mini|Animation der Stadt Karthago

Karthago () war eine Metropole in Nordafrika nahe dem heutigen Tunis in Tunesien. In der Antike war Karthago über mehrere Jahrhunderte Hauptstadt des Karthagischen Reiches, einer bedeutenden See- und Handelsmacht.

Die Stadt entstand als Gründung der Phönizier, von deren Volksbezeichnung sich auch die römische Bezeichnung poeni für die Einwohner Karthagos und seines Einflussgebietes ableitet. Auf diese lateinische Form wiederum geht die deutsche Bezeichnung „Punier“ zurück. Im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. kam es zu drei großen „Punischen Kriegen“ zwischen Karthago und der Römischen Republik, die letztlich alle für Rom siegreich verliefen. Nach dem Dritten Karthagisch-römischen Krieg wurde Karthago von den Römern dem Erdboden gleichgemacht und das Karthagische Reich 146 v. Chr. aufgelöst. Es ging im Römischen Reich als Provinz Africa proconsularis auf. Ein römisches Karthago wurde unter Gaius Iulius Caesar im 1. Jahrhundert v. Chr. neu gegründet und stieg bald erneut zu einer bedeutenden Großstadt auf. Erst mit dem Ende der Antike verlor auch dieser Ort seine Bedeutung.

Heute ist Karthago () ein Vorort von Tunis. Das archäologische Ausgrabungsgelände von Karthago wurde 1979 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen und ist eine touristische Attraktion.

Ortsnamen und Benennungen Der Ortsname Karthago geht auf die phönizisch-punische Form (qart hadašt) zurück und bedeutet „neue Stadt“. Dies könnte sich entweder darauf beziehen, dass Karthago eine Tochterstadt des phönizischen Ortes Tyros war, oder als Abgrenzung vom nahegelegenen Ityke verstanden werden, dessen Name „alte (Stadt)“ bedeutet. Der Namensteil qart (im Karthagischen wie in allen westsemitischen Sprachen ohne Vokale geschrieben, also „qrt“) mit der Bedeutung „Stadt“ findet sich beispielsweise auch im Ortsnamen Carteia oder verbunden mit dem Namen des Gottes Melkart (von mlk für „Herrscher“, zum Beispiel Melcarteia zusammen also „Stadtherrscher“).

Der Name Phönizien hingegen ist eine Ableitung vom griechischen Wort phoinike (Φοίνικε), das Purpurland bedeutet. Davon leitet sich das lateinische poeni her, aus dem die deutsche Benennung Punier entstand. Die Römer verwendeten poeni ausschließlich für die Karthager, und dieser Begriff stand eher in einem abwertenden Kontext. Nicht zuletzt wegen dieser Wortgeschichte, aber auch zur besseren Unterscheidung der Phönizier der Levante von ihren nordafrikanischen Nachfahren wählen manche Wissenschaftler bewusst die Bezeichnung Karthager statt des feindlich geprägten Punier. Mit Karthager sind dann nicht nur die Einwohner der Stadt Karthago gemeint, sondern auch die von dessen Tochtergründungen.Siehe beispielsweise Werner Huß: Die Karthager. 4., durchgesehene Auflage. 2008, ISBN 978-3-406-39825-4, Kap. I Ursprünge und Anfänge, S. 11. Huß verwendet konsequent den Begriff Phoiniker statt Phönizier und Karthager statt Punier.

Als etruskischer Name der Stadt ist Karθazie überliefert,Gertraud Breyer: Etruskisches Sprachgut im Lateinischen unter Ausschluss des spezifisch onomastischen Bereiches. Peeters, Löwen 1993, S. 452. als altgriechische Namensform Καρχηδών Karchēdṓn.

Geographie mini|Lage von Karthago auf einer geographischen Karte in heutiger Zeit

Karthago liegt an der Meerenge namens Straße von Sizilien an der afrikanischen Mittelmeerküste im Norden des Staates Tunesien. Die Stadt liegt geschützt auf jener Halbinsel, die sich rund zehn Kilometer östlich des modernen Tunis erstreckt. Das Stadtgebiet wird im Norden von der Lagune Sebkha Ariana, im Osten vom Golf von Tunis und im Süden vom See von Tunis begrenzt. Nur im Westen liegt eine enge Landzunge, die die Stadt mit dem Hinterland verbindet. Die Lage war strategisch günstig, weil sich die Stadt so zur Landseite hin leicht verteidigen ließ.

Karthago befand sich einerseits im Zentrum wichtiger Handelsrouten in West-Ost-Richtung zwischen Gibraltar und Levante, andererseits zwischen den Verbindungen in Nord-Süd-Richtung, dem Golfe du Lion und dem Tyrrhenischen Meer, sowie der Großen Syrte. Durch seine Lage konnte es somit den Seehandel im Zentralen Mittelmeer kontrollieren. Dies war ein Hauptgrund für die wirtschaftliche und militärische Dominanz der Stadt.

Der Byrsa-Hügel war das Zentrum sowohl des vorrömischen als auch des römischen Karthago. Nördlich des eigentlichen Stadtgebiets, aber noch innerhalb der Stadtmauern, befand sich in der Antike das landwirtschaftlich genutzte Gebiet von Megara.

Gründungsmythen Verschiedene nicht-karthagische Schriftsteller überliefern Mythen von der Gründung der Stadt; zu den ausführlichsten gehört der Historiker Marcus Iunianus Iustinus. Zentrale Figur dieser Mythen ist Dido, als deren karthagischer Name Elissa angegeben wird. Elissa soll die Tochter des Mutto, König von Tyros und Sidon von 829 v. Chr. bis 821 v. Chr., und Schwester des Pumjaton (Pygmalion), König von 820 v. Chr. bis 774 v. Chr., gewesen sein. Mutto setzte aber Dido und ihren Gatten Sychaeus, der auch Hohepriester war, als Erben ein. Ihr Bruder Pumjaton erschlug SychaeusVergil, Aeneis 1,343–364. aus Habgier, weswegen sie um ihr Leben fürchten musste. Auf der Flucht gelangte sie über Zypern an den Golf von Tunis. Der ortsansässige König der Gaetuler namens Iarbas versprach ihr so viel Land, wie sie mit einer Ochsenhaut umspannen könne. Elissa schnitt daraufhin die Tierhaut in dünne Streifen, legte sie aneinander um den Hügel Byrsa herum und konnte somit ein großes Stück Land markieren, die Keimzelle Karthagos. Nach der Gründung habe sich Elissa selbst auf einem Scheiterhaufen geopfert, um der Stadt Wohlstand zu garantieren.Werner Huß: Geschichte der Karthager (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Abteilung 3, Teil 8). C. H. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30654-3, S. 41–42.

Als punische Form des Namens, den die griechisch-römischen Quellen Elissa nennen, rekonstruiert die Forschung „'Išt“. Dieser Name „'Išt“ ist in der karthagischen Namenforschung mehrfach bezeugt, wobei seine Bedeutung „die Aktive“ nicht sicher geklärt ist. Einen historischen Kern der Legende festzustellen, ist schwierig. Dass eine Frau eine so weitreichende Expedition leitete, entspricht nicht den damaligen Üblichkeiten und ist daher wenig glaubhaft. Ebenfalls umstritten ist das teilweise behauptete Bestehen eines „Elissa-Kultes“ im späteren Karthago. Die vorherige Flucht hat außerdem legendenhafte Züge. Weitere Einzelheiten der Geschichte sind offensichtlich aufgrund der griechischen Volksetymologie entstanden und dürften daher keinen geschichtlichen Hintergrund haben.

Eine Begebenheit, die sich nach der Gründung Karthagos abgespielt haben soll, schildert der Römer Vergil in seinem Epos Aeneis. Demzufolge besuchte Aeneas, der sagenhafte Stammvater der Römer, nach seiner Flucht aus Troja Dido in Karthago, worauf diese sich in ihn verliebt. Als Aeneas auf Geheiß des Jupiter nach Italien abreiste, wo sein Sohn Iulus der Sage zufolgeVergil, Aeneis 6,763. später Roms Mutterstadt Alba Longa gründete, tötete Dido sich selbst auf dem Scheiterhaufen. Doch zuvor habe sie Rache geschworen und so die Grundlage für den späteren Konflikt zwischen Karthago und Rom geschaffen.

Geschichte mini|hochkant=1.35|Handelsrouten der Phoiniker, die von den Karthagern nach und nach übernommen wurden, das Stammland rot unterlegt Dieser Abschnitt behandelt nur die Geschichte der Stadt Karthago selbst. Für die Geschichte des Karthagischen Reiches siehe dort.

Gründung Historisch verlässliche Schilderungen zur Gründung Karthagos liegen nicht vor. Eine zumindest nicht direkt unplausible Angabe zum Gründungsdatum überlieferte der antike Historiker Timaios von Tauromenion, dem zufolge die Stadtgründung im 38. Jahr vor der ersten Olympiade, also je nach Zählweise im Jahr 814/813 v. Chr. oder 813/812 v. Chr. erfolgte.Werner Huß: Geschichte der Karthager (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Abteilung 3, Teil 8). C. H. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30654-3, S. 42. Sollte die Verbindung der mythologischen Stadtgründerin Dido zu König Mutto von Tyros und Sidon einen historisch wahren Kern haben, könnte die Stadtgründung in dessen Regierungszeit 829–821 Chr. fallen. Die ältesten archäologischen Zeugnisse der Stadt Karthago lassen sich allerdings erst auf die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. datieren.

Die Gründer der Stadt Karthago waren phoinikische Siedler aus Tyros und vielleicht auch aus Sidon. Die Beteiligung von Siedlern aus Sidon würde erklären, warum ein Tempel für Eschmun auf der Oberstadt namens Byrsa errichtet wurde, während der eigentliche Stadtgott Baal-Hammon war und eine wichtige Gottheit Tanit hieß. Offenbar war den Karthagern ein besonderer Synkretismus wichtig.

Historische Entwicklung bis zum Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. mini|Seegebiet, das Karthago um 509 v. Chr. kontrollierte mini|Seegebiet zwischen Karthago und dem Ligurischen Meer (Ligurian Sea) In der Frühphase befand sich die Stadt Karthago noch in Abhängigkeit von ihrer Mutterstadt Tyros, zahlte also Tribute und war auch politisch gebunden. Da sich Karthago im Zentrum wichtiger Handelsrouten sowohl in West-Ost-Richtung (zwischen Gibraltar und der Levante) als auch in Nord-Süd-Richtung (zwischen den Etruskern und der großen Syrte) befand (siehe Kapitel Geographie), konnte es den Seehandel durch das zentrale Mittelmeer und den nördlichen Endpunkt der Sahararouten kontrollieren. Man darf annehmen, dass die Stadt genau deswegen dort gegründet wurde.

Auch politisch hatte die Gründung Karthagos eine Bedeutung aufgrund der zentralen Lage zwischen dem Mutterland und dem Atlantik. Die vielen phoinikischen Gründungen im westlichen Mittelmeer, ob von Tyros gegründet oder von anderen Städten (Sidon), die es vor der Gründung Karthagos schon gab, hätten am ehesten von karthagischen Kriegsschiffen geschützt werden können. Diese phoinikischen Gründungen lagen teils sogar außerhalb des Mittelmeeres an der Atlantikküste Iberiens und Marokkos.

Das Karthagische Reich hatte im 6. Jahrhundert v. Chr. bereits ein umfassendes politisches System mit verfassungsähnlichen Grundsätzen installiert (siehe karthagisch-römische Verträge) und war auch in der Lage, seinen Einfluss zu verwalten. Sicherlich waren phoinikische Städte bereit, sich am Schutz finanziell zu beteiligen, und das Karthagische Reich dürfte diese Aufgabe gerne übernommen haben. Deswegen konnte das Karthagische Reich seinen Einfluss als See- und Handelsmacht weiter ausbauen. Es übernahm also die phoinikischen Kolonien als Schutzmacht, vielleicht auch politisch, die Verantwortung, und gründete eigene Siedlungen: auf Sardinien (Šrdn), Korsika (anfangs mit Billigung der Etrusker), den Balearen, an der nordafrikanischen Küste und an der südlichen Mittelmeerküste Spaniens, und überzeugte sogar die Siedlungen an der Atlantikküste Iberiens (Gadir, Onuba) und Marokkos (Tingis, Lixos), sich dem Karthagischen Reich anzuschließen. Dies war nur durch eine zahlenmäßig starke Flotte, durch überlegenen Schiffbau und durch gut ausgebildete Seeleute möglich. Der Kriegshafen (Kothon) der Stadt besaß Anlegeplätze für 200 bis 300 Trieren. Der Hafen war sowohl für den Neubau von Schiffen als auch für Reparaturen ausgestattet. Ähnlich ausgebaute Häfen gab es zum Beispiel auch in Panormos, Ibes, Gadir, Rusadir und Icosim.

Das Karthagische Reich als unabhängige Großmacht (6. bis 2. Jahrhundert v. Chr.) Spätestens als das phoinikische Mutterland 539 v. Chr. vom persischen Achämenidenreich erobert und tributpflichtig wurde, löste sich das Karthagische Reich ganz vom tyrischen Einfluss. Im Jahr 508/507 v. Chr. zeigte das Karthagische Reich auch politisch seine Unabhängigkeit, als es mit dem Römischen Reich einen Freundschaftsvertrag schloss, der die Einflussgebiete beider Partner regelte, den Ersten karthagisch-römischen Vertrag.

mini|Geographische Lage der Stadt Karthago und das Karthagische Reich ohne deren Einflussgebiete in Sizilien im 3. Jahrhundert v. Chr.