mini|Pilatus-Inschrift auf einer Spolie, die im Theater von Caesarea Maritima gefunden wurde (Israel-Museum) Pontius Pilatus war von 26 bis 36 n. Chr. Präfekt des römischen Kaisers Tiberius in Judäa, das zu seiner Amtszeit ein Teil der Provinz Syria war. Bekannt wurde er vor allem durch die Passionsgeschichten im Neuen Testament der Bibel. Dort wird berichtet, dass er Jesus von Nazaret zum Tod am Kreuz verurteilte. In biblischen Texten lautet seine Amtsbezeichnung „Statthalter“, was den falschen Eindruck erweckt, er sei Provinzgouverneur gewesen.
Name Der Vorname (praenomen, vgl. römischer Name) des Pontius Pilatus ist nicht überliefert. Sein Familienname (nomen gentile) zeigt, dass er aus der römischen Familie (gens) der Pontier stammte. Angehörige dieser Familie spielten in der römischen Geschichte des Öfteren eine besondere Rolle; so stammte beispielsweise Lucius Pontius Aquila, einer der Caesarmörder, aus dieser Familie. Der dritte Namensteil (cognomen) wird unterschiedlich gedeutet. Da inschriftlich der Name mit iota longa überliefert ist, war die Silbe pil- lang. So ist die Herleitung von lateinischen Wörtern wie pilum („Speer“) oder pila („Pfeiler“) möglich, pilatus würde dann „mit dem Pilum bewaffnet“ oder „eingepflanzt“ bedeuten. Auch eine Verbindung mit pileus, der Filzkappe der Freigelassenen, ist denkbar und der Name vielleicht eine Verkürzung von Pileatus.Alexander Demandt: Pontius Pilatus. Beck, München 2012, S. 46–48.
Da der Gentilname Pontius bei den Samniten vorkommt, wurde von einigen Historikern eine Herkunft der Familie aus Samnium angenommen.
Leben Pilatus’ Geburtsjahr und Geburtsort sind unbekannt. Es besteht ein weitgehender Konsens, dass er im Jahr 26 von Tiberius zum Präfekten von Judäa (praefectus Iudaeae) ernannt wurde.Die Minderheitsmeinung, wonach Pilatus schon 19 n. Chr. in dieses Amt kam, vertritt Daniel R. Schwartz. Vgl. Pilatus war der fünfte Präfekt dieses Provinzteils, unterstand somit dem Statthalter der Provinz Syria und folgte Valerius Gratus, der das Amt 15 bis 26 n. Chr. innegehabt hatte.Werner Eck: Die Benennung von römischen Amtsträgern und politisch-militärisch-administrativen Funktionen bei Flavius Iosephus – Probleme der korrekten Identifizierung. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 166, 2008, S. 218–226; Walter Ameling, Hannah M. Cotton, Werner Eck u. a. (Hrsg.): Corpus Inscriptionum Iudaeae/Palaestinae. A Multi-lingual Corpus of the Inscriptions from Alexander to Muhammad. Band 2: Caesarea and the Middle Coast. 1121–2160. De Gruyter, Berlin 2011, S. 229. Die Ernennung zeigt, dass Pilatus dem Ritterstand (equester ordo) angehörte.
Ein römischer Präfekt wurde üblicherweise durch den Kaiser bestimmt. Während der Regierungszeit des Tiberius, faktisch vom Jahre 21 n. Chr., besaß der Kommandeur der Prätorianergarde, Lucius Aelius Seianus, bei Tiberius so großen Einfluss, dass er auch bei der Ernennung der Präfekten Einfluss nehmen konnte. Die Ernennung des Pontius Pilatus fällt genau in den Zeitraum des Rückzugs des Tiberius nach Capri. Ethelbert Stauffer vertrat 1957 die These, Pilatus sei durch den judenfeindlichen Seianus gezielt eingesetzt worden, um in Judäa eine Provokationspolitik zu betreiben.Vgl. Ethelbert Stauffer: Jerusalem und Rom im Zeitalter Jesu Christi. Francke, Bern 1957. Die judenfeindliche Gesinnung des Seianus wird allerdings nur von Philon von Alexandria erwähnt,Philon von Alexandria: Legatio ad Gaium 160 (Digitalisat). eine Beziehung zwischen Seianus und Pilatus wurde von Eusebius von Caesarea aus den Angaben, die Philon zu beiden Personen macht, geschlossen.Eusebius von Caesarea: Historia Ecclesiastica 2,5,7 (BKV). Oft wird ungeschicktes Verhalten des Pilatus während seiner Amtszeit von Historikern als Beleg für seine anti-jüdische Haltung angesehen. Die beiden jüdischen Quellen Philon von Alexandria und Flavius Josephus betonen nämlich die harte Amtsführung des Pilatus. Unabhängig von dieser Diskussion ist es bemerkenswert, dass Pilatus Judäa immerhin zehn Jahre lang verwalten konnte, was für ein großes Durchsetzungsvermögen in einem der unruhigsten Gebiete des Reiches spricht.
Ein Ereignis im Sommer des Jahres 36, das Josephus in den Antiquitates berichtet, führte zu seiner Absetzung: Pilatus ließ mit brutaler Gewalt eine Prozession von bewaffneten Samaritanern auf den heiligen Berg Garizim unterbinden, wo sie die von Mose dort verborgenen Kultgeräte des biblischen Zeltheiligtums zu finden hofften. Dies hatte ihnen ein Prophet verheißen. Der Rat der Samaritaner führte nach dieser blutigen Militäraktion Beschwerde gegen Pilatus bei Vitellius, dem Legaten von Syrien. Dieser suspendierte Pilatus von seinem Amt und ließ ihn nach Rom zurückberufen, damit er sich vor dem Kaiser verantworte. Nach Werner Eck: Die Benennung von römischen Amtsträgern und politisch-militärisch-administrativen Funktionen bei Flavius Iosephus – Probleme der korrekten Identifizierung. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 166, 2008, S. 218–226 (Digitalisat), belegt die Titulatur als Präfekt ferner, dass dieser nicht Statthalter einer von Syria unabhängigen römischen Provinz Iudaea, sondern selbst dem Statthalter dieser Provinz unterstellt war. Vitellius setzte stattdessen Marcellus als Präfekten von Judäa ein. Als Pilatus in Rom eintraf, war Tiberius am 16. März 37 bereits gestorben. Unbekannt ist, ob es zu einem Verfahren um ihn kam und wie sein weiteres Leben verlief.
Unter Berufung auf das Zeugnis griechischer Chronisten bzw. Olympiadenschreiber schrieb Eusebius von Caesarea Anfang des 4. Jahrhunderts, Pilatus sei unter Caligula in solche Bedrängnis geraten, dass er im Jahr 39 Selbstmord begangen habe.Eusebius von Caesarea: Historia Ecclesiastica 2, 7 (BKV) und Chronik, S. 178 ed. Helm. Laut Orosius zwang ihn der Kaiser sogar dazu.Orosius: Historiae adversus paganos 7, 5. Beide Autoren erblickten darin die strafende Hand Gottes. Früheren kirchlichen Schriftstellern war von einem Suizid des Pilatus nichts bekannt. Als beispielsweise Origenes den Einwand des Philosophen Kelsos, dass Jesu Richter nichts dem Schicksal des Pentheus Ähnliches erlitten habe, entkräften wollte, argumentierte er, Pilatus sei gar nicht Jesu Richter gewesen, die Juden seien von dem Fluch getroffen worden.Origenes: Contra Celsum 2, 34 (BKV); dazu Alexander Demandt: Pontius Pilatus. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63362-1, S. 92f.
Quellen Außerbiblische literarische Texte Tacitus Als wichtigste außerbiblische Quelle für den Prozess Jesu gilt eine Stelle in den Annales (15, 44) des römischen Geschichtsschreibers Tacitus, die von der Christenverfolgung unter Nero nach dem Brand Roms (64 n. Chr.) berichtet und dabei Pilatus beiläufig erwähnt:
In den Historiae (5,9,2) schrieb Tacitus allgemein, dass während der Regierungszeit des Tiberius (und damit auch während der Amtszeit des Pilatus) in Judäa „Ruhe geherrscht“ habe; dies steht im Widerspruch zu den Tumulten, die Philon und Josephus berichteten.
Philon mini|Silbermünze des Augustus. Rückseite: Runder Ehrenschild (clipeus virtutis) zwischen Legionsadler und Feldzeichen Philon von Alexandria erwähnt Pilatus in seiner Schrift Legatio ad Gaium. Darin zitierte er den Wortlaut eines Briefes, den Herodes Agrippa I. an den Kaiser gerichtet hatte, den aber, entsprechend den Konventionen antiker Historiographie, tatsächlich Philon selbst formuliert hatte. Im Brief wird beschrieben, wie Pilatus durch die Aufstellung goldener Weihe- oder Ehrenschilde in Jerusalem große Unruhe in der Bevölkerung erregt und diese Maßnahme auf Anordnung des Kaisers Tiberius wieder zurückgenommen habe. Die Weiheschilde waren ohne bildliche Darstellungen und mit einer Inschrift, die den Geehrten (= Kaiser Tiberius) und den Auftraggeber (= Pilatus) namentlich nannte. Sie waren nicht öffentlich, sondern im Jerusalemer Amtssitz des Pilatus, dem früheren Herodespalast, aufgestellt.
Diesem Brief Agrippas zufolge hatte Pilatus Grund, eine Überprüfung seiner Amtsführung zu befürchten: „Dabei könnte man seine Bestechlichkeit, seine Gewalttätigkeit, seine Räubereien, Mißhandlungen, Beleidigungen, fortgesetzten Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren sowie seine unaufhörliche und unerträgliche Grausamkeit vortragen.“Philon von Alexandria: Legatio ad Gaium 299–305 (Digitalisat). Im Gegensatz zu den anderen antiken Autoren, die Pilatus erwähnten, schrieb Philon als dessen Zeitgenosse.Helen K. Bond: Pontius Pilate in History and Interpretation, Cambridge 1998, S. 24 f.
Josephus Die meisten Informationen über die Amtsführung des Pilatus stammen aus zwei Werken des Flavius Josephus: De bello Iudaico und Antiquitates Iudaicae. mini|Römische Legionäre mit vorangetragenen Feldzeichen (Detail der Trajanssäule) In De bello Iudaico berichtet Josephus zwei Begebenheiten aus der Amtszeit des Pilatus: das nächtliche Hereinbringen verhüllter römischer Feldzeichen mit Kaiserbildnissen nach Jerusalem und den Bau eines Aquädukts zur Wasserversorgung der Stadt mit Geldern aus dem Tempelschatz von Jerusalem. Beide Maßnahmen riefen den Protest der Jerusalemer Bevölkerung hervor, doch während Pilatus im ersten Fall nachgab und die Feldzeichen entfernen ließ, wies er im zweiten Fall seine Soldaten an, die protestierende Menge gewaltsam aufzulösen, wobei viele Menschen starben.Flavius Josephus: De bello Judaico 2,169–174 und 2,175-177. Das später verfasste Hauptwerk des Josephus, die Antiquitates, enthält ebenfalls den Feldzeichen-Konflikt und den Aquädukt-Konflikt.Flavius Josephus: Antiquitates Judaicae 18,55–59 und 18,60-62. Darauf folgt die Verurteilung des „Jesus, eines weisen Mannes“ zur Kreuzigung (Testimonium Flavianum), eine wahrscheinlich christlich überarbeitete oder sogar interpolierte Textpassage. Die vierte in den Antiquitates berichtete Begebenheit aus der Amtszeit des Pilatus ist das militärische Vorgehen gegen eine Prozession bewaffneter Samaritaner zum Berg Garizim. Der Rat der Samaritaner führte dagegen Beschwerde bei Vitellius, dem Legaten von Syrien. Das hatte die Abberufung des Pilatus zur Folge.Flavius Josephus: Antiquitates Judaicae 18,85–89.