Paraphilien ( von pará, ‚abseits‘, ‚neben‘, und philía, ‚Freundschaft‘, ‚Liebe‘) sind sexuelle Neigungen, die von der empirischen Norm abweichen und gesellschaftlich überwiegend als krankhaft oder anderweitig problematisch angesehen werden. Dazu zählen insbesondere ausgeprägte und wiederkehrende sexuelle Fantasien, Bedürfnisse oder Verhaltensweisen, die sich auf unbelebte Objekte (sexueller Fetischismus), Schmerz, Demütigung, nicht einverständnisfähige Personen wie Kinder oder auf Tiere beziehen.

Die Diagnose einer sexuellen Vorliebe als Paraphilie ist umstritten und unterliegt historisch und soziologisch einem kontinuierlichen Wandel, der sich in einer andauernden Überarbeitung und Diskussion seitens der Herausgeber der beiden verbreitetsten diagnostischen Handbücher DSM und ICD spiegelt. Paraphilien wurden lange Zeit überwiegend als krankhaft betrachtet. Mit der Veröffentlichung des DSM-5 im Jahr 2013 sowie der ICD-11 mit Inkrafttreten im Jahr 2022 wird daher zwischen paraphilen Störungen und Paraphilien differenziert, um zu betonen, dass Paraphilien nicht grundsätzlich ein Krankheitswert zugeschrieben wird, sondern nur dann, wenn sie bei der betroffenen Person mit Leidensdruck einhergehen, Not, Verletzung oder den Tod einer anderen Person beinhalten oder jemand beteiligt ist, der nicht bereit oder nicht in der Lage ist, eine rechtliche Zustimmung zu erteilen, wie insbesondere Kinder. Unterschieden wird heute zwischen sexuellen Präferenzstörungen, die die sexuelle Selbstbestimmung anderer Menschen nicht beeinträchtigen, und der Kategorie der sexuellen Verhaltensstörungen (Dissexualität).Störungen der sexuellen Präferenz (Paraphilien). Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité, abgerufen am 16. Juli 2021.

Bis heute gibt es keinen breiten wissenschaftlichen Konsens über klare Abgrenzungen zwischen dem, was als „unkonventionelle sexuelle Interessen“, Kinks, Fetische und Paraphilien betrachtet wird. Daher werden diese Begriffe oft locker und synonym verwendet, besonders im allgemeinen Sprachgebrauch.

Abgrenzung des Begriffs Trotz möglicher Überschneidungen sind von der Paraphilie folgende Fachtermini begrifflich abzugrenzen: Devianz und Perversion (letzterer Begriff findet heutzutage kaum noch Verwendung) Dissexualität: ein „sich im Sexuellen ausdrückendes Sozialversagen“ als ein „Verfehlen der (zeit- und soziokulturell bedingten, damit veränderlichen) durchschnittlich erwartbaren Partnerinteressen“. Dieser Begriff umfasst alle sexuellen Verhaltensweisen, bei denen das Wohl und die sexuelle Selbstbestimmung anderer Menschen beeinträchtigt oder geschädigt wird. Sexualdelinquenz: ein in erster Linie durch die jeweilige Gesetzgebung und Rechtsprechung definiertes Verhalten

Definition George R. Brown, Professor an der East Tennessee State University, schlägt 2023 im Merck Manual folgende Definition vor:

Gesellschaftliche Einordnung Welche sexuellen Verhaltensweisen als „normal“ oder gesund und welche als „pervers“ oder krank zu beurteilen sind, darüber wird schon lange diskutiert. Das hat verschiedene Gründe: Menschen müssen vor sexueller Gewalt oder sexueller Ausbeutung geschützt werden. Menschen mit sexuellen Zwängen suchen Hilfe bei Therapeuten, weil sie ohne diese Verhaltensweisen kaum oder gar nicht sexuell erregt werden und darunter leiden. Legitimation der Psychiatrie: Nach Michel Foucault hat die Psychiatrie ihre Existenz als eigenständige Wissenschaft innerhalb der Medizin vor allem auch dadurch legitimiert, dass sie begann, sexuelle Abweichungen in gesund und krank einzuteilen. (Siehe auch: Geschichte der Sexualwissenschaft)

Die Definition, welches Sexualverhalten „normal“ und welches gestört ist, geschieht nach Haeberle (1985) durch die folgenden gesellschaftlichen Instanzen: Religiöse Gemeinschaften und Sekten: Einteilung in „natürliches“ und „widernatürliches“, „moralisches“ und „unmoralisches“ Sexualverhalten Gesetzgebung: Einteilung in „legales“ und „illegales“ Sexualverhalten Wissenschaft (vor allem Psychiatrie und Psychologie): Einteilung in „gesundes“ und „krankes“ Sexualverhalten

Die Grenzlinien zwischen „gesunden“ oder angepassten sexuellen Präferenzen und Verhaltensweisen einerseits und psychischen Störungen andererseits verschieben sich abhängig vom historischen und gesellschaftlichen Wandel und von jeweils aktuellen Forschungsergebnissen. Diese Faktoren beeinflussen auch die Klassifikationssysteme für psychische Störungen und für Krankheiten, DSM und ICD.

Geschichte Der Begriff wurde von Friedrich Salomo Krauss geprägt,D. F. Janssen: How to “Ascertain” Paraphilia? An Etymological Hint. In: Archives of Sexual Behavior. 2014. doi:10.1007/s10508-013-0251-5 nachdem bereits 1843 der ungarische Arzt Heinrich Kaan unter dem Titel Psychopathia sexualis eine Schrift veröffentlicht hatte, in der er die Sündenvorstellungen des Christentums in medizinische Diagnosen umwandelte. Kritiker sehen Krauss in einer entsprechenden Traditionslinie, die der moralischen Vorstellungswelt seiner Zeit entsprach.

Eine der ersten Sexualpraktiken, die die Psychiatrie als krank eingestuft hat, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Masturbation. Der Vater der amerikanischen Psychiatrie, Benjamin Rush, machte Masturbation verantwortlich für Wahnsinn, Rückenmarkschwindsucht, Sehschwäche, Epilepsie und andere Krankheiten. Zusammen mit der Einstufung der Masturbation durch die römisch-katholische Kirche als Sünde führte das weit verbreitet zu Schuldgefühlen.

Vom Mittelalter an hat die römisch-katholische Kirche alle sexuellen Verhaltensweisen, die nicht ausschließlich der Fortpflanzung dienten, als Sünde betrachtet. Auch die meisten Psychiater waren vom 19. Jahrhundert an der Auffassung, dass Sexualität außerhalb heterosexueller Beziehungen eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung verhindere. Sie haben immer weiter gefasste Listen sexueller Abweichungen entwickelt; das bekannteste Beispiel ist das Werk Psychopathia sexualis des Wiener Psychiaters Krafft-Ebing im Jahr 1886. Trotz der Warnungen von Magnus Hirschfeld (1899) und Sigmund Freud (1905) kam es zu einer Pathologisierung der Homosexualität.

Nach den Kinsey-Reports (1948, 1953) galt Masturbation nicht mehr als krank oder persönlichkeitsgefährdend, und die Homosexualität wurde 1973 entpathologisiert. Auch wenn Masturbation und Homosexualität nicht zu den Paraphilien gehören, werden sie in der Sexualwissenschaft als Beispiele für den Wandel in der Beurteilung sexueller Neigungen und Verhaltensweisen angeführt.

Sexualwissenschaft heute Die abwertenden Begriffe Perversion (lateinisch „Verdrehung“) und Aberration (lateinisch „Verirrung“) werden in den Fachsprachen heute nicht mehr verwendet. Stattdessen hat sich der neutralere psychiatrische Begriff der Paraphilie etabliert. Jedoch weist der Sexualforscher Haeberle darauf hin, dass auch die Verwendung des Begriffs Paraphilie eine Wertung bedeutet, nach der es eine „richtige“ und eine minderwertige Sexualität gebe, und schlägt vor: „Stattdessen sollten die Gründe für medizinische oder juristische Bedenken in jedem Einzelfall präzise angegeben werden. Sie werden sich dann manchmal als überzeugend und ein andermal als bloße Vorurteile erweisen.“Erwin J. Haeberle: dtv-Atlas Sexualität. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005.

Als angepasst oder gesund werden heute in der Sexualwissenschaft solche sexuellen Handlungen betrachtet, die einvernehmlich geschehen und keinen Zwang, keine Ausnutzung oder Ausbeutung beinhalten. Eine solche Sichtweise versucht Sexualpraktiken zu tolerieren, die für Menschen befriedigend sind, auch wenn andere Menschen sie – etwa aus ästhetischen Gründen – ablehnen, z. B. Oralverkehr, Analverkehr und Urophilie sowie die gegenwärtig noch als Paraphilien eingestuften Präferenzen Fetischismus, Transvestitismus und sexueller Masochismus.Peter Fiedler: Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung. Beltz-PVU, Weinheim 2004, ISBN 3-621-27517-7. Jedoch werden bestimmte sexuelle Verhaltensweisen weiterhin auch dann als unmoralisch abgelehnt (und in verschiedenen Ländern auch bestraft), wenn sie einvernehmlich geschehen und keiner der Beteiligten darunter leidet.

ICD-11

Die seit 2022 gültige ICD-11 führt wesentliche Änderungen in der Klassifikation von Paraphilien ein:

Ein zentraler Aspekt der ICD-11 ist die Differenzierung zwischen Paraphilien, die nicht als Störung klassifiziert werden, und solchen, die als paraphile Störungen gelten. Letztere werden dann diagnostiziert, wenn die betreffenden Verhaltensweisen zu erheblichem Stress oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen. Diese Unterscheidung ermöglicht eine differenzierte Betrachtung sexueller Verhaltensweisen, die in der Vergangenheit oft stigmatisiert wurden. Es entspricht außerdem der Vorgehensweise im seit 2013 gültigen DSM-5, in dem ebenfalls nur paraphile Störungen diagnostiziert werden können.

Ein weiterer bedeutender Punkt ist der Fokus auf das Konzept der Zustimmung. Die ICD-11 betont, dass Paraphilien, die auf einvernehmlichen Handlungen mit einwilligungsfähigen Personen basieren, nicht als pathologisch angesehen werden.

Ich-Syntonie vs. Ich-Dystonie Im Gegensatz zu vielen psychischen Störungen sind die Paraphilien in der Regel ich-synton. Dies führt in vielen Fällen dazu, dass Paraphile nicht erkannt werden, da sie sich selbst meist nicht als krank empfinden. Demnach entsteht der Leidensdruck (wenn überhaupt) erst spät im Krankheitsverlauf und ist meist sekundär, sprich der Patient leidet nicht unter seiner eigenen Symptomatik wie bei ich-dystonen Erkrankungen (z. B. Phobien), sondern er leidet unter Missständen, die sich sekundär aus seiner Krankheit ergeben. Hierzu gehören häufig juristische Folgen, soziale Isolation, finanzielle Schwierigkeiten, Verluste des Arbeitsplatzes, medizinische Krankheitsfaktoren etc., hervorgerufen durch das Auftreten der sexuellen Phantasien, Bedürfnisse oder Verhaltensweisen.

Zusammenhang zur Persönlichkeit Die Ursachen für Paraphilien sind bis heute nicht geklärt, obwohl es (wie bei den meisten psychischen Störungen) viele, teilweise sehr divergierende Erklärungsansätze gibt. Eine über Jahrzehnte empirischer Forschung validierte Verbindung findet sich zwischen Sexualität (im Allgemeinen) und Persönlichkeit. Nach den gängigen Persönlichkeitstheorien resultieren menschliche Verhaltensweisen, Denkmuster, Einstellungen etc. zu einem großen Anteil aus der Persönlichkeitsstruktur eines jeden Individuums. Dies lässt sich empirisch überprüfbar auch auf sexuelles Verhalten übertragen.

Aus dieser Überlegung heraus stellen einige Forscher Zusammenhänge zwischen gestörtem Sexualverhalten und Persönlichkeitsstörungen auf. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jede Paraphilie mit einer Persönlichkeitsstörung gleichzusetzen ist, sondern vielmehr, dass das gestörte Verhalten, welches viele (nicht alle) Paraphile aufweisen, stark an die Verhältnisse bei Persönlichkeitsstörungen erinnert.

Eine Persönlichkeitsstörung (F60.x) definiert sich aus einer deutlichen Normabweichung in den Einstellungen und dem Verhalten einer Person, wobei diese Normabweichung dauerhaft und gleich bleibend ist, eine ausgeprägte Tiefe und Breite (unabhängig von spezifischen Situationen) aufweist sowie in der Kindheit und Jugend beginnt, sich im frühen Erwachsenenalter manifestiert und in den meisten Fällen als ich-synton erlebt wird.