mini|Beate Klarsfeld (2015)
Beate Auguste Klarsfeld (* 13. Februar 1939 in Berlin als Beate Auguste Künzel) ist eine deutsch-französische politische Aktivistin. Bekannt wurde sie durch die Ohrfeige gegen den 1966 zum neuen deutschen Bundeskanzler gewählten Kurt Georg Kiesinger (CDU) sowie zusammen mit ihrem französischen Mann Serge Klarsfeld durch ihr Engagement bei der Aufklärung und Verfolgung von NS-Verbrechen. Zusammen mit ihrem Mann hat sie mit detaillierten Dokumentationen auf zahlreiche unbehelligt lebende nationalsozialistische Täter hingewiesen: Kurt Lischka, Alois Brunner, Klaus Barbie, Ernst Ehlers, Kurt Asche u. a. Im März 2012 kandidierte Klarsfeld für Die Linke bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten gegen Joachim Gauck, dem sie mit 126 zu 991 Stimmen unterlag.
Leben Herkunft Sie ist das einzige Kind von Helene (geb. Scholz) und Kurt Künzel, der Versicherungsangestellter war. Die Eltern waren laut Klarsfeld keine Nazis, hatten jedoch für Hitler gestimmt. Der Vater wurde im Sommer 1939 zur Infanterie eingezogen. Ab Sommer 1940 kämpfte seine Einheit in Frankreich und wurde im Sommer 1941 an die Ostfront verlegt, von wo er im folgenden Winter wegen einer doppelseitigen Lungenentzündung nach Deutschland versetzt und im Folgenden als Buchhalter eingesetzt wurde. Beate Künzel verbrachte einige Monate in Łódź bei ihrem Paten, der ein nationalsozialistischer Beamter war. Die Wohnung in Berlin wurde ausgebombt und Beate Künzel mit ihrer Mutter von Verwandten in Sandau (heute Polen) aufgenommen. Im Jahr 1945 kam dorthin auch der Vater nach seiner Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft. Haus und Besitz in Sandau wurden durch die polnischen Behörden enteignet und die Familie vertrieben. Beate Künzel kehrte nach Berlin zurück. Ab dem Alter von ungefähr vierzehn Jahren begann sie sich häufig mit ihren Eltern zu streiten, weil diese sich nicht für die NS-Zeit verantwortlich fühlten, die ihnen widerfahrenen Ungerechtigkeiten und materiellen Verluste bedauerten, die Sowjets anklagten, aber selbst kein Mitleid für andere Länder empfanden.
Übersiedelung nach Paris mini|Klarsfeld mit ihrem Ehemann Serge in Jerusalem (2007)
1960 ging Beate Künzel für ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach Paris. Nach eigenem Bekunden waren ihr damals „Politik und Geschichte vollkommen fremd“.„Die Ohrfeige war eine Befreiung.“ SPIEGEL-Gespräch, in: Der Spiegel, Nr. 46, 7. November 2015, S. 148–152. Doch wurde sie in Paris mit den Folgen des Holocaust konfrontiert. 1963 heiratete sie den französischen Rechtsanwalt und Historiker Serge Klarsfeld, dessen Vater der Judenverfolgung zum Opfer gefallen und in Auschwitz ermordet worden war. Nach Beate Klarsfelds Worten hat ihr Mann ihr geholfen, „eine Deutsche mit Gewissen und Bewusstsein zu werden“.
Zwei Kinder gingen aus der Ehe hervor: Arno David (* 1965) und Lida Myriam (* 1973). Nach wechselnden Anstellungen arbeitete sie ab 1964 als Sekretärin beim gerade entstandenen Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW). Dort veröffentlichte sie den Ratgeber Deutsche Mädchen au pair in Paris. Während eines unbezahlten Urlaubsjahres nach der Geburt ihres Sohnes beschäftigte sich Klarsfeld zunehmend mit feministischer Literatur und der Frauenemanzipation in Deutschland. Ende 1966 zog sie mit ihrer Familie, ihrer Schwiegermutter und der dreiköpfigen Familie von Serges Schwester in eine gemeinsame Wohnung.Beate Klarsfeld: Whereever they may be, 1972, Seite -21.
Aktionen gegen Kiesinger Anlässlich eines Parisbesuchs des im Jahr 1966 zum neuen deutschen Bundeskanzler gewählten Kurt Georg Kiesinger (CDU) nahm Klarsfeld, die damals Auslandsmitglied der SPD war, in einem Diskussionsbeitrag für die französische Zeitung Combat vom 14. Januar 1967 gegen Kiesingers Kanzlerschaft, aber für dessen Außenminister Willy Brandt (SPD) Stellung. Es folgten weitere Artikel für Combat im März und am 27. Juli des Jahres. Unter anderem hielt sie Kiesinger vor, sich „bei den Reihen der Braunhemden“ einen „ebenso guten Ruf“ verschafft zu haben „wie in denen der CDU“. Daraufhin wurde ihr Ende August 1967 vom Deutsch-Französischen Jugendwerk gekündigt. Die formale Begründung der Entlassung war, dass sie "gegen das Personalstatut der Treuepflicht" verstoßen habe; vgl. Süddeutsche Zeitung v. 3. Juli 2019, S. 4: Nadia Pantel, Beate Klarsfeld. Die Klarsfelds beschlossen, gegen die Entscheidung juristisch anzugehen, und starteten eine publizistische Kampagne gegen Kiesinger.Sascha Lehnartz: (Internet-Archiv, 17. November 2010), Welt, 13. Februar 2009
Um auf Kiesingers nationalsozialistische Vergangenheit hinzuweisen, initiierte Beate Klarsfeld eine Kampagne mit verschiedenen öffentlichen Aktionen. Kiesinger hatte sich Ende Februar 1933 als Mitglied der NSDAP eintragen lassen und war seit 1940 im Außenministerium zum stellvertretenden Leiter der rundfunkpolitischen Abteilung aufgestiegen, die für die Beeinflussung des ausländischen Rundfunks verantwortlich war. Kiesinger war hier für die Verbindung zum Reichspropagandaministerium zuständig. Klarsfeld warf Kiesinger vor, Mitglied im Verwaltungsrat der Interradio AG gewesen zu sein, die ausländische Radiosender zu Propagandazwecken aufkaufte. Darüber hinaus sei er ein Hauptverantwortlicher für die Inhalte des deutschen Auslandsrundfunks gewesen, welche antisemitische Propaganda und Kriegspropaganda umfassten, und habe eng mit den SS-Funktionären Gerhard Rühle und Franz Alfred Six, der direkt für Massenmorde in Osteuropa verantwortlich war, zusammengearbeitet. Kiesinger habe die antisemitische Propaganda auch dann noch fortgesetzt, nachdem er von den Morden an Juden wusste., Kapitel aus: Beate Klarsfeld: Whereever they may be, 1972, Seite 26–35. Diese Vorwürfe stützten sich zum Teil auf Dokumente, die das für die Aufarbeitung der Kriegs- und Naziverbrechen und Agitation zuständige Mitglied im SED-Politbüro, Albert Norden, veröffentlicht hatte.
Klarsfeld rief Kiesinger am 2. April 1968 im Bonner Bundestag von der Besuchertribüne „Nazi, tritt zurück!“ zu und wurde abgeführt, aber alsbald freigelassen. Einer archivierten Gesprächsnotiz zufolge reiste sie Ende April 1968 nach Ost-Berlin, um dort mit dem Nationalrat, dem obersten Gremium der Nationalen Front, „über die Vorbereitung einiger Aktionen gegen Kiesinger zu beraten und entsprechende Unterstützung zu erhalten“. Am 9. Mai sollte in West-Berlin eine Protestveranstaltung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) „über die Nazi-Vergangenheit Kiesingers stattfinden“. Eine Pressekonferenz war für den 10. Mai vorgesehen. Am 14. Mai wollte Klarsfeld in Paris ein „Kiesinger-Colloquium“ organisieren. Die West-Abteilung des SED-Zentralkomitees setzte umgehend den Vorsitzenden Walter Ulbricht über die Pläne Klarsfelds in Kenntnis. Daraufhin wurde der Nationalrat angewiesen, „Frau Klarsfeld jede sachdienliche Hilfe zu gewähren“. Sie wurde schließlich beim Druck einer Broschüre in einer Auflage von 30.000 Stück unterstützt, jedoch nicht wie von ihr gewünscht finanziell.Jochen Staadt: Bundespräsidenten-Kandidatin Klarsfeld – Besuch der alten Dame In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 4. März 2012. Auf der Veranstaltung am 9. Mai im Audimax der Technischen Universität Berlin führten Klarsfeld, Günter Grass, der Kiesinger 1966 in einem offenen Brief zum Rücktritt aufgefordert hatte, Johannes Agnoli, Ekkehart Krippendorff, Jacob Taubes und Michel Lang vom studentischen „Jüdischen Arbeitskreis für Politik“ vor 2000 bis 3000 Studenten eine Podiumsdiskussion. Grass wurde vor Beginn seiner Rede zunächst aus dem Publikum ausgepfiffen. Klarsfeld, die Kiesinger als Hauptgefahr für Deutschland darstellte und die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) als rechten Flügel der CDU bezeichnete, versprach den Anwesenden, ihn öffentlich ohrfeigen zu wollen. Auch sie wurde für ihre Äußerungen von Vertretern des SDS und einem Teil des Publikums nicht ernst genommen und ausgelacht. Grass’ These, ein Rücktritt Kiesingers sei Voraussetzung für eine effiziente Bekämpfung der NPD, widersprachen Agnoli und Krippendorff.Philipp Gassert: Kurt Georg Kiesinger, 1904–1988. DVA, 2006. Die Versammlung nahm mit einer 3/4-Mehrheit eine Resolution an, die Kiesinger zum Rücktritt aufforderte.Beate Klarsfeld: Whereever they may be, 1972, Seite -47. Grass lehnte Klarsfelds Vorhaben einer Ohrfeige ab.Ronald Düker: , Interview mit Beate Klarsfeld, Netzzeitung, 2. September 2005
Kiesinger gab Mitte 1968 als Zeuge in einem Gerichtsprozess an, bis 1942 nicht von der Ermordung der Juden gehört und Meldungen aus dem Ausland hierzu erst gegen Ende 1944 geglaubt zu haben. Während des CDU-Parteitags in West-Berlin am 7. November 1968 bestieg Klarsfeld das Podium der Berliner Kongresshalle, ohrfeigte Kiesinger und rief: „Nazi, Nazi, Nazi!“Beate Klarsfelds privater Feldzug. In: Die Zeit, Nr. 17/1969. Hans-Helmut Kohl: Im Namen des Gewissens. Frankfurter Rundschau, 8. Dezember 2004. Wenige Tage nach der Tat äußerte sie gegenüber dem Spiegel, dass sie die Ohrfeige bereits am 9. Mai 1968 geplant und lange vorbereitet habe. Sie habe damit zum Ausdruck bringen wollen, dass sich ein Teil des deutschen Volkes – insbesondere die Jugend – dagegen auflehnt, dass ein Nazi an der Spitze der Bundesregierung steht.Amtsgericht Tiergarten, Urteil vom 7. November 1968, . Berlin sei als Schauplatz der Aktion ausgesucht worden, weil Beate Klarsfeld und ihr Mann erwarteten, dass sie wegen des Viermächte-Status der Stadt als französische Staatsbürgerin nur milde bestraft würde.