Kamjanez-Podilskyj (; , ) ist eine Stadt in der westukrainischen Oblast Chmelnyzkyj mit 109.000 Einwohnern (2024). Die Stadt liegt in der historischen Region Podolien. links|miniatur|Blick auf die Innenstadt

Lage mini|Französische Karte von 1691 mit Stadt und Festung. Gut zu erkennen ist, wie beide durch einen Seitenarm des Flusses Smotrytsch umflossen werden. Kamjanez-Podilskyj liegt etwa 20 km nordöstlich von Chotyn in einer landschaftlich reizvollen und strategisch außergewöhnlichen Lage. Der Fluss Smotrytsch mäandert hier etwa 60 m tief eingeschnitten in den Kalkstein der podolischen Platte. Einer dieser Mäander umschließt einen ca. 700 × 500 m großen Umlaufberg, auf dem mit Unterstützung von Befestigungsmauern die Altstadt errichtet wurde. Der Zugang zu dieser strategisch so günstig liegenden Stadt wurde zusätzlich durch den Bau einer Festung gesichert. Heute verbindet eine moderne Brücke die Altstadt mit der im Osten nahezu im Schachbrettmuster errichteten Neustadt.

In der Festung begann am 20. Mai 1784 die erste Ballonfahrt in Osteuropa.

Geschichte Kamjanez-Podilskyj ist eine der ältesten Städte der Ukraine. Das genaue Alter der Stadt lässt sich nicht angeben. In Chroniken wird der Ort schon im Jahr 1106 als Stadt erwähnt. Vom 14. bis zum 18. Jahrhundert erlebte Kamjanez eine Aufschwung- und Blütezeit. Ab 1373 stand sie unter polnischer Herrschaft als Sitz der Woiwodschaft Podolien; seit dem 14. Jahrhundert war Kamjanez eine der bedeutendsten polnischen Festungen in der Ukraine. Mönche vieler Orden zogen hierher: zuerst die Dominikaner, dann die Franziskaner, später die Jesuiten (1608), Barfüßige Karmeliter (1623), Dominikaner (1615). Doch von 1672 bis 1699 gehörte die Stadt zum Osmanischen Reich. Ein Minarett wurde später in die Peter-und-Paul-Kathedrale integriert. Bei der zweiten Teilung Polens kam Kamjanez 1793 zum Russischen Reich und war Hauptstadt des Gouvernements Podolien. Im Jahr 1897 hatte die Stadt 39.113 Einwohner (50 % Juden, 30 % Polen), 16 russisch-orthodoxe, vier römisch-katholische und eine armenische Kirche, eine Synagoge, zwei russisch-orthodoxe und drei römisch-katholische Klöster sowie zwei Gymnasien.Meyers Konversationslexikon, 6. Auflage Leipzig – Wien 1908, Band 2, Stichwort „Kamenez-Podolsk“ In Garnison lagen das 1.Kuban- und das 1. Wolga-Kosaken-Regiment.

1918 wurde hier die Nationale Iwan-Ohijenko-Universität als erste ukrainische Universität gegründet und 1919 war die Stadt Interimssitz der Ukrainischen Nationalregierung. Seit Ende 1922 gehörte die Ukrainische SSR zur Sowjetunion. Am 19. November 1990 unterzeichneten Leonid Krawtschuk und Boris Jelzin einen Freundschaftsvertrag und damit die gegenseitige Anerkennung der staatlichen Souveränität., Belfer Center, September 1995.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-67019-0, S. 252.

mini|Verlassener deutscher Panzer und Fahrzeuge Kamenez-Podolski, 1944.

Am 30. Juni 1941, acht Tage nach dem Beginn des deutsch-sowjetischer Krieges und einen Tag nach dem Ende der Panzerschlacht bei Dubno-Luzk-Riwne, griffen Sturzkampfbomber der Luftwaffe Kamenez-Podolski an und verursachten schwere Zerstörungen.Klaus Wiegrefe 26. Juni 2016 (Der Spiegel)

Ende August 1941 ermordeten SS-Einsatzgruppen beim Massaker von Kamenez-Podolsk mehr als 23.000 Juden.Klaus Mallmann: Der qualitative Sprung im Vernichtungsprozeß: das Massaker von Kamenez-Podolsk Ende August 1941. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 10 (2001), S. 239–264 1944 litt die Stadt in der Kesselschlacht von Kamenez-Podolski. Bei der Einkreisung der deutschen 1. Panzerarmee hatte die Rote Armee die Stadt erobert; sie wurde dann aber von den Deutschen zurückerobert, bevor der Kessel nach Westen „wanderte“. Der Entlastungsstoß des aus Frankreich herangeführten II. SS-Panzerkorps (9. SS-Panzer-Division „Hohenstaufen“ und 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“) kam aus dem Raum Stanislau, das noch bis Juni 1944 von den Deutschen gehalten wurde.Militärgeschichtliches Forschungsamt, Freiburg im Breisgau

Erst nach Kriegsende konnte der Wiederaufbau der Stadt beginnen. Die Stadt trug bis dahin den russischen Namen Kamenez-Podolski/Каменец-Подольск, am 9. August 1944 wurde sie dann per Ukas in Kamenez-Podolski/Kamjanez-Podilskyj umbenannt.УКАЗ от 9 августа 1944 года Об уточнении наименований городов: Тарнополь, Черновицы, Каменец-Подольск, Владимир-Волынск, Чертков Украинской ССР in der russischsprachigen Wikisource

Die Einwohnerschaft von Kamjanez wurde im Wesentlichen von vier Bevölkerungsgruppen bestimmt: Polen, Ukrainern, Armeniern und Juden. Jede Bevölkerungsgruppe hatte bestimmte Wohnquartiere und hinterließ Spuren in der gesamten Stadtarchitektur. In der Blütezeit der Stadt soll es über 30 Kirchen und Klöster gegeben haben. Viele sind oder werden restauriert.

Am 16. Januar 1991 stellte Papst Johannes Paul II. die römisch-katholische Diözese Kamjanez-Podilskyj wieder her, die unter sowjetischer Herrschaft aufgelöst wurde.

Seit dem 24. August 1991 gehört Kamjanez-Podilskyj zur unabhängigen Ukraine und ist ein bedeutendes Wirtschafts-, Kultur-, Bildungs- und Tourismuszentrum des Staates.

Sehenswürdigkeiten Die Verkündigungskirche im armenischen Viertel stammt aus dem 13. Jahrhundert. Die Peter-und-Paul-Kathedrale aus dem Jahre 1370 (heutiges Aussehen aus dem 16. Jahrhundert) ist die Hauptkirche des römisch-katholischer Bistums Kamjanez-Podilskyj. Davor steht ein zu einer Mariensäule umgewidmetes Minarett aus der Zeit der Türkenherrschaft. Die Kreuzerhöhungskirche am Ufer des Smotrytsch, eine Holzkirche aus dem Jahr 1700, ist eine der bedeutendsten Holzkirchen Podoliens. Festung Kamjanez-Podilskyj Triumphbogen zu Ehren des polnischen Königs Stanisław August bei dessen Besuch im Jahre 1781 Dominikanerkirche aus dem 15. Jahrhundert mit Gotik-, Renaissance- und Barockelementen Das mehrfach umgebaute Rathaus im ursprünglich gotischen Stil ist das älteste öffentliche Gebäude am polnischen/ukrainischen Markt Die ehemalige Synagoge wurde zu einem Restaurant umgebaut.

Verwaltungsgliederung Am 12. Juni 2020 wurde die Stadt zum Zentrum der neugegründeten Stadtgemeinde Kamjanez-Podilskyj (Кам'янець-Подільська міська громада/Kamjanez-Podilska miska hromada). Zu dieser zählen auch die 12 in der untenstehenden Tabelle aufgelisteten Dörfer,Кабінет Міністрів України Розпорядження від 12 червня 2020 р. № 727-р "Про визначення адміністративних центрів та затвердження територій територіальних громад Хмельницької області" bis dahin bildete sie die gleichnamige Stadtratsgemeinde Kamjanez-Podilskyj (Кам'янець-Подільська міська рада/Kamjanez-Podilska miska rada) im Zentrum des Rajons Kamjanez-Podilskyj.

Folgende Orte sind neben dem Hauptort Kamjanez-Podilskyj Teil der Gemeinde: Name ukrainisch transkribiert ukrainisch russisch Chodoriwzi Ходорівці Ходоровцы (Chodorowzy) Dowschok Довжок Должок (Dolschok) Knjahynyn Княгинин Княгинин (Knjaginin) Kolybajiwka Колибаївка Колыбаевка (Kolybajewka) Liskiwzi Лісківці Лесковцы (Leskowzy) Nahorjany Нагоряни Нагоряны (Nagorjany) Ostriwtschany Острівчани Островчаны (Ostrowtschany) Rychta Рихта Рыхта Sinkiwzi Зіньківці Зиньковцы (Sinkowzy) Smotrytsch Смотрич Смотрич (Smotritsch) Tscherwona Tschahariwka Червона Чагарівка Червоная Чагаровка (Tscherwonaja Tschagarowka) Wilchowez Вільховець Ольховец (Olchowez)

Städtepartnerschaften Kamjanez listet folgende Partnerstädte auf: StadtLandseitAthens2003Brantford2022Cihanbeyli2021Częstochowa 15pxDolný Kubín 15pxEdinețEsslingen am Neckar 15px2023Głogów 15px2004Gorzyce 15px2007Hautmont 15px2022Herrljunga 15px2008Hrubieszów 15px2017Kalisz 15pxKispest 15px, BudapestKrakau 15pxKutná Hora 15px2008Līvāni 15pxLublin 15px2016Mariestad 15pxPonte Lambro2006Przemyśl 15px1997Radoviš 15px2014Roman 15px2011Sanok 15px2002Siret 15pxTargówek 15px, WarschauTarnowo Podgórne 15px2018Teruel 15pxUkmergė 15px1991Valle de Mena 15pxWiesbaden 15px2023Włodawa 15px2018Zalău 15px2003Zawiercie 15px

Söhne und Töchter der Stadt

Jan de Witte (1709–1785), polnischer General und Architekt Fürst Józef Zajączek (1752–1826), polnischer General und Politiker Iwan Lutschyzkyj (1845–1918), ukrainisch-russischer Historiker und Hochschullehrer Aleksander Michałowski (1851–1938), polnischer Pianist, Musikpädagoge und Komponist Marc Rosenberg (1852–1930), russisch-deutscher Kunsthistoriker Iossif Kotek (1855–1885), russischer Violinist und Geliebter Tschaikowskis David Günzburg (1857–1910), russischer Orientalist Cezaryna Wojnarowska (1861–1911), Sozialistin Lidija Swjagina (1861–1943), ukrainisch-russische Kontra-Altistin und Gesangspädagogin Karl Waegner (1864–1939), deutsch-russischer Unfallchirurg und Orthopäde Maurice Fishberg (1872–1934), Anthropologe Natalija Masepa-Sinhalewytsch (1882–1945), Bakteriologin Fischl Jehoshua Schneersohn (1887–1958), Rabbiner, Arzt, Schriftsteller und Sozialaktivist Serhij Dloschewskyj (1889–1930), klassischer Philologe, Archäologe und Hochschullehrer Louis Ritman (1889–1963), US-amerikanischer Maler Abraham Weinbaum (1890–1943), polnisch-französischer Maler Nikolai Tschebotarjow (1894–1947), Mathematiker Moshe Stekelis (1898–1967), Archäologe Israel Brandmann (1901–1993), jüdischer Komponist, Dirigent und Violinist Mykola Baschan (1904–1983), Dichter, Publizist und Übersetzer klassischer Literatur Wolodymyr Bjeljajew (1907–1990), Schriftsteller und Drehbuchautor Sergei Gorschkow (1910–1988), Admiral und Marinestratege Edward Statkiewicz (1921–1970), polnischer Geiger und Musikpädagoge Mark Kopytman (1929–2011), israelischer Komponist und Musikpädagoge Leonid Stein (1934–1973), Großmeister im Schach Wolodymyr Kaplytschnyj (1944–2004), Fußballspieler Michail Alperin (1956–2018), Jazz-Pianist Iryna Merleni (* 1982), Ringerin Wolodymyr Krawtschuk (* 1984), Theater- und Filmschauspieler Iryna Kindzerska (* 1991), Judoka Wladyslaw Wanat (* 2002), Fußballspieler

Siehe auch Geschichte der Ukraine Islam in der Ukraine Islam in Polen, Litauen und Belarus Liste der Bischöfe von Kamjanez-Podilskyj

Fotos

Weblinks

Historische Stätte Informationen über die Stadt (ukrainisch) Kamjanez-Podilskyj informatisch-touristische Webseite (deutsch) Informationen über die Stadt (englisch) Lichtbilder der Stadt

Einzelnachweise

Kategorie:Ort in der Oblast Chmelnyzkyj

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