Gagausien [] (gagausisch oder , , ) ist ein autonomes Gebiet innerhalb der Republik Moldau. Es verfügt über weitreichende Autonomie, drei Amtssprachen (Gagausisch, Russisch, Rumänisch) und eine eigene Regierung. Von den knapp 160.000 Einwohnern gehört die große Mehrheit der turksprachigen Volksgruppe der Gagausen an, daneben leben allerdings auch zahlreiche Russen, Moldauer, Bulgaren und Ukrainer in der Region.

Gagausien bildet das kulturelle, wirtschaftliche und politische Zentrum der Gagausen. Zwar gibt es bedeutende gagausische Minderheiten auch in anderen Teilen Moldaus, in der Ukraine, in Russland, der Türkei und weiteren Ländern Osteuropas, doch ist Gagausien das einzige Gebiet weltweit, in dem Sprache und Kultur über offiziellen Status verfügen. Mit einer Fläche von etwas mehr als 1800 Quadratkilometern ist es kleiner als das Saarland und dünner besiedelt als der Rest Moldaus.

Die amtliche Bezeichnung lautet Autonome Territoriale Einheit Gagausien (gagausisch , russisch und rumänisch , kurz ).

Geographie Gagausien hat eine Fläche von 1832 Quadratkilometern und liegt im Süden Moldaus. An einigen Stellen grenzt Gagausien direkt an die Ukraine an. Es besteht aus dem Kerngebiet um die Hauptstadt Comrat samt dem südöstlich angrenzenden Ceadîr-Lunga, einer „Insel“ um die Stadt Vulcănești im äußersten Süden sowie zwei weiteren Exklaven, den Dörfern Copceac und Carbalia. Die größten Städte sind die Hauptstadt Comrat (rund 26.000 Einwohner), Ceadîr-Lunga (16.600 Einwohner), Vulcănești (12.200 Einwohner) und Congaz (11.100 Einwohner).

Bevölkerung 2014 betrug die Zahl der Bevölkerung Gagausiens laut offiziellem Zensus knapp 162.000 Menschen, das sind rund 4,6 % der Gesamtbevölkerung Moldaus. 2005 wurde die Einwohnerzahl Gagausiens noch auf knapp 156.000 geschätzt: Im Gegensatz zum Rest Moldaus verfügt Gagausien damit über eine wachsende Bevölkerung – die Geburtenrate lag 2012 rund 5 % über dem moldauischen Durchschnitt. In Comrat leben etwa ein Sechstel der Bewohner Gagausiens. Mit 97.400 Menschen lebt jedoch die Mehrzahl der Einwohner auf dem Land, der Verstädterungsgrad beträgt etwas weniger als 40 %.

Ethnien mini|links|Ethnische Gruppen in Moldau (Mai 1995) mini|Gagausische Jugendliche in ihren Trachten (2005) Die Bevölkerung Gagausiens besteht zum größten Teil aus Gagausen, jedoch gibt es zahlreiche weitere Minderheiten in der Region. Eine Schätzung ergab im Jahr 2005 folgende Zusammensetzung der Nationalitäten:

82,1 % Gagausen 5,1 % Bulgaren 4,8 % Moldauer 3,8 % Russen 3,2 % Ukrainer 1 % andere Nationalitäten

Mit Ausnahme der drei ethnisch gemischten Dörfer Ferapontievca, Chioselia Rusă und Svetlîi bilden Gagausen in der gesamten Region eine deutliche Bevölkerungsmehrheit. Letztere Kommunen entschieden sich jedoch bei einem Referendum 1995, freiwillig Gagausien beizutreten. Einen weiteren Sonderfall bildet das Dorf Chirsova, in dem der Anteil der Gagausen in etwa dem der dortigen Bulgaren (jeweils etwa 45 %) gleicht. Die Russen in Gagausien leben hauptsächlich in den drei Städten Comrat, Ceadîr-Lunga und Vulcănești. Ferapontievca ist das einzige Dorf in Gagausien, in dem Ukrainer die Bevölkerungsmehrheit (knapp 58 %) bilden.

Religionen mini|Eine Kirche in Ceadîr-Lunga Die große Mehrheit der Bevölkerung Gagausiens gehört dem orthodoxen Christentum an, insbesondere der Moldauisch-Orthodoxen, der Russisch-Orthodoxen und der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche. Bedingt durch die lange Zugehörigkeit zur Sowjetunion gibt es auch eine relativ hohe Zahl an Konfessionslosen und nicht-praktizierenden Christen.

Sprachen mini|Dreisprachige Beschilderung in Gagausien: Gagausisch, Rumänisch und Russisch Gagausien hat drei offiziell gleichberechtigte Amtssprachen: Gagausisch, Rumänisch und Russisch. Gagausisch ist eine mit dem Türkischen eng verwandte oghus-türkische Sprache und wird laut Zensus von 2014 von 80,4 % der Bevölkerung Gagausiens als Muttersprache gesprochen.https://www.statistica.md/public/files/Recensamint/Recensamint_pop_2014/Rezultate/Date_RPL_2014.xls Gagausisch ist dem Türkischen so nahestehend, dass es in der Vergangenheit allgemein als türkischer Dialekt angesehen und als solcher klassifiziert wurde. Inzwischen dominiert jedoch die Einschätzung als eigenständige Sprache.

Die Stellung des Russischen ist in Gagausien deutlich stärker als im Rest Moldaus. Beim Zensus von 2014 wurde es zwar nur von knapp 10 % der Bevölkerung Gagausiens als Muttersprache genannt, gleichzeitig gaben jedoch 41,3 % der Bevölkerung Russisch als bevorzugte Alltagssprache an, während 55,6 % hier Gagausisch nannten. Die russische Sprache dient insbesondere als Verkehrssprache zwischen den Bevölkerungsgruppen, als Sprache der Wirtschaft und Medien und wird von nahezu der gesamten Bevölkerung beherrscht. Viele Gagausen sprechen Russisch auf einem muttersprachlichen Niveau; in den meisten gagausischen Schulen ist Russisch Unterrichtssprache,http://gagauzinfo.md/index.php?newsid=1287 ebenso wie an der Universität Comrat, der einzigen Universität der Region. Einigen Einschätzungen zufolge ist Russisch im Alltag die am weitesten verbreitete Sprache. Kenntnisse der gagausischen Sprache sind für höhere politische Ämter in Gagausien allerdings Pflicht. Rumänisch spielt in Gagausien nur eine untergeordnete Rolle, wenngleich es seit dem Zerfall der Sowjetunion an Bedeutung gewonnen hat. Beim Zensus von 2014 gaben 3,8 % der Bevölkerung Rumänisch (bzw. Moldauisch) als Muttersprache an; nur 1,1 % nannten es als bevorzugte Sprache im Alltag.

Geschichte mini|Landschaft in Gagausien Ursprünge Im 11. Jahrhundert kamen Teile der türkischen Stämme der Oghusen und Petschenegen sowie anderer alttürkischer Stämme vom Altai über das Schwarze Meer auf den Balkan. Im 12. Jahrhundert gründeten die Gagausen ein Land mit dem Herrscher Balik Bey. Nach seinem Tode übernahm 1386 Yanko (Ivanko) die Führung. 1417 kam der Balkan unter osmanische Herrschaft, 1484 auch der bessarabische Budschak einschließlich Gagausiens. Durch den Druck der Bulgaren zogen die Gagausen 1750 nach Russland ab. Später, in den Jahren 1769 bis 1791, zog es sie vermehrt zur Donau. In den Jahren von 1801 bis 1820 wanderten sie schließlich nach Bessarabien aus.

Insgesamt lebten die Gagausen rund 300 Jahre unter osmanischer und fast ebenso lange unter russischer, rumänischer und moldauischer Herrschaft.

19. und 20. Jahrhundert (bis zum Zweiten Weltkrieg) Den Bestimmungen des 1812 zwischen dem Russischen Kaiserreich und dem Osmanischen Reich geschlossenen Friedens von Bukarest gemäß kam Gagausien als Teil von Bessarabien unter russische Herrschaft. Es gehörte zunächst zu Neurussland und ab 1873 zum Gouvernement Bessarabien.

Im Zuge der Russischen Revolution 1905/1906 kam es auch in Gagausien zu einem Bauernaufstand, bei dem die Aufständischen am 6. Januar 1906 die Republik Komrat (gagausisch: Komrat Respublikası; rumänisch: Republica de la Comrat) ausriefen. Sie bestand jedoch nur 15 Tage,Erika Dailey: Human rights in Moldova. The turbulent Dniester. Helsinki Watch, New York 1993, ISBN 1-56432-089-8, S. VII. dann schlugen zaristische Truppen den Aufstand nieder.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Bessarabien und damit auch Gagausien durch den Vertrag von Sèvres (Artikel 3) vom 10. August 1920 Großrumänien zugeordnet.

Sowjetische Epoche Im Zweiten Weltkrieg besetzte die sowjetische Rote Armee am 28. Juni 1940 Bessarabien. Der NKWD deportierte die Führungsschicht der gagausischen Gesellschaft, darunter Bürgermeister, Dorfvorsteher, Polizisten und Richter.Yelizaveta Landenberger: Bald lebt hier jeder wie in Monaco. Freigiebige Ganoven: Die EU investiert in Gagausien, einer der ärmsten Regionen von Moldau. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juni 2024, S. 14. Bis zum Kriegseintritt Rumäniens im Juni 1941 gehörte Bessarabien zur Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (MSSR), dann wurde es beim Unternehmen Barbarossa von deutschen und rumänischen Truppen erobert und dadurch wiederum ein Teil Rumäniens. Mit der Operation Jassy-Kischinew kehrte die Rote Armee zurück und eroberte Ende August 1944 Gagausien.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik wiedererrichtet. In der MSSR lebten 80 Prozent der Gagausen, 20 Prozent lebten in Bulgarien und in der Ukraine. Gagausien wurde einer rücksichtslosen Stalinisierung unterzogen. Dazu nutzten die sowjetischen Behörden zum einen eine Hungersnot, bei der 30–60 Prozent der Bewohner der gagausischen Siedlungen umkamen. Zum anderen folgten der Hungersnot am 6. und 7. Juli 1949 weitere Deportationen nach Sibirien, in den Gulag.

Seit den 1980er Jahren entwickelte sich ein gagausischer Nationalismus, der in Konflikt mit dem ebenfalls aufkommenden Nationalismus der rumänischsprachigen Moldauer stand.

Zerfall der Sowjetunion und regionale Autonomie Während des Zerfalls der Sowjetunion gewann in der damaligen Moldauischen SSR die Frontul Popular din Moldova die Wahlen. Diese Partei vertrat ultranationalistische PositionenChechnya: Tombstone of Russian Power, Anatol Lieven, Yale University Press, 1999, ISBN 0-300-07881-1, S. 246.Can Liberal Pluralism Be Exported?, Will Kymlicka, Magdalena Opalski, Oxford University Press, 2001, ISBN 0-19-924063-9, S. 208. und hatte sich eine schnelle Abspaltung Moldaus von der Sowjetunion zum Ziel gemacht. Ihre Politik richtete sich insbesondere gegen russischsprachige Bevölkerungsgruppen, die Gagausen und andere Minderheiten. Schon 1989 wurde daraufhin in der Moldauischen Sowjetrepublik Russisch als Amtssprache abgeschafft und Rumänisch zur einzigen offiziellen Sprache. 1990 rief man in Moldau die Souveränität des Landes aus.

In einigen Regionen des Landes wollte man dies jedoch nicht hinnehmen, viele Minderheiten sahen ihre Rechte als bedroht an und wehrten sich gegen die „Rumänisierungspolitik“. Am 19. August 1990 riefen die Gagausen die eigenständige „Gagausische Sozialistische Sowjetrepublik“ aus. Zwei Wochen später, am 2. September 1990, proklamierte man im östlichen Landesteil Transnistrien die vollständige Unabhängigkeit von Moldau. Gegen den Willen der moldauischen Führung führten die Gagausen Parlamentswahlen durch. Vorsitzender des Obersten Sowjets Gagausiens wurde Stepan Topal, der bis 1995 Regierungschef in Gagausien war. Zunächst versuchte Gagausien als Teilrepublik innerhalb der Sowjetunion zu verbleiben, doch nachdem diese 1991 endgültig zusammengebrochen war, bemühte man sich, die staatliche Unabhängigkeit zu erlangen.

Im Gegensatz zum Transnistrien-Konflikt, der 1992 in einen offenen Krieg mündete, kam es in Gagausien nicht zu größeren bewaffneten Auseinandersetzungen. Die moldauische Regierung ging in der Folgezeit deutlich umsichtiger vor, um die Reintegration separatistischer Gebiete zu ermöglichen und um den weiteren Abfall von Gebieten mit starkem Separatismus, etwa Taraclia und Bălți, zu verhindern. Ab 1994 wurde über eine Rückkehr Gagausiens zu Moldau verhandelt. Die moldauische Regierung gab zahlreichen Forderungen der Gagausen nach und stimmte einer Verfassungsreform zu, die Gagausien eine umfangreiche Autonomie garantierte. Die Schaffung dieser autonomen Region Gagausien innerhalb Moldaus wurde vom Parlament in Chișinău bestätigt; die Führung der Gagausen verzichtete nun auf eine vollständige Unabhängigkeit.

Am 23. Dezember 1994 wurde schließlich offiziell die „Autonome territoriale Einheit Gagausien“ (Rumänisch Unitate teritorială autonomă Găgăuzia, kurz UTA Găgăuzia) gegründet, ein autonomes Gebiet innerhalb Moldaus, das mit umfangreichen Sonderrechten ausgestattet ist, über eine eigene Regierung und drei Amtssprachen (Gagausisch, Rumänisch, Russisch) verfügt. Die friedliche Lösung des Konflikts und das Autonomieabkommen wurden auch im Ausland begrüßt, der deutsche Historiker Stefan Troebst etwa nannte es eine „im postsowjetischen Raum ebenso seltene wie reife Lösung aller Konfliktakteure“.