mini|Eingangstafel zur Gedenkstätte mini|Übersichtsplan der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora
Konzentrationslager Mittelbau-Dora ist der heute verwendete Name eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers nördlich von Nordhausen im heutigen Bundesland Thüringen. Das Lager „Dora“ am Südhang des Kohnsteins bei Niedersachswerfen war größter Einzelstandort sowie Sitz der Kommandantur des im Herbst 1944 neu organisierten „KZ Mittelbau“. In diesem Lager wurden Häftlinge interniert, die beim Ausbau und Betrieb der unterirdischen Rüstungsfabrik Mittelwerk GmbH (auch „Projekt Mittelbau“ genannt) in der Stollenanlage im Kohnstein eingesetzt waren. Auf dem Gelände des ehemaligen Hauptlagers befindet sich heute die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora.
Überblick und Name mini|KZ-Gedenkstätte Dora-Mittelbau, links hinter der Betonsäule der Appellplatz, rechts am Hang des Kohnsteins eine wieder errichtete Häftlingsbaracke
Am 28. August 1943 errichtete die SS am Fuße des Kohnsteins nördlich von Nordhausen ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald mit der Tarnbezeichnung Arbeitslager „Dora“.Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora: „Lebendig begraben“: Dora im Herbst 1943. (online), Zugriff am 28. April 2017. Die Bezeichnung „Arbeitslager der Waffen-SS“ war der von der SS ab 1943 offiziell verwendete Deckname besonders für solche KZ-Außenlager, die im Zuge der verstärkten Untertageverlagerung der deutschen Rüstungsindustrie errichtet wurden.Hans Maršálek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation. 3. Auflage. Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen, Wien 1995, S. 71. „Dora“ wiederum war der deutschen postalischen Buchstabiertafel entnommen.
Die Häftlinge des KZ-Außenlagers „Dora“ wurden hauptsächlich im Stollenvortrieb und den untertage gelegenen Werksanlagen der Mittelwerk GmbH eingesetzt, wo vor allem die „Vergeltungswaffe 2“ (V2) sowie die Flugbombe „Vergeltungswaffe 1“ (V1) produziert wurden.
Am 28. Oktober 1944 wurde das bisher als Außenlager des KZ Buchenwald geführte Lager „Dora“ durch das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (SS-WVHA) zum eigenständigen Konzentrationslager mit der Bezeichnung Konzentrationslager Mittelbau (kurz KZ Mittelbau) erklärt.Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945 Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Wallstein, Göttingen, 2007, ISBN 978-3-8353-0118-4, S. 53 f. Dem „KZ Mittelbau“ wurden neben dem Lager „Dora“ im Laufe der Zeit weitere Nebenlager oder Außenkommandos unterstellt. Der Lagerkomplex umfasste schließlich fast 40 Nebenlager, wobei das Lager „Dora“ auch als Sitz der Kommandantur und des Hauptquartiers der SS-Wachtruppen diente.
Während der 18 Monate, die der Komplex des „KZ Mittelbau“ existierte, durchliefen ihn etwa 60.000 Häftlinge aus 48 Nationen; 20.000 von ihnen starben infolge der inhumanen Arbeits- und Lebensbedingungen. Am 11. April 1945 wurde das Lager „Dora“ durch die US-Armee befreit.
1964 eröffnete die DDR auf dem Gelände des ehemaligen Hauptlagers „Dora“ die „Mahn- und Gedenkstätte Mittelbau-Dora“, die im Laufe der Zeit mehrfach umgestaltet wurde. Nach dem Ende der DDR erhielt sie den Namen KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. 1995 wurde die Gedenkstätte im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland mit einem neuen museologischen Konzept versehen und Teile der weitläufigen Stollenanlage unter dem Kohnstein für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 2005 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Hauptlagers ein neues Museumsgebäude eröffnet, das seit 2006 eine neue Dauerausstellung zeigt.
Im Zusammenhang mit diesem Konzentrationslager findet sich außerdem die Bezeichnung „Dora-Mittelbau“, mit der zu unterschiedlichen Zeiten sowohl der Lagerstandort „Dora“, der Gesamtkomplex des „KZ Mittelbau“ als auch die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Hauptlagers „Dora“ benannt wurden.
Das Lager „Dora“ am Fuße des Kohnstein Untertageverlagerung und Standortwahl Die Entwicklung des Konzentrationslager-Komplexes KZ Mittelbau im Harz steht in engem Zusammenhang mit der Untertageverlagerung der deutschen Rüstungsindustrie während des Zweiten Weltkriegs. Dabei griff man, sofern möglich, auf bereits bestehende unterirdische Bauten zurück. Eine solche Anlage stellten die Stollen unter dem Kohnstein in Niedersachswerfen bei Nordhausen dar, die ab Mitte der 1930er Jahre entstanden und ursprünglich als unterirdisches Treibstofflager der Wehrmacht vorgesehen waren.Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Göttingen 2007, S. 32f., 43. Bis zum Herbst 1942 war das Stollensystem provisorisch fertiggestellt. Die Bauvorhaben im Kohnstein wurden ständig ergänzt und erweitert.Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora, Göttingen 2001, S. 146ff.
Nach der Bombardierung der Heeresversuchsanstalt Peenemünde durch die Royal Air Force (RAF) in der Nacht vom 17. zum 18. August 1943 trafen Adolf Hitler, Rüstungsminister Albert Speer und Reichsführer SS Heinrich Himmler die Entscheidung, auch die Arbeiten an der „V2“-Rakete sowie der „V1“-Flugbombe von Peenemünde unter Tage zu verlagern. Als künftiger Standort des Raketen-Fertigungswerks wurde die Stollenanlage im Kohnstein im Harz ausgewählt. Im September 1943 erhielt Hans Kammler zudem den Auftrag, das Peenemünder Entwicklungswerk in eine neu zu errichtende Stollenanlage bei Ebensee in den Alpen zu verlagern.Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora. Göttingen 2001, S. 87. Für die Einrichtung dieser Anlagen wurde in großem Umfang der Einsatz von KZ-Häftlingen vorgesehen, die vor Ort in eigenen Außenkommandos stationiert und von der SS bewacht wurden.
Mit dem Ausbau der Stollenanlage im Kohnstein zur unterirdischen Raketenfabrik Mittelwerk wurde die WiFo als Eigentümerin beauftragt; die Fertigung der Raketen nach den Vorgaben der Heeresversuchsanstalt Peenemünde wurde der eigens dafür ins Leben gerufenen halbstaatlichen „Mittelwerk GmbH“ übertragen, die erst nachträglich am 24. September 1943 offiziell als Unternehmen gegründet wurde.Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 7, München 2008, S. 231f.
Umbau der Stollen zur Rüstungsfabrik mini|Die 1947 gesprengte Einfahrt in den Fahrstollen A mini|Stolleneingang B, links der verschüttete Originalzugang, in der Mitte der heutige Besucherzugang, der im Berg zum Stollen A führt
Der Umbau der Stollenanlage zur Produktionsstätte dauerte vom Spätsommer 1943 bis Anfang 1944. Für den Einsatz der KZ-Häftlinge am Kohnstein wurde vom KZ Buchenwald ein Außenkommando mit der Tarnbezeichnung „Arbeitslager Dora“ ins Leben gerufen. Der erste Häftlingstransport mit 107 Häftlingen erreichte den Berg am 28. August 1943,Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora (Hrsg.), Jens-Christian Wagner (Bearb.): Wegweiser durch die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. 5. Auflage. Weimar / Nordhausen 2014, S. 10. zehn Tage nach der Zerstörung der Anlagen in Peenemünde und noch vor der formellen Gründung der als Betreibergesellschaft vorgesehenen Mittelwerk GmbH.
Allein bis Ende 1943 wurden insgesamt 11.000 KZ-Häftlinge zum Kohnstein gebracht.Volker Bode, Christian Thiel: Raketenspuren – Waffenschmiede und Militärstandort Peenemünde. Berlin 1995, S. 86ff. Vordringlichste Aufgabe der Häftlinge in den Stollen unter dem Kohnstein war der Umbau des bestehenden Treibstofflagers zu einer Raketenfabrik sowie anschließend die schrittweise Erweiterung der Tunnelanlagen nach Bedarf der beteiligten Rüstungsunternehmen. Sämtliche Arbeiten wurden durch die Häftlinge ausgeführt, meist ohne besondere Transport- oder Hilfsmittel. Zunächst wurden die Böden in den Stollen betoniert, Straßen gebaut, Gleise verlegt, weitere Kammern angelegt und die großen Produktionsmaschinen eingebaut. Zur Erweiterung der Anlage mussten die Häftlinge zwei parallel laufende Haupttunnel, genannt Fahrstollen A und Fahrstollen B, in den Berg treiben, die jeweils etwa 1800 Meter lang waren und eine Höhe von etwa 30 Metern hatten. In den Fahrstollen, die mit 46 quer laufenden Tunneln miteinander verbunden waren, wurden Eisenbahnschienen verlegt, um die für die Produktion benötigten Teile in die unterirdische Fabrik sowie die fertiggestellten Raketen zu den Abschussstellen für den Einsatz gegen London, Paris und Antwerpen zu transportieren. Die Gesamtlänge aller Tunnel betrug im Mai 1945 etwa 20 Kilometer, die Gesamtfläche lag bei über 250.000 Quadratmetern. Die Häftlinge errichteten zudem einen Güterbahnhof nahe den südlichen Tunneleingängen sowie eine Eisenbahnbrücke über die Zorge, so dass das Stollensystem einen Gleisanschluss zur Bahnstrecke Northeim–Nordhausen erhalten konnte.
Von Anfang an waren die Lebensbedingungen für Häftlinge am Kohnstein extrem schlecht. Bei Ankunft der ersten Häftlingsgruppe aus dem KZ Buchenwald im August 1943 gab es vor Ort noch keine Unterkünfte für die Häftlinge. Zunächst waren die Häftlinge provisorisch in einem Zeltlager am Kohnstein untergebracht und später unter inhumanen Bedingungen in der Stollenanlage selbst. Ein oberirdisches Häftlingslager wurde erst nach dem Anlaufen der V2-Produktion errichtet. Die meisten Gefangenen, die bis Anfang 1944 am Bau der Raketenfabrik beteiligt waren, wurden von der SS rund um die Uhr in den Tunneln gehalten. Die Häftlinge wurden gezwungen, in den ersten vier Seitenkammern „Schlafstollen“ für sich einzurichten. In den ersten Monaten starben bereits Tausende von ihnen an Entkräftung, Unterernährung, wegen der katastrophalen sanitären Bedingungen sowie an Lungenkrankheiten, hervorgerufen durch den Staub der Sprengungen. Diese erfolgten tagsüber und nachts, so dass nicht einmal ein geregelter Schlaf in den Stollen möglich war. In dieser ersten Phase war auch die medizinische Versorgung der Häftlinge unzureichend. Eine Stollen-Kammer war als Ambulanz eingerichtet worden, was jedoch nicht ausreichte, um die Kranken zu behandeln. Bis die Raketenproduktion im Mittelwerk im Frühjahr 1944 voll anlief, starb etwa ein Drittel der am Kohnstein eingesetzten Häftlinge an den inhumanen Versorgungs- und Lebensbedingungen.Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Göttingen 2007, S. 45f. Von den ungefähr 60.000 Zwangsarbeitern starben mindestens 20.000, die meisten davon vor Errichtung des Barackenlagers. Im Sinne der Vernichtung durch Arbeit war dies von der SS durchaus gewollt.
Rüstungsproduktion und weitere Bauten
mini|links|V2-Rakete im Mittelwerk. Aufnahme vom Juli 1945 mini|links|US-Luftaufnahme des Zorgetals zwischen Nordhausen und Ellrich mit den durch alliierte Luftauswertung markierten Untertageanlagen bei Niedersachswerfen und Woffleben (März 1945) mini|Triebwerksteil einer V2 im Stollen
Die Produktion der V2 im „Mittelwerk“ unter dem Kohnstein begann im Januar 1944, ein halbes Jahr nach der Gründung des Außenkommandos „Arbeitslager Dora“. Während nach Einrichtung des benötigten Maschinenparks und Verlegung von Fachpersonal nach Niedersachswerfen die Produktion der Rüstungsgüter anlief, wurde das Stollensystem kontinuierlich erweitert. Im Schnitt waren etwa 5000 Häftlinge bei der V2-Montage unter Aufsicht von circa 3000 Zivilangestellten beschäftigt.Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Göttingen 2007, S. 49f.