Die Präfix- und Partikelverben (bzw. untrennbare und trennbare Verben) bilden im Deutschen einen großen und wichtigen Bereich des Verbwortschatzes. Präfixe und Partikeln liefern Verfahren zur Bildung neuer Verben und haben dabei inhaltlich vergleichbare Funktion, sie sind aber grammatisch verschieden. Der wichtigste Unterschied ist, dass Partikeln im Satz als alleinstehende Wörter vorkommen können, z. B. „ankommen“ – „Sie kommt an.“ Man spricht hier auch von einem „trennbaren Verb“. Ein Präfixverb verhält sich nicht so: „bekommen“ – „Sie bekommt Post.“
Dieser Artikel erläutert die Abgrenzung zwischen diesen beiden Typen im Deutschen und Zweifelsfälle und Sonderfälle dabei. Die Grundlagen der hier verwendeten Unterscheidung werden in den Artikeln Präfix sowie Partikelverb eingehender dargestellt.
Terminologie Der Gebrauch der Bezeichnung „Verbpräfix“ ist in der traditionellen Grammatik uneinheitlich und ist geeignet, Verwirrung zu verursachen. Eine genaue Unterscheidung der Phänomene ist aber „problemlos möglich“.Eisenberg (2020), S. 266. Dementsprechend wird in der deutschen Grammatik in neuerer Literatur meist strikt unterschieden: Präfix ist im strengen Sinn die Bezeichnung für einen festen Wortbestandteil und Partikel bezeichnet ein Element, das im Satz abtrennbar ist. Damit geht der Unterschied einher, dass Partikeln Betonung tragen, Präfixe normalerweise nicht.
Traditionell und von wenigen neueren AutorenEines der relativ wenigen Beispiele ist Elsen (2014), siehe vor allem S. 218ff. wird jedoch „Präfix“ auch in einer allgemeineren Bedeutung verwendet, in der (einige) abtrennbare Verbbestandteile mit einbezogen werden. Dies wird dann unterteilt in „nicht-abtrennbare“ (eigentliche) Präfixe und „abtrennbare Präfixe“ (= Partikeln). Der vorliegende Artikel benutzt den Begriff „trennbares Präfix“ nicht (so dass Verb-Präfixe stets als Elemente verstanden werden können, die sich genauso verhalten wie Präfixe bei anderen Wortarten). Es gibt allerdings keine allgemein verbreitete Konvention, wie ein Oberbegriff, der Präfixe und Partikeln zusammenfasst, ansonsten lauten sollte; teilweise wird Präverb hierfür verwendet.So Andrew MacIntyre: Denominal Verbs. In: Peter O. Müller et al. (Hrsg.): Word Formation. An International Handbook of the Languages of Europe. Volume 2. De Gruyter Mouton, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-024626-1, S. 1406–1424. Siehe S. 1420. Hingegen wird die ähnliche deutsche Bezeichnung „Verbzusatz“Als ein solcher Oberbegriff verwendet in Barbara Stiebels: Lexikalische Argumente und Adjunkte. Zum semantischen Beitrag von verbalen Präfixen und Partikeln. Akademie Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-05-002910-2, siehe S. 10. anscheinend mehrheitlich als Synonym nur für „Partikel“ verstanden.Siehe Dudengrammatik (2009), Randnr. 1061 / S. 696f. Selbst „Präfix im weiten Sinn“ ist nur ein Oberbegriff für präpositionale Präfixe und Partikeln, nicht für alle Arten von Partikelverb-Bildungen.Vgl. die Liste in Elsen (2014), S. 221. Die traditionelle Bezeichnung „Vorsilbe“ wird in der Sprachwissenschaft überwiegend vermieden, da Silben eigentlich Einheiten der Lautstruktur (Phonologie) sind, nicht der Wortstruktur (Morphologie). Außerdem können Partikeln und Präfixe aus mehreren Silben bestehen.Joachim Mugdan: Units of Word-Formation. In: Peter O. Müller, Ingeborg Ohnheiser, Susan Olsen, Franz Rainer (Hrsg.): Word-Formation. An International Handbook of the Languages of Europe. Volume 1. Walter de Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-024624-7, Artikel 15, S. 235–301, hier S. 263.Grammis: Wissenschaftliche Terminologie / Präfix. Online, IDS Mannheim. Abgerufen am 12. Mai 2023.
Rolle für den Wortschatz In diesem Artikel wird hauptsächlich die Unterscheidung zwischen den beiden grammatischen Typen der Präfix- und der Partikelverben dargestellt. Vor diesem Hintergrund ist aber beachtenswert, dass beide auch gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen.
Beiden Bildungstypen ist die Funktion gemeinsam, dass sie wichtige Mittel zur Bildung neuer Verben sind, da die Anzahl verfügbarer einfacher Verben im Deutschen relativ niedrig ist. Präfixe und Partikeln stammen oft von Orts- oder Richtungspräpositionen ab, die Verbindungen mit Verben sind aber häufig lexikalisiert, d. h. die Gebilde können eine eigene Gesamtbedeutung haben, die sich von den Einzelbedeutungen der Teile entfernt hat. Es können sich hierbei auch unterschiedliche Satzbaupläne ergeben: transitiv, intransitiv oder reflexiv.
Die folgenden Beispiele illustrieren die Bedeutung, die die Bildungen bei der Wortschatzerweiterung haben, mit dem Verb „legen“ (räumliche Grundbedeutung: „etwas horizontal positionieren“). Sie illustrieren zugleich den wesentlichen Unterschied zwischen Präfixen und Partikeln hinsichtlich der Trennbarkeit im Satz: Präfix (unbetont) Verb Bedeutung Satzbeispiel be-legen (räuml. Lage) Ich belege das Brot. be-legen (reservieren) Wir belegen den Saal für Mittwoch. be-legen (nachweisen) Das belegt seine Behauptung. ver- legen (verlieren) Er verlegte die Quittung. ver-legen (Ort/Zeit ändern) Sie verlegten das Konzert. er-legen (Wild schießen) Er erlegte einen Hasen über- legen (nachdenken) Er überlegt noch. Partikel (betont) Verb Bedeutung Satzbeispiel ab- legen (räuml. Lage) Er legte die Mütze ab. ab- legen (absolvieren) Er legte seine Prüfung ab. ab- legen (abfahren) Das Schiff legt jetzt ab. aus- legen (räuml. Lage) Er legte den Boden mit Zeitung aus. aus- legen (interpretieren) Er legt die Bibel aus. vor- legen (bekanntmachen) Er legte einen Entwurf vor. über- legen (räuml. Lage) Er legte sich eine Decke über.
Bei beiden Typen ist es möglich, dass außer Präfix bzw. Partikel nur eine nominale Wurzel enthalten ist, aber insgesamt ein Verb entsteht, z. B. Dach – überdachen (Präfix), Tüte – eintüten (Partikel). Diese denominalen Verben verhalten sich dann genauso wie ihre aus Verben gebildeten Gegenstücke.
Beiden Typen ist ebenfalls gemeinsam, dass sie als Grundlage für weitere Wortbildung dienen können, etwa der Ableitung eines Substantivs oder eines Adjektivs. Die Unterschiede in der Trennbarkeit verschwinden dann: Solche Weiterbildungen sind nie trennbar. Die Betonungsunterschiede bleiben jedoch erhalten. Beispiele: Präfixverb: belegen – Belegung, überdachen – Überdachung. Adjektivierung: belegen – belegbar. Partikelverb: auslegen (legt … aus) – Auslegung. Adjektivierung: auslegbar.
Unterscheidung nach syntaktischer Trennbarkeit und Betonung Das Phänomen der syntaktischen Trennung wird relevant, wenn im deutschen Hauptsatz das finite Verb vorangestellt werden muss (Verb-Zweit-Stellung, Verb-Erst-Stellung). In diesen Konstruktionen erweisen sich Partikelverben als syntaktisch zweiteilig: Das finite Verb trennt sich bei der Voranstellung von der Partikel (siehe Partikelverb #Trennung im Satz).
Reine Präfixe Eine Reihe von Worterweiterungen erweisen sich als reguläre Präfixe, da sie nur eine Rolle im Wortaufbau haben, aber ausnahmslos mit dem Verbstamm zusammenbleiben, also keine eigenständige Rolle im Satz annehmen können: be-, ent-, er-, ge-, ver-, zer-Dudengrammatik (2009), Randnr. 1049, S. 690, unter Auslassung des dort verzeichneten miss-; siehe später zu „missverstehen“. Mit all diesen findet man also niemals Konstruktionen der Form: * Er leert den Eimer ent (vgl. aber: „Er leert den Eimer aus“). Diese Präfixe sind außerdem alle unbetont.
Hinzu kommt das Präfix miss-; es ist ebenfalls unbetont und nicht abtrennbar in den Beispielen: missgönnen – „Er missgönnt mir den Erfolg.“ missachten – „Er missachtete die Vorfahrt.“ Allerdings bildet das Verb missverstehen eine Ausnahme, hier wird marginal in der gesprochenen Sprache auch die Trennung beobachtet:Altmann (2011), S. 198 (dortiges Beispiel hier etwas abgewandelt). „Versteh mich nicht miss!“ Dies geht einher mit der Ausnahme, dass „miss-“ in diesem Wort betont werden kann: „missverstehen“ oder „missverstehen“.Motsch (2004), S. 118. Dort missverstehen und missbehagen als Ausnahme mit Erstbetonung genannt. Mehr hierzu weiter unten im Abschnitt #Kombinationen von Präfixen/Partikeln.
Reine Partikeln Als Partikelverb wird im Deutschen jede Bildung bezeichnet, die einen trennbaren Zusatz im Verb enthält. Solche Verbzusätze können beliebigen Wortarten zugeordnet werden, daher ist eine erschöpfende Auflistung schwer möglich.
Besonders typische Beispiele sind Verbpartikeln, die Präpositionen äußerlich oder bedeutungsmäßig ähneln, so dass sie als „präpositionale Partikeln“ bezeichnet werden.Fleischer & Barz (2012), Kapitel 5.3.1, S. 396ff. Die folgenden Beispiele ergeben eindeutige Partikeln (siehe zusätzlich im nächsten Abschnitt weitere präpositionale Partikeln, die mehrdeutig sind): ab, an, auf, aus, bei, ein, gegen, nach, vor, zu, zwischen Beispiele: „Er legt ... die Mütze ab / die Ohren an / Köder aus / einen Werbeflyer bei / einen Holzscheit nach ...“
Daneben lassen sich „adverbielle Partikeln“ identifizieren („hin, weg, vorbei, zusammen, mit“ u. v. a.), „adjektivische Partikeln“ („gerade, fertig, fest...“) und noch weitere Typen.Ausführlich: Fleischer & Barz (2012), Kapitel 5.3.
Wechsel zwischen Präfix- und Partikelgebrauch Regelmäßig entsteht Mehrdeutigkeit (grammatisch und inhaltlich) mit folgenden Elementen, die sowohl unbetont als Präfix als auch betont als abtrennbare Partikel dienen können.Dudengrammatik (2009), Randnr. 1063, S. 697f., für die Beispiele durch, hinter, über, um, unter, wider. Ferner voll und wieder als Präfixe erwähnt in Eisenberg (2020), S. 266, sowie auch in Elsen (2014), S. 221. Die folgende Liste zeigt soweit möglich Minimalkontraste, allerdings existieren nicht bei jedem Verb beide Varianten: durch „Er durchläuft die gesamte Ausbildung.“ „Ich warte, bis der Kaffee durchläuft.“ — „Läuft der noch nicht durch?“ hinter „Man hintergeht mich also!“ „Kannst du mal hintergehen und nachschauen?“ – „Ich geh mal hinter und schau nach.“ Analog: über „Die Schüler übersetzen Cäsar.“ „Cäsar setzte die Truppen über.“ um „Die Polizei umstellte das Klohäuschen.“ „Die Arbeiter stellten das Klohäuschen um.“ (woanders hin) unter „Ich unterstelle Absicht.“ „Bei Regen stellen wir uns dort unter.“ wider (selten) „Luther widerrief nicht.“ „Der Saal hallte wider von Zwischenrufen.“ wieder (selten als Präfix) „Er wiederholt den Satz.“ „Er holt sich das Geld wieder.“ voll (großer Bedeutungsunterschied) „Er vollstreckte den Befehl.“ „Er stopfte den Koffer voll.“ (Partikelverb mit resultativem Adjektiv)
Vor allem die präpositions-artigen Elemente „durch, hinter, über, um, unter“ werden in der Literatur oft gesondert behandelt. In ihrem grammatischen Verhalten zerfallen sie eindeutig in Präfix- und Partikel-Verwendungen, mit allen regulären Eigenschaften, die damit jeweils verbunden sind. Da sie in beiden Verwendungen gleich aussehen, wird jedoch auch oft unterstellt, dass es sich (lexikalisch) um einheitliche Elemente handelt; dann wird die Präfix-Verwendung als Partikelpräfix bezeichnet. Hiermit ist gemeint, dass ein Element mit der Funktion Präfix das Aussehen (und ggf. die lexikalische Identität) einer Partikel hat.Dies geht hervor aus den Darstellungen: Jörg Meibauer et al.: Einführung in die germanistische Linguistik. 2. Auflage. J.B. Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-476-02141-0, S. 59f. – Altmann (2011), S. 143ff. Eine andere Variante ist, alle Elemente, die wie Partikeln bzw. auch Präpositionen aussehen, immer als Partikeln zu bezeichnen („doppelförmige Partikeln“) und die Verwendungen als „trennbare“ bzw. „nicht trennbare Partikeln“ zu unterscheiden (so im Handbuch von Motsch (2004)Motsch (2004), S. 43.). Alle diese Ansätze heben also auf den Unterschied ab, dass die oben genannten „reinen Präfixe“ wie be- niemals trennbare Varianten aufweisen.
Insgesamt bedeutet eine Kategorie „Partikelpräfix“ also keine Zwischenstufe hinsichtlich der grammatischen Eigenschaften, sondern einen Wechsel zwischen zwei verschiedenen Kategorien.
Unterscheidung in der Wortstruktur