mini|Miguel Serrano in Indien, 1957

Miguel Serrano (Miguel Joaquín Diego del Carmen Serrano Fernández; * 10. September 1917 in Santiago de Chile; † 28. Februar 2009 ebenda) war ein chilenischer Diplomat, der als Propagandist eines „esoterischen Hitlerismus“ sowie als Antisemit und Holocaustleugner bekannt wurde.

Leben Miguel Serrano stammt mütterlicherseits aus dem gräflichen Geschlecht de la Sierra Bella, deren Grundbesitz nahe Santiago bei Las Condes lag; aus der Familie seines Vaters gingen bekannte Dichter, wie sein Onkel Vincente Huidobro, sowie politische Idealisten und Diplomaten hervor. Seine Mutter starb, als er fünf Jahre alt war; drei Jahre später verlor er auch seinen Vater. Er lebte dann bei der Mutter seines Vaters in Santiago sowie einem Landherrenhaus im Clarotal am Fuße der Anden. Von 1929 bis 1934 besuchte er das Internado Nacional Barros Arana, das gute Beziehungen zu Deutschland unterhielt.Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8, S. 368f. Original Black Sun, 2002.

Nachdem ein Freund bei einer Schlägerei mit chilenischen Nacistas getötet worden war, begann er, für linksgerichtete Zeitschriften zu schreiben, lehnte jedoch bald marxistische Lehren und kommunistische Realpolitik ab. Nach dem gescheiterten Staatsstreich der Nacistas am 5. September 1938 überwog für ihn deren Aura eines „heroischen Märtyrertums“. Er sympathisierte mit dem Movimento Nacional-Socialista, schrieb Artikel für die Parteizeitung und begleitete den „Führer“ des Movimento auf Propagandareisen.Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8, S. 367–371.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion widmete er sich vollständig der nationalsozialistischen Propaganda. Ab 1941 veröffentlichte er vierzehntäglich unter dem Titel „La Nueva Edad“ politische Kommentare und literarische Rezensionen. Serranos Neigung zu Verschwörungstheorien wurde im Herbst 1941 zur Obsession, als er die Protokolle der Weisen von Zion in die Hände bekam, die ihn zum inbrünstigen Antisemiten machten.

1951 besuchte er die Ruinen des Führerbunkers in Berlin und verharrte stundenlang vor den Mauern des Kriegsverbrechergefängnis Spandau, in dem Rudolf Heß und andere führende Nationalsozialisten inhaftiert waren.Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8, S. 370–373.

Nach dem Krieg gehörte er von 1953 bis 1962 dem chilenischen diplomatischen Corps in Indien an, bei dem er schließlich Botschafter wurde. Von 1962 bis 1964 war er Botschafter Chiles in Jugoslawien, von 1964 bis 1970 in Österreich, wo er als Botschafter bei der Internationalen Atomenergiebehörde und bei der UNIDO (United Nations Industrial Development Organization) arbeitete, bis er von der Regierung unter dem neu gewählten marxistischen Salvador Allende unerwartet entlassen wurde. Daraufhin ging er ins Exil nach Camuzzi in Montagnola (Kanton Tessin), wo er sich der literarischen Verarbeitung religiöser Mythen widmete.

Er unterhielt weltweite Kontakte zu Alt- und Neofaschisten wie Léon Degrelle, Otto Skorzeny, Hans-Ulrich Rudel, Hanna Reitsch, Matt Koehl und Florentine Rost van Tonningen.Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8, S. 394–396. Noch bei der Beerdigung von Walther Rauff in Santiago im Mai 1984 zeigte er den Hitlergruß und rief „Heil Walther Rauff“ sowie „Heil Hitler“ und animierte Umstehende, es ihm gleichzutun.

Serrano behauptete, dass die Deutsche Antarktische Expedition 1938/1939 im Königin-Maud-Land eine Möglichkeit entdeckt hätte, um mit geheimen Städten im Erdinnern zu kommunizieren, in die sich die Hyperboräer vor einer Katastrophe nach einer Polumkehr geflüchtet hätten. Während der Kriegsjahre hätten die Nationalsozialisten dort eine geheime Basis errichtet, in die Adolf Hitler mit einer fliegenden Untertasse entkommen sei, um den „esoterischen Krieg“ bis zum heutigen Tage weiterzuführen.Joscelyn Godwin: Arktos. Der polare Mythos zwischen NS-Okkultismus und moderner Esoterik. Ares-Verlag, Graz 2007, ISBN 3-902475-40-4, S. 156–157.

Esoterischer Hitlerismus 1941 trat Serrano in einen von einem Deutschen gegründeten esoterischen Orden ein, der angeblich einer geheimnisvollen brahmanischen Elite im Himalaya Gefolgschaft geschworen hatte und deren Mitglieder die glühende Bewunderung Hitlers vereinte. Hier reicherte er seine apokalyptische NS-Ideologie mit Gedankengut aus Hinduismus und Yoga an. Die Gruppe praktizierte rituelle Magie, tantrisches und Kundalini-Yoga. Die „yogische Erfahrung des Aufsteigens“ setzte der Meister des Ordens in Beziehung zu Nietzsches Willen zur Macht; er sah Adolf Hitler als ein Wesen höchster Willenskraft und Eingeweihten vedisch-arischer Lehren.

Anfang der 1940er Jahre hing er dem Glauben an den Mythos von einer Weltverschwörung von Juden, Geheimbünden und Kommunisten an. Nach Kriegsende ging Serrano davon aus, dass Hitler nicht tot, sondern im Kälteschlaf sei, und unternahm 1947 und 1948 zwei Expeditionen in die Antarktis, um ihn zu finden.J. Körber in der Jungle WorldNicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8, S. 371 f.

Serrano konnte die Niederlage des Dritten Reichs nicht akzeptieren. Er behauptete, Hitler sei im Inneren der hohlen Erde noch am Leben und plane, mit Hilfe von hochentwickelten Flugscheiben das Dritte Reich zu vollenden. Auch stellte er sich vor, er habe auf seiner Flucht Station in warmen Oasen der Antarktis gemacht, bevor er in seine archetypische Heimat unter der Schwarzen Sonne zurückgekehrt sei. Alternativ spekulierte er über Paralleluniversen und „astrale Wurmlöcher“. Nachdem in Chile die Linken an die Macht gekommen waren und nach dem abrupten Ende seiner diplomatischen Karriere wandte sich Serrano erneut dem Nazismus zu, begründete seinen „esoterischen Hitlerismus“ und war lange Vorsitzender der Nationalsozialistischen Partei Chiles.Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8, S. 392–393. und S. 374–375. Sein 600 Seiten umfassendes philosophisches Vermächtnis unter dem Titel Adolf Hitler, der letzte Avatar beschäftigt sich mit der Thule-Philosophie. Serrano hielt Hitler für den 10. Avatar von Vishnu, den Kalki-Avatar, der in menschlicher Gestalt erschienen sei, um ein neues Zeitalter einzuleiten. Er hielt Hitler für einen freiwillig inkarnierten Tulku oder Boddhisatva, der außerhalb jeder Kritik stehe.Joscelyn Godwin: Arktos. Der polare Mythos zwischen NS-Okkultismus und moderner Esoterik. Ares-Verlag, Graz 2007, ISBN 3-902475-40-4, S. 84.

Gründung einer gnostischen Religion Serrano kreierte eine gnostische Religion, deren Kern auf Visionen basierte, die ihm von einem unsichtbaren Meister zuteilgeworden seien, dem er unterstellt sei. Ideologisch orientierte er sich an den dualistischen Implikationen, die dem Katharismus, dem Antisemitismus und dem jungschen Konzept der Projektion des „Schattens“ innewohnten, und sah in den Archetypen Götter, die über ihre Rassen regierten. Seiner Kosmogonie lag die Idee vom Fall des Menschen als einem ursprünglich göttlichen Wesen zugrunde. Seine gnostische Lehre verkündet den überirdischen Ursprung der Arier, die er als göttliche Lichträger betrachtete, und warnte vor einer weltweiten Verschwörung gegen diese. Er interpretierte das kollektive Unbewusste biologistisch-rassistisch als „Gedächtnis des arischen Blutes“. Besonders deutliche Anleihen machte er bei C. G. Jungs Archetypenlehre. So habe der arische Archetyp Hitler als Medium der Einwirkung auf die Welt erkannt. Serrano bezeichnete Adolf Hitler als „Messias“ und übernahm Savitri Devis Vorstellung von Hitler als Avatar Vishnus, Shivas oder Wotans; sein Ziel sei gewesen, die verlorene Göttlichkeit der Arier wiederherzustellen.Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8, S. 367–378.

Manichäischer Dualismus Im Gegensatz zur anfänglich in seinen dichterischen Werken idealisierten spirituellen Einheit und Integration verfiel Serrano immer mehr der Idee zweier sich konträr gegenüberstehender Archetypen des Lichts und der Finsternis. Er postulierte in einer Variation des Gnostizismus ein ursprüngliches göttliches Lebensfeld, aus dem ein Teil der ursprünglichen Gottmenschen abgestiegen sei, die sich nun in unserer physischen Seinssphäre verfangen hätten. Im irdischen Exil müssten die gefallenen Menschen in einer ewigen Abwärtsspirale ihr Dasein fristen, würden sie nicht von herabgestiegenen divyas im Rahmen eines göttlichen Rettungsplans aus der Gefangenschaft befreit werden. Dieser Doktrin liegt ein scharfer manichäischer Dualismus zugrunde, in dem der Fall der ursprünglichen Gotteswesen auf die Rebellion des Demiurgen zurückgeführt wird, der ein falscher, betrügerischer Gott sei.Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8, S. 380–381.

Bezugnahmen auf die Katharer und den Demiurg In der Kosmologie Serranos wird der Ursprung des Bösen durch die Grundidee des Falls eines Teils der Menschheit aus einem ursprünglich guten göttlichen Lebensfeld in unsere koexistente böse Welt erklärt. Der Gnostik der Katharer entnahm er unter anderem die manichäisch-dualistische Vorstellung eines rebellischen Demiurgen, der eine mindere Art von Schöpfung aus Materie formte. Wie die Manichäer identifizierte er den bösen Demiurg mit Jehova, dem Gott des Alten Testaments, der nichts mit dem weit über dem irdischen Bereich stehenden wahren Gott zu tun habe. Mit dieser Doktrin implizierte Serrano, dass Jehova, die Stammesgottheit der Juden, der Gott des Bösen und der Finsternis sei und die Juden folglich nichts anderes als Teufelsanbeter seien.Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8, S. 381.

Ich-Tod und Selbstvernichtung zwecks Transfiguration zum Übermenschen Serrano betont immer wieder, dass der Mensch und das Ich vernichtet werden müssten, um zum „gottähnlichen Übermenschen“ transfigurieren zu können. Damit steht er in der Tradition aller NS-Visionäre und deren Erben, die die „Ich-Ersterbung“ als wichtigen Baustein und Voraussetzung zur Apotheose als Gottmensch in ihre „Religionsarchitektur“ eingebaut haben.Victor Trimondi: Hitler, Buddha, Krishna – eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute. Ueberreuter 2002, S. 492.

Otto Rahn und die „Montségur-Tibet-Connection“ miniatur|Der Berg Montségur biete nach Serrano spiritistische Kontaktmöglichkeiten nach Tibet.

Der SS-Obersturmführer und Romanist Otto Rahn ist eine der wichtigsten und meistzitierten Bezugspersonen Serranos. Durch Rahns französische Kontakte zu Antonin Gadal und das Umfeld der Les Polaires wurde Serrano zu der Spekulation inspiriert, wonach die Möglichkeit bestehe, von Montsegur aus in unmittelbaren Kontakt zu Tibet zu treten.Victor Trimondi: Hitler, Buddha, Krishna – eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute. Ueberreuter 2002, S. 440.