Die deutsche Minderheit in Nordschleswig, auch deutsche Volksgruppe oder deutsche Nordschleswiger, besteht aus etwa 15.000 bis 20.000 Menschen in Nordschleswig (auch Süderjütland oder Sønderjylland) in Dänemark. Das entspricht etwa sechs bis neun Prozent der Bevölkerung des Gebietes und 0,2–0,3 Prozent der dänischen Gesamtbevölkerung.
Deutsche Minderheit in Nordschleswig Identität und Bezeichnung Veröffentlichungen der Minderheit selbst ziehen oft die Bezeichnung deutsche Volksgruppe als Bezeichnung für die Minderheit vor. Im offiziellen und allgemeinen dänischen Sprachgebrauch gilt die Bezeichnung det tyske mindretal (i Sønderjylland) („die deutsche Minderheit (in Süderjütland)“) ähnlich wie det danske mindretal (i Sydslesvig) für die dänische Minderheit südlich der Grenze. „Minderheit“ ist auch die Bezeichnung in den Bonn-Kopenhagener Erklärungen.
Seitens der dänischen Mehrheitsbevölkerung werden die Angehörigen auch „Deutschgesinnte“ (tysksindet) oder „Heimdeutsche“ (hjemmetyskere) genannt. Letzteres Wort stammt aus der Zeit nach 1864 und bezeichnete ursprünglich im Gegensatz zu den preußischen Beamten und Soldaten, die sich erst nach 1864 ansiedelten, die einheimischen Deutschen Schleswigs. Manchmal wird der Begriff als negativ empfunden, obwohl er von vielen als traditionelle und alltägliche Bezeichnung gemeint wird. Die dänischen Einwohner bezeichnen sich seit den Jahrzehnten nach 1864 und spätestens seit 1920 kaum als Nordschleswiger, sondern als Süderjüten (sønderjyder) und den Landesteil als Süderjütland (Sønderjylland).
Nach den Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 ist das Bekenntnis zu einer nationalen Minderheit frei und darf nicht nachgeprüft werden. Dänische Volkszählungen erfassen keine Angaben zur ethnischen Zugehörigkeit. Der Kern der Minderheit findet sich im Bund Deutscher Nordschleswiger, in der Schleswigschen Partei und ihren Wählern sowie in den Menschen, die die deutschen Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Bibliotheken besuchen, wieder.
Seit Jahrzehnten gibt es eine klare Bestrebung der Minderheit, den Grenzkampf von früher beizulegen, und Nationalismus durch europäische Werte und kulturelle „Zweiströmigkeit“ zu ersetzen. Das Regionale wird stark betont, und viele Angehörige der Minderheit, aber auch Teile der dänischen Bevölkerung, bezeichnen sich eher als Schleswiger denn als deutsch oder dänisch. Wie in Südschleswig gibt es auch in Sønderjylland eine gewisse Einströmung in die Minderheitenschulen aus der Mehrheitsbevölkerung, die die Schulen als alternatives kulturelles und pädagogisches Angebot sieht.
Sprache Bei den deutschen Nordschleswigern ist der Sprachgebrauch von Diglossie geprägt, einer Zwei- oder Mehrsprachigkeit, wobei die verschiedenen Sprachen in unterschiedlichen Situationen verwendet werden. Die Umgangssprache ist vor allem der dänische Dialekt Sønderjysk (Synnejysk), der im Alltag noch von fast zwei Dritteln, hauptsächlich von den älteren Teilen der Volksgruppe, verwendet wird. Hochdeutsch ist die Sprache der Schulen, wobei auch Dänisch als Zweitsprache gelehrt und gepflegt wird. Die Zeitung Der Nordschleswiger sowie die Organisationen der Minderheit verwenden die deutsche Sprache.
Hochdeutsch ist auch die Hochsprache bei offiziellen Anlässen (Gottesdienst, Feste und Vereine). Kirchlich gilt das sowohl in der Nordschleswigschen Gemeinde,Nordschleswigsche Gemeinde. In: kirche.dk, abgerufen am 26. Februar 2022. die als eigene Glaubensgemeinschaft organisierte Kirche der Landgebiete, als auch in den vier nordschleswigschen Städten, wo der Gottesdienst durch deutschsprachige Pastoren innerhalb der dänischen Volkskirche () geleistet wird. Diese beiden Lösungen für die deutschen Angehörigen der evangelischen Kirche auf dem Land und in den Städten haben sich seit der Wiedervereinigung Nordschleswigs mit Dänemark 1920 bewährt. Der Katholizismus spielt im Landesteil kaum eine Rolle.
Vor diesem Hintergrund ist die Zugehörigkeit zur Volksgruppe („nationale Gesinnung“) meistens nicht aufgrund der Alltagssprache festzustellen. Besonders in den grenznahen Gebieten beiderseits der Grenze galt der südjütische dänische Dialekt bis in die 1950er Jahre als neutrale Sprache der ganzen Bevölkerung; jedoch fällt die heutige Sprachgrenze praktisch mit der Staatsgrenze zusammen. Auch auf der dänischen Seite hat das Südjütische an Boden verloren, obwohl es zu den stärkeren Dialektgebieten Dänemarks gehört. Sowohl vonseiten der deutschen Minderheit als auch in anderen Kreisen wird eine Förderungsarbeit vorgenommen. Im Kulturverein Æ Synnejysk Forening arbeiten Deutsch- und Dänischgesinnte eng zusammen, was – im Vergleich mit den traditionell national getrennten Jugendvereinen, Turnvereinen und kirchlichen Vereinen – eine Neuerung darstellt.
Niederdeutsch hatte nie eine große Verbreitung, da seine Bedeutung schon abgenommen hatte, als seit dem 17. Jahrhundert eine gewisse Verdeutschung Nordschleswigs durch die Verwendung des Hochdeutschen als faktische Amtssprache stattfand. Der Nordschleswiger hat ab und zu eine Spalte in nordschleswigschem Platt.
Organisationen Bund Deutscher Nordschleswiger mini|Flagge des Bundes Deutscher Nordschleswiger
Der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) ist die Dachorganisation der deutschen Minderheit und vertritt sie in allen Fragen nach außen. Mit einer Mitgliederzahl von etwa 4500 ist er der größte Verband sowie der Herausgeber der Tageszeitung Der Nordschleswiger (Auflage: 4.000). Trotz Strafverfolgung und anderer widriger Umstände gelang 1945 ein neuer politischer Anfang mit der Gründung des Bundes am 22. November 1945, dessen Grundsätze bereits im November 1943 durch einen Kreis von Gegnern des nationalsozialistischen Besatzungsregimes in Hadersleben formuliert worden waren. Die Grundsätze zogen, verbunden mit einer Loyalitätserklärung an Dänemark, einen Schlussstrich unter die Grenzrevisionsansprüche der deutschen Minderheit – beides kam in der Gründungserklärung des BDN zum Ausdruck.
Seine vornehmliche Aufgabe war in den ersten Nachkriegsjahren der Versuch, die Folgen der Rechtsabrechnung zu mildern; von dänischer Seite wurden jedoch keine Zugeständnisse gemacht. Nach der Entlassung der meisten deutschen Inhaftierten konnten ab 1948 langsam wieder Verbandsstrukturen aufgebaut werden. Höchstes Organ des BDN ist die Delegiertenversammlung. Diese wählt den Hauptvorsitzenden, seinen Stellvertreter sowie die Vorsitzenden des Kulturausschusses und der Schleswigschen Partei (SP). Während der Kulturausschuss für die kulturelle Gesamtplanung der Minderheit zuständig ist, übernimmt die Schleswigsche Partei die politische Vertretung der Minderheit in den Kommunen.
Geführt wird der Bund von dem 49-jährigen Stephan Kleinschmidt, der im Juni 2026 die Nachfolge von Hinrich Jürgensen antrat, der nach 19 Jahren an der Spitze des Verbandes nicht mehr zur Wiederwahl kandidierte. Kleinschmidt gehört seit 2006 dem Stadtrat von Sønderborg an und ist seit 2018 erster stellvertretender Bürgermeister. Er ist Marketingökonom und kandidierte für die Partei „Radikale Venstre“ für das Folketing. Von 2018 bis 2024 war er bei der Stadt Flensburg für Bildung, Integration und Sicherheit zuständig.
Presse Der Nordschleswiger, Online-Zeitung der Volksgruppe
Schulen Der Deutsche Schul- und Sprachverein für Nordschleswig ist der Zusammenschluss von örtlichen Schul- und Kindergartenvereinen, die selbst Träger ihrer Einrichtungen sind, im Einzelnen von
22 deutschen Kindergärten mit 600 Kindern, 14 deutschen Schulen, davon 5 Realschulen, mit 1500 Schülern, dem Deutschen Gymnasium in Apenrade.
Zusätzlich gibt es die Deutsche Nachschule Tingleff, eine Internatsschule für die 9. bis 10. Klassenstufe, die Schüler aus ganz Dänemark und Norddeutschland aufnimmt.
Ziel des Unterrichts ist neben der allgemeinen Ausbildung der Kinder insbesondere die Einführung in die deutsche Sprache und Kultur. Der Schulabschluss ist sowohl in Dänemark als auch in Deutschland anerkannt. Die Schülerzahlen sind in Dänemark in den letzten Jahren allgemein rückläufig, was auch für die deutschen Schulen gilt.
Die deutschen Schulen gelten als Privatschulen oder freie Schulen (friskoler), die aufgrund der dänischen Freischulgesetz wirken und hauptsächlich dadurch Förderung erhalten. Anders als bei anderen dänischen Privatschulen, die Schulgeld einziehen, ist der Schulgang kostenlos, außer der Mitgliedschaft im Schulverein, einem kleinen Aktivitätsbeitrag, Klassenreisen und Busverkehr.Schulprofil. Deutsche Privatschule Apenrade, abgerufen am 26. Februar 2023.
Es kommt vor, dass dänische Eltern ihre Kinder auf eine deutsche Schule schicken, da – ähnlich wie bei den dänischen Schulen in Südschleswig – die Minderheitenschulen als kleine, gut ausgestattete Schulen mit Zweisprachigkeit und gutem pädagogischen Milieu gelten.
Museum mini|Das Deutsche Museum Nordschleswig in Sonderburg
Im Zentrum der Stadt Sonderburg befindet sich das Deutsche Museum Nordschleswig. Die Ausstellung im Museum behandelt die Geschichte der deutsch-dänischen Grenzregion und der deutschen Minderheit in Dänemark. Das Museum wurde 1988 unter dem Namen Haus für deutsche Geschichte und Kultur in Nordschleswig gegründet und wechselte in den frühen 1990er Jahren den Standort in das Gebäude des Verbands Deutscher Büchereien Nordschleswig, wo es im Mai 1992 wieder eröffnet wurde.
Bibliotheken Der Verband Deutscher Büchereien Nordschleswig betreibt eine Büchereizentrale und Zentralbücherei in Apenrade, vier Stadtbüchereien in Hadersleben, Sonderburg, Tondern und Tingleff und bedient 15 Schulbüchereien mit Blockbeständen. Zwei Bücherbusse fahren im 5-Wochen-Turnus in die ländlichen Gebiete und liefern Lesestoff und AV-Medien frei Haus. Die Büchereien verfügen über einen Medienbestand von 230.000 Medieneinheiten und verzeichnen etwa 350.000 Entleihungen pro Jahr. Das Büchereiwesen arbeitet im Rahmen des dänischen Bibliotheksgesetzes, das das Vorhalten von öffentlichen Bibliotheken zur Pflichtaufgabe der Kommunen macht. Für die Schulen gilt ein Schulbibliotheksgesetz.
Jugendarbeit Der Deutsche Jugendverband für Nordschleswig ist Dachverband für 25 Jugendgruppen, Sportvereine und Jugend- und Freizeitclubs mit insgesamt etwa 2500 Mitgliedern, führt sportliche und kulturelle Veranstaltungen sowie Fahrten und Lager durch und betreibt den Jugendhof Knivsberg mit seinen außerschulischen Aktivitäten und ein Ferienheim an der Flensburger Förde. Der Jugendverband ist zudem Veranstalter des Knivsbergfestes, eines sommerlichen Volksfestes der deutschen Nordschleswiger, dessen Tradition auf das Jahr 1894 zurückgeht. Daneben gibt es den Deutschen Ruderverband mit sieben örtlichen Rudervereinen, die Bürger- und Handwerkervereine, die Schützenvereine, den Kameradschaftsverband Nordschleswig und die Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft.
Soziale Arbeit Die soziale Arbeit liegt in den Händen des Verbandes Sozialdienst Nordschleswig, eines Zusammenschlusses von 20 Krankenpflegevereinen, Frauenvereinen und Seniorenklubs mit 2560 Mitgliedern. Die Aufgaben des Verbandes haben sich der sozialstaatlichen Entwicklung in Dänemark anpassen müssen, so dass der Krankenpflegedienst wegfiel und das Schwergewicht auf Sozialbetreuung und Familienberatung, zum Beispiel im Haus Quickborn an der Flensburger Förde, verlagert wurde. Besonders widmet man sich den Senioren, denen Kuraufenthalte, Ausflüge und Reisen ermöglicht werden.
Landwirtschaft Die deutschen Landwirte sind im Landwirtschaftlichen Hauptverein für Nordschleswig organisiert. Er nimmt die wirtschaftlichen und fachlichen Interessen von etwa 1100 Mitgliedern wahr und beschäftigt sich mit Pflanzenbau, Nutztierhaltung und Buchhaltung. Er ist als selbständige Gruppe Mitglied im dänischen Bauernverband.
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