mini|Jakob Frank, Begründer des Frankismus 1755

Der Frankismus ist eine nach Jakob Joseph Frank benannte, 1755 von Podolien ausgegangene, messianische Bewegung im Chassidismus der Juden in Osteuropa. Sie ist das Gegenstück der später im westeuropäischen Judentum unter Moses Mendelssohn entstandenen Haskala-Bewegung, die ebenfalls Wege aus der Diaspora wies. Durch Verwerfung des Talmuds, der vollständigen Trennung vom Land Israel sowie der Konversion zum Katholizismus „als nötige Stufe, von der aus man weitergehen müsse“,Klaus Davidowicz: Zwischen Prophetie und Häresie. Jakob Franks Leben und Lehren. Böhlau-Verlag, 2004, S. 62. beendete der Frankismus für seine Anhänger das jahrtausendalte Leben in der ethnischen Zerstreuung und erhob sie durch Nobilitierung ins Leben eines polnischen Kleinadligen.

Die Lehre hinter dem Frankismus war eine Neuinterpretation der großen kabbalistischen Schulen Südfrankreichs und Spaniens sowie eine Weiterführung der von den Rabbinern verbotenen Sabbatianischen Kabbala im Geiste der Gnosis („Erkennen“). Jakob Frank war sabbatianischer Zaddik an der Spitze des Frankismus, dem auch sufistische Einflüsse nachgewiesen sind. Im Zentrum stand sein neues Verständnis der kabbalistischen Schechina.

Die Reaktion der Rabbiner auf den Frankismus war die totale Verbannung seiner Anhänger aus dem Judentum, die daraufhin jede Existenzgrundlage verloren. Nach Konversion der ersten Frankisten verurteilte auch die römisch-katholische Kirche das Wirken Franks als ketzerisch und sektenhaft. Noch bis tief ins 19. Jahrhundert hinein entfaltete der Frankismus in ganz Europa große Wirkung, vermutlich bis ins 20. Jahrhundert.Klaus Samuel Davidowicz: Der Messias aus dem Ghetto. Peter Lang, 1998, S. 348–353.

Anhänger der Bewegung wurden auch als Sohariten oder Kontratalmudisten bezeichnet.

Organisation des Frankismus An der Spitze des Frankismus stand der sabbatianische Zaddik Jakob Frank.

Alle seine 500.000 Anhänger waren Mitglieder einer Kompanie zwecks Aufbau einer frankistischen Armee, die später Franks Herrschaft und das frankistische Land sichern sollte. Es gab vier Standorte der Kompanie rund um Frank selbst: in Iwanie, Częstochowa, Brünn und Offenbach am Main.Klaus Samuel Davidowicz: Zwischen Prophetie und Häresie. Jakob Franks Leben und Lehren. Böhlau-Verlag 2004, S. 99 Sie mussten Plattenpanzer, Schilde und Helme tragen, den Säbel ziehen und hart trainieren.Worte des Herrn Kraushar §1543, Band II, S. 341 Seine Anhänger waren für Frank Soldaten, die schlicht zu schweigen und seinen Befehlen zu gehorchen hatten.

Seine Lehrworte waren nicht für die Ohren aller Frankisten bestimmt, sondern nur für seinen persönlich ausgewählten, kleinen Brüder- und Schwesternkreis,Klaus Samuel Davidowicz: Der Messias aus dem Ghetto. P. Langer Verlag 1998, S. 294 von dem er blinden Gehorsam forderte.„Worte des Herrn“ Kraushar § 104, Band I, S. 381 Frank versuchte, zumindest über diesen Kreis die absolute Kontrolle zu halten, wobei er ihren Hang zu Dämonenglaube und Zauberei ausnützte. Innerhalb des Brüder- und Schwesternkreises sprach Zaddik Jakob Frank nur direkt mit dem frankistischen Auditorium, das bloß aus Brüdern bestand (mit Frauen allein könne man nichts machen, da die Frau den Tod in die Welt gebracht hätte.„Worte des Herrn“ Ms Krakau 6969, Zbiór… §560)

Elemente der frankistischen Lehre

Die "Worte des Herrn" als Grundlage Die bedeutendste frankistische Schrift ist das Księga Słów Pańskich (Buch der Worte des Herrn) in äußerst einfacher, geradezu volkstümlicher Sprache mit kurzen Sprüchen (bis zu weniger als zehn Worte), Auslegungen und Gleichnissen, Visionen und Träumen, längere Spekulationen über die Elemente der Lehre, verschiedene Episoden aus Franks Leben, der frankistischen „Kompanie“ sowie zeitgenössischer Herrscher bzw. märchenhafte Erzählungen bis zu 1100 Worte. Zur Unterstützung finden sich dabei hauptsächlich Zitate aus der Tora und dem Zohar sowie volkstümliche Geschichten aus der Kultur der Umgebung, die wortwörtlich zitiert bzw. paraphrasiert oder an die eigene Lehre angepasst wurden.Klaus Samuel Davidowicz: Der Messias aus dem Ghetto. Paul Lang-Verlag 1998, S. 294

Anfang und Ende des frankistischen Gesetzes steht jeweils eine Vision: § 1 Berufungsvision Franks § 2192 Testament Franks an seine „Kompanie“

Dazwischen liegt die umfangreiche Sammlung, wie sie aus zahlreichen Zusammenkünften über die Jahre hinweg langsam entstanden ist. Die Worte des Herrn gehören zur jüdischen Literatur, obwohl sie inhaltlich die jüdische Tradition und deren Lehren verwerfen. Biblische Figuren wie Jakob, Esau und Esther sind Fundamente seiner Lehre.Klaus Samuel Davidowicz: Der Messias aus dem Ghetto. Paul Lang-Verlag 1998, S. 294

Franks „Brüder“ stellten die Worte des Herrn von 1755 bis 1791 zusammen in Form einer Zbiór (Sammlung), weshalb der polnische Originaltitel Księga (Buch) etwas irritierend ist und in der Sammlung selbst auch nur einmal im § 2192 verwendet wird.Harris Lenowitz: An Introduction to the Sayings of Jacob Frank, in: Proceedings of the Eighth World Congress of Jewish Studies 1981, Division C Thought and Literature, Band 2 Jewish Thought, Kabbalah and Hasidism, Jerusalem 1982, S. 93–98 Sie wurde seit ca. 1773 aufgeschrieben und ausschließlich handschriftlich an die weit zerstreuten Anhänger verteilt.Klaus Samuel Davidowicz: Zwischen Prophetie und Häresie. Jakob Franks Leben und Lehren, Böhlau-Verlag 2004, S. 14 Eine letzte bekannte, vollständige Handschrift (§§ 1–2192 Worte des Herrn) wurde neben anderen zahlreichen frankistischen Quellen bei der Zerstörung Warschaus im Zweiten Weltkrieg vernichtet. Bis in jüngster Zeit stützen sich deshalb alle Frankismusforscher auf das Quellmaterial der umfangreichen Biografie des Historikers Aleksander Kraushar, welches die bedeutendste Auseinandersetzung mit dem Frankismus aus der Vorkriegszeit ist.Kraushar, Aleksander: Jacob Frank, the End to the Sabbataian Heresy. Translated by Herbert Levy, Lanham-New York-Oxford 2001 / Das polnische Original: Kraushar, Aleksander: Frank i frankiśći polscy. 2 Bände. Kraków 1895 (enthält noch Anhänge mit zahlreichen Dokumenten)

Das Wesen der „V“-Lehre im Frankismus Der eigentliche Wegführer im Frankismus ist die Jungfrau, die Inkarnation der Schechina und der weibliche Messias. Ihr sollen die Frankisten tapfer wie Soldaten durch alle Schrecknisse hindurch folgen. Die Patriarchen und Moses hätten bereits versucht den Weg zu gehen, aber sie – wie auch Schabbtai Zvi – seien gescheitert. Dieser Weg symbolisiert sich im Buchstaben „V“, der zugleich die Jakobsleiter darstellt. Erst muss man hinab in den Abgrund steigen, um nach Erreichen der tiefsten Erniedrigung wieder hinauf empor zum „Leben“ zu gelangen. Frank möchte seine Anhänger durch den Frankismus zum „Leben“ führen. Aber er – die dritte messianische Inkarnation der Sephira Tiferet nach Schabbtai Zvi und Baruchia Russo, zugleich der wiedergeborene Stammvater Jakob – ist nur ein Helfer. So proklamiert er, der Frankisten Abstieg auf der „V“-Leiter in die tiefste Erniedrigung zeige sich am Hass und der Ausgrenzung der Gesellschaft, weil sie konsequent ihre tiefe Erkenntnis umsetzen, dass alle Gesetze und Lehren der Welt nur Gesetze der bösen Drei Weltenlenker sind, die nicht beachtet werden brauchen, allenfalls zum Schein. Religionen und Lehren der Welt können wie leere Hüllen getragen und auch wieder abgeworfen werden, denn die wahre Tora werde erst noch offenbart werden.Klaus Samuel Davidowicz: Der Messias aus dem Ghetto. Paul Lang Verlag 1998, S. 296 So ist das Mosaische Gesetz mit seinen Zehn Geboten ebenfalls zu verachten, da es Bestandteil der alten Tora ist. Die Verachtung der Lehren der Welt gipfelt in einem Ausspruch Franks gegenüber seinem engen Brüder- und Schwesternkreis, der ein mythisches Plädoyer für die totale Assimilation ist: Man soll, je nach Land, sich der jeweiligen Religion oder Sprache anpassen.Worte des Herrn Kraushar § 1110, Band 2, S. 304–305 Ein erschreckendes Plädoyer für eine maskenhafte Assimilation findet sich auch hier:

Frank wollte keine Akkulturation der Juden, sondern ein zweckgebundenes Eingliedern in die Gesellschaft, um diese schließlich zu stürzen.Klaus Samuel Davidowicz: Der Messias aus dem Ghetto. Paul Lang verlag 1998, S. 310 Man nimmt an, dass die Judenfeinde des 18. Jahrhunderts nicht mit dem geheimen Sektenkanon Franks vertraut waren, da sie mit Sicherheit die ohnehin heiß umstrittene Jüdische Emanzipation erheblich erschwert hätte.Klaus Samuel Davidowicz: Der Messias aus dem Ghetto. Paul Lang verlag 1998, S. 310

Jakob Frank, der Prostak Jakob Frank sah in sich die ideale Verkörperung des kraftstrotzenden, potenten Prostak (poln. ordinärer, ungebildeter Kerl). In Wirklichkeit war er der einzig wahre Führer, der das Bild des machthungrigen, potenten „Prostak“ zusammen mit einer Figur presst, die tief in der jüdischen Tradition verwurzelt ist: dem Patriarchen Jakob. Zitate aus Bibel und Zohar, die von Jakob handeln, werden herangezogen, um Franks Selbstverständnis zu unterstützen. Frank übernimmt von Jakob viele Elemente, die er neu interpretiert und seiner Lehre unterlegt. Er identifiziert sich zwar mit Jakob, nimmt aber stets deutlich Abstand und kritisiert seine Schwächen. Er übernimmt die Aufgabe Jakobs und aller anderen Patriarchen und Messiasgestalten. Klaus Davidowicz weist darauf hin, dass die Verfasser der Worte des Herrn große Kenntnisse der rabbinischen und kabbalistischen Literatur gehabt haben müssen, was bei Frank selbst nicht der Fall war, so dass wahrscheinlich ist, dass gelehrte Frankisten an der endgültigen Ausarbeitung der Worte des Herrn sowie des Frankismus mitgewirkt haben.Klaus Samuel Davidowicz: Zwischen Prophetie und Häresie. Jakob Franks Leben und Lehren. Böhlau-Verlag 2004, S. 99.

Auf dem Weg zu Esau, dem kosmischen „großen Bruder“