mini|Wichtiger Auftrittsort französischer Chansonniers: das Pariser Olympia mini|François Rabelais mini|Aristide Bruant auf einem Poster von Henri de Toulouse-Lautrec, 1892 mini|Mistinguett (links). Rechts: der schwedische Revuestar Ernst Rolf, 1931, Stockholm mini|Édith Piaf mit den Compagnons de la Chanson im Jahr 1946 mini|Jacques Brel (links) mit Bobbejaan Schoepen, 1955 mini|Auftrittsort: das Pariser Moulin Rouge in den 1960ern mini|Juliette Gréco, 1966 mini|Georges Brassens, 1966 mini|Maurice Chevalier, 1968 mini|Gilbert Bécaud in der Musikhalle, Hamburg 1971 mini|Jacques Dutronc, 1971 mini|Michael Heltau, 1971 mini|Charles Trenet, 1977 mini|Serge Gainsbourg, 1981 mini|Jane Birkin, 1985 mini|Françoise Hardy, Juli 1992 mini|Les Rita Mitsouko mini|Hildegard Knef, 1995 mini|Thomas Fersen bei einem Konzert, 2008 mini|Patricia Kaas, 2009 mini|Kitty Hoff, Mai 2009 mini|Paolo Conte, 2009 mini|Charles Aznavour, 2010 mini|Michel Sardou, 2014 Chanson ([]angepasst von: angepasst von: , ; deutsch Lied) bezeichnet ein ursprünglich im französischen Kulturkreis verwurzeltes liedhaftes musikalisches Genre, das durch einen vortragenden Sänger und instrumentale Begleitung gekennzeichnet ist. Bereits im Mittelalter gab es eine populäre Gattung mit der Bezeichnung „chanson“.Lexikon der Alten Musik auf BR-Klassik: Chanson in: br-klassik.de, 9. Dezember 2012, abgerufen am 22. Juni 2021 (Audiobeitrag inklusive Musikbeispielen). Ab dem 19. Jahrhundert als klar konturierte „typisch“ französische Variante der internationalen Popkultur präsent, entwickelte sich das Chanson in den vergangenen Jahrzehnten musikalisch immer stärker in Richtung Pop, Rock und anderer zeitgenössischer international verbreiteter Stile;, Dorin Popa, Sono Plus, Dezember 2010/Januar 2011 (PDF; 2,0 MB). gleichwohl ist der textlichen Gestaltung nach wie vor meist eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, die französische Sprache im französischen Sprachraum als Ausdrucksmittel des Chansons unverzichtbar.
Begriff Die Ursprünge des Chansons reichen bis weit ins Mittelalter zurück. Schon früh entwickelten sich zwei unterschiedliche Ausprägungen: eine literarische, höfische, von der Kunst der Troubadore abgeleitete und eine volkstümliche.Siegfried P. Rupprecht: Chanson-Lexikon. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999. ISBN 978-3-89602-201-1. Seite 7–15. Aufgrund seiner langen Geschichte, seiner über den französischsprachigen Raum herausgehenden Verbreitung und aufgrund der unterschiedlichen Stile, mit denen es sich im Lauf der Zeit vermengt hat, ist eine eindeutige Abgrenzung zu anderen Musikgenres schwer. Nicht eindeutig festgelegt ist insbesondere die Abgrenzung: zum deutschsprachigen Lied beziehungsweise zur deutschen Liedermacherszene zum deutschen Schlager zum Kabarett- oder Varieté-Lied als Bestandteil eines Programms oder einer Show zur angelsächsischen Folkmusik beziehungsweise dem im angelsächsischen Raum gängigen Singer-Songwritertum und zur angelsächsischen Popmusik.
Weitestgehend herrscht Einigkeit darüber, dass das moderne Chanson vor allem eine französische Errungenschaft ist. Obwohl es auch in Deutschland eine vielfältige Chanson-Tradition gibt, stand es dort stets im Schatten des Schlagers, der Operette und anderer populärer musikalischer Formen. Bemerkenswerte Chanson-Traditionen gibt es zum Teil in den Benelux-Ländern, der Schweiz und den französischsprachigen Teilen Kanadas, 13000 Stücke, aus Nordamerika in Innsbruck, Centre d’étude de la chanson québécoise, bedeutsame Parallelen darüber hinaus auch zur italienischsprachigen Canzone.
Besonderes Merkmal des Chansons ist seine Konzentration auf die Textaussage, die Anforderung, in „drei Minuten“ eine Aussage auf den Punkt zu bringen. Prägend für das moderne Chanson ist die Arbeitsteilung in auteur (Textschreiber), compositeur (Musikkomponist), interprète (Vortragender) – eine Dreigliederung, die dem im Angelsächsischen verbreiteten Singer-Songwriter entspricht. Oft bedienen sich Chanson-Schreiber einer poetischen Bildsprache und verwenden abschnittsweise Sprechgesang oder komplett gesprochene Texte im Wechsel mit gesanglichen Passagen. Die Texte selbst decken eine Vielzahl von Themen und Stimmungen ab: Vom politisch geprägten Chanson über komische Situationen bis zu den häufigen Liebesliedern berichten Chansons von allen Situationen des Lebens, oft mit den Mitteln der Ironie und der Satire. Ein Zeitzeuge aus der Ära vor dem Ersten Weltkrieg skizzierte die Themenbreite so: „Man sang Chansons aller Art: skandalöse, ironische, zarte, naturalistische, realistische, idealistische, zynische, lyrische, nebulöse, chauvinistische, republikanische, reaktionäre – nur eine Sorte nicht: langweilige Chansons.“
Während nach dem Ersten Weltkrieg Swing und Jazz musikalisch auf die Kompositionen Einfluss nahmen, passte sich das Genre ab den 1960er Jahren zunehmend an international populäre Musikstile wie Rock ’n’ Roll, Funk und New Wave an. Hinzu kamen Einflüsse aus der Weltmusik und des Hip-Hop, seit der Jahrtausendwende auch der elektronischen Musik. Damit zeichnen sich Chansons nicht durch einen einheitlichen Musikstil aus. Formal kann ein Chanson ein Blues, ein Tango, ein Marsch oder eine Rockballade sein, Swing und Flamenco verarbeiten oder sich an der als typisch pariserisch geltenden walzerartigen Musette orientieren, die sich bis in die 1950er Jahre großer Beliebtheit erfreute. Da die Abgrenzung zu benachbarten Stilen schwer ist, behelfen sich nicht französischsprachige Rezensenten öfter mit dem Hinweis, ob es sich bei einem Lied um ein Chanson handele, werde man schon heraushören. Praktisches Hauptkriterium ist meist die Frage, ob ein Lied oder Künstler im weiteren Sinn in die Traditionslinie des Chanson einzuordnen ist. Im Französischen hingegen ist die Bedeutung des Wortes wesentlich weiter gefasst; eine Abgrenzung etwas zwischen Liedermacher-Lied und Schlager besteht terminologisch nicht. Präzisierung wird gelegentlich durch das Hinzufügen eines Attributs wie „à texte“, „engagée“ oder „de charme“ erreicht. Je nach Kontext, in dem man über „das Chanson“ oder eine bestimmte Chanson-Epoche spricht, können unterschiedliche historische Bezüge oder Musikstile gemeint sein: historische Formen des Chansons. Die älteren, bis auf das Mittelalter zurückgehenden Formen spielen vor allem für die Liedhistorie eine große Rolle. Interessant sind sie darüber hinaus als Objekt kulturhistorischer und literaturwissenschaftlicher Betrachtung das in Richtung Kabarett gehende, literarisch anspruchsvolle Chanson – eine Chanson-Form, die sich vor allem im deutschsprachigen Raum etabliert hat das von volkstümlichen Musikformen wie der Musette beeinflusste Volkslied das klassische französische Chanson, wie es bis in die 1960er Jahre vorzufinden ist. Merkmal: oft (aber nicht nur) klassische kleine Besetzung beziehungsweise Akustik-Band mit Gitarre, Piano und Kontrabass das Pop-Chanson bzw. French Pop: französische Variante der angloamerikanischen Popmusik Chanson als Genre-Oberbegriff für alle möglichen Musikstile, sofern sie erkennbar Song-Strukturen beinhalten. Dieser Chanson-Begriff ist vor allem im modernen Nouvelle Chanson vorherrschend.
Im Verlauf seiner Entwicklung hat das Chanson unterschiedliche Ausprägungen und Formen durchlaufen. Die Anfänge reichen zurück ins Mittelalter. Das moderne Chanson als französische Variante der Pop-Kultur bildete sich im 20. Jahrhundert heraus. Aktuelle Formen und Trends firmieren häufig unter Begriffen wie Nouvelle Chanson oder Nouvelle scène française. Weitere Neben-, Unter- und Spezialformen sind bekannt unter den Bezeichnungen Chanson à danser (einfaches volkstümliches Tanzlied), Chanson d’amour (Liebeslied), Chanson à boire (Trinklied), Chanson de marche (Marschlied), Chanson de travail (Arbeitslied), Chanson engagée (engagiertes, häufig sozialkritisches Lied), Chanson noir (Chanson mit pessimistischem Inhalt), Chanson populaire (in allen Gesellschaftsschichten bekanntes und beliebtes Chanson), Chanson religieuse (religiöses Lied) und Chant révolutionaire (revolutionäres Kampflied). Als stilbildende, prägende Richtungen für das Chanson des 20. Jahrhunderts erwiesen sich vor allem das in der Tradition des Naturalismus stehende Chanson réaliste am Anfang des 20. Jahrhunderts und das Chanson picturesque, das malerische Chanson, das vor allem in der Nachkriegszeit stark populär war.
Geschichte Vorgeschichte: Mittelalter bis 19. Jahrhundert
Erste nachweisbare Vorformen des Chansons gab es bereits im frühen Mittelalter. Überliefert sind zum einen Kriegslieder aus der Zeit des Fränkischen Reichs, zum anderen Volkslieder und Chorgesänge, die teilweise bis in die vorchristliche Zeit zurückreichen. Erhalten geblieben sind davon nur wenige. Als bedeutend gilt das zur Gattung Chanson de geste gehörige Rolandslied, der Gesang von Krieg und Untergang im Kampf gegen die Heiden. Literaturwissenschaftler und Historiker datieren den Beginn einer Chansonkultur im engeren Sinn daher auf das Hochmittelalter. Erste französische Unterhaltungslieder finden sich im 12. Jahrhundert. Eine wichtige Gattung war die Form des höfischen Kunstlieds, welches ungefähr zeitgleich mit den Kreuzzügen entstand. Ein wichtiger Exponent waren Troubadore, die meist aus dem Rittertum kamen und eine spezielle, unter dem Begriff Minnesang bekannte Form des Liebeslieds pflegten. In Nordfrankreich nannte man diese Sänger Trouvères.
Die zweite historische Vorform ist das volkstümliche Lied. Seine Ursprünge reichen ebenfalls ins Mittelalter zurück. Seine Träger waren fahrende Sänger (unter ihnen auch Priester), die auf Marktplätzen Straßenlieder vortrugen. Aufgrund ihres zum Teil obrigkeitskritischen Inhalts war ihre Verbreitung oft durch Verordnungen und Gesetze eingeschränkt. Eine spätere Vorform sind die mehrstimmigen Liedsätze aus der Zeit der Renaissance. Zwei Dichter aus dem 15. Jahrhundert galten bis ins 20. Jahrhundert hinein als wichtige Inspirationsquellen: François Rabelais und François Villon. Das Chanson als textbetontes Lied mit einfacher Melodie und akkordischer Begleitung entstand ungefähr gleichzeitig mit dem Vaudeville im 16. Jahrhundert. Die Praxis des Chanson- und Vaudeville-Singens trug zur Gemeinschaftsbildung im absolutistischen Frankreich bei. Chansons waren im 18. Jahrhundert selbstverständlicher Bestandteil der französischen Opéra-comique.