Das Tempus ( „Zeitspanne, Zeit“, Plural ) ist eine grammatische Kategorie, die in vielen Sprachen am Verb markiert wird und dann zur Flexion (Formenbildung, Konjugation) der Verben beiträgt. Ihre Bedeutung ist definiert worden als „der grammatisierte Ausdruck von Lokalisierung in der Zeit“ (Bernard Comrie).Comrie (1985), S. 9.
Als grammatische Kategorie ist das Tempus zu unterscheiden von den Mitteln, die der Wortschatz einer Sprache zur Verfügung stellt, um über die Zeit und Zeitverhältnisse zu reden, z. B. Zeitadverbien. Auch Sprachen, die kein Tempus im grammatischen Sinn aufweisen (z. B. Chinesisch, Indonesisch), ermöglichen in der Regel mit anderen Mitteln Angaben über dieselben grundlegenden Zeitverhältnisse (sie tun dies aber weit weniger, da nur grammatisches Tempus obligatorisch ist). Die vom Tempus ausgedrückten Zeitbeziehungen werden typischerweise relativ zur aktuellen Sprechsituation verankert; insoweit handelt es sich beim Tempus um eine deiktische Kategorie. Damit gleicht die Bedeutung des Tempus der von Zeitadverbien wie „gestern“ oder „jetzt“ (deren Bedeutung vom Sprechzeitpunkt abhängt), im Gegensatz zu absoluten Zeitangaben wie „im Jahr 2000“.
Die Kategorie Tempus besteht aus einem System von Unterkategorien, deren Anzahl je nach Sprache (und auch je nach Beschreibungsansatz) unterschiedlich ausfällt. Die wichtigsten Kategorien beruhen auf der Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Da die Kategorie Tempus der Grammatik angehört, wogegen es sich bei Vergangenheit oder Zukunft um sprachunabhängige Vorstellungen handelt, ist jeweils gesondert zu fragen, welche Entsprechungen zwischen grammatischer Form und Bedeutung bestehen – zum Beispiel, wie sich die Form Präsens zum Begriff der Gegenwart im Einzelnen verhält.
Tempus ist gegen die Nachbarkategorien Aspekt, Modus und Modalität abzugrenzen; die grammatische Formenbildung und die Interpretation zeigen jedoch Kombinationen, Übergänge und Wechselbeziehungen zwischen diesen Kategorien. Diese Zusammenhänge führen dazu, dass Tempus, Aspekt und Modus, vor allem in der Sprachtypologie, oft auch als eine übergeordnete Kategorie der Verbflexion zusammengenommen werden („TAM-“ oder „TMA-System“).Östen Dahl, Viveka Velupillai: Chapter Tense and Aspect: General Introduction. In: Matthew S. Dryer, Martin Haspelmath (Hrsg.): The World Atlas of Language Structures Online. Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig 2013. Online, abgerufen am 14. August 2022.Thomas E. Payne: Describing Morphosyntax. A Guide for Field Linguists. Cambridge University Press, 1997, ISBN 0-521-58805-7. – Vgl. Kapitel 9.3: Tense / Aspect / Mode (S. 233). Eine häufig benutzte verkürzte Definition ist, dass das Tempus die Beziehung zwischen der Sprechzeit und der Zeit des vom Verb ausgedrückten Ereignisses angibt – doch bereits dies gilt in sprachwissenschaftlichen Modellen des Tempus nicht direkt, sondern ergibt sich aus dem Zusammenwirken von Tempus und Aspekt.
Tempus als grammatische Kategorie
Grammatische Kategorie und Bedeutung
Viele grammatische Kategorien, so wie Tempus, aber auch Person, Numerus und andere, verbinden Form und Bedeutung; die Bedeutungsseite ist hierbei weniger differenziert als bei Elementen des Wortschatzes (lexikalischen Elementen), sondern mehr schematischer Art. Die Tempusbedeutung wird hier vorläufig verstanden als die Einordnung der Situation, die in einem Satz beschrieben wird, in die Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft relativ zum Sprechzeitpunkt. (Genaueres weiter unten im Abschnitt #Bedeutung des Tempus).
In einer Sprache, die Tempus nicht als grammatische Kategorie besitzt, müssen Begriffe für Zeitverhältnisse deswegen nicht fehlen, aber Zeitverhältnisse könnten dann nur durch lexikalische Elemente wie etwa verschiedene Zeitadverbiale („gestern / dieses Jahr“ etc.) ausgedrückt werden – oder Zeitverhältnisse wären vom Hörer nur zu erschließen. Im Sprachvergleich kann die Kategorie Tempus also daran identifiziert werden, dass der genannte Bedeutungstyp jeweils durch grammatische Mittel ausgedrückt wird. Dies ist in erster Linie morphologischer Ausdruck durch Affixe (meist Endungen) am Verb. Eine weitere Möglichkeit sind Hilfsverbkonstruktionen; diese können auch gleichwertige Funktion zu morphologischem Ausdruck haben.Vgl. Bybee & Dahl (1989), S. 51.
Kennzeichen dafür, dass Tempus eine grammatische Kategorie ist, auch wenn es sich vielleicht um selbständige Wörter handelt, sind Produktivität und Obligatorik der Form:Vgl. Bybee & Dahl (1989), S. 63–65; Jo-Wang Lin: Tenselessness. In: Binnick (ed.)(2012). Online, doi:10.1093/oxfordhb/9780195381979.013.0023. Siehe dort Abschnitt 2. Tempusmarkierung ist vollständig produktiv, betrifft also alle Verben einer Sprache, sie hängt nicht von einzelnen Verbklassen oder Verbbedeutungen ab (das Aussehen der Tempusmarkierung kann sich aber je nach Verbklasse unterscheiden). Wenn eine Sprache Tempusflexion an Verben hat, dann ist es auch obligatorisch, ein Verb für eine Tempusform zu kennzeichnen, auch dann, wenn eine Zeitangabe schon unabhängig vorliegt:
„Wir sind doch erst gestern einkaufen gewesen.“
In Sprachen wie dem Deutschen, die finite und infinite Verbformen unterscheiden, ist die Tempusflexion überall dort erforderlich, wo eine finite Verbform erforderlich ist. Gegebenenfalls fungiert die Gegenwarts-Form (Präsens) als neutrale („unmarkierte“) Form, z. B. wenn bei allgemeingültigen Sätzen keine besondere zeitliche Einordnung gewünscht ist.
Tempus und die Konjugation des Verbs („Zeitformen“)
Unter der Konjugation versteht man die Abwandlung einer Verbform je nach ihren grammatischen Merkmalen. Eine Darstellung, die diese Formen nach ihren Merkmalen ordnet, oft in Tabellenform, ergibt das Paradigma eines Verbs. In jeder einzelnen Verbform treffen dann Tempusmerkmale mit anderen Merkmalen zusammen, zum Beispiel: (du) lob-te-st lob In dieser Perspektive geht es wohlgemerkt um Tempus als grammatisches Merkmal (Flexionsmerkmal), die Bedeutung dieser Formen ist getrennt davon zu untersuchen.
Das Lateinische, das die traditionelle Grammatikschreibung stark beeinflusst hat, verfügt über sehr komplexe Wortformen und damit Paradigmen. Wie in der nachfolgenden Tabelle zu sehen, werden dabei manche Merkmale getrennt angezeigt, häufig liegen aber mehrere Merkmale in einer Endung „aufgehäuft“ (kumuliert) vor (nachfolgend durch Verbindung mit einem Punkt „.“ symbolisiert, trennbare Markierungen durch Bindestrich). Der Ausschnitt des lateinischen Verbparadigmas für die Kategorie Tempus stellt sich wie folgt dar (für die Formen der 1. Person Singular im Aktiv):
Zeitform Indikativ Konjunktiv Präsens laud-o...- laud-e-m...- Imperfekt lauda-ba-m...- lauda-re-m...- Futur lauda-b-o...- — Perfekt laudav-i...- laudav-eri-m...- Plusquamperfekt laudav-era-m...- laudav-isse-m...- Futur II (Futur exakt) laudav-er-o...- —
Zeitformen des Deutschen werden traditionell oft in direkter Analogie dazu gegliedert (hier für die dritte Person Singular, zur besseren Unterscheidung Konjunktiv-Indikativ):
Zeitform Indikativ Konjunktiv Präsens lob-t lob-e Präteritum lob-te lob-te / würde loben Futur wird loben werde loben Perfekt ha-t gelobt hab-e gelobt Plusquamperfekt hat-te gelobt hät-te gelobt Futur II wird gelobt habenwerde gelobt haben
Anstelle der kompakten Wortformen des Lateinischen werden hier also ganze Konstruktionen aus mehreren Wörtern als Zeitformen angesetzt („periphrastische Konjugation“), aber weiterhin dieselben 6 Zeitstufen unterschieden. Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt erscheinen so beispielsweise als drei gleichberechtigte Vergangenheitstempora nebeneinander. Diese Darstellung ist die traditionell vorherrschende, vor allem in der Schulgrammatik. In der Sprachwissenschaft ist für das System des Deutschen jedoch eine Alternative gängig. Denn in den Formen des Hilfsverbs haben lassen sich seinerseits Konjugationsformen für Präsens, Präteritum, Futur identifizieren: habe, hatte, wird haben. Dies führt auf die Auffassung, dass nur diese Wortformen des Hilfsverbs als Zeitformen gelten sollten, in diesem Fall dann als Zeitformen der Perfektkonstruktion.So in der Dudengrammatik (2009), S. 498f. / Rand-Nr. 710. Diese Analyse wird auch für didaktische Anwendung befürwortet in: Matthias Granzow-Emden: Deutsche Grammatik verstehen und unterrichten. 3. Auflage. Narr/Francke/Attempto, Tübingen 2019. S. 166. Man unterscheidet dann stets nur:
Zeitform (des Vollverbs) Indikativ Konjunktiv Präsens lob-t lob-e Präteritum lob-te lob-te Futur wird loben werde loben Zeitform (des Perfekts) Indikativ Konjunktiv Präsens des Perfekts ha-t gelobt hab-e gelobt Präteritum des Perfekts hat-te gelobt hät-te gelobt Futur des Perfekts wird gelobt habenwerde gelobt haben Im Gegensatz zur ersten Aufstellung erklärt diese zweite Darstellung unmittelbar, warum zwar das „Perfekt“ einen Infinitiv hat (gelobt zu haben), das Plusquamperfekt jedoch nicht: Es handelt sich sowieso nie um den Infinitiv einer Zeitform, sondern das Hilfsverb haben wird wie jedes Verb konjugiert, besitzt also auch einen Infinitiv, der aber außerhalb der Reihe der finiten Zeitformen steht.
Eine solche zweistufige Betrachtungsweise ist auch schon unter den Grammatikern der Antike erwogen worden. So bezeichnete bereits der lateinische Grammatiker Marcus Terentius Varro die obige Serie laudavi / laudaveram / laudavero als die Gegenwart, Vergangenheit bzw. Zukunft zum „Perfectum“ des Verbs (parallel zur gleichartigen Serie des „Infectum“, woraus sich dann die Zeiten Präsens, Imperfekt, Futur ergeben).John Hewson: Tense. In: Binnick (ed.) (2012). Online, doi:10.1093/oxfordhb/9780195381979.013.0017 Diese Einteilung hat aber weniger Einfluss ausgeübt.
Tempus in den Sprachen der Welt
Häufigkeit tempusmarkierender Sprachen
Eine besonders typische Unterscheidung ist die zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitstempus; hierbei ist in der Regel die Vergangenheitsform markiert, die Form für die Gegenwart unmarkiert. In der Stichprobe des World Atlas of Language Structures (WALS) existiert in der Mehrzahl der Sprachen (nämlich 134 von 222, also etwa 60 %) ein Vergangenheits-Tempus, knapp 40 % der Sprachen zeigen also keine derartige Kategorie.Dahl & Velupillai (2013): The Past Tense.
Ebenfalls nach der Stichprobe von WALS zeigen im Vergleich etwas weniger Sprachen eine Flexionsform des Futur-Tempus (nämlich knapp die Hälfte: 110 von 222 Sprachen). (Es gilt allerdings als schwierig zu entscheiden, welche Fälle von mehr umschreibenden Techniken des Zukunftsbezuges auch noch unter Tempus zu rechnen wären).Östen Dahl, Viveka Velupillai: The Future Tense. In: Matthew S. Dryer, Martin Haspelmath (Hrsg.): The World Atlas of Language Structures Online, Chapter 67. Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig 2013. Online (abgerufen am 24. Juli 2022).
53 der 222 Sprachen der WALS-Stichprobe haben weder Vergangenheits- noch Futurtempus.Smith (2011), S. 2591 (in WALS nicht direkt angegeben).
Tempustragende Wortarten Tempus wird oft als eine Kategorie des Verbs beschrieben. Es gibt jedoch in geringem Umfang Fälle, bei denen auch andere Wortarten die Tempusmarkierung des Satzes tragen.
Verben, Hilfsverben und verbnahe Partikeln Der bekannteste und typischste Fall von Tempusmarkierungen sind morphologische Abwandlungen des Verbs, also Wortformen des Verbs im engeren Sinn. Hilfsverben, die nur Tempus bezeichnen, können auch dazu gruppiert werden, insofern als es sich auch um rein grammatische Elemente handelt.
Im Deutschen kommen drei Typen von Tempusmarkierung im Zusammenhang mit Verben vor: Suffixe (Endungen), Stammveränderung (u. a. durch Ablaut) und Hilfsverben. Das Zeichen für die Vergangenheit (Präteritum) ist im Deutschen meistens ein Suffix: (du) lach-te-st lach-