mini|Eugen Drewermann auf der Leipziger Buchmesse 2010 Eugen Drewermann (* 20. Juni 1940 in Bergkamen) ist ein deutscher Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Als suspendierter römisch-katholischer Priester trat er 2005 aus der Kirche aus. Drewermann ist ein wichtiger Vertreter der tiefenpsychologischen Exegese und als kirchenkritischer Publizist tätig. Als prominentes Mitglied der Friedensbewegung tritt er regelmäßig als Redner auf Demonstrationen in Erscheinung und wirbt in seinen Vorträgen für ein friedliches Zusammenleben sowie eine gewaltfreie Völkerverständigung. Drewermann setzt sich für den Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaften ein. Mit seiner Tierethik wendet er sich gegen die Vorstellung, Tiere seien dem Menschen untergeordnet. Seine theologischen und politischen Positionen wurden vielfach kritisiert.
Leben mini|hochkant|Eugen Drewermann während seiner ersten USA-Vortragsreise im November 1999 Drewermann stammt aus einer gemischtkonfessionellen Bergmannsfamilie (Vater evangelisch, Mutter katholisch).. „Der Vater war evangelisch, die Mutter katholisch.“ In: ZDF.de. 6. Februar 2012, abgerufen am 31. Oktober 2020. Nach dem Abitur 1960 am humanistischen Gymnasium Hammonense in Hamm studierte er von 1960 bis 1965 Philosophie in Münster und Katholische Theologie in Paderborn.
Im Jahr 1966 wurde er zum Priester geweiht. Nach seiner Priesterweihe und pastoralen Diensten war er in Paderborn und Bad Driburg tätig. Ab 1968 wirkte er in der Klinik für Psychotherapie, Psychiatrie und psychosomatische Medizin im späteren Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn bei Göttingen, wo er sich in der Neopsychoanalyse nach Harald Schultz-Hencke ausbilden ließ und auch mit seiner Lehranalyse begann. Als Studentenseelsorger und ab 1974 als Subsidiar arbeitete er in der Gemeinde St. Georg in Paderborn.Jörg Frey: Eugen Drewermann und die biblische Exegese. Eine methodisch-kritische Analyse (= 71 Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, 2. Reihe. Herausgegeben von Martin Hengel und Otfried Hofius), Mohr, Tübingen 1995, ISBN 3-16-146304-8. (Textauszug Auf: mohrsiebeck.com) hier S. 10 Drewermanns langjähriger Paderborner Kollege Peter Eicher, emeritierter Theologieprofessor, berichtete am 30. April 2022 in einem Offenen Brief an Drewermann, er habe diesen 1976 in Paderborn als einen reaktionären jungen Kleriker kennengelernt. Drewermann habe damals auf Geheiß von Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt die ökumenisch aufblühende Studentengemeinde von Paderborn zerschlagen. Seine Haltung gegenüber Homosexuellen und seine Urteile im Sinn der damaligen katholischen Sexualmoral hätten seinerzeit viele irritiert.Eicher, Peter: Wie können Sie über Russlands Verbrechen hinweggehen? Ein offener Brief. In: Publik-Forum. Heft 8/2022, 30. April 2022.
1978 habilitierte sich Drewermann in katholischer Theologie. Ab 1979 hielt er als Privatdozent Vorlesungen an der theologischen Fakultät Paderborn. Als Drewermann 1991 in einem Interview mit dem Spiegel die Jungfrauengeburt als biologische Tatsache angezweifelt hatte, wurde ihm von Degenhardt am 8. Oktober 1991 die Lehrerlaubnis für Dogmatik entzogen. Wenig später wurde er mit einem Predigtverbot belegt, es wurde ein kirchliches Verfahren gegen ihn eingeleitet. Die Ansichten Drewermanns in Fragen der Moraltheologie und der Bibelauslegung führten schließlich im März 1992 zur Suspension vom Kirchenamt.
Drewermann ist als Schriftsteller, Redner, Psychotherapeut und als Lehrbeauftragter tätig.Menschen bei Maischberger: 2005 – Schluss mit lustig? ARD-Sendung vom 13. Dezember 2005. Er betreibt zudem einen Youtube-Kanal.
Am 20. Juni 2005, seinem 65. Geburtstag, trat Drewermann aus der römisch-katholischen Kirche aus und gab dies in der Talkshow Menschen bei Maischberger kurz vor Weihnachten 2005 der Öffentlichkeit bekannt.
Wirken Kernthesen seiner Theologie
Allgemein nimmt die psychologische Exegese fundamental an, dass die neutestamentlichen Texte von Menschen geschrieben und erzählt worden und daher für eine psychologische Auslegung (hier als Tiefenpsychologische Exegese) zugänglich sind. Drewermann sucht in seiner tiefenpsychologisch, unter anderem an Carl Gustav Jung orientierten Auslegung die historisch-kritische Methode zu relativieren bzw. zu überwinden, da diese eine Distanz zu den Texten und eine Vernachlässigung der Tiefenschichten der Erzählungen aufbaue. Durch eine tiefenpsychologische Betrachtung sucht Drewermann ein universelles Verstehen und eine Unmittelbarkeit für den Leser zu erreichen.Udo Schnelle: Einführung in die neutestamentliche Exegese. 7. Auflage (= UTB 1253), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8252-1253-7, S. 203; 204–205 Der Text soll im „inneren Erfahrungsraum seelischer Zustände“ des Rezipienten anbinden.Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese. (Band I. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende) Walter, Olten 1985, S. 14; zitiert aus Udo Schnelle 2008, S. 204, Fußnote 245 Eine historisch-kritische Methode bleibe metaphorisch gesprochen nur der Außenseite des Verstehens verhaftet, durch eine Verbindung mit der inneren Geschichte des Rezipienten würden die archetypischen Szenen der menschlichen Seele lebendig. Vergleichbare Auslegungsansätze wurden zum Beispiel von dem in den USA forschenden Psychotherapeuten Bruno Bettelheim auf Volksmärchen angewandt und von der Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast fortgesetzt.
Damit sind für Drewermann spirituelle Grunderfahrungen der Menschen möglich, wenn es ihnen gelingt (durch Techniken etwa der „Amplifikation“, d. h. der gerichteten Assoziationen sowie der „aktiven Imagination“ bzw. durch die „freie Assoziation“ Sigmund Freuds), die tieferen Schichten ihrer Psyche freizulegen. Dort finden sie die Strukturen allen Erlebens, aufgehoben in Archetypen, Symbole, die vor jeder historischen sowie jeder in einem biblischen Kanon aufgehobenen Erfahrung liegen. Denn das Historizitätsprinzip in der Auslegung und -deutung führe, so Drewermann, „notwendig in die Sackgasse der Historisierung und der Relativierung aller geistig verbindlichen Inhalte der Bibel“.Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese (Band I. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende), Walter, Olten 1991, S. 35.
Drei wichtige Vorgehensweisen sind bei einer archetypischen Exegese zu beachten. So sind die Texte „motivgeschichtlich zu untersuchen, ob die Elemente der jeweiligen Erzählung nicht in Wahrheit als Motive zu deuten sind“.Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese (Band I. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende), Walter, Olten 1991, S. 50; 36; 20. In einem weiteren Schritt der archetypischen Interpretation ist „religionsgeschichtlich zu untersuchen, in welchen Zusammenhängen die jeweiligen Bilder, vor allem in den Mythen der Völker, auftauchen“. Als dritten Schritt führt Drewermann die Deutung auf der Subjektstufe an. Im vorhergehenden Schritt wurden die Erzählungen auf ihren inneren Sachverhalt hin beurteilt. Auf der Subjektstufe werden die „drei Schichten der menschlichen Psyche Wachbewusstsein, subliminales (Unter-) Bewusstsein, intuitiv gesteigertes (Über)Bewusstsein“ identifiziert und ihr subjektiver Gehalt für den Rezipienten einlösbar. In der archetypischen Exegese liegt die Interpretation darin, dass durch den Text der Leser fundamental berührt und angesprochen wird, um dabei aber gleichzeitig aufzuzeigen, wo die archetypischen Bilder und Symbole ihre Potenz entfalten und entsprechende Reaktionen beim Leser hervorrufen.Alexander Häuser: Die tiefenpsychologische Bibelexegese nach Eugen Drewermann und ihre konkrete Umsetzung im schulischen Religionsunterricht. Grenzen und Chancen einer psychoanalytischen Auslegungsform. Examensarbeit, Universität Augsburg 2012, Grin (= Katalognummer: 143804)
Zentral für die Theologie Drewermanns sind die Thesen,
dass der Mensch sein Heil nur dadurch erlangen kann, dass er im Inneren seiner Seele sich selbst findet, und nur dadurch auch zu Gott kommt, ohne äußere vollendete theologische Wahrheiten; dass biblische Texte wesentlich psychologisch und im Sinne großer Dichter ausgelegt werden müssen, da es im Christentum um die angstlösende Wirkung im Inneren der Seele geht; dass Sünde nicht in einem nur ethischen Sinne verstanden werden darf, sondern existenzphilosophisch als Zustand der Verzweiflung im Inneren der Seele interpretiert werden muss. Das bedeutet nach Drewermann, dass man niemals verurteilend, sondern nur mit dem Versuch eines begleitenden Verstehens auf Menschen zugehen darf. Deshalb dürfe Gott niemals als strafend dargestellt werden, der womöglich sogar noch Höllenqualen verhängen könnte. Weiterhin geht er davon aus, dass man nur dann zu einer gesunden religiösen Auffassung gelangen kann, wenn man alle Religionen, alle Kulturen und alle Kunst, Philosophie und Wissenschaft mit einbezieht, weil die Allgegenwart Gottes zu allen Zeiten und in allen Kulturen wirksam ist und deshalb überall wichtige Aspekte zum Verständnis Gottes zu finden sind.
In diesem grundsätzlichen undogmatischen Verständnisrahmen interpretiert er Jesus Christus als eine Verkörperung einer vollendeten, wahren Humanität, die den Menschen im Angesicht Gottes in ein absolutes Vertrauen führen soll, das ihn aus seinem radikalen Ausgesetztsein gegenüber seiner Endlichkeit, Sterblichkeit und Sündhaftigkeit unter der Perspektive einer absoluten Güte befreit. Und nur dies kann den Menschen und die Welt letztendlich erlösen, nicht aber ein festes Schema an gegebenen festgeschriebenen Bedingungen.
Zentrale Gestalten, auf denen die Drewermann’sche Theologie aufbaut, sind Martin Luther, Sören Kierkegaard, Sigmund Freud, Giordano Bruno, Fjodor Dostojewski, Albert Camus, Friedrich Schleiermacher, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi und Buddha. Manchen dieser Größen steht er in Teilen durchaus kritisch gegenüber, aber er erkennt auch in diesen Fällen deren tiefe existentielle Suche an, die ihm viel wichtiger ist als eine scheinbar in sich stimmige Theologie, die jedoch den Tragödien vieler Menschen nicht standhält.
Drewermann verneint die Vorstellung, dass ein allgültiger, allmächtiger und allwissender Gott die Welt dazu bestimmt habe, den Menschen hervorzubringen. An die Stelle eines Schöpfergottes setzt er die Liebe als Ort der wahren Gotteserkenntnis. Die Evolutionstheorie beschrieb er als „zusammenhängendes Erklärungsmodell, das man nicht wie einen Schweizer Käse mit Löchern durchsetzen kann, in denen der Geist des Göttlichen spuken darf. Wir müssen eine ehrliche Verhältnisbestimmung von Naturwissenschaften und Religion vornehmen.“ Von der Kirche verlangt er, die Evolutionstheorie und Hirnforschung ernst zu nehmen, denn es könne „nicht richtig über Gott denken, wer falsch über die Natur denkt“.
Weitere Aspekte bezüglich Exegese, Psychologie und Kirchenkritik Drewermann legte zahlreiche tiefenpsychologische Deutungen von biblischen Passagen, Märchen und anderen Texten vor. Dabei berief er sich auf Psychoanalytiker wie Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, Heinz Kohut, Melanie Klein, Erich Fromm und Daniel Stern. Er sieht in der therapeutisch heilenden Beziehung zu Gott ein spezifisch christliches Moment, das auch eine Basis für Veränderungen in Kirche und Gesellschaft sein könne.Drewermann, 1998. Andere haben seinen Ansatz mit Traditionen christlicher Mystik verglichen.So etwa der Psychologe Online als E-Book.
Zentrale Glaubensinhalte der römisch-katholischen Konfession wurden von ihm symbolisch gedeutet; er bestritt, dass es sich um Ereignisse „in der sogenannten Wirklichkeit der äußeren Tatsachen“Tiefenpsychologie und Exegese, Bd. 1, 503; vgl. 298 ff. handele, so etwa die Jungfrauengeburt, Auferstehung, Himmelfahrt oder Wunder.Uwe Beyer: Die Tragik Gottes. Ein philosophischer Kommentar zur Theologie Eugen Drewermanns. Königshausen & Neumann, 1995, ISBN 3-88479-984-3, S. 40 ff. Damit geriet er in Konflikt mit dem Lehramt der katholischen Kirche.