mini|Lesser Ury: Abraham Geiger, bedeutender Reformrabbiner des 19. Jahrhunderts mini|Jonah Sievers, Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands (2009) Ein Rabbiner ist ein Funktionsträger in der jüdischen Religion. Seine Hauptaufgabe ist es, die Tora zu lehren. Die Grundform des Rabbiners entwickelte sich in der Pharisäer- und Talmud-Ära, als sich gelehrte Lehrer versammelten, um die schriftlichen und mündlichen Gesetze des Judentums zu kodifizieren. Der erste Weise, für den die Mischna den Titel eines Rabbi verwendet,Mischna, Traktat Kelim 17,16. war Jochanan ben Sakkai, ein Gelehrter des 1. Jahrhunderts.
In den verschiedenen jüdischen Glaubensrichtungen gibt es unterschiedliche Anforderungen an die rabbinische Semicha () und große Meinungsverschiedenheiten darüber, wer als Rabbiner anerkannt wird. So gibt es im orthodoxen und im ultraorthodoxen Judentum keine Rabbinerinnen. Das konservative Judentum hingegen lässt Frauen aus halachischen Gründen als Rabbinerinnen zu, das Reformjudentum aus ethischen Gründen.
Etymologie Rabbiner Der Begriff Rabbiner leitet sich von (groß, viel, bedeutend, bedeutender Mann, Herr) her. Der Plural dieses Wortes lautet , in der spezifischen Bedeutung „Rabbiner“ jedoch .
Im aschkenasischen Hebräisch und dem Jiddischen wird das Wort in der Einzahl Row und in der Mehrzahl Rabbonim ausgesprochen.
Das Aramäische kennt die Form Rabbuni (Meister, Lehrer).
Alle Formen gehen auf die semitischen Wurzeln ( und ) zurück.
Als Rebbetzin wird im aschkenasischen Judentum die Ehefrau des Rabbiners bezeichnet.
Chacham Als Bezeichnung sephardischer Rabbiner ist das Nomen () gebräuchlich. Da im Arabischen einer der Ehrentitel Allahs ist, nutzen Juden in überwiegend islamischen Ländern fast nur diese Bezeichnung. Chacham ist auch allgemein im Judentum ein Wort der Ehrbezeugung für Gelehrte, v. a. des Talmuds (siehe Isaak Bernays).
Chassan Bei den Karäern ist die Bezeichnung Chassan üblich.
Rabbi
Als Rabbi () werden seit dem Altertum, vom Zeitalter der Mischna bis ins Mittelalter, jüdische Gelehrte bezeichnet, die die Vorschriften der Tora auslegen. Der deutsche Plural dazu lautet Rabbis und Rabbinen. Normalerweise wird dieses Wort ohne Artikel verwendet.Ein Artikel wird nur gebraucht, wenn „Rabbi“ in einer bestimmten Qualität, zu einem bestimmten Zeitpunkt oder Zeitabschnitt als Subjekt oder Objekt im Satz steht.
Rabbi war auch ein Ehrentitel von Personen, die eine besondere Tora-Gelehrsamkeit besaßen. Auch Jesus von Nazaret wird im griechischsprachigen Neuen Testament oft als Rabbi angesprochen.
Verwandt mit dem Wort Rabbi sind die jiddischen Begriffe Rebbe und Reb. Rebbe bezeichnet den Anführer einer chassidischen Gemeinschaft (siehe Admor). Dieser Titel vererbt sich vom Vater auf den Sohn. Mit Reb wird ein Mann ehrenvoll zur Lesung der Tora aufgerufen. Im Alltag ist es durchaus üblich, jeden frommen Juden mit Reb anzusprechen.
Der Rabbiner in der jüdischen Überlieferung mini|Moses Isserles’ Grabstein auf dem Alten jüdischen Friedhof in Krakau, mit der Inschrift: „von Moses bis Moses gab es keinen wie Moses“
Als besonderer Stand sind Rabbiner (seit Luther in den meisten deutschen Bibeln als Schriftgelehrte bezeichnet) biblisch erstmals in der Zeit nach dem babylonischen Exil in Esra 7,6.11 genannt, dort wird der Priester Esra als ein mit dem Gesetz Moses erfahrener Gelehrter der Schrift erwähnt. Nach jüdischer Überlieferung hat Esra das mosaische Gesetz, das beim Untergang Jerusalems 586 v. Chr. verbrannt sein soll und nur noch mündlich weitergegeben wurde, neu aufgeschrieben. Die Aufgaben der Gelehrten in seiner Tradition waren Auslegung der Tora und der konkrete Praxisbezug jüdischer Lehre im Alltag. Daraus hervorgegangen ist später die Pharisäerbewegung, die schließlich das rabbinische Judentum begründete. Auch Frauen erhielten rabbinische Titel. Asenath Barzani (1590–1670) aus Mosul im Osmanischen Reich war eine der ersten Frauen, die den Titel Tanna’it (Lehrerin, Meisterin) erhielt. Auch die drei Töchter Raschis galten und wirkten als rabbinische Lehrerinnen und Talmud-Kommentatorinnen, siehe auch Tosefta.
Aufgaben eines Rabbiners mini|Rabbiner leitet eine jüdische Hochzeitszeremonie, Frankreich, um 1905 mini|Ein Rabbiner beim Religionsunterricht, 2004
Bis ins Mittelalter durften Rabbiner mit der Tora kein Einkommen erzielen, deshalb arbeiteten sie in Europa ehrenamtlich. So hatte beispielsweise der bekannte Torakommentator Raschi (1040–1105) einen Brotberuf: Er besaß einen Weinberg. Maimonides (Rambam, 1138–1204), war Arzt. Erst im 14. Jahrhundert wurde dies nach ständiger Ausweitung der Anforderungen schließlich aufgegeben. Selbst danach arbeiteten offenbar viele Rabbiner vorwiegend als Vorbeter. Zu den Aufgaben eines Rabbiners zählt heute die religiöse Lehre, und als Talmudkenner kommt ihm die Entscheidung in religiösen Fragen zu.
In orthodoxen Gemeinden betet der Vorbeter (, Schliach Tzibur, , Chasan) zusammen mit der Gemeinde der Betenden immer zum Toraschrein ( Aron ha-Kodesch, der heilige Schrein) gerichtet, d. h. Richtung Jerusalem mit der Klagemauer, als Gleiche unter Gleichen vor HaSchem. Dagegen leiten in liberalen Gemeinden Reform-Rabbiner oder Kantoren oft stark gekürzte Schabbat- und Festtagsgottesdienste und wenden sich dabei teilweise auch der Gemeinde zu.
Jede jüdische Gemeinde unterhält eine Reihe religiöser Einrichtungen, um ein Leben gemäß den jüdischen Vorschriften zu ermöglichen. Es ist Aufgabe der Rabbiner, sicherzustellen, dass diese Einrichtungen im Einklang mit dem jüdischen Gesetz arbeiten. Beispiele wären die jüdische Schlachtung (Schechita, ()) und die jüdischen Speisegesetze (Kaschrut, ) in Geschäften und Restaurants sicherzustellen. Sie überwachen das Ritualbad (Mikwe, ), die Grundschule (Cheder, ), die Sabbatgrenzen (Eruv, ) und die Bestattungsgesellschaft (Chewra Kadischa, ). In der heutigen Zeit werden Rabbiner, die sich auf diese Art der Supervision spezialisiert haben, als Maschgiach () eingesetzt.
Ein orthodoxer Rabbiner ist kein Cohen, dem besondere religiöse Aufgaben alleine zustünden. Deshalb kann im Grunde auch jedes dazu befähigte Mitglied einer jüdischen Gemeinde den Gottesdienst leiten, vorbeten, aus der Tora vorlesen usw. In manchen Gemeinden haben jedoch nur Rabbiner die dazu erforderlichen Kenntnisse. Aufgabe eines Rabbiners ist auch die Betreuung der und die Sorge für die Gemeindemitglieder und für Personen, die mit der Gemeinde in Verbindung stehen, beispielsweise Anwärter auf eine Konversion, (männlich), beziehungsweise (weiblich).
In der Diaspora ist der Rabbiner für seine Gemeinde häufig auch Richter in zivilen Angelegenheiten. Der jüdischen Gemeinschaft war es – und ist es in gewissem Sinne bis zum heutigen Tag – unter Bannandrohung untersagt, internen Streit vor ein weltliches Gericht zu bringen. Dafür stehen Rabbinatsgerichte (Beth Din, ) zur Verfügung, eine halachische (jüdisch-rechtliche) Instanz, welche aus mindestens drei Rabbinatsrichtern besteht. Zu Zeiten, da in Israel noch ausschließlich nach jüdischem Recht gerichtet wurde, konnte je nach Fall die Zusammensetzung auf bis zu 71 Richter anwachsen. In heutiger Zeit erfüllt ein Beth Din insbesondere folgende Aufgaben:Der Beit Din – Aufgabe und Funktion, Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD). Abgerufen am 6. April 2019.
Gittin () – Durchführung religiöser Scheidungen Gijur () – Durchführung von Übertritten zum Judentum Din Tora () – Behandeln jüdischer Rechtsfälle Birur Jahadut () – Klärung des jüdischen Status im Zweifelsfall
In den meisten Gemeinden wird aufgrund seiner Vorbildfunktion von einem Rabbiner erwartet, dass er verheiratet ist und Kinder hat.Muss ein Rabbiner verheiratet sein?. In: „Frag’ den Rabbi“, www.hagalil.com (abgerufen am 12. April 2008)
In vielen Ländern bieten Militärrabbiner religiöse Dienstleistungen für jüdische Soldaten an. Feldrabbiner war die frühere Bezeichnung für Rabbiner in der Militärseelsorge. Feldrabbiner wurden unter anderem in den Streitkräften Österreich-Ungarns und des deutschen Kaiserreiches eingesetzt. Militärrabbiner tragen die Verantwortung für die Durchführung oder Koordinierung von Gottesdiensten, die Überwachung der koscheren Küche und die Aufrechterhaltung des Synagogenbetriebs.
In Israel führen sie auch Heiratszeremonien () und die Brit Mila () durch. Das Militärrabbinat überwacht die rechtliche und religiöse Bestätigung von Ehen und Scheidungen von Soldaten während ihres Militärdienstes. Ebenso ist es für die Beisetzung von Soldaten gemäß den religiösen Vorschriften verantwortlich.
Haskala Orthodoxe Rabbiner wurden und werden in einer Talmudhochschule, einer Jeschiwa oder einem orthodoxen Rabbinerseminar ausgebildet. Im Zuge der Haskala, der jüdischen Aufklärung, werden Rabbiner im liberalen Judentum in eigenen Rabbinerseminaren ausgebildet. Salomo Juda Rapoport (1790–1867) begründete die historisch-kritische Methode, wendete sie zur Exegese auf das talmudisch-rabbinische Schrifttum an und lieferte grundlegende Arbeiten. Die Anfänge des liberalen Judentums (auch Progressives Judentum oder, besonders in Nordamerika, Reformjudentum) liegen im Deutschland des 19. Jahrhunderts und gehen auf die Auslegungen der Rabbiner Abraham Geiger, Samuel Holdheim, David Einhorn und anderer zurück. Die weltweit erste Rabbinerin war Regina Jonas.
Rabbiner-Ausbildung in Deutschland Heutzutage bildet ein Bachelorstudium in Jüdischen Studien die Grundlagen für angehende Rabbiner. Es umfasst eine wissenschaftliche Ausbildung in Religion, Kultur und Literatur des Judentums in Geschichte und Gegenwart sowie in der Geschichte des jüdischen Volkes. Dazu kommt eine Sprachausbildung in Hebräisch. Es werden Methoden gelehrt, die zu eigenständiger Recherche und Problemlösung sowie zur Arbeit mit hebräischsprachigen Quellen, insbesondere Thora und Talmud, befähigen. Im anschließenden Masterstudium werden die Kenntnisse insbesondere in jüdischer Religionspraxis und Rechtsgelehrsamkeit vertieft. Insgesamt dauert die Ausbildung in der Regel fünf bis sieben Jahre.Rabbiner/in Die Ausbildung im Überblick, Berufe.net. Abgerufen am 8. April 2019.
Mittels der Semicha erfolgt die formelle Einsetzung als Rabbiner. Durch die Semicha wird die Berechtigung zugesprochen, gültige Entscheidungen in Fragen des Religionsgesetzes, der Halacha, zu treffen.
Orthodoxer Rabbiner mini|Samson Raphael Hisch, Begründer der Abspaltung Austrittsorthodoxie Bis 1939 gab es in Berlin mit dem von Esriel Hildesheimer 1873 gegründeten Rabbinerseminar zu Berlin und in Breslau mit dem Jüdisch-Theologischen Seminar zwei wissenschaftlich orientierte orthodoxe Ausbildungsstätten.
2009 gründete die Ronald S. Lauder Foundation im Rahmen ihrer dortigen Jeschiwa das Rabbinerseminar zu Berlin, das die Tradition orthodoxer Rabbinerausbildung in Berlin wieder aufnehmen will. Die ersten Absolventen – Avraham Radbil und Zsolt Balla – wurden am 2. Juni 2009 in der Münchner Synagoge Ohel Jakob ordiniert. Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg hat einen Studiengang für das Rabbinat, das „binnendifferenziert“ auf verschiedene jüdische Denominationen orientiert werden soll.
Reform-Rabbiner Bis 1939 gab es in Berlin die reformierte wissenschaftlich orientierte Hochschule für die Wissenschaft des Judentums.
Das 1999 gegründete Abraham Geiger Kolleg ist ein An-Institut der Universität Potsdam und die erste entsprechende Neugründung in Kontinentaleuropa nach der Schoa. Es ist nach Abraham Geiger, einem wichtigen Vertreter des liberalen Judentums in Deutschland, benannt und wurde von den Rabbinern Walter Jacob und Walter Homolka ins Leben gerufen. Am 14. September 2006 wurden in der Neuen Synagoge Dresden die ersten Reform-Absolventen ordiniert.
Bedeutende Rabbiner (Auswahl)