mini|Allegorie des Disputs zwischen Remonstranten (rechts) und Contraremonstranten (links): Die Waage neigt sich auf der Seite der Contraremonstranten, aber deshalb, weil Moritz von Oranien sein politisches Gewicht zu ihren Gunsten einbringt, symbolisiert durch das Schwert (Zeitgenössischer Kupferstich: Op de Jonghste Hollantsche Transformatie, Rijksmuseum)Vgl. Andreas Pietsch: Die junge Republik und ihre Konfession. Wahrheits- und Interessenkonflikte auf der Synode von Dordrecht (1618/19), Berlin / Boston 2015, S. 264f.

Die Dordrechter Synode (auch Synode von Dordt) war eine nationale Versammlung der niederländischen reformierten Kirche unter Beteiligung von ausländischen reformierten Delegationen, die vom 13. November 1618 bis zum 9. Mai 1619 in Dordrecht stattfand. Die Möglichkeit einer solchen internationalen Zusammenkunft bot ein zwölfjähriger Waffenstillstand (1609–1621) während des Achtzigjährigen Krieges. Auf der Synode wurde vordergründig eine theologische Problematik verhandelt: Um zu begründen, dass die Menschen allein aus Gnade und nicht wegen ihrer guten Werke erlöst werden und das ewige Heil erlangen, lehrte Johannes Calvin († 1564), Gott habe einen Teil der durch den Sündenfall verlorenen Menschen zum Heil bestimmt und die übrigen sich selbst und dem Verderben überlassen (doppelte Prädestination). An den niederländischen Universitäten gab es dazu verschiedene Meinungen. Jacobus Arminius und seine Anhänger, die Remonstranten, schätzten die menschliche Willensfreiheit so ein, dass man damit der göttlichen Gnade auch Widerstand leisten und folglich aus dem Stand der Erwählung herausfallen könnte. Gottes Vorherbestimmung interpretierte Arminius so, dass der allwissende Gott vorhergesehen habe, wie sich die einzelnen Menschen im Lauf ihres Lebens bewährten. Die Contraremonstranten, deren Positionen auf der Synode für verbindlich erklärt wurden, lehrten dagegen, dass Gottes Gnade unwiderstehlich wirke, die Erwählten sie also nicht verlieren könnten und das subjektiv auch wüssten. Eine Abmilderung der Lehre von der doppelten Prädestination brachte Dordrecht insofern, als Gottes Erwählung nun eher als Reaktion auf den Sündenfall (infralapsarisch) interpretiert wurde und eine Festlegung auf die (supralapsarische) Extremposition vermieden wurde, wonach Gott von Ewigkeit her und unabhängig vom Sündenfall Menschen erwählt bzw. verworfen habe. Die Lehrregeln von Dordrecht lassen aber beide Interpretationen zu.

In dem politischen Machtkampf zwischen dem Statthalter Moritz von Oranien und dem Landesadvokaten Johan van Oldenbarnevelt protegierte Oldenbarnevelt die Minderheit der Remonstranten. Sein politischer Einfluss hatte ihnen in den Jahren zuvor genutzt, aber bereits vor Beginn der Synode wurde Oldenbarnevelt durch einen Coup des Statthalters verhaftet. Sein Sturz stand bevor. Damit war auch für die Zeitgenossen klar, dass die Synode von Dordrecht von Contraremonstranten dominiert war und die Remonstranten verurteilen würde. Die Herausforderung bestand eher darin, das durch die jahrelangen Streitigkeiten beschädigte Bild einer einträchtigen reformierten Kirche neu zu bekräftigen und durch die Sitzungen der Synode auch sichtbar und erfahrbar zu machen.

Die Synode hatte durch die stimmberechtigten Delegationen aus mehreren europäischen Staaten ein internationales Gepräge. Der junge Staat der Niederlande wurde damit aufgewertet, und Moritz von Oranien erzielte einen Prestigegewinn.

Politische Rahmenbedingungen Seit dem Beginn des Unabhängigkeitskrieges gegen Spanien gestanden die Provinzen der Niederlande der reformierten Kirche, deren Mitglieder höchstens ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachten, eine privilegierte Stellung zu: Sie war die einzige öffentliche Kirche (publieke kerk). Andere Konfessionen und Religionen wurden geduldet.Andreas Pietsch: Die junge Republik und ihre Konfession. Wahrheits- und Interessenkonflikte auf der Synode von Dordrecht (1618/19), Berlin / Boston 2015, S. 254f.

Das politische System der Niederlande blieb im Grunde auch nach der Lossagung von Spanien so, wie es war, nur dass der Statthalter des spanischen Königs jetzt der Statthalter der Republik war. Dieses Amt wurde innerhalb der Familie Wilhelms von Oranien vererbt. Die provinzialen Ständeversammlungen bildeten ein politisches Gegengewicht zum Statthalter. In der mächtigsten Provinz, Holland, hieß diese Ständeversammlung die Staaten von Holland; der Landesadvokat Johan van Oldenbarnevelt war ihr Sprecher und hatte auch im provinzübergreifenden Zusammenschluss der Ständeversammlungen (den Generalstaaten) viel Macht. Sein Gegenüber war der Statthalter Moritz von Oranien. Eine Zeitlang ergänzten sich Oldenbarnevelt als Diplomat und Moritz als Militärführer optimal, doch gerieten sie während des von Oldenbarnevelt ausgehandelten Zwölfjährigen Waffenstillstands mit Spanien zunehmend in einen Interessengegensatz.Andreas Pietsch: Die junge Republik und ihre Konfession. Wahrheits- und Interessenkonflikte auf der Synode von Dordrecht (1618/19), Berlin / Boston 2015, S. 255–257. Dieser Waffenstillstand bildet nun das Zeitfenster, in dem die Synode von Dordrecht tagte.

Konflikt zwischen Arminius und Gomarus hochkant|mini|Jacobus Arminius (1614) hochkant|mini|Franciscus Gomarus (1608) Die theologischen Streitigkeiten, die in Dordrecht verhandelt wurden, lassen sich bis ins späte 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Differenzen waren eine Folge davon, dass im niederländischen Reformiertentum verschiedene Traditionen zusammengekommen waren: Impulse des Erasmus von Rotterdam etwa bei Jacobus Arminius, die Lehre von der doppelten Prädestination der Genfer Johannes Calvin und Théodore de Bèze bei Franciscus Gomarus.Georg Plasger: Niederlande. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage. Band 6, Mohr-Siebeck, Tübingen 2003, Sp. 297–303, hier Sp. 300.

Caspar Coolhaes, Hermannus Herbertsz und Cornelis Wiggertsz werden in den Synodalakten als diejenigen Theologen benannt, die bereits vor dem Auftreten von Jacobus Arminius von dem (angenommenen) reformierten Lehrkonsens abweichende Positionen vertreten hätten. Gemäßigte und strenge Auslegungen der reformierten Lehre gab es schon lange. Nun aber erhielten beide ein Gesicht: Arminius und Gomarus. Der Konflikt beider Theologen begann 1603 damit, dass der Leidener Theologieprofessor Gomarus versuchte, die Berufung des Arminius auf einen Lehrstuhl der Universität Leiden zu verhindern. Ein Gespräch zwischen beiden legte den Streit vorübergehend bei. Aber die Lehrtätigkeit des Arminius in Leiden führte bald zu neuen Protesten des Gomarus. Dabei ging es um ein Ineinander von drei Themen, die dem Streit seine Komplexität gaben und die auch die Dordrechter Synode bestimmen sollten:Johannes Pieter van Dooren: Dordrechter Synode. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 9, de Gruyter, Berlin / New York 1982, ISBN 3-11-008573-9, S. 140–147, hier S. 140.

die Prädestinationslehre; die bleibende Bedeutung der Bekenntnisschriften (in den Niederlanden: Confessio Belgica und Heidelberger Katechismus); die Beziehung zwischen Staat und Kirche.

Bei der Frage der Bekenntnisschriften stand auf dem Spiel, welche Partei sich zu Recht auf die reformierten Ursprünge und den Beginn des Freiheitskampfs gegen Spanien (interpretiert als Kampf um die wahre Religion) berufen konnte. Den Arminianern wurde vorgeworfen, neue Lehren einzuführen und damit die traditionelle Lehre zu verwässern. Sie reagierten darauf, indem sie die Bibel für viel wichtiger und altehrwürdiger als die Bekenntnisschriften erklärten. Der Hofprediger Johannes Uytenbogaert, ein prominenter Arminianer, erklärte: „Die Geschichte von vierzig Jahren, mit der die Contraremonstranten sich brüsten, ist eine echte Neuheit verglichen mit der Geschichte der Heiligen Schrift und des Urchristentums.“Jasper van der Steen: A Contested Past. Memory Wars during the Twelfe Years’ Truce (1609–21), Leiden 2013, S. 53f.

Schon 1607 tagte ein vorbereitender Konvent, der die Tagesordnung der geplanten Nationalsynode festlegen sollte. Gomarus und Arminius nahmen daran teil. Die Gruppe um Arminius konnte sich mit ihrem Wunsch nicht durchsetzen, die Synode mit einer Revision der Texte von Confessio Belgica und Katechismus zu beauftragen. Es wurde nur grundsätzlich festgestellt, dass Bekenntnisschriften stets anhand der Bibel überprüfbar sein sollten. Johan van Oldenbarnevelt verhinderte über die Staaten von Holland vorübergehend die Einberufung der Generalsynode. Die Lösung des Konflikts an eine nationale Synode zu übertragen war heikel, weil die Provinzialsynoden dafür Kompetenzen aus der Hand geben mussten.Jasper van der Steen: A Contested Past. Memory Wars during the Twelfe Years’ Truce (1609–21), Leiden 2013, S. 52. Der Landesadvokat Oldenbarnevelt nahm die Minderheit der Arminianer unter seinen Schutz, weil er hier eine Möglichkeit sah, die reformierte Kirche stärker unter die Kontrolle des Staates zu bringen. Die Anhänger des Gomarus, von ihren Gegnern auch Calvinisten genannt, bildeten die Mehrheit der Pfarrerschaft. Ihnen ging es um die Autonomie der Kirche.Christine Kooi: The Synod of Dordrecht after Four Hundred Years, 2020, S. 291.

Vor einer Konferenz der Staaten von Holland hatten Arminius (am 30. Oktober 1608) und Gomarus (am 20. Dezember 1608) ihre jeweilige Position dargelegt:

Arminius bestritt die doppelte Prädestination und lehrte eine Vorherbestimmung aufgrund des Vorherwissens Gottes; Christus sei für alle Menschen gestorben und die Gnade wirke nicht unwiderstehlich. Gomarus erklärte die Rechtfertigungslehre des Arminius für häretisch (pelagianisch) und verglich dessen Auffassungen mit denen von Jesuiten; durch diesen Auftritt eskalierte der Konflikt erheblich und wurde, bis dahin ein Streit zweier Leidener Professoren, auch überregional bekannt.Johannes Pieter van Dooren: Dordrechter Synode. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 9, de Gruyter, Berlin / New York 1982, ISBN 3-11-008573-9, S. 140–147, hier S. 141.

Am 19. Oktober 1609 starb Arminius unerwartet, aber der polemisch geführte Streit um seine Theologie ging weiter. 43 Gesinnungsgenossen, die nach ihm als Arminianer bezeichnet wurden, legten am 14. Januar 1610 den Ständen von Holland und Westfriesland ein mit „Remonstrantie“ (Widerspruch) überschriebenes Glaubensbekenntnis in fünf Artikeln vor. Die Remonstrantie blieb in den Formulierungen möglichst nahe an traditionellen reformierten Texten. Die mit dem Dokument angesprochenen Magistrate sollten so für die Sache des Arminius gewonnen werden (wie sich später zeigte, dachten einige Arminianer radikaler, als dies in der Remonstrantie zum Ausdruck kommt.).W. Robert Godfrey: The Synod of Dort and Strategic Thinking. In: Joel R. Beeke, Martin I. Klauber (Hrsg.): The Synod of Dort. Historical, Theological, and Experiential Perspectives, Göttingen 2020, S. 13–26, hier S. 14. Fortan wurden sie auch „Remonstranten“ genannt, ihre Gegner „Gomaristen“.Horst Lademacher: Geschichte der Niederlande. Politik – Verfassung – Wirtschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, ISBN 3-534-07082-8. S. 104–109.

Die Staaten von Holland beriefen Befürworter und Bestreiter der fünf Artikel zur Haagschen Konferenz (März bis Mai 1611) ein; dabei legten die Gegner (Contraremonstranten) ihre Entgegnung zu den remonstrantischen Artikeln vor.

Hier eine (vereinfachte) Übersicht der gegensätzlichen Positionen:Vgl. Johannes Pieter van Dooren: Dordrechter Synode. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 9, de Gruyter, Berlin / New York 1982, ISBN 3-11-008573-9, S. 140–147, hier S. 141.