hochkant|mini|Eine japanische Wallfahrerin beim Iwamoto-ji auf dem Shikoku-Pilgerweg Eine Wallfahrt (von „wallen“, in eine bestimmte Richtung ziehen, „fahren“, unterwegs sein) oder Pilgerfahrt, , auch Kirchfahrt,Kirchfahrt (Deutsches Rechtswörterbuch) ist das Zurücklegen eines Pilgerweges zu Fuß oder mit einem Transportmittel, an dessen Ziel eine Pilgerstätte besucht wird. Sie kann unternommen werden, um ein religiöses Gebot, eine Buße oder ein Gelübde zu erfüllen oder in der Hoffnung auf die Erhörung eines Gebets und wird auch als Pilgerreise, Pilgerfahrt, Betfahrt und im Islam als Haddsch oder Ziyāra bezeichnet.

Bei einer Wallfahrt steht nicht der Weg, sondern das Ziel im Vordergrund, in der Regel ein Heiligtum. Bei einer Prozession hingegen steht der Vorgang des Schreitens als „kollektive Gebärde einer Kultgemeinde“, oft als Abschreiten oder Umschreiten (vgl. Pradakshina), im Mittelpunkt.Wolfgang Brückner: Kulturtechniken. Nonverbale Kommunikation, Rechtssymbolik, Religio carnalis. Würzburg 2000, zitiert bei: Dieter J. Weiß: Prozessionsforschung und Geschichtswissenschaft. In: Jahrbuch für Volkskunde N.F. 27 (2004), S. 63–79, hier S. 63f., Anm. 5.

In früheren Jahrhunderten hatte die Wallfahrt asketischen Charakter, denn Fernreisen waren gefährlich. Dies ist durch moderne Transportmittel und touristische Infrastruktur in der Regel nicht mehr der Fall. Daher gewinnen die rituellen Handlungen am Ziel an Bedeutung. Religiös motiviertes Reisen im weiteren Sinn wird auch als Religionstourismus bezeichnet., hier S. 409.

Vor- und frühgeschichtliches Europa Vermutlich gab es bereits in der Vorgeschichte überregionale Kultzentren, sowohl Berge und andere Landschaftsformen, die die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zogen, als auch die monumentalen Steinsetzungen der Megalithkultur. In diesem Sinn werden beispielsweise die Steinritzungen in Valcamonica und auf dem Mont Bégo als Zeugnisse vorgeschichtlicher Wallfahrten gedeutet., hier S. 410. In der Eisenzeit sind überregionale Kultzentren für verschiedene Kulturen bezeugt. In Irland war der Hill of Uisneach ein solcher keltischer Wallfahrtsort, an dem die Jahresfeste gemeinsam begangen wurde. Die germanischen Thingstätten galten als heilige Orte, an denen Opfer für die Götter dargebracht wurden, so Uppsala in Schweden und Lejre in Dänemark.

Alter Orient Das Grab des Osiris in Abydos war seit dem Mittleren Reich ein bedeutender ägyptischer Wallfahrtsort. Aus hellenistischer und römischer Zeit ist bezeugt, dass das Sarapisheiligtum in Memphis und das Isisheiligtum auf der Nilinsel Philae Ziel zahlreicher Pilger waren, die dort oft ein Orakel suchten. Ein weiteres Orakel, das des Ammon, befand sich in der Oase Siwa. Die Tempel wurden von großen Menschenmengen anlässlich der Jahresfeste der Gottheiten besucht; Herodot berichtet dies vom Bastet-Heiligtum in Bubastis.

Griechische und römische Antike Wallfahrten gab es auch bei den antiken Griechen und Römern, die aus religiösen Gründen ferne Tempel oder Heilige Städte (griechisch: Hierapolis) besucht hatten, beispielsweise die alljährliche Prozession zu den Mysterien von Eleusis auf der Hiera Hodos. Der populärste Wallfahrtsort Kleinasiens war Ephesus, wo das „vom Himmel gefallene“ Kultbild der Artemis im Zentrum der Verehrung stand. Diese Göttin galt als Helferin in verschiedenen Notlagen, besonders bei der Geburt. Auch im griechisch-römischen Raum veranlasste die Orakelerteilung die Menschen zu Wallfahrten. Man begab sich deshalb beispielsweise zu Apollonheiligtümern (Delphi, Klaros, Didyma, Seleukia) oder zur Zeuseiche nach Dodona. Der antike Pilgerbetrieb erreichte in der Kaiserzeit (2. Jahrhundert n. Chr.) seinen Höhepunkt. Ziel der Pilger waren sowohl Tempel von Gottheiten (zum Beispiel Poseidon in Tinos) als auch Heroengräber und charismatische Persönlichkeiten wie Alexander von Abonouteichos.

Judentum Tanach mini|alt=|Rekonstruierter Innenraum des Zeltheiligtums (Mischkan) nach den Anweisungen der Tora, Modell von Michael Osnis. Die Einrichtung des Hechal im Zweiten Tempel ist damit praktisch identisch: vorne der Altar für das Weihrauchopfer, dahinter der Siebenarmige Leuchter (Menora) und der aufgrund der gestapelten Brote turmartig wirkende Schaubrottisch. Im Hintergrund der Vorhang des Allerheiligsten (). Die Tora kennt drei jährliche Wallfahrtsfeste: Pessach, Schawuot und Sukkot. Sie sind als Erntefeste mit dem Besuch des Jerusalemer Tempels und dem darbringen von Abgaben verbunden. Den höchsten Stellenwert hat Sukkot, das im Tanach auch als „das Wallfahrtsfest“ () schlechthin bezeichnet werden kann (Beispiel: )., hier S. 416. Die sogenannten Wallfahrtspsalmen (Psalm 120–134) wurden von den Leviten im Jerusalemer Tempel am ersten Tag des Sukkotfestes bei der Lichtfeier im Frauenvorhof des Tempels gesungen.Mischna Sukka 5,4.

Der Besuch des Heiligtums an den drei Wallfahrtsfesten („Erscheinen vor JHWH“) war für jüdische Männer verpflichtend, für Frauen und Kinder freiwillig., hier S. 417. In der Realität besuchte ein Einwohner des Landes Israel wohl einmal jährlich den Tempel; Angehörige der jüdischen Diaspora konnten womöglich nur einmal in ihrem ganzen Leben nach Jerusalem pilgern, so die Vermutung von Gerbern S. Oegema.

Hellenistische und frührömische Zeit Zum Beginn unserer heutigen Zeitrechnung hatte die Wallfahrt im Judentum eine herausragende Bedeutung. Die Pilger kamen aus Judäa, Galiläa, vom Mittelmeer und vom See Genezareth – weiterhin aus Ägypten, Äthiopien und Babylonien. Das zur Zeit des Römischen Reiches 40.000 Einwohner zählende Jerusalem wurde an den drei Wallfahrtsterminen und an den jeweils sieben Tage dauernden Festen mit einem Vielfachen an Pilgern bevölkert, die oft nur in Laubhütten in Innenhöfen oder auf Flachdächern eine Herberge fanden.Gesa Gottschalk: Artikel Im Zentrum des Glaubens. In: Geo Epoche, Heft 45: Das Heilige Land. Gruner + Jahr, Hamburg 2010, ISBN 978-3-570-19910-7.

Auch Gräber bedeutender Personen (Patriarchen, Könige, Propheten, später auch Märtyrer und Rabbinen) wurden in dieser Zeit zu Wallfahrtsorten (vgl. die Vitae Prophetarum); ihre Bedeutung steigerte sich nach dem Verlust des Tempels.

Im Neuen Testament ist die Teilnahme an der Wallfahrt zum Jerusalemer Tempel für Jesus und seine Anhänger selbstverständlich vorausgesetzt. In den Evangelien sind diese Besuche Jesu im Tempel für die Struktur der Erzählung wichtig und werden theologisch gedeutet. Dabei wird das Pessachfest besonders herausgehoben., hier S. 418.

Nach der Tempelzerstörung (70 n. Chr.) Bestimmungen, die vor der Tempelzerstörung für die Pilger galten, wurden von den Gelehrten der Mischna im Traktat Chagiga (um 200 n. Chr.) festgehalten.

In den Jahrhunderten nach der Tempelzerstörung waren der Zugang zum Tempelberg wie auch nach Jerusalem für Juden nur zeitweise möglich. Die rabbinische Literatur enthält Hinweise darauf, dass es bei diesen Jerusalembesuchen Rituale der Trauer (Zerreißen des Gewands, Fasten) gab, die aber nicht religionsgesetzlich fixiert wurden. Das Itinerarium Burdigalense, ein christlicher Pilgerbericht aus dem 4. Jahrhundert, enthält die Information, dass Juden jährlich an Tischa be-Aw einen durchbohrten Stein auf dem Tempelberg salbten., hier S. 421.

Nach der islamischen Eroberung Jerusalems Die frühe arabische Zeit erleichterte für Juden die Wallfahrt nach Jerusalem. Die Rituale dieser Pilger sind durch Autoren des 10. und 11. Jahrhunderts dokumentiert (Gaon Ben Meir II., Gaon Solomon ben Jehuda und Elija ben Menaḥem). Demnach war der eigentliche Pilgertermin in jener Zeit Hoschana Rabba (= 7. Tag der Sukkot-Festwoche). Ausgehend vom sogenannten Priestertor, zog eine Prozession betend um den Tempelberg, vorbei an allen Tempeltoren, und dann zum Ölberg, wo ein Stein als „Fußschemel unseres Gottes“ verehrt wurde. Man glaubte, dass hier die göttliche Gegenwart (Schechina) nach der Tempelzerstörung zuletzt verweilt habe, bevor sie in den Himmel aufgestiegen sei. Der Stein wurde umkreist und dabei Litaneien rezitiert., hier S. 421f.

Die Kreuzfahrer beanspruchten den Ölberg für das Christentum, so dass jüdische Pilger auf einzelne Stationen im Raum Jerusalem auswichen, wo sie um den Tempel trauerten und auf seine Wiedererrichtung in der messianischen Zeit warteten. In dieser Zeit besuchten auch jüdische Pilger das Heilige Land und hinterließen Itinerarien, die zahlreiche jüdische Wallfahrtsorte bezeugen: die Höhle Machpela (Hebron), das Rahelgrab nahe Bethlehem, Gräber bedeutender Rabbiner in Galiläa. Außerhalb des Landes Israels kamen weitere Pilgerziele hinzu, neben verehrten Gräbern auch Synagogen, die teils mit biblischen Personen wie Mose oder Esra legendarisch in Verbindung gesetzt wurden, teils besonders alte Torarollen und Bücher hüteten.

Im 15. Jahrhundert hatte sich eine festgelegte Route für die Gräberwallfahrt herausgebildet:, hier S. 422.

Jerusalem und die Patriarchengräber in Hebron an Pessach oder Schawuot; die Gräber von Hillel und Schammai in Meron am 15. Ijjar, das Grab des Propheten Samuel in Rama am 28. Ijjar.

Im 16. Jahrhundert wurde Safed zum Zentrum von Kabbalisten. Da ein Hauptwerk der Kabbala, der Sohar, dem im 2. Jahrhundert lebenden Gelehrten Schimon bar Jochai zugeschrieben wurde, entwickelte sich dessen Grab in Meron zum Wallfahrtsziel, insbesondere an seinem Todestag, dem 18. Ijjar (Lag baOmer). Man konnte dort kabbalistischen Studien nachgehen, aber zum Beispiel auch um Regen beten.

Im späten 19. Jahrhundert gewann das Rahelgrab bei Bethlehem als Pilgerziel an Bedeutung, „indem der Mythos der über das Schicksal ihrer exilierten Kinder weinenden Rachel … ihr Grab zum Symbol nationaler Identität wie auch zum zentralen Fruchtbarkeits-Schrein für Frauen werden ließ: ihr Tod bei der Geburt Benjamins wurde mit den Leiden des Exils, ihre glücklichen Schwangerschaften mit der nationalen Wiedergeburt assoziiert.“

Rabbinische Bestrebungen suchten in der nachfolgenden Geschichte religiöse Wallfahrtstraditionen, wie potenzielle Heiligenverehrungen, Götzendienste und Grabkulte zu verdrängen.

Heutige Situation Der Besuch der Klagemauer (siehe auch Tempelberg) wird im jüdischen Glauben heute nicht als Wallfahrt verstanden.

Die im Maghreb übliche Form der Heiligenverehrung wurde von marokkanischen Juden mit nach Israel gebracht; dadurch stieg die Pilgerzahl an den Heiligengräbern in Israel bzw. im Westjordanland weiter an. Auch neue Wallfahrten (Hilulot) zu Gräbern jüdischer Heiliger bildeten sich heraus: in Netiwot zum Grab des Baba Sali, in Be’er Scheva zum Grab des Rabbiners Isaak Ben Walid., hier S. 422f.

Die im 19. Jahrhundert im Chassidismus populär gewordene Wallfahrt zu Rabbinergräbern in Osteuropa nimmt seit den 1990er Jahren einen erneuten Aufschwung. Beispiele sind das Grab des Rabbi Nachman in Uman oder des Baal Shem Tov in Medschybisch. Bei der Massenpanik auf dem Har Meron am Grab von Rabbi Schimon ben Jochai 2021 mit mindestens 45 Toten und 150 Verletzten, ereignete sich die schwerste zivile Katastrophe mit den meisten Toten in der Geschichte des Staates Israel.

Auch die Al-Ghriba-Synagoge von Djerba in Tunesien zählt zu den jüdischen Wallfahrtszielen.

Christentum Spätantike Die frühe Christenheit der ersten beiden Jahrhunderte lehnte das Wallfahrtswesen im Unterschied zu ihrer paganen und jüdischen Umwelt ab., hier Sp. 1283. Für das 2. Jahrhundert gibt es Hinweise darauf, dass einzelne Christen die Gräber von Märtyrern in außerstädtischen Coemeterien, also in ihrem Nahbereich, besuchten. Im 4. Jahrhundert blühte das christliche Pilgern gleich mehrfach auf:, hier S. 425.

Märtyrergräber entwickelten sich aufgrund bischöflicher Förderung zu Pilgerzielen; Wüstenväter und -mütter in Ägypten, Palästina und Syrien wurden von ratsuchenden Menschen aufgesucht; Das Heilige Land wurde durch kaiserliche Bauprogramme (Jerusalem, Bethlehem, Hebron) zur Pilgerlandschaft, die den Besuchern durch eine entsprechende Literatur oder örtliche Führer erklärt wurde.