Die Beta Israel (Betä Ǝsraᵓel, ge‘ez ቤተ፡ እስራኤል)Kaplan: Betä Ǝsraᵓel, EAE, A–C, 2003, S. 552. oder Falascha (Fälaša, ፈላሻ,Kaplan: Betä Ǝsraᵓel, EAE, A–C, 2003, S. 552. „Heimatlose, Außenseiter“, „Landlose“, „Exilierte“, im modernen Sprachgebrauch pejorativ konnotiert) sind eine ethnisch-religiöse Gruppe, deren Mitglieder ursprünglich in Äthiopien beheimatet waren. Von ihrem Siedlungsgebiet um den Tanasee und nördlich davon emigrierten die meisten Mitglieder der als Juden anerkannten Gruppe ab Ende der 1970er Jahre nach Israel.Steven Kaplan, Chaim Rosen: Ethiopian Jews in Israel. In: The American Jewish Year Book, Band 94, 1994, S. 59–109, hier S. 66. Dort bezeichnen und sehen sich ihre Angehörigen heute meist schlicht als Äthiopier oder als äthiopische Juden (hebräisch יְהוּדֵי אֶתְיוֹפְּיָה).Abbink: Enigma, 1990, S. 397. Ihre ursprüngliche Religion galt als äthiopischer Zweig der jüdischen Religion, wies aber ursprünglich keine Verbindung zum Judentum auf.Kaplan: Invention, 1993, S. 649.

Über ihren Ursprung ist viel debattiert worden. Obwohl die Gruppierung erst ab dem 14. Jahrhundert in Äthiopien historisch greifbar ist, wurde teilweise ein weitaus höheres Alter angenommen. Ihre eigene Überlieferung kennt mehrere Erklärungen für ihre Anwesenheit in Äthiopien, etwa eine Abkunft vom Stamm Dan, oder der Gefolgschaft des Königssohnes Menelik, Nachkomme von Salomon und der Königin von Saba, welcher bei seiner Rückreise nach Äthiopien die Bundeslade aus dem Jerusalemer Tempel geraubt und nach Äthiopien verbracht hätte. Am wahrscheinlichsten gilt heute, dass es sich bei ihnen um eine autochthone Gruppierung handelt.Kaplan: The Beta Israel, 1992, S. 3, 5. Klar ist, dass sie jahrhundertelang im Norden Äthiopiens (Gondar, Tigray) lebten, wo sie eigene unabhängige Staaten bildeten, die im 17. Jahrhundert allesamt von den Kaiserlichen zerstört wurden.

Seit ihren ersten beständigen Kontakten mit dem europäischen Judentum Anfang des 20. Jahrhunderts identifizieren sie ihre Religion – die sie Haymanot (ge‘ez ሃይማኖት) nannten – mit der der Fremden und nahmen bereitwillig die unbekannten Rituale, Gebräuche und Gebote der europäischen Juden in ihre kulturelle Praxis auf mit dem Ziel, ihren Glauben an das normative Judentum (rabbinische Judentum) anzupassen. 1975, nach dem entscheidenden Urteil des Rabbinats, erkannte die israelische Regierung die Falaschen als Juden an und erlaubte ihnen die Einreise nach Israel. Ihr Exodus fand ab 1977 unter schwierigen Bedingungen und dank einer Luftbrücke statt. Zu nennen sind hier vor allem die Operationen „Moses“ im Winter 1984/85 und „Salomon“ im Frühjahr 1991, bei welchen insgesamt mehr als 20.000 Falaschen nach Israel gelangten. In Israel wurden sie bereits unmittelbar nach ihrer Ankunft das Opfer von teils heftigem Rassismus und Diskriminierung.

Ende 2021 waren 164.400 Personen in Israel äthiopisch-jüdischer Abstammung, von denen wiederum 90.600 in Äthiopien geboren worden waren. Das heißt, dass weniger als zwei Prozent der Bevölkerung Israels äthiopischer Abstammung waren.Central Bureau of Statistics: The Population of Ethiopian Origin in Israel. Selected Data Published on the Occasion of the Sigd Festival 2022, Jerusalem 2022, S. 1, 5. In der Gesellschaft des jüdischen Staates halten sie auch noch Jahrzehnte nach ihrer Einwanderung nach Israel und der Konversion zum normativen Judentum eine gesellschaftliche Außenseiterrolle inne, leben häufig in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen und stoßen mitunter auf heftige Ablehnung und Intoleranz.Harry Pross: Falascha. In: Neues Lexikon des Judentums, Gütersloh; München 1992., S. 145. In der jüngeren Vergangenheit haben sie vor allem durch die Unruhen und gewalttätige Ausschreitungen im Zuge des „Blutskandals“, und des „Empfängnisverhütungsskandals“, sowie durch die „BLM-Proteste“ auf sich aufmerksam gemacht.

Terminologie Im Laufe ihrer Geschichte wurden zahlreiche, auch regional unterschiedliche Begriffe verwendet, um die Falaschen und ihren Glauben zu bezeichnen. So wurden sie in der Region um Gondar mitunter als Kailas (es soll „überschreite nicht [den Takkaze]“ bedeuten), in Welkait und Tchelga als Foggaras, und von den Iimormas und Gallas als Fenjas bezeichnet.Rathjens: Die Juden in Abessinien, 1921, S. 62 und Perruchon & Gottheil: Falashas, Jewish Encyclopedia V, 1925, S. 327. Der Begriff Falasha/Falaschen („Außenseiter“, „Landlose“, „Exilierte“) etablierte sich erst Anfang des 16. Jahrhunderts als diskriminierende Fremdbezeichnung für die ethno-religiöse Gemeinschaft. Es ist also gewissermaßen ahistorisch, den Begriff auf Gruppen aus früheren Perioden anzuwenden, in deren Kontinuität die heutige Gemeinschaft stehen soll. Das gilt auch für andere Begriffe.

Darüber hinaus existiert der Begriff Beta Israel (ge’ez, wörtlich „Haus Israel“) der gemäß einer späten Überlieferung/Legende seinen Ursprung im 4. Jahrhundert hat und mit der Konversion der Bevölkerung Aksums zum Christentum in Verbindung stehen soll.James Bruce: Travels To Discover The Source Of The Nile, In the Years 1768, 1769, 1770, 1771, 1772, and 1773. In Five Volumes, Vol. I, Edinburgh 1790, S. 485. Im äthiopischen Kontext war die Verwendung des Begriffs nicht auf die im Volksmund als Falaschen bekannte Volksgruppe beschränkt. Vielmehr bezieht sich der Begriff Esra’élawiyan „Israeliten“ in den meisten Kontexten eher auf ein angeblich von König Salomon abstammendes Mitglied der kaiserlichen Dynastie denn auf einen „äthiopischen Juden“. Seit den 1980er Jahren ist es auch der Begriff, der in der wissenschaftlichen Literatur am häufigsten verwendet wird, um sich auf die Gemeinschaft zu beziehen, was vor allem daran liegt, dass ihm nie eine diskriminierende Bedeutung zu eigen war und er daher im Gegensatz zu den anderen Begriffen als „unbelastet“ betrachtet werden kann. Für die Zeit vor den 1980er Jahren findet man hingegen kaum wissenschaftliche Literatur, die den Begriff Falaschen nicht verwendet.

Der Begriff Ayhud/YehudiRathjens: Juden in Abessinien, 1921, S. 62., „Juden“ (besser: Häretiker), wurde in der Vergangenheit eher selten als Selbstbezeichnung verwendet, da er von den äthiopischen Christen als abwertende Bezeichnung für ketzerische Gruppen genutzt wurde, welche sich in Opposition zur Orthodoxie begeben hatten. Juden im allgemein akzeptierten Sinne des Begriffs bezeichnete er, wenn überhaupt selten. Es sei außerdem erwähnt, dass sich die Falaschen vor dem 20. Jahrhundert nicht allgemein als Juden sahen, beziehungsweise bezeichneten. Erst der Kontakt zu den europäischen Juden hat Anfang des 20. Jahrhunderts eine Identifikation ihres Glaubens mit dem (in Europa praktizierten) Judentum bewirkt.Dege-Müller: Between Heretics and Jews, 2018, S. 289 und Kaplan: Beta Israel, 1992, S. 9f.

Als Chawa/Choa wurden die freien Männer in der Gemeinde zu beziehen, die im Gegensatz zu den Barya, den Sklaven, standen.Salamon: Slavery among the Beta‐Israel, 1994, S. 73 Darüber hinaus findet sich auch die Eigenbezeichnung Oritawi-Falasha („Tora-treue Falaschen“), die zur Artikulation der Kontrarietät zwischen den Falaschen und den Falash Mura – den zum Christentum konvertierten Ayhud – genutzt wurde.Kaplan: Ethiopian Jews in Israel, 1994, S. 68. In der israelischen Presse wird nahezu ausschließlich der Begriff „äthiopische Juden“ zur Bezeichnung dieser ethno-religiösen Gruppe verwendet und zudem rückwirkend auf die Vergangenheit projiziert. Damit wird eine Verbindung zum Judentum suggeriert, die nach heutigem Kenntnisstand nicht bestand. Der Begriff ist daher als Fachterminus ungeeignet und wird in der Fachwelt nicht verwendet.Kaplan: Beta Israel, 1992, S. 5, 9f.

Lebensweise, Kultur und Religiöse Praxis Die Beta Israel haben im Laufe ihrer Geschichte gewaltige gesellschaftliche und kulturelle Umwälzungen erlebt. Kein Bereich ihres Lebens ist von diesen Umwälzungen unbeeinflusst geblieben. Aus diesem Grund mag es sinnvoll sein, den nachfolgenden Abschnitt in zwei getrennte Blöcke zu teilen. Es soll aber keineswegs unerwähnt bleiben, dass die Falaschen auch schon vor ihrer Auswanderung nach Äthiopien eine Transformation ihrer Kultur, Religion und Lebensweise erlebt haben. Die Umwälzungen selbst werden im nachfolgenden Abschnitt nur am Rande erwähnt. Eine eingängige Analyse erfolgt hingegen unter „Entstehung“ und „Geschichte“.

In Äthiopien vor der Konversion zum normativen Judentum

Siedlungsstruktur Ursprünglich lebten die Falaschen in etwa 500 kleinen Dörfern rund um Gondar in den Regionen Begemder und Simien nördlich und nordöstlich des Tanasees, in den Bergen der heutigen Provinzen Amhara und Tigray. Daneben sollen sich auch in Lasta einige geschlossene Siedlungen existiert haben.Salamon: Slavery among the Beta‐Israel, 1994, S. 73. Aus kultischen Gründen siedelten sie meist an den Fluss- oder Bachläufen.Kaplan: Betä Ǝsraᵓel, EAE, A–C, 2003, S. 556. Die Zahl der Falaschen in allen Dörfern Äthiopiens addiert soll um 1800, nach groben Schätzungen, zwischen 50.000 und 120.000 betragen haben. Für die Zeit um 1920 werden ähnliche Zahlen angenommen. Die jüngere Forschung geht hingegen von geringeren Zahlen aus.Kaplan: Betä Ǝsraᵓel, EAE, A–C, 2003, S. 552 und Abbink: Enigma, 1990, S. 401. Die Dörfer – üblicherweise auf einem Berg oder Hügel errichtet – waren meist sehr klein und wurden selten von mehr als 30 Familien bewohnt. Sie lagen in der Regel getrennt und abseits der Orte der Andersgläubigen. Wo sie gezwungen waren, mit Andersgläubigen zusammenzuleben, grenzten sie sich unter Zuhilfenahme von Hecken oder Zäunen von diesen ab. Als Behausungen dienten ihnen kleine, runde, fensterlose Hütten mit Strohdächern,Goldmann, M.: Falaschas. In: Encyclopaedia Judaica. 6, Drama – Gabinius, Berlin 1930, Sp. 907. die erst bezogen werden konnten, wenn darin das Blut eines Tieres vergossen worden war, und die zu betreten Ungläubigen strengstens untersagt war.Gilman: Falashas, New International Encyclopӕdia. Bd. VII, 1905, S. 435.

Meist teilten sich mehrere Orte ein gemeinsames Gotteshaus (Mesgid, von ge’ez sgd, „sich verbeugen“), Shelemay: Music, ritual, history, 1989, S. 71. wobei der Ort, in welchem sich der Kultort befand, oder aber jener, in dem der örtliche Priester (Kāhnāts) wohnhaft war, gewissermaßen als Zentrum galt. Die Priester hatten in den Gemeinden nicht nur die religiöse Autorität inne, sondern waren auch ihre weltlichen Herren. Die Gelehrten (Dabtarāts, der Begriff findet sich teilweise auch als Bezeichnung für Priester im Allgemeinen) standen unter den Kāhnāts. Sie waren, neben anderen Dingen, zusammen mit den Mönchen (Manakosāts oder Falāsyāns) für die rudimentäre schulische Ausbildung der Knaben zuständig, die im Wesentlichen aus dem Lesen der Heiligen Schrift und dem Rezitieren von Gebeten bestand. Daneben gab es noch Diakone (Diyāqonāts). Die klerikale Struktur der Beta Israel entsprach der der äthiopischen Christen.Goldmann, M.: Falaschas. In: Encyclopaedia Judaica. 6, Drama – Gabinius, Berlin 1930, Sp. 907 und Shelemay: Music, ritual, history, 1989, S. 79.

Sprache