mini|Historische Karte von Siam und umliegenden Ländern, Frankreich, 1686
Die Geschichte Thailands (bis 1939 Siam) betrachtet die Ereignisse auf dem heutigen Territorium des Staates Thailand und der mit ihm zusammenhängenden Nachbarregionen, wie Myanmar, Laos, Kambodscha und die Malakka-Halbinsel über einen Zeitraum von mehreren Tausend Jahren vor der Zeitenwende bis heute.
Geschichtliche Perioden Vorgeschichte und Wanderungsperiode Das Königreich von Sukhothai (1238–1438)https://web.archive.org/web/20140619164018/http://thailand.prd.go.th/ebook/inbrief/page.php?cid=1 Das Königreich von Ayutthaya (1351–1767) Thonburi-Periode (1767–1782) als Übergangszeit zur Rattanakosin-Periode unter der Chakri-Dynastie (1782 bis Gegenwart)
Diese klassische Einteilung der thailändischen Geschichtsschreibung ist allerdings auf die Staatswesen Zentralthailands fokussiert. Sie lässt außer Acht, dass die außerhalb des Zentrums gelegenen Regionen des heutigen Thailands ihre eigenen Geschichtsverläufe hatten. Dies waren insbesondere das Königreich Lan Na im heutigen Nordthailand, die Staaten der Lao im heutigen Isan (Nordostthailand) und das Sultanat Patani im äußersten Süden. Erst seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts sind diese Regionen unter stetigem politischen Einfluss des früheren Siam.Volker Grabowsky: Introduction. In: Regions and National Integration in Thailand, 1892–1992. Harrassowitz-Verlag, Wiesbaden 1995, S. 4.
Vorgeschichte 1967 begannen im Dorf Ban Chiang in der nordostthailändischen Provinz Udon Thani archäologische Ausgrabungen, bei denen eine besondere, mit Rot auf gelbbraunem Ton bemalte Keramik zu Vorschein kam. Die ältesten Funde aus dem Neolithikum stammen aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. Der Beginn der Bronzezeit in Ban Chiang wird frühestens Anfang des 2. Jahrtausends oder um 1500 v. Chr. datiert.Joyce C White: In: J.-P. Pautreau, A.-S. Coupey, V. Zeitoun, E. Rambault (Hrsg.): From Home erectus to the living traditions: Choice of papers from the 11th International Conference of the European Association of Southeast Asian Archaeologists, Bougon, 25th–29th September 2006. Chiang Mai 2006, S. 91–104, hier S. 99 Felszeichnungen finden sich in Phu Phrabat (Udon Thani) und Pha Taem (Ubon Ratchathani).
Die neolithischen Kulturen im heutigen Thailand lassen sich jedoch mit den heutigen Thai nicht in Verbindung setzen. Diese wanderten aus anderen Gebieten ein und trafen dabei auf andere Völker. Während der Antike gehörte das Gebiet des heutigen Thailands zum Kulturraum Suvarnabhumi („Goldenes Land“), dessen Stadtstaaten mit China und Indien handelten und von dem auch Griechen und Römer berichteten. Intensive Handelskontakte und Technologieaustausch mit Indien sind durch Funde in den Ausgrabungsstätten Khao Sam Kaeo in der Provinz Chumphon und Ban Don Ta Phet in Kanchanaburi belegt.Ian C. Glover, Bérénice Bellina: Ban Don Ta Phet and Khao Sam Kaeo: The Earliest Indian Contacts Re-assessed. In: Early Interactions Between South and Southeast Asia: Reflections on Cross-Cultural Exchange. ISEAS Publishing, Singapur 2011, S. 17–45. Bei der Ausgrabung der historischen Stadt U Thong in der heutigen Provinz Suphan Buri sowie der vermuteten Hafenstadt Khuan Lukpat in Krabi wurden römische MünzenBérénice Bellina, Ian Glover: The archaeology of early contact with India and the Mediterranean World, from the 4th century BC to the 4th century AD. In: Southeast Asia. From Prehistory to History. RoutledgeCurzon, London / New York 2004, S. 71. sowie Siegel mit Darstellungen aus der griechisch-römischen Mythologie entdeckt.Dougald JW O’Reilly: Early Civilizations of Southeast Asia. AltaMira Press, Lanham MD 2007, S. 182.
Frühe Reiche und erste Zeugnisse der Thai Funan, Dvaravati, Chenla mini|Einflussgebiet der Davaravati-Kultur
Die älteste heute bekannte Zivilisation war Funan, das erste „indisierte Reich“ in Südostasien, das in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. bestand. Sein Zentrum wird im Mekongdelta, in Südvietnam und Kambodscha lokalisiert, zu seinem Einflussbereich gehört aber vermutlich auch Ostthailand. Seine Kultur war vom Hinduismus und Buddhismus geprägt, Inschriften wurden überwiegend auf Sanskrit verfasst.
Das erste historisch nachweisbare Staatswesen bzw. Staatennetzwerk auf dem Gebiet des heutigen Zentralthailand war die Dvaravati-Kultur. Deren Zentren lagen wahrscheinlich im heutigen Lop Buri (Lavo) und Nakhon Pathom, ihr kultureller Höhepunkt wurde im 6. bis 9. Jahrhundert erreicht. Träger dieser Kultur waren buddhistische Mon, die von Landwirtschaft und Handel lebten. Ihre wichtigsten Zeugnisse sind kunstvolle Buddhastatuen und Dharmachakras („Gesetzesräder“), aber auch Münzen. Neben einheimischen Münzen wurden auch römische gefunden, was auf frühen interkontinentalen Handel hindeutet. Ein Ableger Dvaravatis im heutigen Nordthailand war Haripunjaya, das vom 9. bis 13. Jahrhundert bestand und sein Zentrum im heutigen Lamphun hatte. Auch im heutigen Nordostthailand, in den Tälern der Flüsse Chi und Mun, gibt es Fundstätten, deren Kulturen mit jener Dvaravatis verwandt sind.
Teile Nordostthailands gehörten vermutlich zur Einflusszone von Chenla, einem Vorläufer des Khmer-Reichs von Angkor, bzw. nach dessen Spaltung Anfang des 8. Jahrhunderts zu „Land-Chenla“ oder Wendan (diese Bezeichnungen stammen aus chinesischen Chroniken, die jeweilige Eigenbezeichnung ist nicht überliefert). Weitere bedeutende Fundplätze aus dieser Phase sind Si Thep in Nord- und Mueang Sema in Nordostthailand, deren Zugehörigkeit zu Dvaravati oder Chenla/Wendan unter Historikern umstritten ist. Gleiches gilt für die Lokalisierung des in Steininschriften erwähnten Staats Canasapura.
Herkunft der Tai Die Tai (Vorfahren u. a. der heutigen Thai und Lao) wanderten einer These zufolge über einen längeren Zeitraum aus dem Norden entlang der Flüsse Mekong, Chao Phraya und Irrawaddy in das Gebiet des heutigen Thailand ein. Das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Tai ist nicht genau geklärt. Möglicherweise stammen die Tai aus dem heutigen Südchina und Nordvietnam und wurden durch den Druck der Chinesen und Vietnamesen zur Migration Richtung Süden gezwungen. Laut anderen Thesen siedelten die Tai in Nord- oder Zentralchina oder sie waren die Grundbevölkerung des Nanzhao-Reiches; beide Thesen sind jedoch aus heutiger Sicht nicht haltbar. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die Tai südliche Gebiete des Nanzhao-Reiches besiedelten, denn aus chinesischen Quellen geht hervor, dass sie aufgrund ihrer kriegerischen Aktivitäten gefürchtet waren.
Die These, dass die Tai aus China vertrieben wurden und in das Gebiet des heutigen Thailand eingewandert sind, wurde vor allem von den nationalistischen Historikern Prinz Damrong Rajanubhab und Wichitwathakan in den 1920er- und 1930er-Jahren verbreitet, in deren anti-chinesische Ideologie sie sich gut einpassen ließ. Seit den 1980er-Jahren wird sie jedoch auch von thailändischen Geschichtswissenschaftlern bezweifelt. Gegen eine Vertreibung spricht, dass in China nach wie vor verschiedene mit den Thai verwandte Tai-Völker leben. Stattdessen könnte sich das Siedlungsgebiet der Tai-Völker von jeher über Südchina und weite Teile Südostasiens, einschließlich des heutigen Thailands, erstreckt haben.Thak Chaloemtiarana: Thailand. The Politics of Despotic Paternalism. Cornell Southeast Asia Program, Ithaca NY 2007, ISBN 978-0-87727-742-2, S. 247. Auch der US-amerikanische, auf Thailand spezialisierte Historiker David K. Wyatt (1937–2006) war überzeugt, dass bereits im 8. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung Tai-Völker im nördlichen Südostasien, einschließlich des äußersten Norden des heutigen Thailands, verbreitet waren.Wyatt: Thailand. 2003, S. 10.
Die Tai, ein Bauernvolk, welches Reis auf Bewässerungsfeldern in Ebenen und Tälern anbaute und teils Brandrodungsfeldbau betrieb, stießen bei ihrer Wanderung auf zivilisatorisch weiterentwickelte Völker. Es kam zu Durchmischung und Assimilierung, wobei sich das Tai-Element durchsetzte. Warum sich die Tai gegenüber der bereits ansässigen Bevölkerung durchsetzen konnten, wird teilweise durch ihre Organisation in multiethnischen Müang erklärt. Tai und Nicht-Tai lebten zusammen in diesen Dorfverbünden, wodurch die Assimilation gefördert wurde.
Einflussgebiet von Angkor mini|Größte Ausdehnung des Einflussbereichs von Angkor
Ab dem 9. bis zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurden wichtige Teile des heutigen Thailands vom Khmer-Reich von Angkor beherrscht. Bis um 1050 dehnte Angkor sich auf Kosten der Mon-Reiche bis Zentralthailand aus. Lop Buri, ein altes Zentrum der Dvaravati-Kultur und unabhängiges Königreich der Mon geriet unter Kontrolle der Khmer und wurde eines der wichtigsten Zentren ihres Reichs neben der Hauptstadt Angkor.Wyatt: Thailand. 2004, S. 24.
Im benachbarten Birma wurde ab dem 11. Jahrhundert unter König Anawrahta das Bagan-Reich zu einer bedeutenden Macht. Die malaiische Halbinsel mit dem Süden des heutigen Thailand wurde vom Srivijaya-Reich geprägt. Für das 13. Jahrhundert findet sich in den chinesischen Chroniken der Hinweis auf ein Reich namens Chen-li-fu, wobei nicht genau geklärt ist, welches Volk dieses Reich gegründet hat; es ist nicht ausgeschlossen, dass es sich hierbei um eine der ersten Staatsgründungen der Tai handelt. Nördlich von Thailand, im heutigen Yunnan, lag Nanzhao, in dessen Südteil damals wahrscheinlich Tai-Völker siedelten. Nanzhao wurde 1253 von den Mongolen erobert.H. Fessen, H. Kubitscheck: Geschichte Thailands. Münster / Hamburg 1994, S. 9–11.K. Wenk: Die Geschichte des Königreichs Thailand. In: Jürgen Hohnholz (Hrsg.): Thailand – Geographie – Geschichte – Kultur – Religion – Staat – Gesellschaft – Politik – Wirtschaft. Tübingen 1980, S. 128f.
Erste schriftliche Belege von der Anwesenheit der Tai als Sklaven finden sich auf Inschriften in Bagan, die um 1120 entstanden sind. Inschriften aus dem Cham-Reich (Mitte des 11. Jahrhunderts), berichten von Syam-Sklaven. Im 12. Jahrhundert ist schließlich belegt, dass Thai („Syam“) in den Heeren von Angkor präsent waren. Bildnisse aus Angkor-Tempeln zeigen deutlich, dass die Thai-Kontingente andere Haartracht und Bekleidung bevorzugten als die Khmer.
Die Bevölkerung des von Angkor aus regierten Machtbereichs war ethnisch heterogen. Während in seinem Zentrum (über das heutige Gebiet von Kambodscha hinaus vermutlich auch in Südlaos, dem Süden des heutigen Isan und Ostthailand) die herrschenden Khmer die Mehrheit stellten, lebten an seinen Rändern andere Völker. Im Westen, also der Chao-Phraya-Ebene und weiter nördlich entlang des Ping-Flusses um die heutigen Städte Chiang Mai und Lamphun waren dies zunächst mehrheitlich buddhistische Mon.Wyatt: Thailand. 2004, S. 22. In der Spätzeit der Angkor-Herrschaft lassen sich am mittleren Mekong (heute Laos), wie auch im heute zentralthailändischen Chao-Phraya-Becken zunehmend Tai-Stämme (also die Vorfahren der heutigen Thai und Lao) nachweisen. Da diese ihren eigenen Stammesherren die Treue hielten und damit potentielle Quelle für Aufstände und Unruhen waren, setzten die Khmer-Herrscher oftmals Tai-Fürsten als lokale, tributpflichtige Herrscher ein. In einigen Fällen gaben Khmer-Kaiser ihnen sogar eine ihrer Töchter zur Frau, um ihre Bindung zu stärken. Dennoch behielten die Tai, aufgrund ihrer eigenen Sprache und Religion (dem Theravada-Buddhismus, die Khmer waren brahmanische Hinduisten) eine eigenständige ethnische Identität.Wyatt: Thailand. 2004, S. 28–29.
Erste Tai-Staaten