mini|Dickstielige Wasserhyazinthe (Eichhornia crassipes), ein weltweit verbreiteter Neophyt mini|Wanderratte (Rattus norvegicus), ein weltweit erfolgreiches Neozoon mini|Sargassum muticum, ein invasiver Seetang aus der Gruppe der Braunalgen

Als Neobiota (Plur.; auch Neobionten, Sing. der Neobiont; von „neu“ und / „Leben“) bezeichnet man Lebewesen, das heißt Arten und untergeordnete Taxa, die nicht allein auf natürlichem Weg aus eigener Kraft, sondern durch den Einfluss des Menschen in ein Gebiet einwandern, in dem sie zuvor nicht heimisch waren. Als „etabliert“ gelten sie, wenn sie sich dann ohne Einfluss des Menschen selbständig über mehrere Generationen erhalten können. Besonders im deutschsprachigen Raum unterscheidet man dabei:

Neophyten (Sing. der Neophyt; „Gewächs, Pflanze“): neobiotische Pflanzen, Algen und Moose Neozoen (Sing. das Neozoon; „Geschöpf, Tier“): neobiotische Tiere Neomyceten (Sing. der Neomycet; „Pilz“): neobiotische Pilze und Mikroorganismen

Neobiota, die große ökonomische oder ökologische Schäden anrichten oder Krankheiten übertragen, werden als invasive Arten bezeichnet. Im Recht der Europäischen Union gibt es umfassende Verbote und Vorschriften für „invasive gebietsfremde Arten“.

In Europa gilt für Neobiota das Jahr 1492 als Stichjahr (die „Entdeckung“ Amerikas). Gebietsfremde Arten, die bereits vor 1492 dauerhaft in die freie Natur eingebracht wurden, werden als Archäobiota bezeichnet (beziehungsweise Archäophyten, Archäozoen und Archäomyzeten). Archäo- und Neobiota werden beide unterschieden von den einheimischen Arten, die in Europa bereits am Ende der letzten Kaltzeit vorhanden waren, sich aus eigener Kraft angesiedelt haben oder evolutionär entstanden sind.

Manche Neobiota werden vom Menschen absichtlich aus anderen Weltregionen eingeführt, zum Beispiel Nutzpflanzen oder Tiere für die Jagd. Andere Neobiota werden unbeabsichtigt eingeschleppt, zum Beispiel im Ballastwasser von Schiffen. Mit der Zunahme des weltweiten Verkehrs steigt auch die Zahl der Transportmittel (Vektoren) für Neobiota. Den Vorgang der Einwanderung oder Einschleppung, Etablierung und Ausbreitung im neuen Gebiet bezeichnet man als Hemerochorie oder biologische Invasion. Das zugehörige Teilgebiet der Biologie ist die Invasionsbiologie.

Neobiota zeichnen sich meist durch typische Eigenschaften wie Anpassungsfähigkeit, hohe Fortpflanzungsrate und oft auch eine Assoziation mit Menschen aus. Diese Eigenschaften bestimmen im Zusammenspiel mit der Anfälligkeit des neuen Gebietes für biologische Invasoren und der Anzahl verschleppter Individuen (englisch propagule pressure) die Erfolgswahrscheinlichkeit, mit der sich nach einem Ausbreitungsereignis eine stabile Population etabliert.

Die meisten Neobiota verursachen keine merklichen Schäden. Als Faustregel gilt bisher, dass sich von neu einwandernden Arten 10 % etablieren können – und dass von den etablierten gebietsfremden Arten wiederum 10 % „invasiv“ werden. Die Latenzzeit von der Einwanderung bis zur Entdeckung von Schäden kann allerdings sehr lang sein. Neben Klimawandel gelten invasive Arten heute als eine Hauptursache für Artensterben und Verlust von Biodiversität. Oft verändert sich die Zusammensetzung der Biozönose beträchtlich, zum Beispiel durch Prädation oder als Folge von Konkurrenzdruck. Neobiota können massive wirtschaftliche Schäden anrichten, zum Beispiel als Forst-, Uferschutz- und Landwirtschaftsschädlinge. Sie können außerdem als Vektoren von Pathogenen in Erscheinung treten, die teilweise auch Nutzpflanzen, Nutztiere und den Menschen befallen können.

Begrifflichkeiten mini|Aus Amerika stammende Opuntien an einem antiken griechischen Tempel in Selinunt, Sizilien Die Terminologie der Invasionsbiologie ist sehr uneinheitlich. Im englischen Sprachraum werden vornehmlich Bezeichnungen wie invasive species oder alien species genutzt, die verschieden ausgelegt werden und nicht zwischen verschiedenen Tiergruppen oder Eigenschaften der Art differenzieren. Die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) unterscheidet in ihren Definitionen zwischen alien species und invasive alien species. Alien species sind Arten, die durch menschlichen Einfluss in ein fremdes Gebiet eingeschleppt wurden. Das Attribut invasive (invasiv) wird Arten zugeschrieben, die in ihrem neuen Lebensraum bereits heimische Arten verdrängen.

Eine Meinung ist, dass auch sich ohne menschlichen Einfluss ausbreitende Taxa als Neobiota bezeichnet werden; für derartige Taxa wurde allerdings der Begriff neueinheimisch () vorgeschlagen.

Neben der Uneinheitlichkeit wurde auch die militärische oder gar xenophobe Konnotation von invasive und alien kritisiert. Die wertneutrale Bezeichnung Neobiota vereinigt alle Arten, die durch menschlichen Einfluss neue Gebiete besiedelt haben. Die Bezeichnungen mit neo werden allerdings nicht ganz einheitlich gebraucht: Nach einer Auffassung gelten die Bezeichnungen Neobiota beziehungsweise Neophyten oder Neozoen unabhängig davon, wann eine Art eingeschleppt wurde. Nach einem anderen Verständnis gelten diese Bezeichnungen nur für ab 1492 verschleppte Arten. Als Grenze wurde das Jahr der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus gewählt, weil es den Beginn des intensiven Austauschs von Lebewesen zwischen Europa und Amerika markiert. Zuvor verschleppte Arten, etwa im Zuge der neolithischen Revolution verschleppte Nutzpflanzen, werden Archäobiota genannt beziehungsweise Archäophyten (Pflanzen) oder Archäozoen (Tiere). Diese Bezeichnungen werden vornehmlich im deutschen Sprachraum gebraucht.

Für gebietsfremde Arten existieren noch zahlreiche weitere Kategorien, siehe dazu Kühn & Klotz (2002). Archäobiota und Neobiota werden unter dem Begriff Adventivarten zusammengefasst (bei Pflanzen: Adventivpflanzen). Abhängig von der (unbewussten) Einschleppungs- oder (bewussten) Einführungsart und dem folgenden Etablierungsgrad gibt es unter den Adventivpflanzen noch weitere Differenzierungen.

Die Bezeichnung Neophyten geht auf die von 1918 stammende und anerkannte Definition von Albert Thellung zurück, die später vielfach modifiziert wurde. Die entsprechende zoologische Definition (Neozoen) ist weitaus jünger (Ragnar Kinzelbach 1972) und nicht in demselben Maß verbreitet und allgemein anerkannt. Die Bezeichnung Neomyceten wurde 1999 von Markus Scholler eingeführt.

Biologische Invasionen mini|hochkant|Ballast- und Bilgewasser gehören zu den wichtigsten Vektoren für aquatische Neobiota.

Der gegenwärtig wohl wichtigste Vektor für Neobiota ist der Welthandel; sein stetiges Wachstum erhöht die Anzahl von neuen Neobiota beträchtlich. Zu den wichtigsten Vektoren gehören Frachtschiffe, wo Neobiota etwa in Containern oder Frachtgut versteckt eingeschleppt werden können. Auch die Luftfahrt verbreitet Neobiota weiter. Die Verbreitung über Handelswege ist zumeist unbeabsichtigt. Es ist auf Länderebene eine Korrelation von Wirtschaftsstärke und Anzahl von Neobiota festzustellen. In der Vergangenheit, seltener auch heute, wurden Neobiota auch absichtlich ausgesetzt, z. B. als biologische Schädlingsbekämpfung oder Wild. Ebenso können Neozoen aus menschlicher Haltung entweichen und stabile Populationen etablieren, und Nutzpflanzen können sich in der Wildnis etablieren. Invasive Arten gelten als bedeutender Teil der Globalisierung.

Wenn Menschen Einfluss auf die Umwelt nehmen, können sich Organismen dadurch indirekt verbreiten und als Neobiota in ein neues Gebiet einwandern. Beispielsweise ermöglichen Kanalbauten Wasserlebewesen den Zugang zu einem neuen Gebiet. Es ist aber nicht immer eindeutig feststellbar, ob sich die Arten aufgrund anthropogener Umweltveränderungen ausgebreitet haben und folglich als Neobiota einzustufen sind. Die Ausbreitung der Türkentaube (Streptopelia decaocto) zum Beispiel könnte einerseits auf die Schaffung von Agrarlandschaften als Nahrungsangebot für die Taube zurückzuführen sein, andererseits auf genetische Anpassungen der Taube.

Laut einer 2015 in Nature veröffentlichten Studie wurden nachweislich mindestens 13.186 Pflanzenarten durch den Einfluss des Menschen aus ihrem ursprünglichen Lebensraum in andere Regionen verschleppt und dort heimisch; den größten Zuwachs verzeichnete Nordamerika, die wichtigste Quelle für alle anderen Kontinente war Europa.Mark van Kleunen et al.: Global exchange and accumulation of non-native plants. In: Nature. Band 525, Nr. 7567, 2015, S. 100–103, doi:10.1038/nature14910

Eigenschaften Nachdem gebietsfremde Lebewesen in ihrer neuen Umgebung angekommen sind, können sie aussterben oder sich etablieren (eine sich fortpflanzende Population aufbauen). Der Erfolg beim Etablieren hängt sehr stark von den Eigenschaften des betreffenden Neobionten ab. Eine Reihe von Faktoren scheinen eine Etablierung zu begünstigen. Es wird davon ausgegangen, dass eine höhere Fortpflanzungsrate, kurze Generationsfolge und schnelles Wachstum den Erfolg eines Neobionten begünstigt (r-Strategie). Der Zusammenhang wurde in mehreren Fallstudien an eingeschleppten Fischen und Landpflanzen bestätigt; so kann schnell eine neue Population aufgebaut werden, und die Population kann sich eher von Bestandseinbrüchen erholen. Neophyten zeichnen sich daneben oft durch eine hohe Samenproduktion, große Samen und frühe Geschlechtsreife aus. Generalisten können sich leichter in neuen Lebensräumen etablieren, da sie ein breiteres Spektrum von ökologischen Parametern tolerieren. Das lässt sich unter anderem bei eingeschleppten, generalistischen Prädatoren beobachten: Ihnen fehlt in neuen Lebensräumen nicht ihre spezielle Beute, und sie können nach Bestandseinbrüchen ihres bevorzugten Beutetiers auf andere Beute ausweichen. Auch erweisen sich physiologisch an verschiedene Wasserwerte (z. B. Salinität, Temperatur) angepasste Fische als besonders invasiv.

Die Fähigkeit zur raschen Änderung des Phänotyps in Anpassung an eine neue Umgebung bezeichnet man als phänotypische Plastizität; sie begünstigt den Erfolg einer Invasion. Ein typisches Beispiel sind die mittelamerikanischen, baumbewohnenden Anolis-Echsen (Anolis): Sie können im Laufe ihrer Individualentwicklung (Ontogenese) abhängig von der Dicke der Äste ihres Lebensraums besonders lange oder kurze Hinterbeine ausbilden. Dies kam dem Bahamaanolis (Anolis sagrei) bei seinen Invasionen in Nord- und Mittelamerika zugute. Dasselbe dürfte für die Anpassung des Verhaltens an die neue Umgebung gelten. Einen empirischen Hinweis auf die Gültigkeit dieser Hypothese lieferte die Analyse von rund 600 Invasionen von Vögeln. Dabei wurde festgestellt, dass Vögel mit einem im Verhältnis zu ihrer Körpergröße großen Gehirn sich besonders wahrscheinlich etablieren. Die erhöhten kognitiven Fähigkeiten eines größeren Gehirns ermöglichten offenbar eine erfolgreiche Anpassung des Verhaltens an die neue Umgebung. Ein ähnlicher Zusammenhang wurde auch für Säugetiere wahrscheinlich gemacht, allerdings wird die Relevanz beider Ergebnisse auch von anderen als methodisch zweifelhaft bestritten.

In den meisten Fällen ist davon auszugehen, dass ökologische Unähnlichkeit zu bereits etablierten Arten die Invasion eines Neobionten begünstigt – in solchen Fällen könnte der Neobiont noch ungenutzte Ressourcen verwenden oder auf mangelnden biotischen Widerstand (z. B. Fressfeinde) treffen.

Daneben wurde für viele Neobiota eine gute Fähigkeit zur Ausbreitung und bei Pflanzen eine besonders effektive Nutzung von Licht, Wasser und Stickstoff in Zusammenhang mit der Fähigkeit zur Etablierung festgestellt.