mini|Einige hessische Adelswappen aus Siebmachers Wappenbuch von 1605 Ein Wappen ist ein schildförmiges Zeichen, angelehnt an den Schild als Schutzwaffe des Mittelalters. Typische Merkmale sind wenige Farben, starke Kontraste und eine starke Stilisierung eventueller Figuren. Wappen können von Personen, Gruppen (z. B. Familien oder Vereinen) und Körperschaften (u. a. Staaten und Gemeinden) geführt werden. Wappen sind im Mittelalter in Nordwesteuropa entstanden und haben sich in ganz Europa, teilweise darüber hinaus, verbreitet. Den europäischen Wappen vergleichbar sind die Mon Japans.
Wortherkunft Das Wort Wappen (mhd. wâpen) stammt aus dem Mittelniederländischen (mnl. wâpen) und war ursprünglich bedeutungsgleich mit mittelhochdeutsch wâfen „Waffe, Rüstung“. Auch im Englischen (coat of arms meinte ursprünglich einen über der Rüstung getragenen Rock, später das Wappen) und anderen Sprachen verweist die Etymologie auf Waffen und Rüstungen. Dazu passt, dass bereits frühe Wappen auf verschiedenen Teilen der militärischen Ausrüstung belegt sind (Schild, Waffenrock, Pferdedecke, Banner).
Erst im 16. Jahrhundert bildete sich die begriffliche Trennung heraus: einerseits Waffe als Kampfgerät und Schild als Schutzwaffe, andererseits Wappen in seiner heutigen Bedeutung.
Geschichte Entstehung der Wappen Wappen entstanden im Mittelalter aus verzierten Reiterschilden. Verzierungen von Schilden sind aus vielen Gesellschaften überliefert, aber von „Wappen“ spricht man nur dann, wenn diese Zeichen überzeitlich stabil sind und ihre Gestaltung gewissen Regeln folgt. Ältere Schildzeichen, auf die dies nicht zutrifft, werden oft als „vorheraldisch“ bezeichnet. mini|Darstellung von vorheraldischen Schildzeichen auf dem Teppich von Bayeux, zweite Hälfte des 11. Jh. Eine Besonderheit von Wappen im Gegensatz zu anderen Arten von Verzierungen von Schilden ist des Weiteren der Gebrauch dieser Zeichen in vielen nicht-militärischen Kontexten und dementsprechend ihre Darstellung in sehr unterschiedlichen Medien (auf Siegeln, Münzen usw.). Die frühesten belegten Wappen stammen von Hochadeligen aus dem heutigen Frankreich und England. Entsprechende Schilde haben sich aus dem 12. Jahrhundert nicht erhalten, aber Darstellungen von Schilden auf Reitersiegeln und vereinzelt anderen Quellen (Grabplastik, Buchmalerei). links|mini|Das Siegel, das Richard Löwenherz als Herzog der Normandie nutzte Viele der frühesten nachweisbaren Wappen im Hochadel ähneln den Bannern, die in der Schlacht als Feldzeichen dienten, und damit kollektiven (nicht individuellen) Zeichen. Ähnliches gilt für Wappen von Hochstiften und Königreichen, die oft mit den entsprechenden Feldzeichen zusammenhängen. Ob man deshalb annehmen muss, Wappen seien aus Bannern und als Zeichen von Lehnsverbänden entstanden, ist umstritten. Die Wappenbilder von Familien und Kommunen sind teilweise schon deutlich früher als Siegel- oder Münzbilder nachweisbar. Eine ältere, aber immer noch oft wiederholte These erklärt die Verbreitung von Wappen mit dem Aufkommen von geschlossenen Rüstungen (speziell des Topfhelms) um 1200; Wappen sollen nach dieser Theorie geholfen haben, Freund und Feind in der Schlacht zu unterscheiden. Eine andere Theorie betont, dass Wappen ähnlich wie die zur gleichen Zeit aufkommenden Familiennamen zur Markierung bestimmter (patrilinearer) Verwandtschaftsgruppen genutzt worden seien. Die meisten dieser Erklärungen zur Entstehung von Wappen widersprechen einander nicht, werden in der Forschung aber unterschiedlich gewichtet. Sicher ist, dass Wappen sich im 12. und 13. Jahrhundert rasch in verschiedenen sozialen Gruppen verbreiteten (Hochadel, Klerus, Niederadel, Städte), dass sie sowohl in militärischen als auch vielen nicht-militärischen Kontexten verwendet wurden und dass das gleiche Wappen oft mehrere Bedeutungen gleichzeitig hatte und haben sollte: Ein Familienwappen konnte gleichzeitig den Träger als Person, seine Familie und seinen Lehnsherren darstellen, ein Stadtwappen sowohl einen Amtsträger als auch die Kommune als auch den Stadtherren repräsentieren.
Wappen im 12.–14. Jahrhundert mini|hochkant|links|Welfen-Stammwappen vom Grab Welfs VI. und Welfs VII. in St. Johannes Baptist im Kloster Steingaden, ursprünglich als blauer Löwe auf goldenem Grund koloriert (um 1200; heute im Bayerischen Nationalmuseum, München) mini|Schild des Konrad von Thüringen um 1230/40, einer der wenigen original erhaltenen und relativ sicher datierbaren Schilde des 13. Jahrhunderts mit heraldischer Gestaltung. Die Hauptfigur ist der Thüringische Löwe, klein ist ein Deutschordens-Wappen zu erkennen. Im Lauf des späteren Mittelalters verbreiteten sich Wappen in ganz Europa. Sie sind unter anderem auf Siegeln und Münzen belegt, zunehmend aber auch in anderen Medien (Buchmalerei, Glasmalerei, Skulptur). In der höfischen Kultur spielte der Umgang mit Wappen eine große Rolle, wie Beschreibungen von Festen in höfischen Romanen, aber auch Chroniken und erhaltene Realien belegen. In Städten konnten Wappen die Kommune selbst und ihre Amtsträger, einzelne Personen, Familien und diverse Körperschaften und Gruppen (Zünfte, Stadtteile, Bruderschaften) markieren; die Grenzen zu anderen Zeichen wie Hausmarken oder Beschauzeichen war manchmal fließend. Auch bei der Begegnung von vielen Menschen mit unterschiedlichen Sprachen konnten Wappen wichtig sein, um Informationen auszutauschen. Das gilt für alltägliche Kommunikation (z. B. Fernhandel) ebenso wie besondere Ereignisse, die viele Menschen in die Stadt brachten, z. B. Hoftage, Konzilien oder Turniere.
Neben Wappen von Familien und Körperschaften entwickelten sich manche Wappen auch zu Territorialwappen. Diese Wappen wurden von (wechselnden) Herrschern anstatt oder zusätzlich zu den eigenen Familienwappen geführt und änderten sich bei einem Dynastiewechsel gerade nicht. Das Herzogtum Franken zum Beispiel hatte im Spätmittelalter ein Wappen, obwohl der Herzogstitel effektiv mit keinen Herrschaftsrechten verbunden war.
mini|Wappensaal auf der Wenzelburg in Lauf: Schlafzimmer des böhmischen Königs und deutschen Kaisers Karls IV. mit den Wappen der böhmischen Herren Die Wappen des 12. bis 14. Jahrhunderts waren meist einfach gestaltet. Sie zeigten oft eine einzelne Gemeine Figur oder ein durch wenige gerade Linien gebildetes Heroldsbild und kommen mit zwei oder drei Farben aus, die einen starken Kontrast bilden (z. B. Rot/Weiß oder Blau/Gelb). Im Lauf der Zeit bildeten sich Konventionen aus, sowohl zur Darstellung einzelner Figuren (z. B. Löwen) als auch zur Gestaltung der Wappen insgesamt. Tendenziell nahm die Komplexität der Wappen im Lauf der Zeit zu, weil es immer mehr unterschiedliche Wappen gab. Parallel dazu entstand im 13. Jahrhundert in Frankreich und England eine eigene Fachsprache zur knappen Beschreibung (Blasonierung) von Wappen; sie gilt als Ursprung der Heraldik als eigener Wissenschaft von den Wappen. Eine Gruppe, die diese Sprache nutzte, waren Herolde, deren Aufgaben als Boten, Diplomaten und Experten für höfische Kultur sie immer wieder mit Wappen in Berührung brachte.
Wappen im 15. und frühen 16. Jahrhundert mini|Eine Helmschau: Herolde und adelige Damen prüfen die Helmzier der Turnierteilnehmer (Grünenbergs Wappenbuch, Ende 15. Jh.) Die Zeit vom späten 14. bis zum frühen 16. Jahrhundert war in vielfacher Hinsicht eine Blütezeit der Wappen in Europa. Darstellung zum Wappenwesen aus dieser Zeit behandeln Wappen oft als Zeichen, die es „schon immer“ gegeben habe und die auf der ganzen bekannten Welt genutzt würden. Daran ist zumindest richtig, dass Wappen in dieser Zeit von ganz unterschiedlichen Gruppen genutzt werden konnten: Adelige und Nicht-Adelige, Kleriker und Laien, Juden und Christen (seltener auch Muslime, z. B. die Nasriden) kommunizierten über Sprachgrenzen hinweg mit Wappen. Vor allem in der höfischen Kultur und im städtischen Leben waren Wappen allgegenwärtig.
Ein quantitativer wie qualitativer Höhepunkt des Wappenwesens lag im späten 15. Jahrhundert. Die Überlieferung zeigt, dass Wappen in ganz unterschiedlichen Materialien, Größen und Techniken dargestellt wurden, sowohl in monumentaler Größe (z. B. Stadttore) und sehr repräsentativer Form (z. B. Goldschmiedearbeiten) als auch auf alltäglichen und/oder sehr vergänglichen Trägermedien, z. B. Spielkarten, Lebensmittel oder Süßwaren. Langfristig wichtig waren Wappenbücher, von denen zwischen ca. 1450 und 1530 besonders viele produziert wurden. Zwischen 1479 und 1487 fanden die Turniere der Vier Lande statt, die im deutschen Sprachraum stark das ideale Bild eines mittelalterlichen Turniers und der dort gebrauchten Wappen prägten, z. B. hinsichtlich Teilnahmebedingungen, des Ablaufs oder speziell der sogenannten Helmschau (siehe die Abbildung aus Grünenbergs Wappenbuch); die Helme einzelner Teilnehmer wurden dabei von Herolden, Schiedsrichter und/oder adeligen Damen begutachtet und die Würdigkeit der jeweiligen Träger diskutiert.
Vor allem im Adel (einschließlich des Stadtadels) war seit dem späten 15. Jahrhundert der Nachweis möglichst vieler adeliger Vorfahren wichtig geworden, was ebenfalls die Darstellung von Wappen (z. B. in Adelsproben und auf Grabmälern) förderte. Der frühe Buchdruck trug dazu bei, dass Wappenbücher, Turnierberichte und genealogische Werke eine noch weitere Verbreitung fanden; eine wichtige Rolle spielte dabei insbesondere Georg Rüxners Turnierchornik.
Wappen in der Frühen Neuzeit links|mini|Wappen des Fürstbischofs Damian von Schönborn-Buchheim am Schloss Bruchsal (1726) In der Frühen Neuzeit waren Wappen in ganz Europa sehr weit verbreitet; ihr Gebrauch wurde zunehmend reglementiert. Eigene Heroldsämter kontrollierten teilweise die Vergabe und Führung von Wappen vor allem im Adel und schlichteten eventuelle Konflikte. In England besteht diese Tradition schon seit dem Spätmittelalter (siehe College of Arms). Mit der Kolonialisierung wurden Wappen außerhalb Europas verbreitet.
Im 17. und 18. Jahrhundert verloren Wappen teilweise an Bedeutung, blieben aber ein wichtiger Teil der Repräsentation von Individuen, Familien, Körperschaften und Staaten. Vor allem in der frühneuzeitlichen Adelskultur spielten Wappen aus praktischen Gründen (Adelsproben) und zur oft sehr aufwändigen Selbstdarstellung eine wichtige Rolle. Im Vergleich zum 15. Jahrhundert ändern sich die Schildformen und auch der Stil der Darstellungen deutlich. Frühneuzeitliche Staatswappen weisen oft sehr viele Felder auf, die sich meist auf die beherrschten (oder auch beanspruchten) Territorien beziehen. Bei der Darstellung der Wappen spielten ferner Prachtstücke in dieser Zeit oft eine besondere Rolle (Devisen, Wappenmäntel, Helme, Schildhalter), mit denen insbesondere der Rang und spezifische Würden des jeweiligen Staates und der Dynastie oder (bei geistlichen Fürsten) des Herrschers ausgedrückt wurden.
Die Assoziation von Wappen mit „Adel“ war so eng, dass Wappen in der Französischen Revolution zwischenzeitlich abgeschafft wurden; unter Kaiser Napoleon I. wurden sie dann neu geregelt (siehe Napoleonische Heraldik). Auch in Österreich wurden Wappen als spezifisch adelig angesehen und mit dieser Begründung 1918 abgeschafft. In der Schweiz hingegen gab (und gibt) es ein lebhaftes Interesse für Familien- und kommunale Wappen, ohne dass darin ein Widerspruch zum Republikanismus gesehen würde.
Wappen im 19. und 20. Jahrhundert mini|Beispiel für Wappen im historistischen Stil und ihre Verwendung für genealogische Darstellungen (aus Ströhls Atlas, 1899)