Der Eisbär (Ursus maritimus), auch Polarbär genannt,siehe auch: Brehm, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben. Bd. 1. Hildburghausen, 1864 ist eine Raubtierart aus der Familie der Bären (Ursidae). Er lebt an den Küsten und auf dem Eis in den nördlichen Polarregionen und ist eng mit dem Braunbären verwandt. Neben Kamtschatkabären und Kodiakbären gelten Eisbären als die größten an Land lebenden Raubtiere der Erde. Da sie einen großen Teil ihres Lebens auf dem Meereseis verbringen und von marinen Ökosystemen abhängig sind, werden sie je nach Systematik auch als Meeressäuger eingeordnet.

Merkmale und Eigenschaften mini|hochkant=1.2|Eisbären am Cape Churchill im Wapusk-Nationalpark (Kanada) mini|Schädel (Sammlung Museum Wiesbaden) Größe und Gewicht Erwachsene männliche Eisbären erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 2,00 bis 2,50 Metern, in Einzelfällen sogar von bis zu 3,40 Metern; die Schulterhöhe beträgt bis zu 1,60 Meter. Das Gewicht variiert gewöhnlich zwischen 420 und 500 Kilogramm. Bei Weibchen erreicht die Kopf-Rumpf-Länge 1,60 bis 2,50 Meter; das Körpergewicht liegt bei ihnen gewöhnlich zwischen 150 und 300 Kilogramm. Das Gewicht hängt wesentlich vom Ernährungszustand der Tiere ab: Im Sommer wiegen ausgehungerte Eisbären deutlich weniger als während der Zeit winterlicher Robbenjagd. Eine Rolle spielen auch regionale Größenunterschiede. Die kleinsten Tiere leben auf Spitzbergen und die größten in der Nähe der Beringstraße. Wie alle Bärenarten besitzen auch Eisbären nur einen Stummelschwanz von 7 bis 13 Zentimetern Länge.

Fell und Haut mini|links|Felle gejagter Bären in Ittoqqortoormiit (NO Grönland) Das gelblich-weiße Eisbärfell stellt in eisigem Umfeld eine Wärmeisolation und Tarnung dar und besteht aus einer dichten Unterschicht und den äußeren Fellhaaren. Das Fell ist mit einer Schicht aus Talg überzogen – einem lipidbasierten Sekret, das aus einer Mischung von Triglyceriden, freien Fettsäuren, Wachsen und weiteren Lipiden besteht und von den Talgdrüsen ausgesondert wird. Dieser Eisbärentalg, der sich vom menschlichen Talg u. a. durch das Fehlen von Squalen unterscheidet, ist entscheidend dafür, dass das Fell der Eisbären nicht gefriert. Die hydrophoben Eigenschaften sorgen dafür, dass Wasser nicht dauerhaft an der Haaroberfläche haftet, sondern schnell abperlt oder verdunstet. Dadurch wird verhindert, dass sich ein stabiler Wasserfilm bildet, der als Ausgangspunkt für die Eisnukleation dienen könnte. Unter der bei ausgewachsenen Tieren schwarzen Haut (bei Babys ist sie noch rosa) befindet sich eine 5 bis 10 Zentimeter dicke Fettschicht. Die äußeren Fellhaare des Eisbären sind hohl und transparent, nicht weiß,Sophie Lockwood: Polar Bears. Chanhassen, MN, The Child's World, S. 10–16, 2006, ISBN 1-59296-501-6. was zusätzlich zur dicken Fettschicht für eine hervorragende Wärmedämmung sorgt. Außerdem erhöhen die Haare zusammen mit der Speckschicht den Auftrieb beim Schwimmen. Die verringerte Wärmeabstrahlung lässt Infrarotaufnahmen des Eisbären praktisch nicht zu. Da das Fell Ultraviolettstrahlung nicht reflektiert, wurde die These aufgestellt, dass die äußeren Fellhaare als Lichtleiter die Strahlung auf die Haut leiten. Diese These wurde jedoch widerlegt, das Fell selbst absorbiert die Strahlung.Is polar bear hair fiber optic? (Researchgate.net), abgerufen am 30. November 2023: Studie von Daniel W. Koon, Professor an der St.-Lawrence-Universität, New York

mini|Aufgerichteter, auf den Hinterbeinen stehender Eisbär im ZOOM Gelsenkirchen

Körperbau und Gang mini|links|Behaarte Hintertatze Beim Körperbau unterscheiden sich Eisbären von anderen Bärenarten durch einen längeren Hals und einen relativ kleinen, flacheren Kopf. Im Gegensatz zu den nahe verwandten Braunbären fehlt Eisbären der Muskelberg am Nacken. Die Augen sind verhältnismäßig klein. Die Ohrmuscheln sind nach vorn aufgerichtet und rund geformt. Wie die meisten Bären besitzen Eisbären 42 Zähne, und wie alle Bären sind sie Sohlengänger. Ihre Vorderbeine sind lang und kräftig; die großen Vordertatzen sind paddelförmig ausgebildet und mit Schwimmhäuten versehen, was ein schnelles Schwimmen ermöglicht. Auf den muskulösen Hinterbeinen können sich die Eisbären zu maximaler Höhe erheben (etwa bei Kämpfen oder für besseren Rundblick); die Hintertatzen dienen beim Schwimmen als Steuerruder. Die Fußsohlen sind dicht behaart, was dem Kälteschutz dient und auch das Ausrutschen auf dem Eis verhindert. Alle vier Pfoten sind jeweils mit fünf nicht einziehbaren Krallen bewehrt.

Sinne Der Geruchssinn der Eisbären ist – selbst im Vergleich zu anderen Raubtieren – ungewöhnlich gut ausgebildet. Auch das Gehör ist recht empfindlich. So erkunden Eisbären die Dicke der Eisfläche, indem sie auf das Eis schlagen und die Wasserreflexionen hören, um optimale Ansatzpunkte für das Aufbrechen von Wasserlöchern zu finden. Die Sehkraft dürfte dagegen ungefähr der des Menschen entsprechen.

In der Leber speichern Eisbären große Mengen an Vitamin A.H. Senoo, K. Imai, Y. Mezaki, M. Miura, M. Morii, M. Fujiwara, R. Blomhoff: Accumulation of vitamin A in the hepatic stellate cell of arctic top predators. In: Anatomical record (Hoboken, N.J. : 2007). Band 295, Nummer 10, Oktober 2012, S. 1660–1668, . doi:10.1002/ar.22555. PMID 22907891. Der Verzehr von Eisbärenleber kann beim Menschen deshalb zu einer A-Hypervitaminose führen, einer schwerwiegenden Gesundheitsstörung, die mit neurologischen Symptomen (Kopfschmerzen, Übelkeit, Pseudotumor cerebri) und Hautschäden wie Mundwinkelrhagaden einhergehen kann.

Lebenserwartung Das potentielle Höchstalter von Eisbären in freier Natur wird auf 25 bis 30 Jahre geschätzt, wobei die wenigsten Individuen das 20. Lebensjahr erreichen. In menschlicher Obhut können sie allerhöchstens 45 Jahre alt werden, wobei auch hier in der Regel mit knapp über 30 Jahren bereits ein sehr hohes Alter erreicht ist, welches für die meisten Bären das Maximum darstellt.

Verbreitungsgebiet und Lebensraum mini|Video: Lebensraum der Eisbären mini|hochkant=1.5|Weltkarte mit dem Verbreitungsgebiet des Eisbären mini|Darstellung der Nordhemisphäre mit dem Verbreitungsgebiet des Eisbären mini|Genetische Untergruppen des Eisbären: Ost-Grönland (EG), Barentssee (BS), Karasee (KS), Laptewsee (LP), Tschuktschensee (CS), Südliche Beaufortsee (SB), Nördliche Beaufortsee (NB), Viscount-Melville-Sund (VM), McClintock-Kanal (MC), Golf von Boothia (GB), Lancastersund (LS), Norwegian Bay (NW), Kane Basin (KB), Baffin Bay (BB), Davisstraße (DS), Foxe Basin (FB), Westliche Hudson Bay (WH), Südliche Hudson Bay (SH)

Eisbären sind ausschließlich in der Arktis verbreitet, und zwar zirkumpolar, also im Polargebiet rund um den Nordpol. Die meisten hocharktischen Eisbären halten sich das ganze Jahr über an den Küsten oder auf dem Meereis auf, um dort Robben zu jagen. Sie bevorzugen dabei Gebiete, in denen das Eis durch Wind und Meeresströmungen in Bewegung bleibt und immer wieder aufgerissen wird, wodurch eisfreie Stellen entstehen (Polynjas). Im Sommer halten sich Eisbären überwiegend an den südlichen Rändern des Treibeises auf. Mit Wintereinbruch wandern sie südwärts, den offenen Stellen folgend. An der Südküste der Hudson Bay (Kanada) sind die Tiere während des Sommers allerdings gezwungen, an Land zurückzukehren. Nach kilometerweiten Wanderungen ins Landesinnere müssen sie sich dann mit dem Wenigen begnügen, was ihnen Tundra und Taiga an Fressbarem bieten.

Lange Zeit galt die Auffassung, dass Eisbären ausgesprochene Wanderer seien, die der Bewegung des Eises großräumig rund um den Nordpol folgen. Neuere Beobachtungen ergaben jedoch, dass es eine größere Anzahl standorttreuer Populationen gibt (19 insgesamt). Hierzu gehören etwa die Eisbären des Wapusk-Nationalparks und des Ukkusiksalik-Nationalparks.

Eisbären kommen in jeweils meist mehreren Populationen in folgenden Erdregionen vor (mit Überschneidungen):

auf Spitzbergen und dem Franz-Josef-Land (Barentssee-Population) im nördlichen kontinentalen Eurasien (Populationsbereiche: Karasee, Laptewsee, Tschuktschensee mit der Wrangelinsel) im nördlichen Alaska und in Kanada, vor allem auf den arktischen Inseln, aber auch entlang der Hudson Bay und an der Nordküste der Labrador-Halbinsel (Populationsbereiche: südliche Beaufortsee, nördliche Beaufortsee, Viscount-Melville-Sound, McClintock-Kanal, Lancaster-Sound, Norwegian Bay, Golf von Boothia, westliche Hudson Bay, südliche Hudson Bay, Foxe Basin, Davisstraße, Baffin Bay, Kane Basin) auf Grönland (Ost-Grönland-Population) rund um den Nordpol (Sammelpopulation des arktischen Beckens)

Die nördlichste geographische Breite, auf der Eisbären beobachtet wurden, beträgt 88°, die am weitesten südlich vorkommenden Tiere halten sich entlang der Hudson Bay und der Nordwestküste der sich etwas weiter südöstlich anschließenden James Bay auf. Regelmäßig werden vereinzelte Eisbären auch auf Neufundland und Island gesichtet.

Lebensweise Aktivitätszeiten Eisbären sind tagaktiv und vor allem während des ersten Tagesdrittels in Bewegung. Etwa 29 Prozent ihrer Zeit nehmen Wandern und Schwimmen in Anspruch und nur 5 Prozent sind dem Jagen und Fressen zuzurechnen. Etwa 66 Prozent ihrer Zeit verbringen sie jedoch schlafend, ruhend oder auf Beute lauernd. Das Säugen der Jungen erfolgt überwiegend zur Mittagszeit (Sonnenhöchststand).

Die Eisbären an der Südküste der Hudson Bay, die im Grenzbereich von Tundra und Taiga leben, legen sich während des Sommers zuweilen Erdmulden an, um den Permafrostboden zur Kühlung zu nutzen. Im Gegensatz zu anderen Bärenarten halten Eisbären jedoch nur opportunistisch Winterschlaf, da der Winter für sie optimale Bedingungen zur Robbenjagd bietet. Nur bei extremen Wetterverhältnissen ziehen sie sich in temporäre Schneehöhlen zurück und trotzen so auch starken Schneestürmen. Trächtige Weibchen halten jedoch immer Winterschlaf, wofür sie sich von Oktober oder November bis März in eine von ihnen selbst angelegte oder wieder hergerichtete frühere Geburtshöhle zurückziehen. Im Schutz der Höhle gebären und säugen sie zudem den Nachwuchs (→ Fortpflanzung).

Nur trächtige Weibchen benutzen Höhlen (→ Fortpflanzung). Sie ziehen sich von Oktober oder November bis März in eine von ihnen selbst angelegte oder wieder hergerichtete frühere Geburtshöhle zurück. Während des Aufenthalts in der Höhle gehen Atemfrequenz und Herzschlag deutlich zurück. Da die Körpertemperatur dennoch nur leicht sinkt, stellt dieser Zustand keinen echten Winterschlaf, sondern nur eine Winterruhe dar. Die Körpertemperatur passt sich somit, anders als bei übrigen Bären, nicht an ein verringertes Nahrungsangebot an, sondern soll den Jungtieren nach der Geburt größtmöglichen Schutz bieten.

Sozialverhalten Eisbären sind wie alle Bären Einzelgänger, Mütter mit ihren Jungen ausgenommen. Das Jagdrevier eines Eisbären erstreckt sich zwar über einen Radius von rund 150 Kilometern, doch zeigen die Tiere kein ausgeprägtes Territorialverhalten, und die Reviere überlappen sich weitgehend. An Stellen mit reichem Nahrungsangebot jagt oft eine größere Zahl von Bären in verhältnismäßig geringem Abstand. Sogar während des wochenlangen Wartens auf das Zufrieren des Meeres zeigen selbst ausgewachsene männliche Eisbären untereinander oft erstaunlich tolerantes Verhalten, etwa bei ritualisierten Kampfspielen (dem „Sparring“).

Fortbewegung mini|links|Tauchender Eisbär