mini|hochkant|Mutter mit Kind (Taiwan, 1875) Ein Babytragetuch (kurz Tragetuch) ermöglicht das Tragen eines Babys oder Kleinkinds über eine längere Zeitspanne am Körper.

Geschichte Zwei Drittel der Weltbevölkerung tragen ihre Kinder.Anja Manns und Anne Christine Schrader: Ins Leben tragen. Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1999, ISBN 978-3-86135-570-0

Noch vor 200 Jahren wurden auch in Europa Säuglinge und Kleinkinder in der Regel am Körper der Mutter getragen, dies allerdings vorwiegend in den ärmeren Schichten. In den wohlhabenderen Klassen ließ man sein Kind von Ammen stillen, von Kindermädchen betreuen und machte auch Gebrauch von den ersten Kinderwagen, die im 19. Jahrhundert aufkamen. Seitdem ging die Tradition des Tragens immer mehr zurück.

In westlichen Industrienationen erfuhr es in den 1970er und 1980er Jahren eine gewisse Renaissance. Erika Hoffmann, Mutter von vier Kindern, davon ein Zwillingspaar, griff das Vorbild mittelamerikanischer Frauen auf. Sie band sich jeweils ein Kind in einem Tuch um, um mit den beiden Säuglingen die Alltagsarbeit bewältigen zu können. Der Stern druckte 1972 eine Reportage über ihre Idee, und Ärzte äußerten sich positiv. In Ludwigsburg in Deutschland gründete sich die Firma Didymos, altgriechisch für Zwilling, die Stoffe herstellte, die sich speziell für diese Trageweise eigneten.Neuerfindung, Informationsschrift des Ludwigsburg Museum, Ludwigsburg, 2013

In Deutschland gründeten die Firmen KOKADI, Didymos, LIMAS, Ruckeli und Kapualove am 8. Juni 2018 den Internationalen Verband Babytragen e. V., um das ergonomische Babytragen zu fördern.

mini|hochkant|Bessarabiendeutsche Umsiedlerin mit einer Placht in einem Durchgangslager in Belgrad, 1940

In den Industrienationen mit Ausnahme von Japan ist das Tragen selten geworden. Kinder werden heute weitgehend in Entwicklungs- und Schwellenländern am Körper der Eltern getragen, allerdings gelten dort Kinderwagen zum Teil als Zeichen von Wohlstand, so dass auch dort ein langsamer Umbruch zu beobachten ist, wie er in Europa im 19. Jahrhundert stattfand.

Es gibt neben Tragetüchern verschiedene andere Babytragehilfen (s. u.), durch die der Anteil der Eltern, die ihre Kinder tragen, wieder zunimmt. Stark propagiert wird das ständige Tragen von Kindern (engl. Babywearing) seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert von den Apologeten des Attachment Parenting.

Placht bei Bessarabiendeutschen

Bei der zwischen 1814 und 1940 in Bessarabien siedelnden deutschen Volksgruppe der Bessarabiendeutschen wurde das Tragetuch Placht genannt. Kinder wurden von ihren Müttern in Plachten getragen, da die Straßen im Winter matschig waren und Kinderwagen kaum benutzt wurden. Die von den Siedlern aus Wolle gesponnenen Tücher waren etwa einen Meter breit und drei Meter lang. Sie waren farbenfroh gestaltet in gestreiften und karierten Mustern.

Vor- und Nachteile des Tragens Vorteile: Der Instinkt des Babys sagt ihm, dass es sicher ist, solange es Körperkontakt hält (Tragling). Das Baby ist zufriedener und schreit weniger. Dies deckt sich mit einer Studie von Urs A. Hunziker am Kinderspital Zürich, nach der Kinder, die getragen werden, auffallend weniger weinten als Kinder einer Vergleichsgruppe.http://pediatrics.aappublications.org/content/77/5/641.abstract Das Kind ist nicht immer im Mittelpunkt, kann aber trotzdem alle Aktivitäten der Familie aktiv miterleben. Bessere Mobilität: Wo man mit dem Kinderwagen große Umwege macht oder gar nicht durchkommt, hat man mit dem Tragetuch weniger Einschränkungen (Treppen, unbefestigte Wege, hoher Schnee, Wanderungen, öffentlicher Verkehr etc.) mini|Schlafendes Kind im Tragetuch Wärme und Bewegung werden bei Verdauungsproblemen (3-Monats-Koliken) von Babys empfohlen. Deshalb kann das Tragetuch da hilfreich sein. Mehr Wärme im Winter. Beide Hände sind frei für andere Dinge wie Geschwisterkinder, Tiere, Haushalt, Arbeit etc. Klein und praktisch zum Mitnehmen (im Vergleich zum sperrigen Kinderwagen) Regelmäßiges Tragen fördert die Stärkung der Rumpfmuskulatur. Viele Eltern berichten, dass Rückenschmerzen nach einer gewissen Zeit zurückgehen oder ganz verschwinden. Der Trainingseffekt hilft Müttern auch, Gewicht aus der Schwangerschaft wieder loszuwerden.

Nachteile: Man muss das (steigende) Gewicht des Kindes (er-)tragen. Bei medizinischen Problemen (Beckenbodenschwäche, Bandscheibenvorfall o. Ä.) ist es unter Umständen nicht möglich zu tragen. Mit dem behandelnden Arzt und einer ausgebildeten Trageberaterin abklären. Sportliche Aktivitäten sind nur beschränkt möglich (alles, wodurch Stöße auf das Kind übertragen werden, etwa Lauftraining, ist zu vermeiden). Angebote die speziell auf getragene Babys ausgerichtet sind, gibt es aber (z. B. Nordic Walking mit Kind). Ein Tragetuch oder eine Tragehilfe korrekt anzulegen, muss anfangs erst gelernt werden. Inzwischen gibt es aber im Internet zahllose Video-Instruktionen. Auch von Hebammen oder in einer Trageberatung können die richtigen Handgriffe beigebracht werden.

Biologische und medizinische Betrachtungen mini|Ein Kind in einer Tragehilfe auf dem Rücken der Mutter. Wichtig ist, dass die Tragehilfe die Anhock-Spreizhaltung unterstützt Bernhard Hassenstein hat den menschlichen Säugling und Babys einiger Affenarten als Tragling bezeichnet.Bernhard Hassenstein, Evelin Kirkilionis: Der menschliche Säugling, Nesthocker oder Tragling?. In: Wissenschaft und Fortschritt 42/1992 In der Tat haben menschliche Neugeborene – wie auch Affenbabys – den Klammerreflex (Moro-Reflex) beim Fallen sowie den Greifreflex (Palmar-Reflex). Legt man ein Neugeborenes auf den Rücken bzw. hebt es hoch, nimmt es instinktiv die Anhock-Spreizhaltung ein, mit der es enger am Körper des Trägers anliegen kann. Biologen zählen den Menschen deshalb sogar zu den aktiven Traglingen, obwohl Menschenkinder sich nicht aus eigener Kraft am Körper des Trägers festhalten können und deshalb wie passive Traglinge getragen werden müssen.

Befürchtungen, z. B. das Tragen sei schädlich für die Wirbelsäule, sind aus biologischer Sicht nicht haltbar. Auch medizinisch spricht nichts gegen das Tragen gesunder Säuglinge über längere Zeiträume. Nach Untersuchungen von Evelin Kirkilionis treten bei getragenen Kindern Wirbelsäulenauffälligkeiten nicht häufiger auf als bei Kindern, die im Kinderwagen gefahren werden. Vielmehr kommt das Tragen der Wirbelsäule des Säuglings sogar entgegen, da sich die doppelte S-Form erst während des ersten Lebensjahres entwickelt. Tragen in der Anhock-Spreizhaltung kann Hüftdysplasien vorbeugen, es sind zudem Fälle dokumentiert, bei denen bereits vorhandene Hüftdysplasien ohne medizinische Eingriffe wieder verschwanden, nachdem die betroffenen Babys im Tuch getragen wurden.Evelin Kirkilionis: Ein Baby will getragen sein. Kösel-Verlag, München 1999, ISBN 3-466-34408-5

Wenn Eltern möglichst früh mit dem Tragen anfangen – gesunde Säuglinge können ab dem ersten Tag getragen werden –, wird auch deren Rücken durch langes Tragen nicht gesundheitsschädlich belastet. Gute Tragehilfen verteilen das Gewicht des Kindes entsprechend, die Muskeln der Eltern werden mit zunehmendem Gewicht trainiert und passen sich dementsprechend an. Ist das Kind für Bauchtragen zu schwer, kann es auf dem Rücken getragen werden, wo man das Gewicht durch Rucksäcke normalerweise gewohnt ist. Bei Rückenproblemen der Eltern sollte das Tragen allerdings eingeschränkt bzw. mit dem Arzt abgestimmt werden.

Hinweise zu Auswahl und Gebrauch von Tragetüchern Mittlerweile bieten zahlreiche Hersteller Tragetücher in den verschiedensten Größen, Farben und Qualitätsstufen an.

Die Länge des Tragetuches wird durch die verwendete Bindeweise vorgegeben: Känguru-Bindeweisen (Känguru vorne, Hüftkänguru, Rucksack) benötigen ein 3,6 bis 4,2 m langes Tuch. Kreuzbindeweisen (Wickelkreuztrage, der Firma Didymos, 2016 Wickelkreuzrucksack) benötigen bei schlanken Personen ein 4,2 bis 4,7 m langes Tuch. der Firma Didymos, 2016 Bei großen oder fülligeren Personen wird die nächstgrößere Tuchlänge benötigt. Das Tuch sollte nicht allzu lang sein, da die herunter hängenden Enden dann schwierig zu handhaben sind.

Tücher nach Öko-Tex 100-Standard dürfen keine bekannten krebserregenden oder allergieauslösenden Farbstoffe enthalten, müssen schweiß- und speichelecht sein und der Pestizidgehalt darf höchstens die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für Obst und Gemüse erreichen. Manche Hersteller bieten auch Tücher mit Rohstoffen aus kontrolliert biologischem Anbau an.

Ein Tragetuch sollte diagonalelastisch sein, um das Kind eng zu umschmiegen, die Rundung des kindlichen Rückens zuzulassen und es punktgenau festziehen zu können. Das wird durch die Webart des Stoffes erreicht. Die häufigsten Webarten sind „Kreuzköper“, „Jacquardwebung“ und „Diamantköperwebung“. Beeinflusst werden die Trageeigenschaften auch von der Webdichte, Garndicke und dem verwendeten Material (Seide, Wolle etc.). Standardtücher werden aus Baumwolle gewebt.

Mit einem Tragetuch können Kinder entweder auf dem Bauch, auf der Hüfte oder dem Rücken getragen werden. Das Binden auf den Bauch eignet sich vor allem für kleinere Kinder bis ca. 12 Monate. Dabei ist das Kind immer mit dem Gesicht zum Körper zu tragen.

Das Binden auf der Hüfte eignet sich für Kinder ab der Geburt. Das Kind hat auf der Hüfte sitzend die Möglichkeit, den Tragenden bei seinen Tätigkeiten zu beobachten und mehr von seiner Umwelt wahrzunehmen. Nachteilig ist, dass das Gewicht des Kindes dann nur auf einer Schulter des Tragenden ruht.

Das Binden auf den Rücken eignet sich für Kinder ab Geburt, bis sie zu schwer zum Tragen werden. Das Einbinden ist auch ohne fremde Hilfe möglich und erfordert wie jede Bindeweise etwas Übung. Eltern brauchen dafür etwas mehr Mut als für Bindeweisen vorne, da man das Kind nicht sehen kann. Andere Sinneseindrücke wie Geräusche, Bewegungen und Muskeltonus vom Kind werden jedoch intensiv wahrgenommen. Das Tragen auf dem Rücken bietet den Vorteil, dass die Arme völlig frei sind, so dass die meisten manuellen Tätigkeiten uneingeschränkt ausgeführt werden können. Das bessere Gleichgewicht und die freie Sicht auf die Füße sind vorteilhaft bei Spaziergängen und Wanderungen und die Trageweise schont den Rücken und Beckenboden der tragenden Person.

Es ist nicht empfehlenswert, das Kind erst nach dem Fertigstellen der Bindung in das Tuch zu setzen, da dies die Anpassung des Tuchs an das Kind und die tragende Person erschwert. Das Kind sitzt dann häufig zu locker, schaukelt im Tuch, fühlt sich nicht geborgen und weint. Die tragende Person versucht den lockeren Sitz dann auszugleichen, indem das Kind zusätzlich durch eine oder beide Hände gestützt wird. Unter Umständen können sich auch Rückenschmerzen bemerkbar machen. Insbesondere für Neugeborene und jüngere Traglinge soll das Kind bereits während des Bindens in das Tuch gesetzt werden, um es individuell am Kind und der tragenden Person nachziehen zu können und die notwendige Festigkeit der Bindung zu erreichen.

Tragen vor dem Bauch mit Gesicht nach vorne wird generell nicht empfohlen, unabhängig davon, ob mit Tragetuch oder einer Tragehilfe getragen wird. Hier wird das Kind in eine unphysiologische Haltung gedrückt, der Körper, insbesondere der Kopf, zu wenig gestützt. Die Anhock-Spreizhaltung ist nicht gewährleistet. Bei Jungen besteht die Gefahr, dass die Hoden abgedrückt werden. Und der Säugling hat nicht die Möglichkeit, sich dem Tragenden zuzuwenden, um sich vor optischen und akustischen Reizen zurückzuziehen. Möchte das Kind mehr sehen, empfiehlt sich eine Trageweise auf der Hüfte oder auf dem Rücken, so dass es über die Schulter schauen kann.

Beim Tragen sollte das Kind nicht durch zu kleine, enge oder dicke Kleidung eingeengt werden. Das Tragetuch wirkt als zusätzliche Kleiderschicht. Durch die Beugung der Beine und den Zug des Tuchs ist beim Tragen oftmals eine längere Hosengrösse nötig, insbesondere bei Stramplern.

Tragen unterwegs Winter: