mini|Verlauf des Boudicca-Aufstands Im Boudicca-Aufstand erhoben sich in den Jahren 60 n. Chr. und 61 n. Chr. die insel-keltischen Volksstämme der Icener und Trinovanten gegen die römischen Besatzer. Unter Führung der britannischen Königin Boudicca wurden bei den Auseinandersetzungen unter anderem die römischen Städte Camulodunum (das heutige Colchester), Londinium (das heutige London) und Verulamium (das heutige St Albans) verwüstet und gebrandschatzt. Verteidiger und Bewohner, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, fanden durch Boudiccas Streitmacht den Tod. Eine zahlenmäßig unterlegene römische Armee unter Gaius Suetonius Paulinus bezwang schließlich in den Midlands entlang der Watling Street die Aufständischen.
Die mit Abstand wichtigsten schriftlichen Quellen für die Ereignisse sind die Annales des römischen Geschichtsschreibers Tacitus und die Römische Geschichte des Geschichtsschreibers Cassius Dio. Seit dem 20. Jahrhundert spielt die Archäologie für die Rekonstruktion der Ereignisse eine wichtige Rolle, insbesondere Ausgrabungen in den Städten Colchester, London und St Albans sowie Funde in East Anglia, dem Siedlungsgebiet der Icener und Trinovanten.
Der Boudicca-Aufstand ist ein in Großbritannien sehr bekanntes Ereignis der britischen Geschichte und wird häufig mit Rebellionen in anderen Teilen des römischen Imperiums verglichen, etwa der Varusschlacht unter Arminius in Germanien oder dem Aufstand des Vercingetorix in Gallien.
Quellenlage
Da die keltischen Stämme Britanniens selbst keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen, ist die Sicht auf den Boudicca-Aufstand durch die römische Geschichtsschreibung geprägt, ergänzt um Erkenntnisse aus archäologischen Ausgrabungen.
Die schriftlichen Quellen für den Boudicca-Aufstand sind die Annalen des römischen Historikers Tacitus und das Geschichtswerk des Cassius Dio. Beide berichten ausführlich über den Aufstand, weichen in Details jedoch zum Teil voneinander ab. Wesentlich kürzer erwähnt Tacitus den Aufstand noch in der Biografie seines Schwiegervaters Agricola. Sowohl Tacitus als auch Cassius Dio waren keine Augenzeugen der Ereignisse in Britannien, auch schrieben sie mit einem zeitlichen Abstand zu den Ereignissen. Tacitus gilt bei vielen Historikern als zuverlässiger, weil er zeitlich näher am Ereignis lebte und vermutlich Detailkenntnisse über den Boudicca-Aufstand durch seinen Schwiegervater Agricola erhielt, der zu der Zeit in Britannien war. Die von den beiden Schriftstellern überlieferten Reden, die die Heerführer Boudicca und Suetonius vor der Entscheidungsschlacht gehalten haben sollen, sind aller Wahrscheinlichkeit nicht authentisch. Klassische Autoren legten üblicherweise fiktive Reden in die Münder ihrer Hauptpersonen, auch um ihr eigenes Verständnis der Ereignisse ans Publikum zu transportieren.Richard Hingley, Christina Unwin: Boudica. Iron Age Warrior Queen. Hambledon Continuum, London 2005, ISBN 1-85285-516-9, S. 42–43.
Ursachen des Aufstandes Tacitus und Cassius Dio nennen unterschiedliche Gründe, warum britannische Stämme sich unter der Führung Boudiccas gegen die Römer erhoben. Auf der Basis der antiken Quellen haben Historiker weitere Ursachen für den Aufstand erschlossen.
Demütigung der Icener mini|Siedlungsgebiete der Icener und Trinovanten im Osten des heutigen Englands In Tacitus’ Annales wird die Demütigung des Stammes der Icener und der königlichen Familie als Auslöser für den Aufstand in den Vordergrund gestellt: Die von Tacitus erwähnten Icener lebten im Norden des heutigen East Anglia, wie man aus Münzfunden heute weiß. Historiker gehen davon aus, dass Prasutagus um 43 n. Chr. als Klientelkönig der Icener von den Römern eingesetzt wurde und bis zu seinem Tod 60 n. Chr. im Einvernehmen mit den Römern regierte. Tacitus zufolge hinterließ Prasutagus ein Testament, in dem er festlegte, dass sein Königreich zu gleichen Teilen seinen beiden Töchtern und dem römischen Kaiser Nero vererbt werden sollte. Laut Tacitus hoffte Prasutagus, dadurch den Fortbestand seines Reiches sicherzustellen und seine Familie vor Übergriffen der Römer schützen zu können. Die Römer unter der Führung des Prokurators Catus Decianus zogen jedoch in das Land der Icener ein und behandelten das Reich des bisherigen Klientelkönigs von nun an als einen Teil der römischen Provinz. Wie Tacitus berichtet, wurden Teile der adeligen Schicht der Icener ihrer Ländereien beraubt. Außerdem peitschten sie Prasutagus’ Witwe Boudicca aus und vergewaltigten ihre zwei Töchter.Tacitus, Annales 14,31,1.
Die Archäologin Miranda Aldhouse-Green betont, dass die Römer unter dem befehlshabenden Prokurator Decianus Catus durchaus das Recht hatten, nach dem Tod eines Klientelkönigs dessen Ländereien einzuziehen und in das römische Reich einzugliedern. Was jedoch nicht legal gewesen sei, war die brutale Behandlung der Icener sowie die Konfiszierung privaten Eigentums. Auch nach römischen Standards sei die Misshandlung Boudiccas und die Vergewaltigung ihrer Töchter ein Kriegsverbrechen.Miranda Aldhouse-Green: Boudica Britannia. Taylor & Francis, London 2006, ISBN 978-1-4058-1100-2, S. 177–178. Hingley und Unwin vermuten, dass diese Behandlung einer Rom treuen aristokratischen Familie für Tacitus’ Leserschaft in Rom besonders schockierend gewesen sein dürfte.Richard Hingley, Christina Unwin: Boudica. Iron Age Warrior Queen. Hambledon Continuum, London 2005, ISBN 1-85285-516-9, S. 47.
Vertreibung und Provokation der Trinovanten Zu den weiteren von Tacitus in den Annales genannten Ursachen für den Aufstand zählen die Vertreibung der Trinovanten aus ihrer Hauptstadt Camulodunum, dem heutigen Colchester, um dort im Auftrag des römischen Kaisers Claudius eine Veteranenkolonie für ehemalige Legionäre zu errichten. Diese sollte dem Erhalt des römischen Einflusses in der Stadt dienen, nachdem die ursprünglich dort stationierte Legio XX zur Bekämpfung der Silurer nach Westen verlegt worden war. Tacitus beschreibt das konfiszierte Land als agri captivi (deutsch „erobertes Land“). So war es den Römern erlaubt, Land der Trinovanten um Camulodunum für Veteranen einzuziehen.Tacitus, Annales 14,31.
Der Archäologe Paul Sealey weist in diesem Zusammenhang auf Ausgrabungen im Graben der römischen Festung in Colchester hin. Dort wurden sechs Schädel gefunden, die schwere, vermutlich durch Waffen verursachte Verletzungen aufweisen, was auf eine rohe Behandlung der einheimischen Bevölkerung durch die Römer hindeute.Paul R. Sealey: The Boudican Revolt against Rome (Shire Archaeology; Bd. 74). Shire Books, Prines Risborough 2004, ISBN 0-7478-0618-7, S. 19.
Eine zusätzliche Provokation für die Trinovanten war der Baubeginn eines Tempels in Camulodunum zu Ehren des 54 n. Chr. verstorbenen und vom römischen Senat konsekrierten Claudius. Die Trinovanten warfen den Priestern des Tempels vor, das Vermögen des Landes zu vergeuden. Tacitus schreibt, dass die Trinovanten den Tempel als „Hauptsitz ewiger Tyrannei“ (lateinisch arx aeternae dominationis) ansahen.Tacitus, Annales 14,31.
Rückforderung von Krediten Cassius Dio erwähnt weder die Misshandlung der königlichen Familie der Icener noch die Provokation der Trinovanten. Stattdessen nennt er als einen Auslöser für den Aufstand eine plötzliche Rückforderung hoher Kredite durch römische Gläubiger, zu denen auch der Philosoph Seneca gehörte. Dio zufolge habe dieser bei seinem Kredit eine Verzinsung von 40 Millionen Sesterzen erwartet.Cassius Dio, Römische Geschichte 62,2. Dies entspricht dem Gegenwert von fast drei Tonnen Gold.Kai Brodersen: Das römische Britannien. Primus-Verlag, Darmstadt 1998, ISBN 3-89678-080-8, S. 99. Gleichzeitig habe der Prokurator Catus Decianus das Geld zurückgefordert, das Kaiser Claudius nach der Eroberung Britanniens der britannischen Oberschicht zur Verfügung gestellt hatte. Cassius Dio zufolge habe Decianus behauptet, dieses Geld sei nur ein Darlehen gewesen und müsse zurückgezahlt werden – ob dies den Tatsachen entsprach, erklärt Dio nicht.
Die Rückforderung von Krediten durch Seneca und durch den kaiserlichen Prokurator könnte die wirtschaftlichen Spannungen zwischen den Einheimischen und der noch relativ jungen römischen Provinzialverwaltung verschärft und damit ebenfalls zur Eskalation des Konfliktes beigetragen haben.Stephen L. Dyson: Native Revolts in the Roman Empire. In: Historia. Band 20, Heft 2/3, 1971, S. 239–274, hier S. 259; Mary F. Gyles: Effects of Roman Capital Investment in Britain under Nero. In: Dieselbe, Eugene Wood Davis (Hrsg.): Laudatores temporis acti. Studies in memory of Wallace Everett Caldwell (= The James Sprunt Studies in history and political science. Band 46). University of North Carolina Press, Chapel Hill 1964, S. 99–109. Die finanziellen Forderungen des Catus Decianus an die britannische Oberschicht könnten auf die gestiegenen Staatsausgaben unter Kaiser Nero zurückzuführen sein – ob sie nun berechtigt waren oder nicht. Um die Berichte von Tacitus und Dio über die Auslöser des Boudicca-Aufstands in Einklang zu bringen, erwägt Christoph M. Bulst, dass Decianus' rücksichtslose Methoden, die geforderten Gelder wieder zurückzuerhalten, zu der Vertreibung der reichen Icener von ihren Gütern geführt hätten, die Tacitus erwähnt. Dieser habe die berechtigten römischen Geldforderungen nicht erwähnt, sondern nur das brutale Vorgehen bei der Eintreibung, weil es ihm im Rahmen seiner Darstellung speziell darum ging, die moralischen Verfehlungen auf römischer Seite zu benennen.Christoph M. Bulst: The Revolt of Queen Boudicca in A.D. 60. In: Historia. Band 10, Heft 4, 1961, S. 496–509, hier S. 497.
Einfluss der Druiden mini|Insel Mona, das heutige Anglesey Einige Historiker halten es für keinen Zufall, dass kurz vor dem Boudicca-Aufstand das Heiligtum auf der Insel Mona (heute Anglesey), ein wichtiger Rückzugsort für britannische Aufständische und zentraler Ort der druidischen Religion, von den Römern angegriffen und zerstört wurde. Auch wenn die Quellen dazu nichts Konkretes aussagen, könnten die antirömisch eingestellten Druiden ihren politischen Einfluss unter den Britanniern ausgenutzt haben, um die Angehörigen anderer Stämme zur Teilnahme an Boudiccas Aufstand zu bewegen.Donald R. Dudley, Graham Webster: The Rebellion of Boudica. Routledge & Kegan Paul, London 1962, S. 53. Zumindest dürften, so weitere Forscher, Protestbewegungen wie der Boudicca-Aufstand ermutigt worden sein, weil sie sich vom druidischen Klerus unterstützt fühlten.Miranda Aldhouse-Green: Boudica Britannia. Taylor & Francis, London 2006, ISBN 978-1-4058-1100-2, S. 144–167.
Andere Historiker weisen jedoch darauf hin, dass der Einfluss der Druiden auf die britannische Gesellschaft ungeklärt ist. Die Druiden hatten im 1. Jahrhundert bereits einigen Einfluss verloren und waren möglicherweise gar nicht mehr in der Lage, die Britannier zu einem größeren Aufstand zu vereinen.Caitlin C. Gillespie: Boudica. Warrior Woman of Roman Britain. Oxford University Press, Oxford/New York 2018, ISBN 978-0-19-060907-8, S. 110–111. Umgekehrt könnte das römische Vorgehen gegen die Druiden in Tacitus’ Bericht nämlich auch schlicht besonders hervorgehoben worden sein, weil es das römische Vorgehen gegen den Aberglauben und die wilden Gebräuche der Briten veranschaulichen konnte und somit die Schilderung des Boudicca-Aufstandes ergänzt. In diesem Fall ließe sich die breite Schilderung der Ereignisse auf Mona in Tacitus’ Annalen durch die literarische Komposition des Geschichtswerkes erklärenMichael Roberts: The Revolt of Boudicca (Tacitus, Annals 14.29–39) and the Assertion of Libertas in Neronian Rome. In: American Journal of Philology. Band 109, Nummer 1, 1988, S. 118–132, hier S. 122. und müsste nicht zwangsläufig auf eine tatsächliche enge Verbindung der beiden Kampfhandlungen hindeuten.
Antirömische Einstellungen