mini|hochkant|Tucholsky in Paris (1928)rahmenlos|zentriert|70px|klasse=skin-invert-image Kurt Tucholsky (* 9. Januar 1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935 in Göteborg) war ein deutscher Schriftsteller, der zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik zählte. Er veröffentlichte auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel.
Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift Die Weltbühne erwies sich Tucholsky als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat, Sozialist,Klaus-Peter Schulz: Kurt Tucholsky mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. rororo, Reinbek 1992, insbes. S. 64–74. Pazifist und Antimilitarist und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten – vor allem in Politik, Militär und Justiz – und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus.
Leben Eltern, Kindheit und Schule mini|hochkant|Erinnerungstafel am Geburtshaus Lübecker Straße 13, Berlin-Moabit, in dem heute die Kurt-Kurt-Projektzentrale angesiedelt ist mini|hochkant|Tucholsky als knapp einjähriges Kind (1890) mini|1898–99 das Mietshaus der Familie Tucholsky in Stettin, damals Kronprinzenstr. 29 (rechts) mini|Kurt Tucholsky (rechts), 14-jährig mit seinen Geschwistern Ellen und Fritz (1904)
Kurt Tucholskys Elternhaus steht in der Lübecker Straße 13 in Berlin-Moabit. Seine frühe Kindheit und die Grundschuljahre verbrachte er jedoch von 1893 bis 1899 in Stettin, wo sein Vater als Bankdirektor der Firma Lenz & Co. zugeordnet worden war. Der jüdische Bankkaufmann Alexander (Alex) Tucholsky (1855–1905) hatte 1887 seine Cousine, die Lehrerin Doris Tucholski (1861–1943) geheiratet, mit der er drei Kinder bekam: Kurt, ihren ältesten Sohn, sowie Fritz (1896–1936) und Ella-Ida (genannt Ellen, 1897–1982).
Der Vater, als Sohn eines kleinen Händlers und Pfandleihers in Greifswald geboren, begann seine Karriere in Berlin als Buchhalter der Berliner Handels-Gesellschaft. In Stettin stieg er zu einem ihrer kaufmännischen Direktoren auf und wurde 1901 in Berlin außerdem zum Vorstandsmitglied der Aktiengesellschaft für Verkehrswesen (AGV). Er war ein liebevoller, musisch interessierter, liberaler Mann, der dem preußisch-deutschen Militarismus kritisch gegenüberstand.„Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich die Suttner noch übersuttnern. Krieg heißt doch schließlich auf Deutsch privilegierter Mord; wenn die Leute an der Spitze in Verlegenheit sind und nicht mehr aus noch ein mit der Politik und ihren Finanzen wissen, dann wird aus der Rumpelkammer die Puppe Patriotismus herausgeholt […].“ Brief meines Vaters – in: Die Weltbühne XXVIII Nr. 6 vom 9. Februar 1932, S. 204. Aus einem Brief des Vaters vom 14. Dezember 1894, von K. T. zitiert unter dem Pseudonym „Ignaz Wrobel“. Siehe auch Gesammelte Werke in 10 Bänden, Bd. 10, S. 30 bzw. in Gesamtausgabe, Bd. 15, S. 41. Die drei Geschwister liebten und verehrten ihren Vater sehr.Michael Hepp: Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen, S. 20f. u. 27. Dieser starb jedoch, nach mehrjährig voranschleichender Krankheit, schon 1905. „Doris Tucholsky war ohne Zweifel eine Frau von gesellschaftlicher Repräsentanz, gebildet, humorvoll und von gewandter Konversation, die anderen mit Güte, ja Liebenswürdigkeit entgegenkam.“Helga Bemmann: Kurt Tucholsky. Ein Lebensbild, S. 45. Das Verhältnis von Kurt und seinen Geschwistern zu ihrer „repräsentativen“ Mutter war jedoch zeitlebens zwiespältig und weitreichend getrübt. Die Kinder schilderten sie übereinstimmend als herrschsüchtige, wenig liebevolle Person. Biographen wie Michael Hepp sehen in ihr das literarische Vorbild für die tyrannische Heimleiterin Adriani in der 1931 erschienenen Erzählung „Schloß Gripsholm“.Michael Hepp: Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen, S. 26–32. Doris Tucholsky wurde am 16. Juli 1942 in einem sogenannten Alterstransport in das „Altersghetto“ benannten Teil des Ghettos Theresienstadt deportiert, wo sie 81-jährig am 7. Mai 1943 umkam.Von den 100 Insassen des Transportes überlebten nur drei, siehe I/24 (Berlin -> Theresienstadt) | Transport | Holocaust und Transport I/24 from Berlin,Berlin (Berlin),City of Berlin,Germany to Theresienstadt,Ghetto,Czechoslovakia on 16/07/1942 (yadvashem.org). Vielfach beförderte die (auch medizinisch) mangelhafte Versorgung den baldigen Tod in dem als „Altersghetto“ verbrämten Teil des Lagers. Kurt Tucholskys Lieblingstante Berta Vera T. (eine 1859 geborene, ledige Schwester seines Vaters) starb ebenda bereits am 29. August 1942, nur zwölf Tage nach ihrer Ankunft, offiziell an „Altersschwäche“, siehe | Datenbank der digitalisierten Dokumente | Holocaust. Eine lebendige Rückkehr der durch das Reichsbürgergesetz entrechteten und materiell enteigneten Juden war nie vorgesehen, siehe z. B. Wolfgang Benz: Theresienstadt: Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung. C. H. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-64549-5. Zum Charakter der verschiedenen Konzentrationslager-Typen vgl. Nikolaus Wachsmann kl. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Siedler Verlag, München 2016 (Nachauflage: Pantheon Verlag, 2018).
Im Jahr 1899 war die Familie nach Berlin zurückgekehrt und hatte eine Direktoren-Wohnung in der Dorotheenstraße 11 bezogen. Im selben Jahr wurde Kurt Tucholsky auf dem humanistischen, als vergleichsweise liberal geltenden Französischen Gymnasium Berlin eingeschult. 1903 wechselte er auf das Königliche Wilhelms-Gymnasium, das er 1907 verließ, um sich mit dem Privatlehrer Dr. phil. Willi Kraßmöller auf die Abiturprüfung vorzubereiten. Diese legte er im September 1909 als Externer am Königlichen Luisen-Gymnasium ab. Tucholsky galt als mittelmäßiger und rebellischer Schüler, der die Lacher seiner Klassenkameraden zwar stets auf seiner Seite hatte, aber in allen Schulen ein Einzelgänger blieb. Mit Ausnahme von Kraßmöller („ein wunderherrlicher Einpauker“)Gesammelte Werke in 10 Bänden, Bd. 7, S. 165., sah er seine Lehrer im Nachhinein sehr kritisch. Der Unterricht sei im Großen und Ganzen „... eine sinnlose Quälerei und das Fahrgeld nicht wert“ gewesen.Zitiert nach Michael Hepp: Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen, S. 47.
Studium Alexander Tucholsky hatte seiner Frau und den Kindern ein beachtliches Vermögen hinterlassen, das es Kurt ermöglichte, frei von finanziellen Sorgen zu studieren. Zwei Wochen nach der Abiturprüfung, am 7. Oktober 1909, schrieb er sich für das Jurastudium an der Friedrich-Wilhelms-Universität ein. Das zweite Semester von April bis Juli 1910 absolvierte er an der Universität Genf, bevor er im Oktober nach Berlin zurückkehrte. Außer juristischen Veranstaltungen besuchte er bis 1914 auch solche in Nationalökonomie, Germanistik, Geographie und Psychologie. Insgesamt sagten ihm das Studium und die Professoren ebenso wenig zu wie der Schulbetrieb.
mini|hochkant|Dissertation Tucholskys Interesse galt auch während des Studiums vor allem der Literatur. So reiste er mit seinem Freund, dem Zeichner Kurt Szafranski, im September 1911 nach Prag, um den von ihm geschätzten Schriftsteller und Kafka-Freund Max Brod mit einem Besuch und einer selbst gebastelten Miniaturlandschaft zu überraschen. Nach einer Begegnung mit Tucholsky notierte Franz Kafka über ihn am 30. September 1911 in seinem Tagebuch:
Zu einer juristischen Karriere kam es jedoch nicht. Da Tucholsky gegen Ende seines Studiums bereits sehr stark journalistisch engagiert war, verzichtete er 1913 darauf, die erste juristische Staatsprüfung abzulegen. Dies kam einem Verzicht auf eine mögliche Karriere als Anwalt gleich. Um dennoch einen Studienabschluss zu erlangen, bat er im August 1913 bei der Universität Jena um Zulassung zur Promotion zum Dr. iur. Seine im Januar 1914 eingereichte Dissertation zum Hypothekenrecht wurde zunächst abgelehnt, nach mehrfacher Überarbeitung dann aber doch angenommen. Sie trägt den Titel „Die Vormerkung aus § 1179 BGB und ihre Wirkungen“. Tucholsky verteidigte sie am 19. November 1914 und bestand cum laude. Nach Druck und Auslieferung der Pflichtexemplare wurde ihm am 12. Mai 1915 die Promotionsurkunde ausgehändigt.. In: Thüringer Oberlandesgericht, Medieninformation Nr. 05 / 2011.
Erste Erfolge als Schriftsteller mini|„Märchen“, der erste von Tucholsky publizierte Text (1907 in der Satire-Zeitschrift Ulk)
Bereits während seiner Zeit als Schüler hatte Tucholsky seine ersten journalistischen Arbeiten verfasst. Die satirische Wochenzeitschrift Ulk hatte 1907 den kurzen Text Märchen gedruckt, in dem sich der 17-Jährige über den Kunstgeschmack Kaiser Wilhelms II. lustig machte. Während des Studiums intensivierte er seine journalistische Tätigkeit, unter anderem für das sozialdemokratische Parteiorgan Vorwärts. Für die SPD zog er 1911 in den Wahlkampf.
Mit Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte (kurz: Rheinsberg) veröffentlichte Tucholsky 1912 eine Erzählung, in der er einen für die damalige Zeit ungewohnt frischen, verspielt-erotischen Ton anschlug und die ihn erstmals einem größeren Publikum bekannt machte. In diesem Buch verarbeitete er ein gemeinsames Wochenende mit Else Weil im August 1911. Um den Absatz des Buches zu fördern, eröffnete Tucholsky zusammen mit Szafranski, der die Erzählung illustriert hatte, auf dem Berliner Kurfürstendamm eine „Bücherbar“: Jeder Käufer eines Buches bekam dort als Zugabe einen Schnaps eingeschenkt. Der Studentenulk wurde jedoch nach wenigen Wochen wieder eingestellt.
Langfristiger wurde ein Engagement, das Tucholsky Anfang 1913 begann. Am 9. Januar 1913 erschien sein erster Artikel in der linksliberalen Theaterzeitschrift Die Schaubühne, dem 1918Helmut Herbst: Verprofiliert. Zur Marbacher Tucholsky-Ausstellung. In: Karl H. Pressler (Hrsg.): Aus dem Antiquariat. Band 8, 1990 (= Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel – Frankfurter Ausgabe. Nr. 70, 31. August 1990), S. A 334 – A 340, hier: S. A 336. in Die Weltbühne umbenannten Wochenblatt des Publizisten Siegfried Jacobsohn, der bis zu seinem Tod Tucholskys Mentor und Freund blieb. Das enge Verhältnis zu ihm beschrieb Tucholsky am 22. Januar 1934 in einem selbst verfassten Lebenslauf für den Einbürgerungsantrag in Schweden: Kurt Tucholsky: Wir Negativen. Ein Lesebuch. Herausgegeben von Hans Prescher. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988, ISBN 3-498-06490-8, S. 245 (Abschrift online, abgerufen am 15. April 2026). In jeder Ausgabe der Schaubühne erschienen üblicherweise zwei bis drei Artikel, Kritiken oder Satiren von Tucholsky.
Soldat im Ersten Weltkrieg Der Beginn der journalistischen Karriere wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Von August 1914 bis Oktober 1916 erschien nur ein einziger Artikel von Tucholsky. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern und Dichtern ließ er sich nicht von der patriotischen Hurra-Stimmung zu Beginn des Krieges anstecken. Nach seiner Promotion Anfang 1915 wurde er bereits am 10. April desselben Jahres eingezogen und an die Ostfront nach Polen geschickt. Dort erlebte er zunächst Stellungskämpfe mit und diente als Armierungssoldat, dann als Kompanieschreiber. Er hatte Muße zu lesen und Briefe zu schreiben.Gerhard Zwerenz: Kurt Tucholsky. Biographie eines guten Deutschen. Bertelsmann, München 1979, S. 26. Von November 1916 an brachte er die Feldzeitung Der Flieger heraus. In der Verwaltung der Artillerie-Fliegerschule in Alt-Autz in Kurland (heute Auce, Lettland) lernte er seine spätere zweite Frau Mary Gerold kennen. Die Posten als Schreiber und Feldzeitungs-Redakteur sah Tucholsky als gute Möglichkeiten an, einen Dienst im Schützengraben zu umgehen. Rückblickend schrieb er:
Diese Mittel entbehrten zum Teil nicht einer gewissen Komik, wie aus einem Brief an Mary Gerold hervorgeht: