Der Gutsbezirk Münsingen im Landkreis Reutlingen in Baden-Württemberg ist ein gemeindefreies Gebiet auf der Schwäbischen Alb. Er wurde am 1. Oktober 1942 gegründet und umfasst im Wesentlichen den ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen im Münsinger Hardt. Er ist neben Rheinau eines von zwei unbewohnten gemeindefreien Gebieten in Baden-Württemberg.

Der Gutsbezirk Münsingen war bis 2010 ein bewohntes gemeindefreies Gebiet. Die bewohnten Gebiete wurden zum 1. Januar 2011 rekommunalisiert.

Geographie Nachbargemeinden Folgende Städte und Gemeinden grenzen an den Gutsbezirk Münsingen, sie werden im Uhrzeigersinn beginnend im Norden genannt und gehören zum Landkreis Reutlingen¹ bzw. zum Alb-Donau-Kreis²: Römerstein¹, Laichingen², Heroldstatt², Schelklingen², Münsingen¹ und Bad Urach¹.

Gliederung Im Gutsbezirk Münsingen lagen die beiden Orte Barackenlager (Altes Lager) und Breithülen. Zum 1. Januar 2011 wurde das Alte Lager in die Stadt Münsingen eingegliedert, Breithülen wurde in die Gemeinde Heroldstatt im Alb-Donau-Kreis eingegliedert. Das 56,3 Hektar große und unbewohnte ehemalige Munitionsdepot Ingstetten wurde zum 1. Januar 2011 der Stadt Schelklingen zugeschlagen.

Historische Geographie mini|links|Truppenübungsplatz 1897 mini|Karte des Gutsbezirks Münsingen mini|Breithülen, bis 2011 Teil des Gutsbezirks Münsingen

Im Gutsbezirk Münsingen liegen mehrere abgegangene (heute nicht mehr bestehende) Orte. Die meisten dieser Orte sind mit der Gründung des Truppenübungsplatzes 1895 und dessen Erweiterung 1938 aufgelöst worden. Die erste Erwähnung von Gruorn geht auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück. Die Gemeinde Gruorn kam mit der Erweiterung des Truppenübungsplatzes 1938 zum Truppenübungsplatz, die Einwohner des Dorfes wurden bis 1939 umgesiedelt. In der ehemaligen Gemarkung Münsingen lagen das 1855 entstandene Hofgut Achenbuch und das 1831 entstandene Rittergut Ludwigshöhe, die beide 1895 im Truppenübungsplatz aufgingen. In der ehemaligen Gemarkung Ennabeuren lagen der 1843 erbaute Ort Bäumlersburg, der ebenfalls 1895 zum Truppenübungsplatz kam, und das Dorf Heroldstatt, das 1130 als Heroluestetin erstmals erwähnt wurde. Die Dorfkirche wurde Anfang des 19. Jahrhunderts abgebrochen. Anstelle des abgegangenen Dorfes wurde 1858 ein Hof angelegt, der 1895 zum Truppenübungsplatz kam. Der um 1100 als Heggilingen erstmals erwähnte Ort Höcklingen und der 1595 als uf Waldstetten erstmals erwähnte Ort Waldstetten gehörten ebenfalls zur ehemaligen Gemarkung Ennabeuren. In der ehemaligen Gemarkung Zainingen lag die Hofstelle Schorstallhof.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band VII: Regierungsbezirk Tübingen. Kohlhammer, Stuttgart 1978, ISBN 3-17-004807-4, S. 98–100.

Bodennutzung Nach der Flächenerhebung 2001 gliederte sich die Gesamtfläche von 66,98 km² folgendermaßen auf: Landwirtschaftsfläche: 48,61 km² Waldfläche: 16,90 km² Wasserfläche: 0,00 km² Siedlungs- und Verkehrsfläche: 1,47 km² Gebäude- und Freifläche: 0,78 km² Verkehrsfläche: 0,68 km²

Schutzgebiete Der Gutsbezirk gehört größtenteils zum FFH-Gebiet Münsinger Alb und zum Vogelschutzgebiet Mittlere Schwäbische Alb. Auf dem Gutsbezirk sind darüber hinaus zehn Kernzonen des Biosphärengebiets Schwäbische Alb ausgewiesen. Der Rest gehört bis auf wenige periphere Bereiche zu dessen Pflegezone.Daten- und Kartendienst der LUBW

Geschichte

19. und 20. Jahrhundert Der Truppenübungsplatz Münsingen war 1895 auf dem Gelände des sog. Münsinger Hardts von der Militärverwaltung Württembergs errichtet worden. 1897 wurde an der Südostecke des Platzes das Remontedepot Breithülen (77 ha) eingerichtet, dessen Aufgabe es war, für das württembergische Armee-Korps jährlich 250 Pferde bereitzustellen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Depot geschlossen, jedoch 1934 im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht neu gegründet. mini|150px|Wappen Truppenübungsplatz Münsingen

1938 wurde der Truppenübungsplatz Münsingen erweitert. Damals gingen die gesamte Gemarkung der Gemeinde Gruorn sowie Teile der Nachbargemeinden Auingen, Böhringen, Böttingen, Ennabeuren, Feldstetten, Hengen, Ingstetten, Magolsheim, Münsingen, Seeburg, Trailfingen und Zainingen in ihm auf.Der Landkreis Reutlingen, Band II, ISBN 3-7995-1357-4, S. 1010. Zu diesem Zweck mussten die 665 Bewohner der Gemeinde Gruorn umgesiedelt werden, nachdem 1937 die Auflösung der Gemeinde beschlossen worden war. Die Umsiedlung geschah zwischen 1937 und 1939. Die Einwohner zogen in verschiedene Orte in Württemberg, Baden und Bayern.

Als 1942 das gemeindefreie Gebiet Heeresgutsbezirk Münsingen errichtet wurde, waren die Bediensteten des Depots die ersten Einwohner dieses Verwaltungsbezirks. Während des Zweiten Weltkriegs war der Truppenübungsplatz auch Aufstellungsort von militärischen Einheiten. So wurde hier 1944 die Infanterie-Division Münsingen, eine sogenannte Schatten-Division, aufgestellt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm die französische Besatzungsmacht den Truppenübungsplatz, der ab 1957 auch zur Hälfte von der Bundeswehr genutzt wurde.

Bis zur Kreisreform am 1. Januar 1973 gehörte der Gutsbezirk Münsingen zum Landkreis Münsingen und wechselte bei dessen Auflösung in den Landkreis Reutlingen.

Am 3. Oktober 1983 kam es auf dem Truppenübungsplatz zu einem Schießunglück: Ein Mörser der Heimatschutzbrigade 56 feuerte auf eine Stellung, die noch nicht von einem LKW mit Beobachtern geräumt worden war. Zwei Bundeswehrsoldaten wurden dabei getötet und 25 weitere Soldaten und Zivilisten zum Teil schwer verletzt.Schießunglück der Bundeswehr 03.10.1983

1992 zogen die französischen Soldaten ab und überließen das gesamte Gelände der Bundeswehr.

links|mini|An die Gemeinden Heroldstatt (Wohnsiedlung und Remontedepot Breithülen) und Schelklingen (Munitionsdepot Ingstetten) rückübertragene Flächen des Gutsbezirks mini|Das nördliche Münsinger Hardt links|mini|An die Stadt Münsingen rückübertragene Fläche (Altes Lager, Soldatenwohnsiedlung „Am Kapf“ und Wohngebiet „Königstraße“) des Gutsbezirks

mini|Kirche und Friedhof von Gruorn mini|Innenansicht der Kirche von Gruorn mini|Lindenallee im ehemaligen Remonte-Depot in Breithülen mini|Im historischen Remonte-Depot in Breithülen befand sich ein Reiterhof mini|Exkursion mit TrÜP-Guides durch den ehemaligen Truppenübungsplatz

21. Jahrhundert Am 21. Oktober 2005 wurde der Truppenübungsplatz außer Dienst gestellt und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben übergeben. Das Gebiet soll weiterhin in Bundesbesitz bleiben, nicht zuletzt, da weite Teile durch Kampfmittel belastet sind. Das an Auingen angrenzende Wohngebiet „Königstraße“, die Soldatensiedlung „Am Kapf“ und der öffentliche Wohnbereich „Altes Lager“ mit einer Fläche von 96,3 Hektar und 41 Einwohnern wurden der Stadt Münsingen (Landkreis Reutlingen), die Wohnsiedlung „Breithülen“ mit 77,5 Hektar und 64 Einwohnern der Gemeinde Heroldstatt (Alb-Donau-Kreis) und das ehemalige „Munitionsdepot Ingstetten“ mit 56,3 Hektar der Gemeinde Schelklingen (Alb-Donau-Kreis) zugeschlagen. Die ehemalige Soldatensiedlung „Am Kapf“ wurde inzwischen durch die Stadt Münsingen abgerissen. Damit wurde im Jahr 2010 die Rekommunalisierung des Truppenübungsplatzes Münsingen durch das Land Baden-Württemberg abgeschlossen. Der Kreistag des Landkreises Reutlingen und der Kreistag des Alb-Donau-Kreises, die drei betroffenen Gemeinden, das Regierungspräsidium Tübingen sowie das Innenministerium von Baden-Württemberg und die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben haben den Veränderungen der Kreis- bzw. Gemeindegrenzen und dem damit verbundenen Gebietszuwachs bereits zugestimmt. Der Landtag von Baden-Württemberg verabschiedete am 15. Dezember 2010 das Gesetz zur Neugliederung des gemeindefreien Gebiets „Gutsbezirk Münsingen“. (PDF-Datei; 35 kB) Landtag von Baden-Württemberg (14. Wahlperiode) – Drucksache 14 / 7384.

Am 1. Januar 2011 wurde die Rekommunalisierung der bewohnten Gebiete des Gutsbezirks Münsingen somit endgültig vollzogen.StBA: Gebietsänderungen vom 01. Januar bis 31. Dezember 2011 Damit endete nach 68 Jahren die gemeindefreie Zeit für Breithülen sowie für die oben genannten und an Auingen angrenzenden Wohngebiete. Der 6473 Hektar große und unbewohnte Truppenübungsplatz des ehemaligen Gutsbezirks mit dem aufgegebenen Dorf Gruorn geht als unbewohntes gemeindefreies Gebiet in die unmittelbare Verwaltung des Landkreises Reutlingen über. Notwendig wird auch eine Neuzuschneidung der Landtagswahlkreise Hechingen-Münsingen (61) und Ehingen (65) sowie der Bundestagswahlkreise Reutlingen (289) und Ulm (292), da die Einwohner von Breithülen zum Alb-Donau-Kreis gehören und somit zum Landtagswahlkreis Ehingen bzw. zum Bundestagswahlkreis Ulm wechseln. Die Wohngebiete „Königstraße“, „Am Kapf“ und der öffentliche Wohnbereich „Altes Lager“ verblieben im Landtagswahlkreis Hechingen-Münsingen und im Bundestagswahlkreis Reutlingen. Nach mehr als 70 Jahren dürfen die Bewohner der rekommunalisierten Wohngebiete zudem wieder bei Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen in den jeweiligen Gemeinden mitwählen. Außerdem erhielt Breithülen mit der Eingemeindung nach Heroldstatt die neue Postleitzahl 72535 und gab im Gegenzug die Postleitzahl 72525 von Münsingen ab.

Der Gutsbezirk Münsingen ist zentraler Bestandteil des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Seit April 2006 ist das ehemalige Sperrgebiet auf ausgewiesenen Wegen für die Öffentlichkeit zugänglich. Für Wanderer, Radfahrer und Inline-Skater wurden genau gekennzeichnete und gelb markierte Strecken freigegeben, der größte Teil dieses Wegenetzes ist asphaltiert. Aus Naturschutzgründen und wegen der vorhandenen Kampfmittelbelastung dürfen diese Wege nicht auf eigene Faust verlassen werden; für Verstöße werden Bußgelder bis zu 50.000 Euro angedroht. (PDF-Datei; 18 kB). Vom 1. April bis zum 1. November besteht jedoch die Möglichkeit einer Teilnahme an einer geführten Exkursion, um dabei die Landschaft und die Tier- und Pflanzenwelt an sicheren Stellen abseits der Hauptwege näher kennenzulernen. Diese Touren werden von umfassend ausgebildeten und geschulten Truppenübungsplatz-Führern (TrÜP-Guides) geleitet. Für Wanderer bieten die TrÜP-Guides drei verschiedene Routen an, die in den Nordosten, den Nordwesten oder den Südosten des 6700 Hektar großen Gebietes führen. Es besteht auch die Möglichkeit, mit einem TrÜP-Guide eine Tour mit dem Fahrrad oder einem Bus auf den öffentlichen Wegen des Areals zu unternehmen. Die Kirchenführung in Gruorn und eine Besichtigung des Alten Lagers in Münsingen sind auf Anfrage ebenfalls möglich.

Im Alten Lager befindet sich das Informationszentrum für das Biosphärengebiet Schwäbische Alb, die Geschäftsstellen des Biosphärengebietes und des Vereins Geopark Schwäbische Alb e. V. haben dort bereits ihren Sitz. Im Remonte-Depot in Breithülen befand sich ein Reiterhof; seit November 2011 ist dort eine Schuhfabrik ansässig.

Die in den 1980er Jahren gebaute 38 Kilometer lange Panzerringstraße ist eine Privatstraße und für Besucher des ehemaligen Truppenübungsplatzes gesperrt. Dieser betonierte etwa 10 Meter breite Rundkurs (sowie das ehemalige Fahrschulgelände zwischen Böttingen und Magolsheim) ist verpachtet und wird von verschiedenen Unternehmen wie z. B. Liebherr und Daimler für Test- und Vorführfahrten im niedrigen Geschwindigkeitsbereich genutzt.

Einwohnerentwicklung Es handelt sich um Einwohnerzahlen nach dem jeweiligen Gebietsstand. Die Zahlen sind Volkszählungsergebnisse (¹) oder amtliche Fortschreibungen des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg (nur Hauptwohnsitze).