mini |hochkant=1.7 |Die ersten beiden Takte von Mozarts Sonate KV 331, die als ursprüngliche Tempovorgabe die Worte „Andante grazioso“ tragen. Die nicht originale Tempobezeichnung ( = 120) bedeutet, dass der erste Satz der Sonate in einem Tempo von 120 Achtelnoten pro Minute zu spielen ist. Die beiden Takte enthalten formal 12 Achtelnoten, ihre Wiedergabe dauert also 6 Sekunden.

Das Tempo ( für „Zeit“, „Zeitmaß“; Plural: Tempi ['tmpi]; von ), auch Zeitmaß, gibt in der Musik an, wie schnell ein Stück zu spielen ist, bestimmt also die absolute Dauer der Notenwerte. Da die Notenwerte der heutigen Notenschrift nur relative rhythmische Wertverhältnisse darstellen, bedarf es zur Bestimmung ihrer Dauer zusätzlich einer Tempobezeichnung. Die hierfür seit dem 17. Jahrhundert verwendeten, vorwiegend italienischen Bezeichnungen lassen jedoch den Interpreten Spielraum. Deshalb kann – erstmals eingesetzt von Beethoven – zur Präzisierung der Tempobezeichnung eine Metronomangabe hinzugefügt werden.

Viele Tempobezeichnungen sind zugleich Ausdrucksbezeichnungen, geben also auch über den beabsichtigten Charakter eines Musikstücks Auskunft.

Der tatsächliche Tempoeindruck eines Musikstücks ist indes ein Phänomen, das über die reine Schlagzahl pro Zeitspanne hinausweist und von anderen musikalischen und außermusikalischen Parametern mitbestimmt wird, insbesondere von den vorkommenden Rhythmen, der Dichte des musikalischen Satzes, aber auch von den gegebenen Räumlichkeiten sowie der Tagesform von Musikern und Zuhörern.

Klassische Tempobezeichnungen Ursprünglich wurde das Tempo nach Gefühl bestimmt, einzelne musikalische Traditionen hatten dazu spezielle Tempoworte, mit denen mittels Sprechdauer das Tempo mitgeteilt werden konnte. So verfügten etwa Haydn und Mozart über ein feingradiges System von über 300 Tempo-Modulen.Helmut Breidenstein: Mozart’s Tempo-System: Metronom. mozarttempi.de Tempobezeichnungen in Form von in die Noten geschriebenen Eigenschaftswörtern kamen in der abendländischen Kunstmusik im 17. Jahrhundert auf. Da Italien zu jener Zeit lange das musikalische Innovationszentrum Europas war, etablierten sich italienischsprachige Tempo- und Ausdrucksbezeichnungen, die bis heute weltweit in der Musik üblich sind. Allerdings wurden in England und besonders in Frankreich eher Bezeichnungen in der jeweiligen Landessprache bevorzugt. Erst im 19. Jahrhundert – dem Zeitalter ausgeprägter Nationalstile – setzten dann auch einige deutsche Komponisten wie Schubert, Schumann, Brahms und Mahler neben den italienischen Bezeichnungen auch solche in deutscher Sprache ein. Aber auch schon Beethoven verwendete deutsche Spielanweisungen, so z. B. in seinen Klaviersonaten op. 90 und op. 101. Tempoanweisungen fungieren zudem auch als Werk- bzw. SatztitelVgl. etwa Frederick Noad: The Baroque Guitar (= The Frederick Noad Guitar Anthology. Band 2). Ariel Publications, New York 1974; Neudruck (mit CD): Amsco Publications, New York / Sydney, ISBN 978-0-8256-1811-6, S. 78–80 (zum Grave im Duetto für zwei Lauten von Wolff Jacob Lauffensteiner). mancher Kompositionen.

(ungefähr im Sinne zunehmender Geschwindigkeit angeordnet) italienische Bezeichnung Bedeutung Langsame Tempi Larghissimo sehr breit Grave schwer Largo breit, langsam Larghetto etwas breit (schneller als Largo) Lento langsamAdagio langsam, ruhig Adagietto ziemlich ruhig, ziemlich langsam Mittlere Tempi Andante ruhig gehendWieland Ziegenrücker: ABC Musik. Allgemeine Musiklehre. 6. Auflage. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-7651-0309-4, S. 82. Andantino ein wenig schnellerIm 18. und 19. Jahrhundert auch langsamer. Vgl. Davis Fallows: Andantino. In: New Grove Dictionary of Music and Musicians. als Andante Moderato mäßig (bewegt) Allegretto etwas langsamer als Allegro Schnelle Tempi Allegro schnell, urspr. munter, fröhlich Vivace, vivo lebhaft, lebendig Vivacissimo sehr lebhaft, sehr lebendig Presto sehr schnell, geschwind Prestissimo äußerst schnell

Ergänzende Zusätze

Durch zugefügte Adjektive oder anderes kann die Tempoangabe zur Vortragsbezeichnung erweitert werden, zum Beispiel (alphabetische Auflistung ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

assai = ziemlich, sehr amoroso = lieblich, liebevoll, mit Leidenschaft, mit Liebe, amourös cantabile = gesanglich comodo = gemächlich con brio = mit Schwung (oft auch als „mit Feuer“ übersetzt) con dolore = mit Schmerz con espressione = mit Ausdruck con fuoco = mit Feuer con moto = mit Bewegung con spirito / spiritoso = belebt, feurig espressivo = ausdrucksvoll furioso = rasend, wütend, wahnsinnig giocoso = freudig, verspielt giusto = angemessen grazioso = graziös, mit Grazie impensierito = nachdenklich lesto = flink, behände lugubre = traurig, klagend maestoso = majestätisch ma non tanto = aber nicht sehr ma non troppo = aber nicht zu sehr, aber nicht zu viel marcato = markant meno = weniger meno mosso = weniger bewegt moderato = gemäßigt molto = viel, sehr morendo = ersterbend mosso = bewegt non tanto = nicht sehr non troppo = nicht zu sehr pesante = schwer, wuchtig più = mehr poco = etwas, ein wenig poco a poco = nach und nach quasi = gleichsam risoluto = entschlossen, zupackend scherzando = heiter sostenuto = nachdrücklich, gehalten, getragen, zurückhaltend, gewichtig subito = plötzlich teneramente = zart, zärtlich tempo giusto = im angemessenen (üblichen) Zeitmaß tranquillo = ruhig un poco = ein wenig

Tempoänderungen Ausdruck Bedeutung Bezeichnungen der Beschleunigung accelerando (accel.) beschleunigend affrettando eilend incalzando antreibend più mosso bewegter poco più etwas mehr stringendo (string.) eilend, vorwärts drängend Bezeichnungen der Verlangsamung allargando breiter (und lauter) werdend calando langsamer und leiser werdend largando siehe allargando: langsamer, breiter werdend meno mosso weniger bewegt più lento langsamer poco meno etwas weniger rallentando (rall.) verbreiternd, verlangsamend ritardando (rit.) langsamer werdend ritenente zögernd ritenuto zurückhaltend slentando dämpfend strascinando schleppend, geschleift Bezeichnungen für freies Tempo a bene placito nach Wohlgefallen a capriccio der Laune folgend a piacere (auch: a piacimento) nach Gefallen; frei im Tempo a suo arbitrio / comodo / placito nach Gutdünken / Bequemlichkeit / Belieben ad libitum nach freier Wahl colla parte einer freien Stimme folgend rubato frei, nicht im strengen Zeitmaß senza misura ohne Metrum senza tempo ohne (festgelegtes) Tempo suivez folget! (nämlich einer frei vortragenden Solostimme) Bezeichnungen für Rückkehr zum zuvor gegebenen Tempo a battuta im Takt a tempo im ursprünglichen Zeitmaß al rigore di tempo strikt im Tempo misurato Wiedereintritt strenger Taktordnung tempo primo/tempo I das Anfangstempo wieder aufnehmen weitere Tempobezeichnungen alla breve zur Hälfte (statt zwei Zählzeiten nur noch eine) doppio movimento doppelt so schnell doppio più lento halb so schnell

Tempoangaben mit Zahlen Eine Beziehung zwischen Puls bzw. PulsfrequenzWerner Friedrich Kümmel: Der Puls und das Problem der Zeitmessung in der Geschichte der Medizin. Medizinhistorisches Journal, Band 9, 1974, S. 1–22, hier S. 3 f. und der Musik (genauer den Tempograden der damaligen Mensuralmusik) fand bereits um 1450 der Medizinprofessor Michele Savonarola.Michaelis Savonarola: De febribus, de pulsibus, de urinis […]. Venedig 1498, Blat 80.Werner Friedrich Kümmel: Zum Tempo in der italienischen Mensuralmusik des 15. Jahrhunderts. In: Acta Musicologica. Band 42, 1970, S. 150–164.

Zur genaueren Fixierung der Tempi erfand Johann Nepomuk Mälzel um 1815 das Metronom, mit dem der Grundschlag hör- und sichtbar gemacht werden konnte. Die Metronomzahl (abgekürzt mit M. M. = Mälzels Metronom) gibt an, wie viele Schläge pro Minute der Grundpuls hat.

Zuvor publizierten auch schon Frédéric ThiéméFrédéric Thiémé: Novelle théorie sur les différens mouvements des airs fondée sur la pratique de la musique moderne, avec le projet d’un nouveau chronomètre. Paris 1801; Nachdruck Minkoff, Genève 1972. und C. MasonC. Mason: Rules on the times, metres, phrases accent of composition. London, um 1806. über genaue, auf die italienischen Bezeichnungen bezogene, Tempoangaben unter Benutzung eines Pendels, während Johann Joachim Quantz 1752 an einem Pulsschlag von 80 Schlägen pro Minute orientierte metrische Angaben gemacht hatte.Friedrich Gersmann: Klassisches Tempo für klassische Musik. Teil 2. In: Gitarre & Laute. 7, 1985, Heft 5, S. 61–66; hier: S. 64–66.Friedrich Gersmann: Klassisches Tempo für klassische Musik. Teil 3. In: Gitarre & Laute. 8, 1986, Heft 3, S. 14–18; hier: S. 15.

In der Regel sind auf der Skala von Metronomen Tempobezeichnungen angegeben, die einem bestimmten Bereich zugeordnet sind. Die Zuordnung ist nur ungefähr platziert und nicht durch bestimmte Werte eindeutig begrenzt. Die Wertebereiche schwanken zum Teil erheblich, abhängig vom Zeitalter, dem Kulturkreis und dem Fabrikat. Selbst die Tempostaffelung weicht voneinander ab, wie die Position des „Larghetto“ zeigt. Alle Bereiche sind daher eher als Hinweise denn als verbindliche starre Regel anzusehen.

Die Tabelle übernimmt die auf den Skalen der beispielhaft abgebildeten Metronome angegebenen Tempobezeichnungen und (unverbindlichen) Werte.

21. Jahrhundert, japanisch 20. Jahrhundert, deutsch 19. Jahrhundert, französisch mini|hochkant=0.5 mini|hochkant=0.5 mini|hochkant=0.5 Bezeichnung Wert Bezeichnung Wert Bezeichnung Wert Grave 40–44 Largo 44–48 Largo 40–60 Largo 42–70 Lento 48–54 Adagio 54–58 Larghetto 58–63 Larghetto 60–66 Adagietto 63–69 Adagio 66–76 Andante 69–76 Larghetto 70–98 Andantino 76–84 Andante 76–108 Maestoso 84–92 Moderato 92–104 Adagio 98–124 Allegretto 104–116 Moderato 108–120 Animato 116–126 Allegro 126–138 Allegro 120–168 Andante 124–152 Assai 138–152 Vivace 152–176 Presto 168–200 Allegro 152–180 Presto 176–200 Presto 180–208 Prestissimo ≥ 208 Prestissimo 200–208

In der Unterhaltungsmusik aber auch im Bereich der elektronischen Musik wird die Abkürzung BPM (= Beats per minute) verwendet.

Die Angabe des Tempos in genaueren Zahlenwerten erleichtert Produzenten das Erstellen von Remixen, DJs das Ineinandermischen mehrerer Lieder und Rappern das Einspielen einer weiteren Tonspur zum aktuellen Beat.

Definition der Größe Tempo Physikalisch lässt sich die Größe Tempo sehr einfach definieren. Bei konstantem Tempo ist die Größe Tempo definiert durch die Anzahl der gleichen Notenwerte eines Stückes, geteilt durch das Zeitintervall, in dem diese Notenwerte gespielt werden:

Die Größe Tempo ist eine Physikalische Größe, genauer eine Quotientengröße. Wie alle physikalischen Größen ist sie das Produkt aus einem Zahlenwert und einer Maßeinheit, zum Beispiel

, in musikalischer Notation = 120.

ist der Zahlenwert, die Maßeinheit.

Die Größe Tempo ist, wie alle physikalischen Größen, unabhängig von der Einheit, in der sie angegeben wird. Da sind, gibt die folgende Formel das gleiche Tempo an:

, in musikalischer Notation = 60.

Da außerdem gilt, wäre für dieses Beispiel

die gleiche Tempoangabe. Die in der Musik übliche Zeiteinheit für das Tempo ist allerdings durchweg die Minute.

Die obige Definitionsformel für das Tempo ergibt umgeformt das Zeitintervall, die Dauer des Stückes:

.

Je höher das Tempo, desto kürzer die Spieldauer. Daraus wird ersichtlich, dass die Größe Tempo eigentlich kein Zeitmaß ist, sondern, wie die bekannte Größe Geschwindigkeit, die beispielsweise das Tachometer im Auto anzeigt, ein Geschwindigkeitsmaß.

Das in der Unterhaltungsmusik gebräuchliche Geschwindigkeitsmaß Beats per minute lässt sich analog definieren durch

.