mini|hochkant=1.2|Berthe Morisot, um 1872rahmenlos|class=notpageimage|260px Berthe Marie Pauline Morisot (* 14. Januar 1841 in Bourges; † 2. März 1895 in Paris), auch Berthe Manet, war eine französische Malerin des Impressionismus. Sie gilt neben Mary Cassatt (1844–1926), Eva Gonzalès (1847–1883) und Marie Bracquemond (1840–1916) als eine der vier bedeutendsten Impressionistinnen des neunzehnten Jahrhunderts.Pfeiffer, Ingrid; Hollein, Max, eds. (2008). Women Impressionists. Hatje Cantz. p. 8. ISBN 978-3-7757-2079-3.
Sie entstammte einer wohlhabenden französischen Familie und erhielt Privatunterricht im Malen und Zeichnen. In den 1860er Jahren war sie Schülerin von Camille Corot. Sie lehnte allerdings den konventionellen Stil ihres Lehrers ab und entschied sich für die impressionistische Art der Malerei. Eine enge Freundschaft verband sie mit dem Maler Édouard Manet, der sie zwischen 1868 und 1874 wiederholt porträtierte. Bei aller Annäherung an Manet bewahrte sie jedoch einen selbständigen Stil, häufig geprägt von lichthaltigen Farben und einer starken Betonung graphischer Mittel. Berthe Morisot war die erste Frau in der Gruppe der Impressionisten. 1874 nahm sie mit neun Werken an der ersten Impressionistenausstellung teil und war bis 1886, mit Ausnahme von 1879, an allen Ausstellungen der Gruppe vertreten.
Im Dezember 1874 heiratete sie Eugène Manet, den Bruder Édouard Manets. 1878 wurde ihre Tochter Julie Manet geboren.
Berthe Morisot malte bevorzugt Familienszenen, Frauen- und Kinderporträts, Interieurs und Landschaften, unter denen sich häufig Küstenbilder befinden. Sie gilt zusammen mit der amerikanischen Künstlerin Mary Cassatt als die bedeutendste Malerin des späten 19. Jahrhunderts.
Leben und Werk Familienhintergrund mini|Die Wiege von Berthe Morisot, 1873, Musée d’Orsay, Paris Berthe Morisot war die Tochter von Tiburce Morisot und Marie Cornélie Thomas. Letztere entstammte einer Familie angesehener und hochrangiger französischer Verwaltungsbeamter. Tiburce Morisots Vorfahren dagegen waren Handwerker-Familien. Dank des Einflusses seines Schwiegervaters erhielt Tiburce Morisot, der die sechzehnjährige Marie Cornélie 1835 geheiratet hatte, im Jahre 1836 eine Stelle in der französischen Finanzverwaltung und bewährte sich dort so sehr, dass er bereits nach vier Jahren zum Präfekten des Verwaltungsbezirkes Cher aufstieg. 1846 wurde er für seine Leistungen zum Offizier der französischen Ehrenlegion befördert. Seine steile Karriere, in deren Verlauf er mit seiner Familie in Valenciennes, Bourges (Berthe Morisots Geburtsort), Limoges, Caen, Rennes und ab 1851 schließlich in Paris lebte, endete zunächst mit dem Beginn des zweiten französischen Kaiserreiches unter Napoléon III. Am 5. Juli 1852 wurde er aus dem Dienst entlassen und nur einer erneuten Intervention der Familie Thomas verdankte er es, dass er Jahre später die allerdings etwas weniger einflussreiche Aufgabe eines Conseiller référendaire à la Cour des Comptes (Rechtsberater des Rechnungshofes) erhielt. Die Familie ist somit der oberen französischen Mittelschicht zuzuzählen. Zusätzlich zum Einkommen aus der Berufstätigkeit von Tiburce Morisot verfügte sie dank des Erbes von Marie Cornélie Thomas über ein Privateinkommen. Die Familie war somit wohlhabend und Berthe Morisot war nie gezwungen, wie andere Frauen in der Kunst zum Bestreiten des Lebensunterhalts ihre Werke zu verkaufen bzw. die Kunst als Beruf auszuüben.Higonnet, S. 5–8 und Rouart, S. 15–16.
Aus der Ehe von Tiburce Morisot und Marie Cornélie Thomas gingen insgesamt vier Kinder hervor. Die am 14. Januar 1841 geborene Berthe Morisot war die dritte Tochter. Ihre Schwester Yves Morisot war 1838 zur Welt gekommen und Edma Morisot wurde 1839 geboren. Das Geburtsjahr ihres einzigen Bruders ist nicht genau bekannt. Er kam irgendwann zwischen 1845 und 1848 zur Welt.Higonnet, S. 8
Kindheit und Jugend mini|links|Das Bad von Berthe Morisot, 1885/1886, Sterling and Francine Clark Art Institute, Williamstown, Mass. USA Über Berthe Morisots Kindheit ist nur wenig überliefert. Sie selbst erwähnt in ihren später geschriebenen Aufzeichnungen lediglich eine englische Gouvernante. Alle drei Schwestern erhielten Kunstunterricht. Neben Klavier-, Gesangs- und Konversationsstunden war dies damals ein Bestandteil der standesgemäßen Ausbildung für Töchter aus der französischen Mittelschicht, die in die Lage versetzt werden sollten, auf einer Abendgesellschaft den Gästen ein Klavierstück oder Lied vorzutragen beziehungsweise ihre Familie und Familienszenen passabel zu porträtieren. Kunstunterricht für junge Frauen konzentrierte sich auf Zeichnen und auf kleinformatige Arbeiten in Gouache und Aquarellfarben. Anders als bei der Ölmalerei war dafür kein aufwändiges Atelier notwendig, und der finanzielle Aufwand für Unterricht in Aquarellmalerei war mit jährlich höchstens fünfzig Francs deutlich niedriger. Der jährliche Unterhalt eines professionellen Malerateliers, in dem die großformatigen Gemälde entstanden, wie sie im Pariser Salon gezeigt wurden, belief sich dagegen auf zwei- bis dreitausend Francs.Higonnet, S. 14 Für den Kunstunterricht, den bürgerliche und adelige Töchter erhielten, wurde üblicherweise ein Privatlehrer engagiert. Selbst so angesehene Maler wie Jean-Auguste-Dominique Ingres und Jacques-Louis David unterrichteten junge Frauen in Malerei. Professioneller Kunstunterricht, wie er in renommierten Kunstschulen angeboten wurde, stand Frauen damals dagegen nicht offen. Erst 1897 gab die École des Beaux-Arts als erste Kunstakademie Frankreichs der großen Nachfrage von Frauen für ein Kunststudium nach.
Von den Morisot-Töchtern entwickelten lediglich die zwei jüngeren – Berthe und Edma – ein intensiveres Interesse an Malerei. Ihr erster Zeichenlehrer war der akademische Genremaler Geoffrey-Alphonse ChocarneRoe, S. 85 und zwischen 1857 und 1860 der Maler Joseph Guichard, der seine Schülerinnen mitunter dazu anhielt, die Meisterwerke im Louvre zu kopieren. Ab 1860 begann Camille Corot die beiden Schwestern zu unterrichten. An ihre Mutter schrieb der bereits bekannte Maler allerdings vor Aufnahme des Unterrichts eine Mahnung:Higonnet, S. 19.
Bei Charakteren wie die Ihrer Töchter, wird mein Unterricht sie zu Malerinnen machen [und] nicht zu unbedeutenden, talentierten Amateurinnen. Ist Ihnen bewusst, was das bedeutet? In der Welt der „grande bourgeoisie“, in der Sie sich bewegen, ist dies eine Revolution, ich würde sogar sagen, eine Katastrophe! Sind Sie wirklich sicher, niemals eines Tages die Kunst zu verwünschen, die nach ihrem Eintritt in dieses so respektable, friedliche Haus der einzige Meister über das Schicksal Ihrer zwei Kinder sein wird?Avec des natures comme celles de vos filles, ce ne sont pas des petits talents d’agrément que mon enseignement leur procurera ; elles deviendront des peintres. Vous rendez-vous compte de ce que cela veut dire ? Dans le milieu de grande bourgeoisie qui est le vôtre, ce sera une révolution, je dirais presque une catastrophe. Êtes-vous bien sûr de ne jamais maudire un jour l’art qui, une fois entré dans cette maison si respectablement paisible, deviendra le seul maître de la destinée de vos deux enfants.
Frühe Beziehungen zur französischen Kunstszene Bei den Abendgesellschaften, die Marie Cornélie Thomas jeden Dienstag in ihrem Haus gab, zählten Künstler regelmäßig zu den geladenen Gästen. Neben Camille Corot und dem in der Nachbarschaft der Morisot-Familie lebenden Komponisten Gioachino Rossini waren auch die Kunstmaler, mit denen die beiden Morisot-Schwestern Berthe und Edma Bekanntschaft geschlossen hatten, anwesend. Bereits während ihrer Studien vor den Meisterwerken im Louvre waren den Schwestern der Maler Félix Bracquemond, dessen Frau Marie Bracquemond heute ebenfalls zu den bedeutenden impressionistischen Malerinnen des 19. Jahrhunderts gezählt wird, vorgestellt worden. Félix Bracquemond wiederum stellte Edma und Berthe Morisot dem Maler Henri Fantin-Latour vor, und Camille Corot machte die Schwestern mit einer Reihe von Malern, die zur Schule von Barbizon zählten, bekannt. Ab 1863 übernahm Achille François Oudinot, der dieser Malschule angehörte, von Camille Corot für einige Zeit die Unterrichtung der beiden Morisot-Schwestern. In derselben Zeit schlossen die Schwestern Bekanntschaft mit Emile Auguste Carolus-Duran und dem während der frühen 1860er Jahren sehr erfolgreichen Porträtmaler Alfred Stevens.Rouart, S. 23. Im Winter 1863/64 studierte Berthe Morisot bei Aimé Millet auch Bildhauerei.Rouart, S. 21 Skulpturen von Berthe Morisot aus jener Zeit sind jedoch nicht erhalten geblieben.
mini|Étendre le linge dehors pour qu’il sèche von Berthe Morisot, 1875, National Gallery of Art, Washington, D. C. Zu den für Berthe Morisots einflussreichsten Bekanntschaften in den 1860er Jahren zählte Adèle Colonna, eine Schweizerin, die in den römischen Hochadel eingeheiratet hatte, deren Mann aber bereits sechs Monate nach der Hochzeit verstarb. Die verwitwete, wohlhabende Adèle Colonna ließ sich in Paris nieder und durchbrach die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit, indem sie professionell als Bildhauerin zu arbeiten begann. 1863 war Marcello, wie sich Adèle Colonna nannte, unter anderem mit drei Skulpturen im Pariser Salon erfolgreich vertreten. Die Bekanntschaft mit Adèle Colonna, die 1864 begann, bezeichnete Berthe Morisot später als eine der wichtigsten in ihrem Leben.Higonnet, S. 33 Anne Higonnet hebt in ihrer Biografie über Berthe Morisot 1995 vor allem hervor, dass die Rolle, welche Adèle Colonna in Beruf und Gesellschaft lebte, auf Morisot ausstrahlte. Anders als George Sand und Rosa Bonheur (diese beiden Frauen hatten in der Generation zuvor als Autorinnen und Künstlerinnen Anerkennung gefunden), die sich „symbolisch wie Männer“ verhielten,Higonnet, S. 34 lehnte Adèle Colonna ein solches Verhalten ab. Obwohl Adèle Colonna mit der Bildhauerei ein Schaffensfeld gewählt hatte, das – noch stärker als die Schriftstellerei und die Malerei – als ein den Männern vorbehaltenes Betätigungsgebiet galt, legte sie großen Wert darauf, als Frau wahrgenommen und behandelt zu werden. Allein ihr Werk sollte mit dem von Männern verglichen werden.Higonnet, S. 33 und S. 34.
1868 stellte Henri Fantin-Latour den beiden Schwestern Morisot Édouard Manet vor.Rouart, S. 30 Édouard Manet, dessen Gemälde bereits soviel Aufsehen erregt hatten, war den Schwestern bereits durch sein Schaffen bekannt. Er und seine zwei Brüder Eugène und Gustave gehörten zu ähnlichen gesellschaftlichen Kreisen der französischen Großbourgeoisie wie die Familie Morisot. Die älteren Generationen der Familie Manet hatten ebenfalls in hohen administrativen Funktionen dem französischen Staat gedient. Alle drei Brüder bezogen aus dem ererbten Vermögen der Familie ein Einkommen, das ihren Lebensunterhalt sicherte. Wie Marie Cornélie Thomas gab auch Eugénie-Désirée Fournier, die Mutter der Manet-Brüder, Abendgesellschaften, bei der die Familie Morisot nun regelmäßig zu Gast war.Rouart, S. 31. Berthe Morisot lernte auf einer dieser Soireen unter anderem den für ihre weitere künstlerische Entwicklung wichtigen Edgar Degas kennen.
Erste Ausstellungen