mini|Mosaik-Medaillon des Polykarp von Smyrna (Erzbischöfliche Kapelle in Ravenna, 6. Jahrhundert) Polykarp von Smyrna (; * um 69; † 155 nach der Frühdatierung oder † 167 nach der Spätdatierung) war eine Führungspersönlichkeit des kleinasiatischen Christentums im 2. Jahrhundert. Aufgrund des ihm zugeschriebenen sehr hohen Lebensalters von 86 Jahren verband er in seiner Biografie die Zeit der Apostel, als deren Schüler er galt, und die Zeit des sich herausbildenden monarchischen Bischofsamtes (Monepiskopat).

Seit dem 17. Jahrhundert werden frühchristliche, nichtbiblische Schriften unter dem Oberbegriff Apostolische Väter zusammengefasst. Der Brief des Polykarp an die Philipper und der Bericht über das Martyrium Polykarps wurden stets zu dieser Schriftensammlung gerechnet.

Name Das Adjektiv bedeutet „reich an Frucht, fruchtbar“. Der Personenname Polykarpos ist erstmals im Brief des Polykarp an die Philipper sowie den Ignatiusbriefen und dann ab Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. belegt; er entspricht dem gleichbedeutenden, häufigen und früher bezeugten lateinischen Namen Fructuosus.Johann Baptist Bauer: Die Polykarpbriefe, Göttingen 1995, S. 33.

Leben Quellen Abgesehen von seinem eigenen Brief an die Philipper und dem Bericht über sein Martyrium (Martyrium Polycarpi), wird Polykarp von mehreren Schriftstellern der Alten Kirche erwähnt: Irenäus von Lyon († um 200): (2,22,5 und 3,3,4); Brief an Florinus, in der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea (5,20,5–6) zitiert. Tertullian († nach 220): 32,2. Ignatiusbriefe (zeitliche Ansetzung strittig): Brief an Polykarp; erwähnt wird Polykarp außerdem in den Briefen an die Magnesier und an die Epheser. Eusebius von Caesarea († 339/340): Kirchengeschichte.

Frühdatierung versus Spätdatierung Die Lebensdaten Polykarps werden durch Rückrechnen von seinem Todesdatum gewonnen; je nachdem ob man der Datumsangabe im Martyrium Polycarpi oder der Chronik des Eusebius von Caesarea folgt, differieren die Angaben um etwa zwölf Jahre: Frühdatierung: Ein Nachtrag im Martyrium Polycarpi bietet folgende Datierung: „Der selige Polykarp erlitt das Martyrium am zweiten (Tag) des beginnenden Monats Xanthikos, am 23. Februar …, am großen Sabbat, um die achte Stunde. Er wurde ergriffen von Herodes zur Zeit des Oberpriesters Philippus von Tralles unter dem Prokonsulat des Statius Quadratus.“Martyrium Polycarpi 21. Deutsche Übersetzung: Gerd Buschmann. Zahlreiche Kirchenhistoriker halten diese Angaben für historisch belastbar. Da C. Iulius Philippus von Tralles 149 als Asiarch bezeugt ist und L. Statius Quadratus 142 consul ordinarius war, sein Prokonsulat daher für 155 anzunehmen ist, ergibt sich daraus eine Frühdatierung des Todesdatums Polykarps um 155 n. Chr. Spätdatierung: Eusebius von Caesarea datierte das Martyrium Polykarps in das 7. Regierungsjahr des Kaisers Mark Aurel (167); auch diese Datierung wird oft vertreten.

Henri Grégoire und Paul Orgels argumentieren, dass der Martyriumsbericht eine antimontanistische Tendenz habe und daher nicht vor 170 geschrieben worden sein könne; durch einen Schreibfehler in Eusebius’ Chronicon sei statt des 17. das 7. Jahr Kaiser Mark Aurels (d. h. 177 statt 167 n. Chr.) überliefert worden. Das Martyrium fand demnach im Jahr 177 n. Chr. statt.Henri Grégoire, Paul Orgels: La veritable date du martyre de S. Polycarpe (23. février 177) et le „Corpus Polycarpianum“. In: Analecta Bollandiana, Band 69 (1951), S. 1–38. Silvia Ronchey zufolge starb Polykarp im Jahr 167 den Märtyrertod, aber sein Martyriumsbericht wurde wegen einer generell pro-römischen Tendenz und verschiedenen Anachronismen erst in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts verfasst. Mit dieser Spätdatierung des Martyriumsberichts greift Ronchey einen alten Vorschlag Karl Theodor Keims (Aus dem Urchristenthum, 1878) wieder auf.Silvia Ronchey: Indagine sul Martirio di San Policarpo. Critica storica e fortuna agiografica di un caso giudiziario in Asia minore (= Nuovi Studi Storici, Band 6). Istituto Storico Italiano per il Medioevo, Rom 1990. (Online); Rezensionen: Timothy D. Barnes in: The Journal of Theological Studies, New Series, Band 43 (1992), S. 23 f.; Wilhelm Gessel in: Gnomon, Band 65 (1993), S. 369 f.

Als Polykarp am Ende seines Lebens im Verhör vor dem Prokonsul Statius Quadratus aufgefordert wurde, Jesus Christus zu lästern, antwortete er dem Martyrium Polycarpi zufolge: „Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir kein Unrecht zugefügt; wie kann ich da meinen König verfluchen, der mich erlöst hat?“Martyrium Polycarpi 9,3. Deutsche Übersetzung: Gerd Buschmann. Man nimmt allgemein an, dass diese 86 Jahre nicht ab dem Taufdatum gerechnet sind, sondern die gesamte Lebenszeit meinenGerd Buschmann: Das Martyrium des Polykarp, Göttingen 1998, S. 192. – für die Römische Kaiserzeit hatte Polykarp jedenfalls ein ganz ungewöhnlich hohes Alter erreicht. Bei angenommener Hinrichtung um 155 (Frühdatierung) kommt man so auf ein Geburtsjahr um 69.

Anfänge des Christentums in Smyrna Die Hafenstadt Smyrna stand in römischer Zeit im Schatten der Nachbarstadt Ephesos. Eine christliche Gemeinde in der kleinasiatischen Hafenstadt Smyrna wird weder in den Briefen des Paulus von Tarsus noch in der Apostelgeschichte des Lukas erwähnt; das früheste Zeugnis für ihre Existenz ist die Johannesoffenbarung.Peter Pilhofer: The Early Christian Community of Smyrna, Stuttgart 2011, S. 29–31. Bei ihrer Abfassung war Polykarp „noch zu jung, um eine zentrale Aufgabe in der Gemeinde zu erhalten.“Martin Karrer: Johannesoffenbarung (EKK, Band 24/1). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, S. 301.

Laut der Johannesoffenbarung waren die Christen in Smyrna sozial schwach und arm. Der Verfasser hebt den Gegensatz zwischen der christlichen Gemeinde in Smyrna und einer sogenannten „Synagoge (wörtlich: Versammlung) des Satans“ hervor. Ihre Mitglieder bezeichneten sich demnach als Juden, aber ohne es zu sein. Der älteren Forschung zufolge ist damit die jüdische Gemeinde von Smyrna gemeint, die dem Christentum feindlich gesonnen gewesen sei. Die Schwierigkeit dieses Erklärungsmodells ist, dass die Smyrnaer Juden sich nicht nur selbst Juden nannten, sondern selbstverständlich auch von ihrer Umwelt so genannt wurden. Dies kann eine in der neueren Forschung vertretene Interpretation erklären: Laut Martin Karrer handelt es sich dabei nicht um die jüdische Synagogengemeinde, sondern um eine Gruppe von Smyrnaern, die „den jüdischen Monotheismus pflegten und sich deshalb sozial Juden nennen wollten, ohne die Propria der christlichen Gemeinde zu teilen.“Martin Karrer: Johannesoffenbarung (EKK, Band 24/1). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, S. 304; Peter Pilhofer: The Early Christian Community of Smyrna, Stuttgart 2011, S. 32 f.

In der Johannesoffenbarung wird den Christen von Smyrna angekündigt, dass sie eine wenige Tage dauernde Verfolgung durchstehen müssten, bei der auch einige Mitglieder ins Gefängnis geworfen würden. Eine so kurze Haft schließt aber aus, dass den Christen schwere Delikte vorgeworfen wurden.Martin Karrer: Johannesoffenbarung (EKK, Band 24/1). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, S. 305 f.

Polykarps Leitung der Smyrnaer Ortskirche Der aus Smyrna stammende Irenäus von Lyon hatte Polykarp in seiner frühen Jugend persönlich kennengelernt. In Adversus haereses schrieb er, Polykarp sei von den Aposteln unterrichtet und von diesen „in der Kirche von Smyrna als Bischof von Asien eingesetzt worden.“Irenäus von Lyon: Adversus haereses 3,3,4 (sed etiam ab apostolis in Asia in ea quae est Smyrnis ecclesia constitutus episcopus). Deutsche Übersetzung: Norbert Brox (Fontes Christiani, Band 8/3). mini|Brief des Ignatius an Polykarp im Codex Mediceo-Laurentianus 57,7, fol. 243v Die Ignatiusbriefe (mittlere Rezension) entwerfen folgendes Bild: Ignatius, der Bischof der syrischen Metropole Antiochia am Orontes, wurde von den römischen Behörden verhaftet und zum Tode verurteilt; zur Hinrichtung wurde er als Gefangener nach Rom überstellt. Römisches Militär brachte ihn auf dem Landweg durch Kleinasien. In Smyrna legte der Gefangenentransport einen Zwischenaufenthalt ein. Hier traf Ignatius den Ortsbischof Polykarp und schrieb mehrere Briefe an kleinasiatische Gemeinden. Weiter ging es nach Troas, von wo aus Ignatius sowohl an die Gemeinde in Smyrna als auch separat an deren Bischof Polykarp schrieb. Eine spätere Station des Gefangenentransports war Philippi in Makedonien. Hier beauftragte Ignatius die örtliche Christengemeinde, einen Brief an die syrischen Christen (also wohl an die Ortskirche in Antiochia) zu verfassen und diesen an Bischof Polykarp von Smyrna zu schicken, der für die Weiterleitung des Briefes nach Syrien sorgen werde. Der Brief des Polykarp an die Philipper schließt an diese Situation an: Polykarp hatte demnach den Brief der Philipper nach Syrien zur Weiterleitung erhalten; in ihrem Begleitschreiben baten sie um Unterweisung über das Thema der Gerechtigkeit, aber auch um Kopien der von Ignatius an kleinasiatische Gemeinden verfassten Briefe. Polykarp schickte der christlichen Gemeinde in Philippi zusammen mit seinem eigenen Antwortbrief jene sieben Ignatiusbriefe, die von einem Teil der Forschung als authentisch betrachtet werden.Thomas Johann Bauer, Peter von Möllendorff: Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Die Briefe des Ignatios von Antiochia. De Gruyter, Berlin / Boston 2018, S. 3–5. In der Welt der Ignatiusbriefe (ob real oder literarische Fiktion) ist die Ortskirche von Smyrna geradezu das christliche Zentrum der Provinz Asia. Er hat zu Polykarp als dem Ortsbischof ein so enges Verhältnis, dass er einen seiner sieben Briefe an ihn adressiert (Brief des Ignatius an Polykarp), er grüßt einzelne Familien und weitere persönliche Bekannte in Smyrna. Während die Ignatiusbriefe mehrfach vor Ioudaismos warnen, spielt dieses Thema in der Korrespondenz mit Smyrna keine Rolle.Peter Pilhofer: The Early Christian Community of Smyrna, Stuttgart 2011, S. 34.