mini|hochkant|André-Joseph Mécou nach Joseph Jauffret: Nicolas Baudin, 1800 mini|Charles-Alexandre Lesueur: Le Géographe und Le Naturaliste Nicolas-Thomas Baudin (* 17. Februar 1754 in Saint-Martin-de-Ré; † 16. September 1803 in Port-Louis) war ein französischer Seefahrer und Expeditionsleiter. Nachdem er auf Seiten der USA am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen hatte, unternahm er nacheinander Forschungsreisen für Österreich und Frankreich. In beiden Ländern zunächst gefeiert, verfiel er danach der Damnatio memoriae. Als Autodidakt stieß er bei Naturwissenschaftlern, als ehemaliger Kapitän der Handelsmarine bei Seeoffizieren auf Vorurteile. Auch wenn bei seiner Karriere Projektemacherei im Spiel war, tendiert die Forschung zu seiner Rehabilitierung.
Gefeiert und verdammt Bevor Baudin zu seiner letzten Expedition aufbrach, erschien der einzige Stich, der ein verschollenes Porträt des Seefahrers authentisch wiedergibt. Dieses wurde von Joseph Jauffret (1781–1836) im August 1800 heimlich während eines Banketts gezeichnet. Beim Stecher handelt es sich um André-Joseph Mécou (1774–1838). Unter dem Bildnis ist nachstehender Vierzeiler wiedergegeben, den der mitreisende Zoologe François Péron (1775–1810) verfasst hatteVgl. Anne Lombard-Jourdan: Les deux portraits de Nicolas Baudin. In: Archipel (Paris) 62/2001, S. 65–70 (), Fig. 1; Gazette nationale ou Le Moniteur universel (Paris), 9. September 1800, S. 1423 (), 6. November 1800, S. 176 ().:
In Prosa übersetzt: Als Autor des offiziellen ExpeditionsberichtsFrançois Péron et al.: Voyage de découvertes aux terres australes (…) Historique, 2 Bände, Imprimerie Impériale bzw. Royale, Paris 1807/1816 (1: ; 2: ). aber entwarf derselbe Péron ein negatives Bild Baudins. So negativ, dass Napoleon gesagt haben soll: Zitiert nach Louis Audiat: F. Péron (de Cérilly), sa vie, ses voyages et ses ouvrages. Énaut, Moulins 1855, S. 62 ().
Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg mini|hochkant|Baudins Elternhaus in Saint-Martin-de-Ré Baudins Vater, der Kaufmann François Baudin (1719–1780) in Saint-Martin-de-Ré auf der Île de Ré, besaß Barken für die Küstenschifffahrt.Er hatte das Recht, den Leuchtturm von Cordouan in der Mündung der Gironde zu versorgen. Seine Mutter Suzanne geb. Guillobé (ca. 1728–1778) war eine Cousine des Reeders Jean Peltier Dudoyer (1734–1803) in NantesVgl. Tugdual de Langlais: L’armateur préféré de Beaumarchais ... Jean Peltier Dudoyer. Coiffard, Nantes 2015, ISBN 978-2-919339-28-0.. Baudins Brüder Alexandre (1756–1822) und Augustin (1757–1821) wurden ebenfalls Kapitäne. Baudin fuhr schon früh zur See. 1775 ging er als Fourier mit einem Truppentransport auf die Île de France, das heutige Mauritius. 1776 diente er in der Grenadierkompanie des Regiments von Pondichéry (Französisch-Indien), ohne aber als Bürgerlicher Offizier werden zu können.
mini|hochkant|Jean-Marc Nattier: Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, 1755 Dies ermöglichte ihm der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775–1783), in dem Frankreich – bis 1778 verdeckt – die USA unterstützte. Peltier rüstete etwa 15 Schiffe aus, mit denen der Dichter Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732–1799) die Truppen von George Washington mit Kriegsbedarf versorgte. 1777 nach Lorient zurückgekehrt, erhielt Baudin den Grad eines Leutnants zur See in der französischen Kriegsmarine, wenn auch wegen fehlenden Adels nur aushilfsweise.Die Anmerkung von Charles-Nicolas-Sigisbert Sonnini in André-Pierre Ledru: Voyage aux iles de Ténériffe, La Trinité, Saint-Thomas, Sainte-Croix et Porto-Ricco, exécuté par ordre du gouvernement français, de septembre 1796 à juin 1798, sous la direction du capitaine Baudin (…) 1. Band, Arthus-Bertrand, Paris 1810 (), S. XLI f, wonach Baudin vor 1798 nie in der französischen Kriegsmarine gedient habe, ist also irrig. Er diente auf dem Duc de Choiseul, der offiziell Peltier gehörte und 1778 von den Engländern vor Nova Scotia aufgebracht wurde. Trotz einer Schusswunde schaffte er es, von Halifax nach Boston zu fliehen. In der Folge kommandierte er das Transportschiff L’Amphitrite, das in einem Sturm 60 Meilen vor der Küste bei Cape Cod sank, dann das Paketschiff La Revanche (Die Rache), das vor Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, nach fünfstündigem Kampf der Royal Navy in die Hand fiel. Die neuerliche Kriegsgefangenschaft verbrachte Baudin auf Jamaika. Nachdem er von einem Gefangenenaustausch profitiert hatte, kehrte er 1779 auf der erbeuteten englischen Fregatte La Minerve nach Frankreich zurück. 1780 erhielt er in La Rochelle das Patent als Kapitän der Handelsmarine.
Im selben Jahr wurde ihm in Rochefort das Kommando der Fregatte L’Apollon von 44 Kanonen übertragen, die Geleitzüge eskortierte. Als aber 1782 eine Fahrt ans Kap der Guten Hoffnung anstand, wurde Baudin vom Kommandanten von Brest, Charles-Jean d’Hector, durch einen adligen Protégé ersetzt und quittierte den Dienst in der Kriegsmarine.Frank Horner: The French Reconnaissance: Baudin in Australia, 1801-1803. Melbourne University Press 1987, S. 24 f.; Madeleine Ly-Tio-Fane: Le Géographe et le Naturaliste à l’Île-de-France, 1801, 1803. Ultime escale du capitaine Baudin. Port-Louis 2003, ISBN 99903-31-12-X, S. 32 f. Sein letztes Engagement zur Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs war 1782–1784 das Kommando der Fregatte L’Aimable Eugénie (Die liebenswürdige Eugenie), die Beaumarchais gehörte und von Peltier ausgerüstet worden war.Michèle Rivas(-Baudin): Nicolas Baudin et la guerre d’Indépendance américaine (1777-1779). In Michel Jangoux (Hrsg.): Portés par l’air du temps, les voyages du capitaine Baudin (Études sur le XVIIIe siècle 38), Éditions de l’Université de Bruxelles, 2010, ISBN 978-2-8004-1486-7 (), S. 15–25, hier: S. 18, 24. Eugénie heißt die Titelheldin des 1767 uraufgeführten ersten Bühnenwerks von Beaumarchais.
Anschließend beteiligte sich Baudin wahrscheinlich am Handel der Österreichischen Niederlande mit den USA. Eine wichtige Rolle spielte dabei Ostende, das Kaiser Joseph II. 1781 zum Freihafen erklärt hatte. In dieser Zeit soll Baudin einem in die Gefangenschaft von Barbaresken-Korsaren geratenen Untertanen des Kaisers Hilfe geleistet haben, weshalb er 1786 den Orden Sankt Phillipps zum Löwen der Grafen von Limburg-Styrum erhielt und damit das Recht, sich Chevalier zu nennen.
Expeditionen für Österreich
Kapprovinz, Maskarenen (1786–1788) mini|hochkant|Bernhard Albrecht Moll: Franz Boos, 1783 1785 brachte Baudin aus Kanada vertriebene Franzosen von Nantes ins damals spanische New Orleans (Deportation der Akadier).In New Orleans kaufte Baudins Bruder Alexandre 1798 eine Plantage. Vgl. Admiralty Decisions in the District Court of the United States, for the Pennsylvania district, by the Hon. Richard Peters (…) Band 2, Patrick Byrne, Philadelphia 1807, S. 415–419 (); Henry C. Bezou: Metairie, A Tongue of Land to Pasture. Pelican, Gretna 2003 (), S. 60, 77. Als er von dort zur Île de France unterwegs war, könnte er im Oktober 1786 auf Jamaika mit dem Botaniker Franz Joseph Märter (1753–1827) verhandelt haben.Madeleine Ly-Tio-Fane: Le Géographe et le Naturaliste à l’Île-de-France, 1801, 1803. Ultime escale du capitaine Baudin. Port-Louis 2003, ISBN 99903-31-12-X, S. 33 inkl. Anm. 26. Dieser war von Joseph II. mit der Leitung eines Expeditionsteams betraut worden, das aber in der Zwischenzeit auseinandergebrochen war. In der Folge brachte Baudin von Februar bis März 1787 einen früheren Begleiter Märters, den Gärtner Franz Boos (1753–1821) aus Frauenalb in Baden, von der niederländischen Kapkolonie auf die Île de France. Für die Rückfahrt im Dezember charterte Boos Baudins Pepita (JosephaWiener Zeitung, 18. Juni 1788, S. 1494 ().), die in La pépinière (Die Gärtnerei) umgetauft wurdeErnst Moriz Kronfeld: Park und Garten von Schönbrunn (Amalthea-Bücherei, 35. Band). Amalthea-Verlag, Zürich 1923, S. 100.. Weil das Schiff nicht genug Platz bot, ließ Boos am Kap einen Teil des dort Gesammelten unter der Obhut seines erkrankten Gehilfen Georg Scholl (1751–1831) zurück. Über Málaga und Triest erreichte er im August 1788 Wien.Beyträge zum gelehrten Österreich (Franz Boos). In: Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst, 6. Jahrgang, Anton Strauß, Wien 1815, 29. Dezember, S. 756–758 (); Madeleine Ly-Tio-Fane: Contacts between Schönbrunn and the Jardin du Roi at Isle de France (Mauritius) in the 18th Century. An Episode in the Career of Nicolas Thomas Baudin. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 35/1982, S. 85–109, hier: S. 92–100 (); dieselbe: Le Géographe et le Naturaliste à l’Île-de-France, 1801, 1803. Ultime escale du capitaine Baudin. Port-Louis 2003, ISBN 99903-31-12-X, S. 42–54. Baudin, den er sehr rühmte, war ihm dorthin vorausgereist.Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. N. 3517, fol. 360 f. (Boos an Vizestaatskanzler Johann Philipp Cobenzl, Triest, 24. Juni 1788). Die größten Tiere, die sie mitbrachten, waren zwei Zebras.Vgl. Sébastien Brunner: Correspondances intimes de l’empereur Joseph II avec son ami le comte de Cobenzl et son premier ministre le prince de Kaunitz (…) François Kirchheim, Mayence 1871, S. 75, 78 ().
Ostindien (1788–1794) Von Boos in die Pflanzen- und Tierpflege eingeführt, brach Baudin 1788 zu einer teils kommerziellen, teils wissenschaftlichen Mission nach Ostindien auf. Im Anschluss sollte er Scholl zurückholen. Er verlor aber zwei Schiffe, die er beide La jardinière (Die Gärtnerin) getauft hatte. Das erste erlitt unter dem Kommando seines Stellvertreters auf dem Weg von Macao nach Nordamerika 1789 bei Asunción (Nördliche Marianen) Schiffbruch. Das zweite wurde im Dezember des erwähnten Jahres noch auf der Île de France, wo er es kaufte, Opfer eines Zyklons.Madeleine Ly-Tio-Fane: Contacts between Schönbrunn and the Jardin du Roi at Isle de France (Mauritius) in the 18th Century. An Episode in the Career of Nicolas Thomas Baudin. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 35/1982, S. 85–109, hier: S. 100–102 (); dieselbe: Le Géographe et le Naturaliste à l’Île-de-France, 1801, 1803. Ultime escale du capitaine Baudin. Port-Louis 2003, ISBN 99903-31-12-X, S. 52–54.