mini|hochkant|Alexander Wertinski, Estradasänger der 1920er Estrada (auch: Estrade; Mehrzahl: Estraden; , wörtlich übersetzt: „Bühne“) ist eine Bezeichnung für die Unterhaltungsmusik in der ehemaligen Sowjetunion und in anderen Ländern in Osteuropa. Entstanden im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, war die Estrada die sowjetische Variante der internationalen Populärmusik beziehungsweise das Äquivalent zum deutschen Schlager. Stilistisch und zeitlich umfasst die Estrada ein breites Spektrum unterschiedlicher Genres und Moden; es reicht von dem 1920er Jahre-Varietésänger Alexander Wertinski bis zu der aktuell sehr populären Sängerin Kristina Orbakaite. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verringerte sich ihre Bedeutung zugunsten der aktuell gängigen Stil-Vielfalt aus internationalem Pop, Rockmusik sowie neueren, landesspezifischen Popmusik-Formen wie beispielsweise der Popsa. Nach wie vor stark populär ist der russische Schlager vor allem beim älteren Teil der russischen Bevölkerung.

Begriff und Genre mini|links|Elena Vaenga, Estradasängerin nach 2000 hochkant=1.5|mini|Karte von Russland und den umliegenden Ländern hochkant=1.5|mini|Verbreitung der russischen Sprache (dunkelblau = Amtssprache, türkis = weit verbreitet) Die Herkunft des Begriffs Estrada ist nicht ganz eindeutig. Einer Theorie zufolge erfolgte die Übernahme des russischen Begriffs für Bühne deswegen, weil es für Hit- respektive Popmusik im Russischen kein geeignetes Wort gab.David MacFadyen: Songs for Fat People. Affect, Emotion and Celebrity in the Russian Popular Song 1900–1955. Mcgill Queens University Press, Montreal 2003, ISBN 0-7735-2441-X (engl.), S. 5. Die Ähnlichkeiten mit dem Schlager sowie der Unterhaltungs-Populärmusik anderer europäischer Länder sind zwar sehr groß, aus geschichtlichen und geografischen Gründen gibt es allerdings einige spezifische Besonderheiten: Stilistische Einflüsse. Bedingt durch die Lage der Sowjetunion, ihre Bedeutung sowie die Zusammensetzung ihrer Bevölkerung speiste sich die Estrada aus einem spezifischen Mix aus landeseigenen und internationalen Musikgenres: der russischen Klassik (vor allem der populären, leichten Klassik, darunter insbesondere der Operette), der volkstümlichen Folklore, zeitgenössischer Zirkus-, Varieté-, Salon- und Kaffeehaus-Musik sowie Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden Musik- und Tanzmoden wie Tango, Walzer, Zigeunerromanze, Foxtrott und Charleston. Weitere Stilquellen waren das urbane russische Chanson, der Jazz, zeitgenössische Formen des internationalen Schlagers (vor allem seiner in den Mittelmeerländern gepflegten Variante) sowie Marsch-, Militär- und Agitprop-Musik. Im Lauf der letzten Jahre gesellten sich weitere Einflüsse dazu – vor allem solche aus der internationalen Pop- und Rockmusik. Kultur- und landesspezifische Einwirkungen. Einige Einflüsse der Estrada sind auf kulturelle Besonderheiten beziehungsweise landesübliche Präferenzen zurückzuführen – Einflüsse, die die russische Estrada von der Unterhaltungsmusik anderer Länder unterscheiden. Ein Einfluss ist beispielsweise die chorgeprägte Gesangskultur des bäuerlichen Russland sowie russische Volkstänze. Modernere Einflüsse sind etwa spezielle Topoi wie beispielsweise die Figur des Zirkusclowns – ein Motiv, das in sowjetischen Filmen ebenso wiederkehrt wie in bekannten Estrada-Liedern. Historische Einflüsse und Erscheinungsformen. Das Auf und Ab zeitgenössischer Moden wirkte sich auch auf den russischen, später sowjetischen Schlager aus. Ein spezifisches Merkmal dabei waren unterschiedliche Grade an künstlerisch-stilistischer Gestaltungsfreiheit. So koexistierten vor der Oktoberrevolution sowie während der NEP-Ära unterschiedlichste Stile nebeneinanderher. Die 1930er und 1940er wiederum waren von einer starken Homogenisierung geprägt mit deutlichen Kontrasten zwischen unpolitischer, leichter Unterhaltung und propagandistischer Agitprop-Musik. Der Zweite Weltkrieg hatte eine zeitweilige Liberalisierung zur Folge. Die späten 1940er und frühen 1950er wiederum waren von einem starken Isolationismus gekennzeichnet. In den späteren Jahrzehnten – während der Tauwetter-Periode sowie in der anschließenden Breschnew-Ära – gewannen westliche Einflüsse mehr und mehr Terrain. In Bezug auf die Art der Darbietung gibt es ebenfalls deutliche Unterschiede: Waren bis in die 1960er Jahre statisch-heroische, an Hochkultur-Vorbildern orientierte Vortragsformen vorherrschend, orientierten sich spätere Produktionen zunehmend am dynamisch-bunten Erscheinungsbild westlicher Popmusik-Produktionen. Ökonomische Grundlage. Anders als in westlichen Ländern war die sowjetische Estrada eine staatlich forcierte Form der Unterhaltung. Einerseits gewährleistete der Staat ein vergleichsweise hohes musikhandwerkliches Niveau durch die staatliche Ausbildung der Musiker, unterschiedliche Berufsvereinigungen sowie die großteils unter staatlicher Ägide betriebenen Musikaufnahmen, Veranstaltungsorte und Tourneen.Russland: Popsa und „russisches Chanson“, Irving Wolther, eurovision.de, 28. März 2008. Hinzu kam die 1964 vollzogene Zusammenfassung der Schallplattenproduktion in einem staatseigenen Monopolunternehmen, der Melodija. Andererseits boten die unterschiedlichen Institutionen durchaus Spielräume – auch für das Ausdrücken von Differenz. Monopolstellung. Einerseits gewährleistete das System der Estrada zwar eine gewisse musikalische Vielfalt. Andererseits wurden dissidente Richtungen oder politisch unerwünschte Stile durch das System aus Monopolisierung und Zensur in die halblegale Sphäre abgedrängt. Kommerziell eigenständige Nischenmärkte wie in den entwickelten westlichen Ländern konnten sich so nur schwer etablieren. In unterschiedlichem Ausmaß davon betroffen waren der Jazz, das russische Chanson, die oppositionell-gesellschaftskritischen Liedermacher der 1960er und 1970er sowie die russische Variante der Rockmusik, der sogenannte Perestroika-Rock.

Als Stilbezeichnung bezieht sich der Begriff meist auf die klassische Estrada in der Sowjetunion – weniger auf die heute dort gängige Popmusik oder gar Spezialgenres wie Rock oder Hip-Hop. Andererseits umfasst der Begriff auch heutige Versionen entsprechender Musik – sowohl in Russland als wichtigstem Nachfolgestaat der Sowjetunion als auch in ehemaligen Sowjetrepubliken wie der Ukraine, Belarus, sowie den baltischen Ländern. Landeseigene Versionen der Estrada gibt es darüber hinaus auch in kulturell nahe verwandten Ländern wie zum Beispiel Bulgarien.

Geschichte Die Geschichte der russischen Estrada lässt sich grob in vier Phasen unterteilen: die Herausbildung unterschiedlicher Populärmusik-Stile vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn der Stalin-Ära, eine heroische, stark von der Politik geprägte Phase, die zeitlich ungefähr synchron geht mit der Ära des Stalinismus, eine poststalinistische, von größerer Offenheit gekennzeichnete Phase und schließlich die Estrada im heutigen Russland sowie in von russischer Kultur stark geprägten Ländern wie zum Beispiel Bulgarien, der Ukraine oder auch den baltischen Staaten.Zeitspanne sowie Grobunterteilung orientieren sich an der dreibändigen Gesamtdarstellung von David MacFadyen (siehe auch Abschnitt „Literatur“).

1860–1928: Entstehung der Estrada mini|hochkant|Bühnenkunst von Leon Bakst für das Ballets Russes Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern differenzierten sich auch im russischen Kaiserreich des 19. Jahrhunderts E-Musik und U-Musik immer weiter aus. Zwischen den beiden Polen klassische Musik und Volksmusik etablierte sich zunehmend eine dritte Form von Musik: die auf Unterhaltung ausgerichtete urbane populäre Musikkultur. Erste Anfänge der Estrada lassen sich bereits um 1860 ausmachen. Auch in Russland schlossen sich die klassischen Komponisten dem allgemeinen Trend hin zur leichten Muse großteils an. Ähnlich wie ihre westeuropäischen Kollegen Giuseppe Verdi, Robert Schumann, Georges Bizet und Claude Debussy griffen auch Michail Glinka, Modest Mussorgski, Mili Balakirew, César Cui sowie Georgi Rimski-Korsakow zunehmend auf Elemente der Volkskunst zurück. Eine landestypischer Aspekt dieser Begeisterung für die Musik aus dem einfachen Volk waren professionelle Chöre, welche das Folkloregut wissenschaftlich erfassten und in professionalisierter Form darboten., Hubl Greiner/WDR, Musikgeschichte. Beiträge zur Musikgeschichte und Musikwissenschaft, 2003. Bekannteste Exponenten dieser Form von Folklore waren der 1911 gegründete Pjatnizki-Chor unter seinem Leiter Mitrofan Pjatnizki sowie das Balalaika-Orchester von Wassili Andrejew.Der berühmte Pjatnizki-Chor feiert sein 100. Jubiläum, Maria Strelkowa, Radiofeature bei radio Stimme Russlands, 6. März 2011. Ein Neuerer im Bereich des Balletts war Sergei Djagilew. 1909 begründete er das Pariser Ballettensemble Ballets Russes, das aufgrund seiner modernen, innovativen Ansätze weltweit bald einen ausgezeichneten Ruf genoss. Ebenfalls als stilprägend, vor allem im Bereich der gesellschaftlichen Eliten, erwiesen sich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Einflüsse aus der Neuen Musik – insbesondere die Werke von Igor Strawinski und Arnold Schönberg.S. Frederic Starr: Red and Hot. Jazz in Russland 1917–1990. Hannibal Verlag, Höfen 1990, ISBN 3-85445-062-1, S. 27 ff.

Ungeachtet dieser modernen Einflüsse war die musikalische Kultur des vorrevolutionären Russlands von einer starken Polarisierung geprägt. Auf der einen Seite standen die musikalischen Volkstraditionen – insbesondere das bäuerliche, ländliche Russland mit seiner vokalorientierten Chorkultur. Auf der anderen Seite stand die klassisch geprägte Kultur der gesellschaftlichen Eliten. Überlagert wurde diese Polarisierung durch den alten Streit zwischen Slawophilen und Westlern. Die dahinterstehende Frage lautete: Sollte sich Russland stärker auf seine eigenen Traditionen besinnen, oder sollte es sich stärker in Richtung Westen orientieren? Zwischenzeitlich gewannen auch in Russland populäre, urbane Musikstile zunehmend an Terrain. Zigeunerromanzen, Märsche, Walzer- und Polka-Stücke, neapolitanische Schlager sowie Varieté- und Zirkuslieder erfreuten sich bereits um die Jahrhundertwende großer Beliebtheit. Einhergehend mit dem Fortschreiten der technischen Entwicklung, fanden auch kommerziell vertriebene Tin-Pan-Alley-Schlager, Noten sowie Grammophone eine immer stärkere Verbreitung. Vorläufer des Jazz wie Ragtime, Foxtrott und Cakewalk sowie andere moderne Gesellschaftstänze wie der Onestepp fanden vor allem in den urbanen Zentren zahlreiche Anhänger. 1914 schließlich erreichte die europäische Tango-Begeisterung das Zarenreich. Ergänzend prägte sich in den südlichen Zentren an der Schwarzmeerküste mehr und mehr ein spezieller Stil städtischer Folklore aus – das russische Chanson mit seinen Großstadt- und Halbweltballaden.Uli Hufen: Das Regime und die Dandys. Russische Gaunerchansons von Lenin bis Putin. Rogner & Bernhard, 2010, ISBN 978-3-8077-1057-0, S. 56.

mini|hochkant|Wladimir Iljitsch Lenin (1920)