Die Zimbern (Eigenbezeichnung Zimbarn oder Tzimbar) sind eine bairische Sprachminderheit, die in einigen (großteils ehemaligen) Sprachinseln in den oberitalienischen Gebieten Autonome Provinz Trient und Region Venetien lebt. Ihre traditionelle Mundart, das Zimbrische, in den Sieben Gemeinden seit dem 17. Jahrhundert zur Schriftsprache ausgebaut, wird heute noch von wenigen hundert Menschen gesprochen. Alle Bewohner dieser Sprachinseln sprechen auch Italienisch, viele auch Standarddeutsch. Nur in der Trentiner Gemeinde Lusern ist das Zimbrische noch Alltagssprache.

Sprach- und Siedlungsgebiet mini|325px|Historische (gelb) und gegenwärtige (orange) Ausbreitung der zimbrischen Sprache. Die Zimbern leben in drei zum Teil weit auseinander liegenden historischen Landstrichen, daher differieren die lokalen Varianten des Zimbrischen sehr deutlich:

Sieben Gemeinden

Die Sieben Gemeinden, zimbrisch Siben Komoin, italienisch Sette Comuni, liegen auf dem Hochplateau nordwestlich von Vicenza in der Region Venetien. Die einzelnen Orte heißen:

Asiago, zimbrisch Sleghe/Schlège, deutsch Schlägen Gallio, zimbrisch Gell(e)/Ghel, deutsch Gelle Roana, zimbrisch Robàan, deutsch Rovan oder Rain Foza, zimbrisch Vüsche/Vütsche/Fütze Enego, zimbrisch Ghenebe/Jenève, deutsch Jeneve Rotzo, zimbrisch Rotz, deutsch Ross Lusiana, zimbrisch Lusaan, deutsch Lusian

In Mittebald/Toballe (Mezzaselva), einem Ortsteil von Robàan (Roana), gibt es gemäß einer Untersuchung von 2012 noch einige wenige Sprecher, die das Zimbrische vor allem in Erinnerungskontexten verwenden.Stefan Rabanus: Sprachkontakt an der „Brenner-Linie“. Präartikel, Partitivpronomen und Subjektpronomen in romanischen und germanisch-deutschen Varietäten. In: Michael Elmentaler, Markus Hundt, Jürgen Erich Schmidt: Deutsche Dialekte. Konzepte, Probleme, Handlungsfelder. Akten des 4. Kongresses der Internationalen Gesellschaft für die Dialektologie des Deutschen (IGDD) (= Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beihefte. Band 158). Steiner, Stuttgart 2015, S. 415–433.

Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde auch im Cansiglio, Region Venetien, in drei Gemeinden zimbrisch gesprochen: Farra d’Alpago (Provinz Belluno): in den Weilern Campon, Pian Osteria und I Pich Fregona (Provinz Treviso): in den Weilern Vallorch und Le Rotte Tambre (Provinz Belluno): in den Weilern Val Bona, Pian dei Lovi, Canaie Vecio und Pian Canaie Die Siedler kamen ab 1707 aus Roana (Sieben Gemeinden) hierher. Vermutlich wurde ein Maximum von 500 Einwohnern erreicht; 1877 waren es 280 Einwohner. Die Sprachinsel existiert nicht mehr, nur noch (Flur-)Namen erinnern an die zimbrische Vergangenheit. Allerdings beschäftigen sich die Bewohner des Cansiglio neuerdings sehr intensiv mit ihrer zimbrischen Geschichte.

Dreizehn Gemeinden

Die Dreizehn Gemeinden, ital. Tredici Comuni, auch Lessinien oder italien. Lessinia genannt, liegen weit südwestlich von den Sieben Gemeinden und Lusern und gehören zur Provinz Verona (Region Venetien). Auch sie liegen auf einer von Bergen umsäumten abgelegenen und isolierten Hochebene, die von der Talseite nur schwer zugänglich ist.

Ortschaften sind:

Velo Veronese, zimbrisch Vellje, deutsch Feld Roverè Veronese, deutsch Rovereid Erbezzo, deutsch gen Wiesen Selva di Progno, zimbrisch Brunghe, deutsch Prugne, mit Giazza, zimbrisch Ljetzan, deutsch Gletzen oder Gliesen Bosco Chiesanuova, zimbrisch Nuagankirchen, deutsch Neuenkirchen Badia Calavena, zimbrisch Kalfàain, Màbado oder Kam’Abato, deutsch Kalwein oder Kalfein Cerro Veronese, zimbrisch Tschirre oder Sèr, „deutsch“ Silva Hermanorum San Mauro di Saline, deutsch Sankt Moritz Azzarino, zimbrisch/deutsch Asarin, heute Ort der Gemeinde Velo Veronese San Bortolo, zimbrisch Bòrtolom, eingemeindet nach Selva di Progno Val di Porro, deutsch Porrental, eingemeindet nach Bosco Chiesanuova Tavernole, heute Ort von San Mauro di Saline Camposilvano, deutsch Kampsilvan, eingemeindet nach Velo Veronese

In Ljetzan (Giazza), einer Ortschaft in der Gemeinde Selva di Progno, gibt es gemäß einer Untersuchung von 2012 noch einige wenige Sprecher, die das Zimbrische vor allem in Erinnerungskontexten verwenden.

Trentino mini|Bairische Dialekte im Trentino: Zimbrisch und Fersentalerisch Auf der gleichen Hochebene wie die Sieben Gemeinden, jedoch etwa 30 km nordwestlich, südlich der oberen Valsugana und des Caldonazzosees in der Provinz Trient, Region Trentino-Südtirol liegen

Lusern, italienisch Luserna Folgaria, zimbrisch Folgrait, deutsch Vielgereuth Lavarone, zimbrisch Lavròu, deutsch Lafraun Terragnolo, zimbrisch/deutsch Leimtal Vallarsa, zimbrisch/deutsch Brandtal Trambileno, zimbrisch/deutsch Trumelays Valle dei Ronchi, zimbrisch/deutsch Reuttal, heute Teil von Ala

In Lusern hat sich aufgrund der besonders isolierten Lage das Zimbrische am besten erhalten und wird von fast allen Einwohnern im Alltag gesprochen.

In den Lusern am nächsten gelegenen Orten Lavarone/Lafraun und Folgaria/Vielgereuth wurde noch bis ins 20. Jahrhundert hinein zimbrisch gesprochen. Die Sprache gilt dort jedoch seit der faschistischen Zeit (1922–1943) als ausgestorben; heute erinnern nur noch Familien- und Flurnamen an die zimbrische Vergangenheit der Orte. Im Terragnolo, der Vallarsa und im Trambileno ist das Zimbrische schon im 19. Jahrhundert ausgestorben.Bernhard Wurzer: Die deutschen Sprachinseln in Oberitalien. Bozen 1983, S. 72, 74. Im Terragnolo hat Bruno Schweizer für seinen Zimbrischen und fersentalischen Sprachatlas, in der Vallarsa Hugo-Daniel StoffellaSüdlichste bayerische Tracht und Sprache in den Laimbachtälern. In: Traunsteiner Tagblatt, 3. März 2018 (abgerufen am 22. September 2019). die Reste des Zimbrischen dokumentiert.

Andere südbairische Sprachinseln in Nordostitalien Nicht zu verwechseln mit dem Zimbrischen sind eine Reihe weiterer oberdeutscher Sprachinseln im Alpenraum.

Ebenfalls im Trentino, allerdings nördlich des oberen Valsugana, liegt in der Provinz Trient, Region Trentino-Südtirol das Fersental, deren Mundart, das Fersentalerische, den Tiroler Dialekten näher steht als das Zimbrische. Die Fersentaler werden von den Italienern als „Mòcheni“ bezeichnet (angeblich, weil sie häufig das Wort mòchen „machen“ verwenden): Palù del Fersina, fersent. Palae en Bersntol, deutsch Palai im Fersental Fierozzo, fersent. Vlarötz, deutsch Florutz Frassilongo-Roveda, fersent. Garait, deutsch Gereut mit der Fraktion Roveda, fersent. Oachlait, deutsch Eichleit

Oberdeutsche Sprachinseln weiter im Osten (Karnische Alpen) sind Sappada (plodnerisch: Plodn, deutsch: Bladen), Timau (tischelwangerisch: Tischlbong, deutsch: Tischlwang) und vor allem Sauris (Zahrer: De Zahre, deutsch [die) Zahre], alle in der ehemaligen Provinz Udine (Region Friaul-Julisch Venetien).

In diesen östlichen Sprachinseln werden bairische Mundarten mit deutlichen Osttiroler Elementen gesprochen. Die Sprache Sappadas geht vorwiegend auf das Osttirolerische zurück, da die Besiedelung – wahrscheinlich um das Jahr 1270 – direkt aus dem Pustertal und dem Vilgratental erfolgte.

Das Kanaltal (ital. Val Canale) mit dem Hauptort Tarvis (ital. Tarvisio) gehört nicht zu den deutschen Sprachinseln, sondern ist ein Teil des Kärntner Sprachraums, der seit 1918 zu Italien gehört.

Weitere oberdeutsche Sprachinseln gibt es in Nordwestitalien (Regionen Piemont und Aostatal). Die dortigen Sprecher sind Walser und sprechen höchstalemannische Dialekte.

Geschichte In einem Nachtrag von zirka 1050 des Cod. lat. 4547 der Bayerischen Staatsbibliothek von Benediktbeuern wird erwähnt, dass Bauern aus dem Westen des Stammesherzogtums Baiern in Zeiten der Hungersnot nach Verona auswanderten; es dürfte sich hierbei um den ersten historischen Beleg für die Einwanderung handeln. Im Laufe des 11. und 12. Jahrhunderts siedelten sie sich, aus Bayern und Tirol kommend, hier an.

Eine Theorie nimmt an, dass diese deutschen Siedler möglicherweise nach Italien gerufen wurden, weil sie gute Holzschnitzer und Zimmerleute waren und/oder weil sie Holzkohle herstellen konnten, damit hohe Temperaturen zum Metallschmelzen erreicht werden konnten. Einer Version zufolge rief 1287 Bartolomeo I. della Scala, der Herr von Verona, einige Familien von Holzschnitzern, Tzimberer (mittelhochdeutsch für „Zimmerer“), zur Arbeit in den weiten Wäldern von Lessinia (Dreizehn Gemeinden). Eine wesentlich plausiblere Theorie mutmaßt, dass die zimbrischen Sprachinseln durch Zuwanderung ganzer Sippschaften entstanden, die wegen erheblicher Versorgungsprobleme auf Grund der im 11. und 12. Jahrhundert starken Bevölkerungszunahme im Stammesherzogtum Baiern in diese durchweg abgelegenen, isolierten und oft auch klimatisch und landwirtschaftlich unattraktiven Gebiete zogen. Die Langobardentheorie des Zimbrischen, welche 1948 von Bruno Schweizer entwickelt wurde und die Zimbern als letzte Nachfahren der Langobarden betrachtet, wird hingegen von den meisten Sprachwissenschaftlern verworfen.

Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Zimbern zur fest etablierten Minderheit in den venetianischen Alpen. Sie unterhielten Handelsbeziehungen zur Seemacht Venedig, der sie insbesondere Bauholz lieferten. Im Gegenzug gewährte ihnen der Doge weitreichende Autonomierechte und kulturelle Souveränität. Diese „Freiheiten“ gingen im Gefolge der Napoleonischen Kriege und der damit einhergehenden Übereignung Venedigs an das Haus Österreich verloren.

1866 ging Venetien im aufstrebenden Königreich Italien auf. Nach 1915, während sich Italiener und Österreicher im Krieg gegenüberstanden, betrachteten die Italiener die Zimbern gemeinhin als „Fünfte Kolonne“ Wiens. Die deutsche Sprache, die schon ab dem Spätmittelalter und der Frühneuzeit aus verschiedenen Gründen sowohl im österreichischen Welschtirol wie auch in Venetien auf dem Rückzug war und sich zunehmend auf die Bergdörfer beschränkte, geriet im 19. Jahrhundert vollends unter Druck.Bernhard Wurzer: Die deutschen Sprachinseln in Oberitalien. Athesia, Bozen 1983, S. 149–182. Allein zwischen 1820 und 1900 verminderte sich die Anzahl deutschsprachiger Ortschaften um rund 90 Prozent.Bernhard Wurzer: Die deutschen Sprachinseln in Oberitalien. Athesia, Bozen 1983, S. 151 (Karte) und S. 169–179 (verschiedene Bestandsaufnahmen aus dem 19. Jahrhundert).

Besonders im Bereich der Sieben Gemeinden und um Lusern, die im Dolomitenkrieg unmittelbar an der Front auf der italienischen (Sieben Gemeinden) bzw. auf der österreichisch-ungarischen Seite (Lusern) lagen, tobten während des Ersten Weltkrieges mörderische Schlachten. Die Einwohner der in Italien liegenden Sieben Gemeinden wurden während dieser Zeit in die Poebene deportiert, diejenigen vom in Österreich liegenden Lusern nach Aussig in Nordböhmen evakuiert.

Nach der Machtübernahme der italienischen Faschisten (1922) erreichte die von Benito Mussolini und vor allem Ettore Tolomei beförderte Italianisierung der nicht italienischsprachigen Gegenden des Landes einen neuen Höhepunkt. Nun wurde das Zimbrische nicht allein im öffentlichen, sondern auch im privaten und familiären Bereich unter scharfen Strafandrohungen verboten. Im Rahmen der 1939 von Adolf Hitler und Mussolini ausgearbeiteten „Option“, in das Deutsche Reich überzusiedeln, wählten die Einwohner von Lusern wie auch des Fersentals fast durchgängig die Auswanderung und wurden 1942 nach Böhmen umgesiedelt, woher sie 1945 aber wieder in ihre Dörfer zurückkehrten. Gemäß einem italienischen Gesetz von 1949 erhielten die zurückgekehrten Luserner und Fersentaler die italienische Staatsbürgerschaft und ihren nach der Aussiedelung sequestierten Besitz zurück.Bernhard Wurzer: Die deutschen Sprachinseln in Oberitalien. Athesia, Bozen 1983, S. 65 und 83 f.