mini|Die erste Sure al-Fātiha in einer Handschrift des Kalligraphen Aziz Efendi (1871–1934) mini|Teil eines Verses aus der 48. Sure al-Fath in einer Handschrift aus dem 8. oder 9. Jahrhundert

Der Koran (so die eingedeutschte Form von , []) ist die heilige Schrift des Islams, die nach Ansicht gläubiger Muslime die wörtliche Offenbarung Gottes (, Allah) an den Propheten Mohammed enthält. Er ist in einer speziellen Reimprosa abgefasst, die auf Arabisch als Sadschʿ bezeichnet wird. Der Koran besteht aus 114 Suren, diese bestehen wiederum aus einer unterschiedlichen Anzahl an Versen (, plural āyāt). Maßgeblich für alle modernen Ausgaben ist die orthographisch standardisierte Kairiner Koranausgabe der Kairoer Azhar-Universität von 1924.

Ein wichtiges Kennzeichen des Korans ist seine Selbstreferentialität.Stefan Wild (Hrsg.): Self-referentiality in the Qurʾān. Wiesbaden 2006. Das bedeutet, dass der Koran sich an vielen Stellen selbst thematisiert. Auch die meisten Glaubenslehren der Muslime hinsichtlich des Korans stützen sich auf solche selbstreferentiellen Aussagen im Koran.Koran, Sure 2:2 Nach dem Glauben der sunnitischen Muslime ist der Koran die unerschaffene Rede Gottes oder zumindest ein Ausdruck davon. Eine Minderheit von Muslimen ist dagegen der Auffassung, dass der Koran erschaffen sei.

Der Koran als Glaubensgrundlage mini|hochkant|Mohammeds Berufung zum Prophetentum und die erste Offenbarung; Blatt aus einer Kopie des Madschma at-tawarich (Maǧmaʿ at-tawārīḫ), um 1425, timuridisch, aus Herat (heute im Metropolitan Museum of Art, New York)

Der Koran ist die Hauptquelle des islamischen Gesetzes, der sogenannten Scharia. Weitere Quelle der Scharia ist unter anderem die Sunna des Propheten Mohammed. Daneben gilt der Koran auch als ästhetisches Vorbild für arabische Rhetorik und Dichtung. Seine Sprache beeinflusste darüber hinaus stark die Entwicklung der arabischen Grammatik. Neben den erhaltenen Fragmenten der vorislamischen Dichter galt und gilt das koranische Arabisch als Richtschnur für die Korrektheit sprachlichen Ausdrucks.

Im Arabischen wird der Koran mit dem Attribut karīm („edel, würdig“) versehen. Unter deutschsprachigen Muslimen ist der Begriff „der Heilige Qur'an“ gebräuchlich.

Gemäß der Überlieferung nach Mohammeds Cousin Ibn ʿAbbās und seinem Schüler Mudschāhid ibn Dschabr fand die erste Offenbarung in der Höhle des Berges Hira statt.Adel Theodor Khoury: Der Koran. Band 12. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1987, ISBN 3-579-00336-4, S. 497. Es sind die ersten fünf Verse der Sure 96. Sie beginnt mit den Worten:

Allgemein wird angenommen, dass Mohammed weder lesen noch schreiben konnte, weshalb die Muslime glauben, dass der Erzengel Gabriel ihm den Befehl gab, das zu rezitieren bzw. vorzutragen, was ihm vorher offenbart wurde. Daher hat der Koran auch seinen Namen: „Lesung/Rezitation“.

Der islamischen Überlieferung, der Sira-Literatur und der Koranexegese (Tafsir) zufolge trat Mohammed nach der ersten Offenbarung aus der Höhle, und der Erzengel Gabriel baute sich in alle Blickrichtungen vor ihm auf. Von diesem Erlebnis soll Mohammed so erschüttert gewesen sein, dass er zitternd zu seiner Frau Chadidscha heimkehrte, die ihn in eine Decke wickelte, worauf die Sure 74 offenbart wurde:

Der Überlieferung zufolge soll ʿAlī ibn Abī Tālib Augenzeuge der ersten Offenbarung gewesen sein. In den folgenden 22 Jahren wurde Mohammed der gesamte Koran offenbart, wobei viele Verse Bezug auf aktuelle Geschehnisse der Zeit nehmen. Andere Verse erzählen von den Propheten (Adam, Abraham, Noah, Josef, Moses, ʿĪsā ibn Maryam (Jesus) und weiteren), und wieder andere enthalten Vorschriften und allgemeine Glaubensgrundsätze. Dabei wendet sich der Koran an alle Menschen. Es werden auch Nichtgläubige und Angehörige anderer Religionen angesprochen.

Einteilung des Textes Suren und Verse mini|hochkant|Die rechte Seite des binären Manuskripts von Stanford ‘07. Die obere Schicht sind die Verse 265–271 der Sure al-Baqara. Die doppelte Schicht zeigt die Ergänzungen des ersten Korantextes und die Unterschiede zum heutigen Koran

Die Suren und ihre Namen

Der Koran besteht aus 114 mit Namen versehenen Suren. Während man in der nicht-islamischen Welt bei Koranzitaten üblicherweise die Suren mit ihrer Nummer nennt, wird in Veröffentlichungen von muslimischer Seite bei Koranzitaten meist auf deren arabischen Namen verwiesen. Die Benennung der Sure richtet sich nach einem bestimmten Wort, das in ihr vorkommt, beschreibt jedoch nicht unbedingt ihren Hauptinhalt. Einerseits sind viele Suren inhaltlich als unzusammenhängend zu betrachten – die Sure An-Nisā' (die Frauen) beispielsweise enthält zwar einige wichtige Koranstellen mit Bezug auf Frauen, spricht aber ansonsten auch über das Erbrecht sowie über generelle Glaubensinhalte. Ebenso die zweite Sure (al-Baqara – Die Kuh), welche zwar eine Geschichte mit einer Kuh als Schlachtopfer enthält, jedoch einen Großteil der gesetzlichen Regeln und der Glaubensinhalte vermittelt. Andererseits kommt es vor, dass unmittelbar aufeinanderfolgende Suren, wie beispielsweise Ad-Duhā und Asch-Scharh, dieselbe Thematik behandeln – in diesem Falle die Erinnerung an die Wohltaten Gottes – und deshalb oft zusammen gelesen werden.

Die Anordnung der Suren folgt keinem inhaltlichen Muster; vielmehr sind die Suren, mit Ausnahme der ersten Sure Al-Fātiha, grob der Länge nach geordnet (beginnend mit der längsten). Beispielsweise ist die Sure 108 mit nur drei Versen und 42 bzw. 43 Buchstaben am kürzesten, wenn ein Hamza hier als Buchstabe gezählt wird. Auch viele andere Suren weichen von der Anordnung nach der Länge ab, was von den Muslimen als Zeichen dafür gesehen wird, dass die Anordnung nicht willkürlich geschah. Die Muslime sind überzeugt, dass die Anordnung der Suren vom Propheten Muhammad so überliefert wurde. Im Gebet ist es deshalb unerwünscht, eine spätere vor einer früheren Sure zu rezitieren, laut Tradition. Im Gegensatz zum Tanach der Juden und zur Bibel, der heiligen Schrift christlicher Glaubensgemeinschaften, die zu bedeutenden Teilen aus chronologisch geordneten Geschichtsbüchern bestehen, gibt es eine solche Ordnung weder innerhalb der Suren noch in ihrer Anordnung, obwohl die chronologische Folge der Suren als bestimmbar angenommen wird.Hans Bauer: Über die Anordnung der Suren und über die geheimnisvollen Buchstaben im Qoran – Über die Anordnung der Suren und über die geheimnisvollen Buchstaben im Qoran. In: Zeitschriften der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Nr. 75, 1921, S. 1–20; im Online-Archiv der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt.

Mit Ausnahme von Sure 9 beginnen alle Suren des Korans mit der Basmala-Formel (). Am Anfang von 29 Suren stehen bestimmte abgetrennte Buchstaben, die wegen ihrer ungeklärten Bedeutung auch „geheimnisvolle“ oder „rätselhafte Buchstaben“ genannt worden sind. Es gibt verschiedene Ansätze, um diese abgetrennten Buchstaben zu interpretieren. So deutet Rumi diese mystisch, in ihnen könne man die Kraft der Offenbarung Gottes erkennen.Jalalu'ddin Rumi, Reynold A. Nicholson: The Mathnawī of Jalāluʾddīn Rūmī. Volume V, Containing the text of the fifth and sixth books and indices (= E. J. W. Gibb Memorial series. Bände 4/5). Leyden, London 1933, Vers 1316–1330. Rashad Khalifa, ein ägyptisch-amerikanischer Biochemiker und Koranist, hingegen deutet diese Buchstaben als einen Hinweis für einen mathematisch-komplexen Code im Koran, auch Korancode genannt. In modernen Koranausgaben werden am Anfang der Suren neben dem Namen auch die Anzahl der Verse und der Offenbarungsort – Mekka oder Medina – angegeben.

Die verschiedenen Verszählungen mini|hochkant|Fragment einer Koran-Handschrift aus dem 14. Jahrhundert mit einer Dschuz'-Markierung am rechten Rand

Die Suren bestehen jeweils aus einer unterschiedlichen Anzahl an Versen (āyāt, sg. āya). Hierbei gibt es grundsätzlich sieben Systeme der Verszählung, die schon im 8. Jahrhundert entstanden sind und nach den großen Zentren der Korangelehrsamkeit benannt sind: Kufa, Basra, Damaskus, Homs, Mekka, Medina I und Medina II.G. Bergsträßer, O. Pretzl: Die Geschichte des Korantexts. Leipzig 1938, S. 237. Allerdings gibt es nur für zwei dieser Systeme feste, eindeutige Gesamtverszahlen, nämlich 6.236 für Kufa und 6.204 für Basra.Anton Spitaler: Die Verszählung des Koran nach islamischer Überlieferung. München 1935, S. 17f. Die heutige Verszählung richtet sich üblicherweise nach der 1924 erschienenen ägyptischen Standardausgabe, die der kufischen Verszählung folgt.G. Bergsträßer, O. Pretzl: Die Geschichte des Korantexts. Leipzig 1938, S. 273. Neben diesen Verszählungen begegnet in der älteren orientalistischen Literatur noch eine andere Verszählung, die auf Gustav Flügel zurückgeht und keiner islamischen Verszählungstradition verpflichtet ist.Alford T. Welch: al-Qurʾān. In The Encyclopaedia of Islam. Band 5, Leiden/Boston 1986, S. 411a. Eine Synopse der kairinischen und der Flügel’schen Zählung bietet die vom Reclam-Verlag herausgegebene Koranübersetzung von Max Henning.Max Henning: Der Koran. (Aus dem Arabischen übersetzt von Max Henning. Einleitung und Anmerkungen von Annemarie Schimmel) Philipp Reclam jun., Stuttgart 1960.

Eine weitere Form der Verszählung liegt in der Ahmadiyya-Ausgabe des Korans vor. Hier wird anders als in der ägyptischen Standardausgabe jeweils die Basmala als erster Vers mitgezählt, wodurch sich die Zählung der folgenden Verse jeweils um einen Vers verschiebt (z. Bsp.: 2:30 → 2:31). In den Koranausgaben, die auf der ägyptischen Ausgabe basieren, wird die Basmala dagegen nur bei der ersten Sure Al-Fātiha als eigener Vers mitgezählt. Da die Verszahlen nicht als Teil der Offenbarung gelten, werden sie in den oft kunstvoll ornamentierten Koranbüchern mit einer Umrandung von dem Offenbarungstext ausgeschlossen. Auch andere Seitenzahlen bleiben außerhalb des Offenbarungstextes, der klar ersichtlich abgegrenzt wird.

Einteilungen für liturgische Zwecke mini|hochkant|Kolophon des neunten Dschuzʾ einer Rabʿa aus dem 12. Jahrhundert im Walters Art Museum

Während Suren und Verse eine sehr unterschiedliche Länge aufweisen, gibt es noch verschiedene andere Einteilungen des Korans, die den Text in gleich lange Abschnitte gliedern. Sie finden vor allem in der Liturgie Verwendung und dienen als Maßeinheiten zur Festlegung von Gebetspensen. Die wichtigsten derartigen Maßeinheiten sind der 30. Teil des Korans, Dschuzʾ genannt (, Plural ), und der 60. Teil des Korans, Hizb genannt (, Plural ). Die Grenzen zwischen den einzelnen Dschuzʾ- und Hizb-Abschnitten befinden sich meistens mitten in einer Sure.

Die Einteilung des Korans in dreißig Teile ist besonders für den Ramadan-Monat wichtig, denn es ist eine beliebte Praxis, verteilt auf die dreißig Ramadan-Nächte eine Chatma, also eine Komplettlesung des Korans, vorzunehmen. Dschuzʾ- und Hizb-Einteilungen sind üblicherweise an den Rändern der Koranexemplare markiert, manchmal sind sogar die einzelnen Viertel des Hizb gekennzeichnet.W. Montgomery Watt, Alford T. Welch: Der Islam I. Mohammed und die Frühzeit, islamisches Recht, religiöses Leben. Stuttgart 1980. S. 210.

Für die gemeinsame Koranrezitation bei feierlichen Anlässen wurden in vormoderner Zeit die Dschuzʾ-Abschnitte auch häufig einzeln abgeheftet und in einem speziellen Holzkasten, der Rabʿa genannt wurde, untergebracht. Verschiedene muslimische Herrscher wie Sultan Kait-Bay oder Sultan Murad III. ließen derartige Rabʿa-Kästen in kostbarer Ausführung anfertigen und stifteten sie den heiligen Stätten in Mekka, Medina und Jerusalem.Zur Rabʿa von Sultan Murad III. aus dem Jahr 1592 für die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Vgl. hier: Discover Islamic Art – Virtual Museum Dort waren ausgebildete Koranleser damit beauftragt, täglich daraus zu rezitieren.Zur Rezitation der Rabʿa von Sultan Kait-Bay vgl. Quṭb al-Dīn al-Nahrawālī: Kitāb al-I‘lām bi-a‘lām bayt Allāh al-ḥarām. Ed. F. Wüstenfeld. F.A. Brockhaus, Leipzig 1857, S. 225.