakteur einer unabhängigen Zeitung wird, wie es eigentlich sein Wunsch war, sondern dass er für die Werbeabteilung der Radio- und Fernsehindustrie Kritiken schreibt. Volkmann erklärt ihm seinen Auftrag entsprechend: Die Rundfunkanstalten sollten nicht für die intellektuellen Hörer des Abendprogramms produzieren, sondern für die Unterhaltung der großen Mehrheit der Bevölkerung und das wäre ein Anreiz, Geräte zu kaufen. Volkmann will den in der Lebenspraxis unerfahrenen Hochschulabsolventen zu dieser Einstellung erziehen und redigiert deshalb seine Kritiken und korrigiert sie. Die wichtigen Kommentare schreibt er selbst. Er will keine eigenständigen Redakteure und lehnt deshalb die Mitarbeit des von Hans protegierten Schriftstellers Klaff ab. Hans wollte als Kompensation für sein schlechtes Gewissen wegen seines angepassten Verhaltens dem arbeitslosen Nachbarn, der für das Nachtprogramm ein sozialkritisches Hörspiel geschrieben hat, ein kleines Einkommen verschaffen. Doch Volkmann lehnt den unbequemen Geist als realitätsfremd und nicht in seine Abteilung passend ab. Hans sieht dies im Grunde ein, aber er bewundert insgeheim den unangepassten Klaff, denn er selbst war als Student „natürlich […] gegen die Fabrikanten, gegen die reichen Leute, die ein schönes Leben haben, bloß deswegen, weil sie Reichtümer ererbt hatten oder doch die Fähigkeit, Reichtümer zu erwerben.“ Damals hat er sich gefragt, „wer […] denen das Recht verliehen [habe], ihre spezielle Fähigkeit, die Fähigkeit, mit Geld umzugehen, zum allgemeinen Lebensgesetz zu erheben, zur unerlässlichen Bedingung menschenwürdigen Daseins“. Hans weiß, dass er mit seinen mangelhaften Fähigkeiten die Verhältnisse nicht ändern kann: „Zwischen dem Bericht ‚Die Zahlungsbilanz steht auf solidem Fundament‘ und seinem Wunsch, dass es allen Menschen gleich gut gehen möge, klaffte ein Abgrund, über den es keine Brücke gab. Also musste er es denen überlassen, für das Wohl der Menschen zu sorgen, die auf der internationalen Weizenkonferenz mitreden konnten.“ Es sei nicht das Zeitalter Rousseaus, sondern das der Fachleute, die ihrer „Phantasie nur Vorstellungen“ erlauben, die ihr Verstand „in Wirklichkeit verwandeln kann“ „Also [werde] nur noch das Allermöglichste gedacht. Das Nicht-sofort-Mögliche [sei] das Unmögliche“. Zwar hat Hans ein schlechtes Gewissen, sich in den kühlen, hallengroßen Räumen der Volkmann-Villa von einer ältlichen Angestellten mit Fruchtsäften bedienen zu lassen, während unten in der Stadt die Menschen zu einem „klebrigen, unangenehmen Teig zusammenschmolzen vor Hitze“, und er denkt an seine Mutter, die für seine bessere Zukunft als Kellnerin gearbeitet hatte. Doch er fragt sich am Ende seiner Reflexionen, wem er damit nütze, wenn er jetzt die Stellung ausschlagen würde. Dieser „Verrat, der den Jüngling zum Mann macht“ sei in der Literatur oft thematisiert worden. Er musste annehmen, „er konnte nicht anders handeln, er war allein.“
Die zweite Entscheidung, über sein privates Verhältnis, entwickelt sich über mehrere Monate. Eigentlich ist die herbe Anne nicht sein Typ. Viel mehr sprechen ihn schöne junge modische Frauen an wie Büsgens Sekretärin Marga oder die ein Kunstgewerbegeschäft betreibende Cécile. Doch er ist zu schüchtern, sich ihnen zu nähern, während andererseits Anne ihn als seine Mitarbeiterin beruflich täglich begleitet und seine Führerin bei gesellschaftlichen Anlässen wird. Sie begrüßt als Gastgeberin die Besucher, überlässt ihrer Mutter den späteren großen Auftritt, ist über alle Partygäste und deren Beziehungen und Strategien gut informiert und wird von ihnen als Volkmanns einzige Tochter respektiert. Ohne sie wäre Hans in diesem Geflecht hilflos. Nach der Party werden beide im alkoholisierten Zustand im Park miteinander intim und Anne animiert ihn tags darauf zur Fortsetzung dieser Beziehung. „Von mir aus, dachte er, sie liebt mich wenigstens […] sie weiß, wer ich bin, ich muss nicht andauernd auf den Zehenspitzen herumtanzen, um mich ein bisschen größer zu machen, als ich bin, und schließlich ist eine Frau eine Frau, basta!“ Als Anne bald darauf schwanger wird, stellt sich ihm die Zukunftsfrage. Er versucht Zeit zu gewinnen und erklärt ihr, dass eine Heirat nicht unter einem Zwang stattfinden solle und zum jetzigen Zeitpunkt gesellschaftlich ungünstig wäre, weil sie dann wegen ihrer vorehelichen Beziehung ins Gerede kämen. Sie einigen sich auf eine Abtreibung und für Anne beginnt ein Leidensprozess. Zuerst berät sie sich mit Dr. Benrath, dem Vertrauten der Familie. Dieser verordnet ihr erfolglos abführende Medikamente, lehnt aber einen Eingriff als für seine Reputation zu riskant ab und gibt ihr die Adresse eines alten Arztes. Dieser erweist sich als nicht vertrauenswürdig, und als Anne einen weiteren findet, ist sie bereits im vierten Monat und muss ohne Betäubung eine riskante und schmerzhafte Operation mit großem Blutverlust erdulden, bei der der Embryo zerschnitten wird. Hans erlebt die körperliche und seelische Qual Annes und dadurch festigt sich seine Beziehung zu ihr: „Hans dachte: das hat sie alles mir zuliebe getan. Wir sind einander sehr nahgekommen. Wahrscheinlich muss ich sie jetzt heiraten…“