mini|Parusie-Darstellung auf einem Türsturz (11. Jh.) mini|Parusie-Darstellung als Elfenbein-Schnitzerei (13. Jh.) mini|Der in der Parusie wiedergekehrte Christus, der zum Jüngsten Gericht erscheint; Altarbild von Lucas Cranach dem Älteren Parusie bedeutet wörtlich „[Da]beisein“ oder „[Da]nebensein“ ( „Gegenwart, Anwesenheit“, von „[da]bei, [da]neben“ und „[Da-]Sein, Wesen“Hermann Menge, Griechisch-deutsches Wörterbuch Altgriechisch-Deutsch. 42., verb. Auflage. Langenscheidt, Berlin 1985, S. 323, 330.). In der hellenistischen Philosophie beschreibt das Wort ursprünglich das wirksame Gegenwärtigsein von Gottheiten und Herrschern. Platon bezeichnet damit die Anwesenheit bzw. Gegenwart der Ideen in den Dingen.

In der Bibel und im Christentum wird die endzeitliche Wiederkunft Jesu Christi, ( für „Ankunft des Herrn“), als Parusie bezeichnet. Das Wort parousía ist 24-mal in den neutestamentlichen griechischen Schriften belegt.In Mat 24:3, 27, 37, 39; 1Ko 15:23; 16:17; 2Ko 7:6, 7; 10:10; Php 1:26; 2:12; 1Th 2:19; 3:13; 4:15; 5:23; 2Th 2:1, 8, 9; Jak 5:7, 8; 2Pe 1:16; 3:4, 12; 1Jo 2:28.

Als Parusieverzögerung wird in der christlichen Theologie das Ausbleiben der Wiederkunft Christi bezeichnet. Sie wird in mehreren Schriften des Neuen Testaments thematisiert und auf verschiedene Weise gedeutet.

Biblische Quelle mini|Eines von zahlreichen Diagrammen, das den Versuch unternimmt, die Parusie neben den anderen Themen der Endzeit zu verorten und auf einem Zeitstrahl zu lokalisieren. Die Parusie als zweites Erscheinen Christi erfolgt hier nach der Großen Trübsal, aber vor dem Tausendjährigen Reich (dem Millennium) und zugleich vor dem Endgericht. Weitere denkbare Modelle für den Zeitpunkt der Parusie sind beispielsweise Jesu zweites Kommen schon vor der Großen Trübsal oder auch erst nach dem Tausendjährigen Reich (siehe Postmillenarismus). In den biblischen Quellen wird die Parusie von verschiedenen anderen Vorstellungen und Themen flankiert. Dazu gehört etwa: die Vorstellung von der Endzeit, vom Ende der Weltgeschichte, vom Weltuntergang und den Bildern einer Apokalypse die Phase einer Großen Trübsal vor der Parusie die chiliastische Vorstellung von einem Tausendjährigen Reich im Millenarismus und Prämillenarismus mit Erscheinen des Antichristen das Hoffnungsbild einer Naherwartung in der Kirche und Gemeinde die Vorstellung vom göttlichen Endgericht, Weltgericht oder Jüngsten Gericht die Bilder, die sich mit der Eschatologie verbinden bis hin zu den Vier letzten Dingen, wobei vor allem die Auferstehung der Toten und der Zweite Tod anklingen.

Es geht bei der Parusie immer auch um die Wiederkehr Christi als Gottessohn als Menschensohn als Davidsohn als Messias in der Rolle eines endzeitlichen Heilsbringers und Erlösers. Dieses Ineinander der Begriffe und Vorstellungen ergibt am Ende ein breites und komplexes Bild im Blick auf die Parusie Christi.

Altes Testament Im Alten Testament finden sich bereits zahlreiche Hinweise auf ein Jüngstes Gericht, wobei hier besonders die Psalmen und das Buch Daniel zu nennen sind. Innerhalb der alttestamentlichen Schriften lässt sich ein Wandel von einer vom Volk Israel ausgehenden Vorstellung eines Weltgerichts, das exklusiv die Feinde Israels betrifft, hin zu einem umfassenden, für alle Menschen verbindlichen göttlichen Strafgericht erkennen. Damit ist die Basis gelegt für die differenzierte und heilsgeschichtlich relevante Ausformung des Themas in den beiden neutestamentlichen Hauptquellen, die die Vorstellung des Jüngsten Gerichts vor allem geprägt haben: dem Matthäus-Evangelium und der Apokalypse des Johannes.

Natürlich fehlt im Alten Testament der konkrete Gedanke an eine Wiederkunft Christi. Allerdings findet sich die Vorstellung der Erscheinung eines endzeitlichen Menschensohns, was dann im Neuen Testament seinen Widerhall findet:

: Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, wo ihr es nicht meint. und Parallelstellen: Und dann wird man den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit. (indirektes Zitat von ) : Jesus sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen.

Spätschriften und frühjüdische Quellen Daneben finden sich zahlreiche frühjüdische Quellen zum Thema Parusie: Dazu gehört das um 170 bis 120 v. Chr. entstandene Buch Henoch. Es ist die älteste jüdische Schrift mit eschatologischem Inhalt überhaupt und schildert bereits ausführlich Gericht und Jenseits.

Neues Testament Die präzise Schilderung des Jüngsten Gerichts im Matthäus-Evangelium () stellt eine der wichtigsten neutestamentlichen Quellen dar. Darüber hinaus finden sich etwa in den Gleichnissen aller Evangelien fast durchgehend Gerichtsmetaphern, so beispielsweise in ; , wo am Erntetag die Spreu vom Weizen getrennt werde. Vor allem im Matthäus-Evangelium liegt der Fokus dabei auf einer gewissen Werkgerechtigkeit: barmherzige Taten sind geeignet, das Urteil beim Jüngsten Gericht günstig für den Einzelnen zu beeinflussen.

Diese klare Ethik wird in der Johannesapokalypse relativiert. Hier überschneidet sich die Idee des Jüngsten Gerichts mit der zweiten eschatologischen Vision des Christentums: dem Tausendjährigen Friedensreich Christi. Satan wird für tausend Jahre gefesselt werden und Christus wird zum ersten Mal wiederkommen, um während dieses Millenniums gemeinsam mit den Heiligen zu herrschen. Erst danach wird die zweite Wiederkehr Christi stattfinden, bei der er alle Lebenden und Toten zum Jüngsten Gericht ruft (). In der Apokalypse ist das Jüngste Gericht demnach Schlussstein einer gänzlich anderen eschatologischen Erzählung, in der der Teufel oder Antichrist als beständiger Versucher mit erheblicher Macht ausgestattet wird und das Heilsschicksal des Einzelnen in diesem kosmischen Kampf in den Hintergrund tritt.

Wer wird gerichtet?

Seit Beginn des Christentums stellten sich die Gläubigen immer wieder die Frage, ob denn alle Menschen vor den Richter treten müssten. Die Theologen beriefen sich in ihren Antworten dabei stets auf zwei Passagen der Bibel, die unterschiedliche Auskunft darüber geben. Im Matthäus-Evangelium wird nur zwischen Guten und Bösen unterschieden. Alle werden beim Jüngsten Gericht nach ihren Taten beurteilt und dann entweder ins Paradies oder in die Hölle geschickt werden. Diese Stelle bezieht sich dem Wortlaut nach allerdings auf „die Völker“, mithin auf Personen, denen das Evangelium noch nicht gepredigt worden ist. Diese Leute werden nach der Frage beurteilt: Haben sie die Taten der Liebe getan?

Anders ist der Maßstab bei denen, die reichlich Gelegenheit hatten, Jesus Christus kennenzulernen: Insofern ist das Jüngste Gericht im Johannes-Evangelium beschrieben. Hier entgehen die Nachfolger Jesu, die Gläubigen und Bekehrten dem Gericht:

Zeitpunkt

Im Frühchristentum der ersten zwei bis drei Jahrhunderte nach der Zeitenwende wurde – aufgrund entsprechender Aussagen im Neuen Testament – die zweite Ankunft Christi für zeitlich nah erhofft, was als Naherwartung bezeichnet wird. In frühchristlicher Zeit drückte das Wort Maranatha diese baldige Erwartung Jesu Christi nach seiner Himmelfahrt aus.

Mehrere Aussagen im Neuen Testament legen ein Wiederkommen Jesu innerhalb sehr kurzer Zeit nahe. So schreibt z. B. Paulus im 1. Thessalonicherbrief:

Demnach scheint Paulus zu erwarten, Jesu Wiederkommen noch zu eigenen Lebzeiten zu erleben. Diesen Brief schrieb er ungefähr 50 n. Chr., also zwanzig Jahre nach dem öffentlichen Wirken Jesu. Andere Aussagen des Paulus in den 50er Jahren wirken eher so, dass er mit seinem Sterben vor der Ankunft Jesu rechnet.Franz Graf-Stuhlhofer: „Das Ende naht!“ Die Irrtümer der Endzeit-Spezialisten. 3., erweiterte Auflage. Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2007, ISBN 978-3-938116-30-2, S. 103f.

Daneben finden sich Äußerungen, die in die Ferne weisen, oder vor einer zeitlichen Fixierung warnen, etwa: „Aber dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden, damit alle Völker es hören; dann erst kommt das Ende.“ (), oder wenn Jesus sagte, dass der genaue Tag des Weltendes ungewiss sei.

In einem der jüngsten Texte des Neuen Testaments, dem so genannten Zweiten Petrusbrief, wird explizit auf die Verwirrung in der christlichen Gemeinde wegen der ausbleibenden Parusie Bezug genommen:

Die Betonung liegt bei vielen Aussagen darauf, dass das Ende kommt (jedoch ohne Zeitangabe):

Die Zeit davor wird in der Bibel als schrecklich geschildert, denn viele falsche Propheten würden auftreten (), das Böse werde überhandnehmen und die Liebe werde erkalten (). Dann erst werde die Auferstehung der Toten und das allgemeine Weltgericht stattfinden.

Es sind nicht zuletzt diese Ankündigungen, die in den folgenden Jahrhunderten in Zeiten tatsächlicher oder vermeintlicher Krisen immer wieder Christen glauben ließen, nun stehe die Parusie, die Wiederkunft des Messias unmittelbar bevor.

Parusieverzögerung Die Jesusbewegung war von einer starken Naherwartung geprägt. Man erwartete das Kommen Jesu nahezu stündlich. Die erste Generation der Christen lebte in der Hoffnung, noch im eigenen Leben das Kommen des Reiches Gottes zu erleben (). Dass einige Christen schon gestorben sind, bevor die Parusie eingetreten ist, ist für Paulus zunächst die Ausnahme. Da die Zahl der Todesfälle anstieg, musste Paulus reagieren. In f geht er wohl schon davon aus, dass die meisten vor der Parusie sterben werden, dass einige sie aber wohl noch erleben werden. In scheint eine zunehmende Verzögerung ins Bewusstsein zu rücken. Daraus entwickelt Paulus die Vorstellung, dass jeder Christ bei seinem Tod einen verwandelten Leib erhält und dass das Kommen Jesu in eine fernere Zukunft rückt.Gerd Lüdemann: Ketzer. Die andere Seite des Christentums. Radius, Stuttgart 1995, S. 86–93.

Der Wandel im Glaubensverständnis, der durch die Parusieverzögerung hervorgerufen wurde, hat sich wohl allmählich vollzogen und ist nicht als ein abrupter Bruch vorstellbar.Oskar Köhler: Kleine Glaubensgeschichte. Christsein im Wandel der Weltzeit. Herderbücherei 987, Herder, Freiburg 1982, S. 48.

Alte Kirche Theologen der Alten Kirche Zusätzlich zu diesen beiden Konzeptionen entstanden in theologischen Schriften der Alten Kirche weitere Interpretationen, die untereinander Überschneidungen, Wechselwirkungen, aber auch massive Widersprüche aufweisen. So findet sich in Augustinus’ Enchiridion ein Modell, das diese Ideen erweitert: Augustinus beschreibt, dass die Seelen beim Jüngsten Gericht in drei Kategorien eingeteilt würden: die vollkommen Guten, die keine Fürbitte brauchen, die ganz und gar Schlechten, die in jedem Fall verdammt werden – und diejenigen, die zwischen diesen beiden Extremen stehen: Sie sind nicht gut genug, um keine Hilfe zu brauchen, aber auch nicht schlecht genug, um nicht Nutzen daraus ziehen zu können.

Infolge derartiger Diskussionen sind der Idee des Jüngsten Gerichts, dem die ganze Menschheit unterworfen ist und die in ihrer Grundkonzeption immer dieselbe bleibt, im Laufe der Jahrhunderte zwei weitere eschatologische Konzepte an die Seite gestellt worden. Zum einen die Vorstellung eines Einzel- oder Partikulargerichts, das direkt nach dem Tod eines jeden Individuums stattfindet – und zum zweiten die Schaffung eines ‚dritten‘ Ortes für die oben beschriebenen ‚Halb-Guten‘: das Fegefeuer.

Credo des 4. Jahrhunderts Das christliche Glaubensbekenntnis, lateinisch auch Credo genannt, welches in der christlichen Ökumene bis heute Geltung beansprucht, bekennt die Parusie Christi im Nicäno-Konstantinopolitanum mit den folgenden Worten:Beide Fassungen (lateinisch, deutsch) nach dem Messbuch der römisch-katholischen Kirche und nach dem Evangelischen Gesangbuch; gesamter Text hier.

Latein Deutsch Sedet ad dexteram Patris. Et iterum venturus est cum gloria iudicare vivos et mortuos, cuius regni non erit finis. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit,