mini|Die drei historischen Provinzen Libyens mini|Die ethnischen Gruppen Libyens
Die Geschichte Libyens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des Staates Libyen von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die Geschichte Libyens im Sinne einer menschlichen Besiedlung lässt sich, auch wenn bis zu 2 Millionen Jahre alte Spuren in Nordwestafrika existieren, bisher nur über eine Zeitspanne von etwas mehr als 100.000 Jahren zurückverfolgen.
Libya ist das griechische Wort für das von „Libyern“ bewohnte Gebiet westlich von Ägypten. Später dehnte sich die Bezeichnung auf ganz Nordafrika zwischen Ägypten, Aithiopia und Atlantik aus.
Ur- und Frühgeschichte Paläolithikum mini|Faustkeile aus heutigen Sandwüsten Nordafrikas. Der linke, 440 mm lange, stammt aus Libyens Erg Tamiset, der rechte, 330 mm lange, aus dem Erg Murzuk im Südwesten. Der mittlere Faustkeil stammt aus Süd-Algerien.
Aufgrund von Fossilien- und Werkzeugfunden gilt es als erwiesen, dass einige Vertreter des Homo erectus Afrika erstmals vor rund 2 Millionen Jahren Richtung Levante, Schwarzmeerraum und Georgien sowie möglicherweise über Nordwestafrika Richtung Südspanien verließen.Friedemann Schrenk, Stephanie Müller: Die Neandertaler, C. H. Beck, München 2005, S. 42. Vor rund 600.000 Jahren kam es wohl zu einer zweiten Ausbreitungswelle.Carl Zimmer: Woher kommen wir? Die Ursprünge des Menschen, Spektrum Akademischer Verlag, 2006, S. 90. In Afrika ging vor etwa 200.000 Jahren aus Homo erectus der frühe oder archaische anatomisch moderne Mensch und aus diesem der anatomisch moderne Mensch hervor.John G. Fleagle, Zelalem Assefa, Francis H. Brown und John J. Shea: Paleoanthropology of the Kibish Formation, southern Ethiopia: Introduction, in: Journal of Human Evolution 55,3 (2008) 360–365, doi:10.1016/j.jhevol.2008.05.007. Dabei war die Sahara, im Gegensatz zum Küstensaum und den Oasen, nur phasenweise bewohnbar, wenn genügend Niederschläge eine ausreichende Flora und Fauna zuließen.Kathryn Ann Bard, Steven Blake Shubert (Hrsg.): Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt, Psychology Press, 1999, S. 6.
mini|Piktogramme, die um 4000 v. Chr. entstanden, fanden sich im Tadrart Acacus, einem Gebirgszug im Südwesten Libyens an der algerischen Grenze. Sie gehören seit 1985 zum Welterbe.
Die Sahara war vielfach trockener, aber auch über lange Zeiten feuchter als heute, dehnte sich also aus bzw. schrumpfte. Phasen der „grünen Sahara“ konzentrierten sich mit ihren Maxima vor allem um die Zeit vor 315.000, 215.000 und 115.000 Jahren, Maxima ausgesprochen trockener Phasen finden sich vor 270.000, 150.000 und 45.000 Jahren. Dementsprechend war die Sahara bis auf wenige Refugia wohl vor 325.000 bis 290.000 und vor 280.000 bis 225.000 Jahren ein für Menschen kaum bewohnbarer Ort. Sollten zu dieser Zeit Menschen in der heutigen Wüste gelebt haben, müssen sie sich in den Süden, an das Rote Meer oder das Mittelmeer zurückgezogen haben. Unter diesen Bedingungen könnte der moderne Mensch entstanden sein, der immer wieder ausreichend lange isoliert war, und sich immer neuen Bedingungen ausgesetzt sah.J. C. Larascaña: A Northeast Saharan Perspective on Environmental Variability in North Africa and its Implications for Modern Human Origins, in: Jean-Jacques Hublin, Shannon P. McPherron (Hrsg.): Modern Origins. A North African Perspective, Springer 2012, S. 19–34, hier: S. 29.
So bestand vor 125.000 Jahren ein ausreichendes Wasserwegenetz, um die Ausbreitung zahlreicher Tierarten nach Norden zu ermöglichen, denen menschliche Jäger folgten. Dazu trugen riesige Seen, wie der Mega-Fezzan-See (über 76.000 km²Simon J. Armitage, N. A. Drake, S. Stokes, A. El-Hawat, M. J. Salem, K. White, P. Turner, S. J. McLaren: Multiple phases of North African humidity recorded in lacustrine sediments from the Fazzan Basin, Libyan Sahara, in: Quaternary Geochronology 2,1–4 (2007) 181–186.) bei, die sich in feuchten Phasen während der letzten 380.000 Jahre mehrfach weit nach Norden erstreckten. Hingegen dehnte sich die Sahara vor 70.000 bis 58.000 Jahren nordwärts bis zum Dschabal Gharbi aus. Danach kam es zu einer feuchteren Phase, der wiederum vor 20.000 Jahren eine trockenere folgte.
mini|Petroglyphen belegen die Anwesenheit von Elefanten in Tadrart Acacus, die jedoch in den Trockenphasen aus der Region verschwanden. mini|Ähnliches gilt für dieses Artefakt aus dem Wadi Mathendous mini|… wo sich auch Giraffen fanden.
Die frühesten Spuren menschlicher Besiedlung auf dem Gebiet des heutigen Libyen reichen nicht nur bis in das Atérien zurück, als die feuchtere Sahara von Jägern und Sammlern durchzogen wurde.Dieser Abschnitt folgt E. E. A. Garcea: Modern Human Desert Adaptations: A Libyan Perspective on the Aterian Complex, in: Jean-Jacques Hublin, Shannon P. McPherron (Hrsg.): Modern Origins. A North African Perspective, Springer 2012, S. 127–142. Aus dem Paläolithikum fanden sich Überreste im Tadrart Acacus im Südwesten Libyens, im Dschabal Uweinat im Südosten,Western Uweinat rock art sites. aber auch 25 km nordwestlich davon,Rock art sites of Jebel Arkenu, Jebel Kissu and Yerguehda Hill. im Dschabal Gharbi 60 km südlich der Mittelmeerküste, als auch am zentral gelegenen Shati-See (100 bis 110.000 Jahre). Von den insgesamt 56 Stätten (Stand: 2012Jean-Jacques Hublin, Shannon P. McPherron: Modern Origins. A North African Perspective, Springer 2012, S. 130.), befinden sich 25 am Dschabal Gharbi (südlich von Tripolis) und 19 in der zentralen Sahara am Tadrart Acacus und in der Messak Settafet.
Für eine spätere Feuchtphase nimmt man heute an, dass nilo-saharische Gruppen aus dem Osten in die südliche Sahara zogen, um dort Wassertieren nachzustellen, während die nördliche Sahara eher von Jägern der Steppentiere aufgesucht wurde.Nick A. Drakea, Roger M. Blenchb, Simon J. Armitagec, Charlie S. Bristowd, Kevin H. White: Ancient watercourses and biogeography of the Sahara explain the peopling of the desert, in: Proceedings of the National Academy of Sciences 108,2 (2011) 458–462. Fischer zogen also an Flüssen und Seen westwärts, manche bis nach Nordwestafrika, um mit ihren Harpunen Fische, Krokodile und Flusspferde zu jagen, andere Jäger zogen südwärts, um mit Pfeil und Bogen Savannenbewohner zu erlegen, wie Elefanten und Giraffen. Letztere sind wohl dem Epipaläolithikum zuzuordnen und kamen um 8000 v. Chr. aus Nordwestafrika. Der Shati-See wurde gegen Ende der letzten Eiszeit ein Teil des sehr viel größeren Megafezzan-Sees, bei dem es sich, wie jüngere Untersuchungen zeigen, eigentlich um zwei Seen handelte, die sich vor 100.000 Jahren über eine Fläche von 1350 bzw. 1730 km² erstreckten.
mini|hochkant|Atérien-Spitze aus Algerien
In Nordafrika folgten auf späte Faustkeilkomplexe die Abschlagtechnik, die den südeuropäischen und vorderasiatischen stark gleichen. Auch Blattspitzen, die der späteren Atérien-Tradition angehören, finden sich. Sie gilt als Kultur nomadischer Wüstenjäger und endete vor etwa 32.000 Jahren.John Donnelly Fage, Roland Anthony Oliver (Hrsg.): The Cambridge History of Africa, Cambridge University Press 1982, S. 266. Das Atérien galt lange als Teil des Moustérien, jedoch inzwischen als spezifische archäologische Kultur des Maghreb. Sie hatte einen sehr hohen Bearbeitungsstand ihrer Steinwerkzeuge erreicht. Die Jäger entwickelten einen Griff für Werkzeuge, verbanden also erstmals verschiedene Werkstoffe zu Kompositwerkzeugen.J. D. Fage, Roland Anthony Oliver (Hrsg.): The Cambridge History of Africa, Cambridge University Press 1982, S. 262. In Libyen sind 56 Atérien-Fundstätten (Stand: 2012) bekannt, von denen sich allein 25 im Dschabal Gharbi im Nordwesten des Landes fanden.Dieser Abschnitt folgt E. E. A. Garcea: Modern Human Desert Adaptations: A Libyan Perspective on the Aterian Complex, in: Jean-Jacques Hublin, Shannon P. McPherron (Hrsg.): Modern Origins. A North African Perspective, Springer 2012, S. 127–142, hier: S. 130. Die Jäger und Sammler bevorzugten weiter im Süden höher gelegene Regionen, da sie ihren Ansprüchen an die ökologische Umgebung näher kamen. Vor 70.000 bis 58.000 Jahren dehnte sich die Sahara bis in das Gebiet des Dschabal Gharbi nordwärts aus, die nächste Trockenphase folgte erst vor rund 20.000 Jahren. Die Funde, deren sichere Datierung noch aussteht, müssen also zwischen diesen Trockenphasen zeitlich einzuordnen sein.
Meist lassen sich zeitliche Parallelen mit ägyptischen Kulturen nur typologisch erschließen. So ähneln die Klingen von Nazlet KhaterIsabelle Crevecoeur: The Upper Paleolithic Human Remains of Nazlet Khater 2 (Egypt) and Past Modern Human Diversity, in: Modern Origins. Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology 2012 (205-219) und L. Bouchneb, Isabelle Crevecoeur: The inner ear of Nazlet Khater 2 (Upper Paleolithic, Egypt), in: Journal of Human Evolution 56 (2009) 257–262. Gesamtdarstellung von Isabelle Crevecoeur: Etude anthropologique du squelette du Paléolithique supérieur de Nazlet Khater 2 (Egypte). Apport à la compréhension de la variabilité passée des hommes modernes, Leuven University Press, 2009. denen von Haua Fteah in der libyschen Kyrenaika.Haua Fteah Cave
Aus dem späten Paläolithikum sind in Libyen einige Fundstätten bekannt. Sie reichen zwischen 21.000 und 12.000 Jahre zurück. Das Klima blieb extrem trocken, doch widerstanden viele Tierarten noch lange Zeit dem extremer werdenden Klima. Nordafrikanische Strauße (Struthio camelus camelus), die in der nördlichen Sahara lebten, kannten noch die Griechen.Aristoteles, Akademie Verlag, Berlin 2007, S. 759. Die Erwärmung nach dem Ende der letzten Kaltzeit hatte jedoch weitere, massive Veränderungen zur Folge. So waren die Überschwemmungen außergewöhnlich ergiebig und erreichten Gebiete, die seit langem kaum mehr Wasser gesehen hatten. Von den jüngeren Bewohnern stammen die Felsmalereien und Gravuren, die ab 9000 v. Chr. einsetzen.
An der westägyptischen Fundstätte Nabta siedelten um 6700 v. Chr. Hirten mit ihren Rindern an einem flachen See kaum 100 km von Wadi Kubbaniya, am Ostrand der Sahara. Dort fanden sich 12 runde und ovale Hütten.Steven Mithen: After the Ice: A Global Human History, 20,000–5000 BC, S. 494. Bei Elkab fanden sich Artefakte aus der Zeit zwischen 7000 und 6700 v. Chr. Die Elkabian-Industrie war mikrolithisch, es existierten zwar Mahlsteine, doch fanden sich an vielen von ihnen rote Pigmente, so dass sie nicht als Beleg für Ackerbau gelten können. Die Bewohner waren wohl eher Nomaden, die im regenreicheren Sommer in die Wüste zogen und im Winter im Niltal jagten und fischten.
Neolithikum